Familie Bernauer 1944/45

In der Familie Bernauer war Frau Nanny jüdisch, ihr Mann nicht; sie hatten zwei Töchter: Erna und Karola. Der Ehemann Erwin war Photograf und hatte ein Wohn- und Geschäftshaus in der Kölnerstrasse 55.

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Haus Bernauer, Kölnerstrasse 55 (1985)

Diese Ehe war nach den Regeln der Nazis eine privilegierte Mischehe, d.h. die jüdische Ehefrau und ihre Kinder waren eine Zeit lang geschützt durch den nicht-jüdischen Ehemann.

Im Spätsommer 1942 waren die meisten Juden aus Deutschland sofern sie nicht geflohen oder untergetaucht waren von den Nazis ermordet worden: Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Sobibor, Chelmno (siehe Ruth LEVY), Riga, Izbica um nur einige Orte zu nennen, an denen sie grausam getötet worden waren.

Im Herbst 1944, als auch den führenden Nazis dämmerte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, griffen sie nach den bislang privilegierten Juden.

Und so fuhr eines Tages im September 1944 auf Befehl der Nazis ein offener Lkw der Kohlenhandlung Popella vor das Haus Kölnerstrasse 55 und lud Frau Bernauer (Jahrgang 1880) auf. Herr Bernauer wollte seine Frau nicht im Stich lassen und stieg mit auf den Lkw. Die beiden und andere Juden wurden nach Köln-Müngersdorf ins sogenannte Fort V gebracht, das 1874 gebaut und seitdem als Festungsgefängnis diente, seit 1941 als Judenlager Müngersdorf. Von hier aus wurden die jüdischen Ehepartner sehr oft ahnungslos in das Ghetto Theresienstadt bei Prag deportiert, die nicht-jüdischen Ehepartner in die Gegend zwischen Elbe und Oder.

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Fort V (Müngersdorf): Teilansicht der Vorderfront (2006)

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Fort V (Müngersdorf): Rückansicht (2006)

Zur überraschung aller erschien eines Tages am Lagertor die junge Käthe Meier aus Donrath; ihre Mutter hatte früher als Haushaltshilfe bei Bernauers gearbeitet. Käthe schwätzte lässig mit den Wachen und erzählte, sie wolle ehemalige Nachbarn abholen. Als sie die Bernauers fand, nahm sie der Frau Bernauer den gelben Judenstern vom Mantel ab und ging mit ihr und Herrn Bernauer wieder stracks auf das Tor zu. (Die Juden in Deutschland mussten ab 1. September 1941 ein solches Stoffabzeichen von 9x9 cm ständig aussen auf der Kleidung tragen.)

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Der Judenstern
(DHM)

Das tollkühne Unternehmen drohte noch zu scheitern, weil die schwerhörige Frau Bernauer nicht alles sofort verstanden hatte und noch auf dem Weg zum Ausgang Erklärungen für diese Aktion forderte. Freundlich grüssend schlenderte Käthe mit dem Ehepaar Bernauer durch das Tor und nichts geschah.

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Erinnerungstafel am Walter-Binder-Weg
in Müngersdorf (2006)

Zunächst wurden die Bernauers in Donrath versteckt, dann aber bei dem Bauern W. in Lohmar. Dorthin kamen dann auch die verheiratete Tochter Erna mit Ehemann und drei Kindern der jüngste ein Säugling und die Tochter Karola. Der Bauer und die Bäuerin stellten ihren Kindern u.a. dem neunjährigen Sohn Ludwig die Neuankömmlinge als Familie Schmitz vor. Die Schmitzens wohnten alle zusammen in dem Zimmer links vom Eingang.

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Der Bauernhof (1958)

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Das Zimmer der Bernauers (2006)

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Der Bauernhof (2006)

Der Sohn Ludwig meint heute, dass sein Vater 1944 die Gefahr, in der alle die Familie des Bauern und die Bernauers schwebten, gar nicht wahrhaben wollte. Auf dem Hof wohnten und arbeiteten auch ausländische Arbeiter, so dass eine Person mehr oder weniger nicht besonders auffiel. Es gab nach seiner Erinnerung auch nur einmal eine gefährliche Situation, als eine Frau aus Troisdorf auf der Suche nach Lebensmitteln (Hamstern) ins Haus trat und der Frau Bernauer gegenüberstand, die nicht schnell genug ins Zimmer geflüchtet war. Die Troisdorferin muss Frau Bernauer erkannt haben immerhin liessen die Troisdorfer bei Bernauers ihre Bilder entwickeln und sich selber ablichten. Aber dieses Ereignis blieb ohne Folgen.

Nach einem halben Jahr im Versteck im Frühjahr 1945 war der Krieg in Lohmar zu Ende. Eines Tages rückten amerikanische Soldaten kampflos in das Dorf auf den Höhen ein, und Karola Bernauer lief den GIs jubelnd entgegen. Als der Lieutenant, der selber Jude war, einen Beweis haben wollte, dass Karola, ihre Mutter und ihre Schwester Jüdinnen sind, stimmte sie das "Shma Israel" ("Höre, Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig") an, das zentrale Glaubensbekenntnis der Juden.

Heute leben die Enkel und Urenkel der Bernauers in Troisdorf und Umgebung.

Die Namen von Ludwig und Elisabeth W. aus Lohmar sind in Jerusalem in der Allee der Gerechten (Garden of the Righteous) verewigt.

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Allee der Gerechten, Jerusalem

Dort, in der Gedenkstätte Yad Vashem, erinnert der jüdische Staat seit 1963 an diejenigen Menschen in aller Welt, die Juden vor dem Holocaust gerettet haben:

Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal,

ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter:

Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.

(Jesaja 56,5)

Neuerdings gibt es einen Aufsatz von Gerd STREICHARDT: "Nicht alle waren Mörder" - Katharina Overath ...
in den Lohmarer Heimatblättern, Heft 22, 2008, S. 60 ff.

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