Der Historiker [...] nimmt Stellung zum Preisausschreiben der SPD

Es ist Ihnen zu danken, dass Sie die Frage des Namens des neuen Gemeinwesens, das an der unteren Sieg gebildet werden soll, für bedeutsam halten und sie so einsichtsvoll kommentieren. Als Nichtansässiger kann ich an dem Preisausschreiben nicht teilnehmen, möchte Ihnen aber meine Gedanken dazu mitteilen.

Der Name Sieglar, eigentlich "Lar" (lateinisch Lara, plattdeutsch heute noch "Lohr") ist in der Völkerwanderungszeit, also um 400, wenn nicht schon früher entstanden. Er bedeutet so viel wie "eingehegtes Weideland, Hürde, Pferch" und man denkt unwillkürlich an die sprichwörtlichen "Sieglarer Ochsen". Als Kuriosum am Rande: Die erste bedeutsame Geschichtsquelle über die wirtschaftlichen Verhältnisse Sieglars etwa aus dem Jahre 1400 befasst sich vorwiegend mit der Ochsenzucht daselbst! Das Bestimmungswort "Sieg" ist erst im 17. Jahrhundert dazugekommen, aber ebenfalls treffend gewählt.

Das Wort Sieglar "lässt sich", wie Sie dankenswerter Weise schreiben, "gut aussprechen und hat einen schönen Klang". Historisch gesehen ist es der einzige Ortsname, der der neuen Stadt gemäss wäre. Sieglar ist bei weitem der älteste Ort im unteren Siegkreis und seit je Mittelpunkt eines grossen Kirchspiels gewesen, zu dem ausser Bergheim, Müllekoven und Altenrath alle Orte, die in der neuen Stadt aufgehen sollen, einmal gehört haben. So auch Troisdorf, das nach dem Urteil eines kompetenten Kölner Historikers "aus dem Sieglarer Gebiet wie aus einem Kuchen herausgeschnitten zu sein scheint". Sieglar ist - urkundlich als Gemeinde belegt - mindestens 1150 Jahre alt. Auf der Sieglarer Bauernbank am Dreesch wurde im Mittelalter auch für Troisdorf Recht gesprochen, und die alten Gedinge auf dem Sieglarer Kirchhof beschlossen Weistümer für den Altenforst, d. h. für die ganze Wahner Heide bis zur Agger.

Das einst kleine und ärmliche Strassendorf Troisdorf hat seit 1880 nur durch die dort ansässig werdende Industrie einen schnellen Aufschwung genommen und besteht als Gemeinde ganze 68 Jahre. Seiner Anlage nach ist der Ort ungeeignet als Mittelpunkt des neuen, auf fast grossstädtische Verhältnisse geplanten Gemeinwesens, falls man nicht vorhat, Sieglar und den Rest der Gemeinde zu einem von oben herab behandelten, als bäuerlich und bäurisch angesehenen Vorort zu machen. Wo sollen in Troisdorf die grossstädtischen Einrichtungen denn Platz finden, abgesehen davon, dass man lange Anfahrten schafft für Rathausbesucher, Berufs-, Handels- und höhere Schüler, für Theaterbesucher und einkaufende Hausfrauen, kurzum für alle, die sich städtischer Einrichtungen bedienen wollen oder müssen.

Oder will man im Ernst nach einer Zusammenlegung mit Troisdorf auf Sieglarer Gebiet diesseits der neuen Strasse nach Wahn nur noch Müllverbrennungsanlage, Kläranlage, Gaswerk oder städtischen Bauhof errichten ? Mit dem Argument, dass die Kölner Strasse in Troisdorf städtischer Mittelpunkt sei, liessen sich auch weiterführende Schulen, B[...], Theater, Stadthalle, Ausstellungen, Freilichtaufführungen, Platzkonzerte, öffentliche Empfänge, Dekanatstreffen, Jubiläumsveranstaltungen usw. trefflich nach Troisdorf holen, denn für Troisdorf beginnt nach wie vor spätestens an der Ortsgrenze von Sieglar der "Balkan". Aber wo hat denn Troisdorf sein Zentrum, wenn man den verkehrsreichen Schlauch der Hauptstrasse nicht als solches ansehen will? An der Hippolytuskirche? Oder der evangelischen Kirche? Am Bahnhof? Oder gar am peripher gelegenen Rathaus?

Troisdorf hat keinen Stadtkern und kann ihn auch nicht haben, weil es als selbständiges Gebilde noch keine hundert Jahre alt ist, sondern stets ein unbedeutendes Anhängsel von Siegburg war. Seine Entwicklung zur Kleinstadt verdankt Troisdorf der Gunst der Umstände, nicht der Tatkraft seiner Einwohner oder Politiker. Der Bahnhof kam nach Troisdorf, weil das Dorf an der Strecke Köln-Siegburg-Giessen lag. Die Abzweigung der jüngeren Rheinstrecke nach Beuel und Frankfurt wurde hier angelegt, weil man die kilometerlange überbrückung der Siegniederung bei Bergheim vermeiden wollte. Die Dynamit Nobel siedelte sich hier an, weil es keine grossen Bauern und nur schlechte Sandböden in Troisdorf gab, die man gern und billig an die Industrie verkaufte. Die Mannstaedt-Werke schliesslich gehen in ihren Anfängen auf die Wasserkraft des Sieglarer Mühlengrabens zurück, die man zum Betrieb eines Hochofengebläses nutzen wollte.

Was wäre Troisdorf ohne diese Einrichtungen?

Zur Erläuterung noch folgendes: Der vielgenannte Troisdorfer Bahnhof liegt mit seinen ausgedehnten Gleisanlagen zu mindestens 70 % auf Oberlarer und Spicher Gebiet. Die Dynamit Nobel konnte sich nur in Richtung Sieglar ausdehnen und liegt heute zu sechs Siebteln auf Sieglarer Gelände. Die Mannstaedt-Werke dürften zum grössten Teil auf Mendener Gebiet liegen.

Sieglar hingegen bringt in die neue Zwangsehe seine Mittelpunktslage, ein hochmodernes Rathaus in einem gewachsenen Ortskern, der bei entsprechenden Bebauungsplänen sehr wohl gediegenes städtisches Format annehmen könnte. Sieglar bringt ferner zwei Drittel der Gesamtfläche mit, die weitgehend noch bebaut werden kann, und in der Gemeinde wohnen jetzt schon 5 000 Einwohner mehr als in Troisdorf, der "Hütte" und Altenrath zusammen. Diese 25 549 Menschen sind an Sieglar als kommunalen Mittelpunkt gewohnt. Mit dem Bau des Rathauses, des Hallenbades und des grosszügigen Schulzentrums hat Sieglar einen überzeugenden Anfang als Zentrum eines Gemeinwesens von städtischem Zuschnitt gemacht. Aufgrund der Gegebenheiten, vor allem der noch zur Verfügung stehenden Flächen, wird der Ausbau einer Stadt mittlerer Grösse nur um Sieglar als Mittelpunkt herum möglich sein.

Warum sollte diese neue Stadt nicht den alten, klangschönen und geschichtsträchtigen Namen "Sieglar" beibehalten? Doppelnamen wie etwa Sieglar-Troisdorf sind unschön und unpraktisch. Kombinationen von Bestandteilen beider Ortsnamen (Siegdorf-Troislar) enthüllen auf peinliche Art den nicht eben klangvollen Namen Troisdorf (für dessen Erklärung es überdies eine nicht gerade appetitliche Sieglarer Version gibt). Eventuelle Bedenken seitens der Industrie wären kurzsichtig. Mit dem Ortsnamen Sieglar liessen sich im übrigen ungeahnte Werbeeffekte erzielen.

Ausser Konkurrenz möchte ich daher Ihre Preisfrage »Wie heisst unsere neue Stadt« beantworten mit dem Vorschlag: SIEGLAR.

aus: Mitteilungsblatt des Ortsvereins Sieglar der SPD, Nov. 1968, S. 2.


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