Das Kriegsende 1945 in Siegburg,
erzählt vom Grossvater

Der 28. Dezember 1944 war wohl einer der dunkelsten Tage in der Geschichte meiner Heimatstadt Siegburg. Dieser Tag hat sich so unauslöschlich in mein Bewusstsein geprägt, dass ich ihn zeitlebens nicht vergessen werde. Ich wohnte damals in der Mühlenstrasse 14, an der Stelle des heutigen Servatiushauses. Die alte Kastanie, die auf dem Bild unseres zerstörten Hofraumes in der Rhein-Sieg-Rundschau vom 28.12.1994 zu sehen war, steht heute noch.
Am Morgen dieses schrecklichen 28. Dezember 1944 fielen die ersten Schneeflocken. Wir Kinder, mein älterer Bruder, ich und die Nachbarskinder, begrüssten sie begeistert mit Freudentänzen in unserem Garten. Die Lust zum Tanzen sollte uns bald vergehen. Nach dem Mittagessen brachen mein Bruder und ich auf, um Brennholz zu organisieren. Wir brachten den ukrainischen Gefangenen, die am Michaelsberg Luftschutzstollen bauten, Brot und Rübenkraut, wofür wir dann die Reststücke des Grubenholzes erhielten. Es war zwar verboten, mit den Ukrainern zu sprechen, aber wir wussten uns trotzdem zu helfen. Wir legten oberhalb des "Thingplatzes" Brot und Rübenkraut nieder und warteten unten an der Böschung mit unserem Sack auf das Holz, das uns die Gefangenen nach unten kullern liessen.

An diesem 28. Dezember gab es das Sirenensignal "Akute Luftgefahr" nicht mehr, das einige Zeit vorher eingeführt worden war, um auf unmittelbar bevorstehende Fliegerangriffe aufmerksam zu machen. Als wir die Mauer in unserem Garten zum Michaelsberg hochkletterten, hörte ich das unheimliche Geräusch eines herannahenden Bombengeschwaders. Ich rief meinem Bruder zu: "Komm zurück, die meinen diesmal uns!". Aber mein Bruder rief: "Es ist ja noch keine Akute Luftgefahr gegeben worden", und ging weiter. Ich flitzte zurück, warf Brot und Rübenkraut auf den Tisch, schnappte meinen Rucksack und rannte in unseren Luftschutzkeller.
Kaum war ich unten, ging es auch schon los. Das stählern-federnde Geräusch und Gefühl der Bombeneinschläge, das den Boden des Kellers erbeben liess, spüre ich heute noch. Die Kellertreppe herab polterten schwere Steinbrocken aus unserer Hofwand. Ich riss im letzten Moment noch das Söhnchen eines bei uns im Hause wohnenden holländischen Ehepaares weg, der mutterseelenallein am unteren Treppenrand stand und sonst von dem ersten Brocken zermalmt worden wäre.

Als es nach dem ersten Bombenteppich ruhig wurde, traute sich noch niemand aus dem Keller. Erst als es nach dem zweiten Angriff totenstill wurde, wagten sich einige hinaus. Wie lange Zeit zwischen dem ersten und zweiten Bombenteppich lag und ob wir auf die "Entwarnung" gewartet haben, weiss ich nicht mehr. Doch wie sah unsere Seite der Mühlenstrasse aus! Ausser der Pastorat, der Kaplanei und unserem Haus waren alle anderen Häuser der oberen Mühlenstrasse ein Opfer der Sprengbomben geworden. Zerstört waren von oben - Ecke Bergstrasse - bis zu uns: das Geschäft Gehrmann, das Rathaus, Drogerie Tepel, Zahnarzt Jordan und Haus Jonas direkt neben uns. In diesem letzteren Haus wurden zwei Personen getötet, und die Musiklehrerin Jonas wurde eingeklemmt, so dass ihr ein Bein amputiert werden musste. Meine Mutter stand während und nach den Angriffen am Kellerfenster und brüllte sich heiser nach meinem Bruder. Der kam nachher daher, den leeren Sack unterm Arm und fragte betont lässig: "Was ist denn hier los?" Dabei hatte er riesiges Glück gehabt. Als das erste Geschwader seine Bombenlast entlud, hatte er sich unter einen Baum geworfen. Vor dem zweiten Bombenhagel war er in den Bunker geflüchtet. Als er auf dem Nachhauseweg an der Stelle vorbeikam, wo er unter dem Baum gelegen hatte, war dort ein grosser Bombentrichter!
Das Haus Bloch, auf der anderen Seite neben uns, brannte. Dadurch war unser Haus, das Haus König - als eines der ältesten Häuser Siegburgs bekannt -, gefährdet. An dieser Stelle muss ich noch einfügen, dass in unserer Wohnung fast nichts zerstört wurde, obwohl das Nebenhaus total zertrümmert war. An unserem Weihnachtsbaum, der hinter der Türe stand, war nicht eine Kugel versehrt. Das alles sollte sich aber schleunigst ändern.
Plötzlich sprang eine Gruppe Ukrainer durch die Türen und die glaslosen Fenster, schnappten sich unsere Schränke und schleppten sie auf Anweisung samt Inhalt in den Garten. Die Gläser und das Porzellan schepperten gewaltig. Wie es nachher da drinnen aussah, kann man sich denken! Unseren geheimen Vorrat an Rübenkraut fanden wir, innig vermengt mit Krawatten und sonstigen Kleidungsstücken, wieder. Diese als Vorsichtsmassnahme gedachte Aktion rettete unser Mobiliar zwar nicht vor Brandschäden, die Verwüstung fand vielmehr in Eigenleistung statt.
Die Brandgefahr war allerdings wirklich vorhanden, und unser Haus wäre sehr wahrscheinlich ein Raub der Flammen geworden, wenn - ja wenn nicht ein beherzter Hitlerjunge in Uniform gewesen wäre. Der sass urplötzlich auf dem First-Dachbalken und schlug jedes Mal, wenn die Balken Feuer fingen, die brennenden Stücke mit einem Beil oder einer Axt herunter. Leider ist mir der Name dieses mutigen Jungen entfallen. Vielleicht meldet er sich einmal bei mir, wenn er diese Zeilen lesen sollte.

So sassen wir die ganze Nacht über im immer dichter fallenden Schnee und sahen zu, wie das Nachbarhaus langsam ausbrannte. Infolge fehlenden Wassers war das Löschen unmöglich. Zuvor, am Nachmittag hatte es noch einen riesigen Schrecken gegeben. Ich entdeckte in unserem Garten, etwa 15 Meter vom Haus entfernt, ein kreisrundes tiefes Loch. Der herbeigerufene Luftschutzwart oder Feuerwehrmann erkannte auf Blindgänger und ordnete sofortige Evakuierung an. Ein später hinzugezogener Experte stellte dagegen fest, dass die Bombe in Treibsand geraten sein musste, da sie nicht mehr geortet werden konnte. So wurde die Evakuierung wieder zurückgezogen und wir konnten bleiben. Soweit meine Erinnerungen an diesen langen Tag.
Während und nach dem Luftangriff ereignete sich in unserer Nachbarschaft, im Hause Zeughausstrasse 7, folgende Tragikomödie: Bei der Familie meines besten Freundes arbeitete zuweilen ein Schneider, der ziemlich klein und etwas verwachsen war. Er lehnte es ab, bei Fliegeralarm in den Luftschutzkeller zu gehen. Doch an diesem 28.12. schien es ihm etwas mulmig zu werden. Er machte sich auf den Weg und als er sich gerade in der Diele befand, fiel der erste Bombenteppich. Durch den Luftdruck stürzte die dort stehende Zinkbadewanne um und begrub ihn unter sich. Zu seinem Glück, denn so wurde er nicht von den auf die Wanne prasselnden Glassplitter der Korridortüre verletzt. Nachdem er unter der Wanne hervorgekrochen und die drei Treppen hinunter gehumpelt war und er gerade auf dem Podest vor der Kellertreppe stand, fiel der zweite Bombenteppich. Jetzt wurde durch den Luftdruck die hinter dem Podest befindliche Tür herausgerissen. Sie schlug dem armen Schneider in die Kniekehlen, und so ritt der Bedauernswerte auf der Türe die Kellertreppe hinunter.
Nach dem Angriff suchte der Hauseigentümer seine Frau, die nicht mehr auffindbar war. Er eilte durch den Keller und rief immer wieder verzweifelt: "Mariesche, Mariesche!." Bis sich nach einiger Zeit sein Mariechen meldete. Sie war vor Schreck in die Kartoffelkiste gesprungen.


Photo: Das brennende Siegburg, März/April 1945, aufgenommen von unbekannt.

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