1934 Jan 09 Bürgermeister Hörsch an den Landrat wg. Pfarrer Böhm i

Abschrift

Der k. Bürgermeister.

VI .J.No. 4404

Sieglar, den 9.1.34

Betrifft: Massnahmen gegen Geistliche

Verfg. Vom 14.12. und 21.12.33 L geh. 246 .

An den

Herrn Landrat

in Siegburg.

Die Gemeinde Sieglar ist kirchenverwaltungsmässig in 4 Pfarreien eingeteilt und zwar in Pfarrei Bergheim, Oberlar, Sieglar und Spich. Während die Pfarrer der beiden erstgenannten Pfarrgemeinden in der Kampfzeit der nationalsozialistischen Bewegung nicht gar so krass gegen uns Nationalsozialisten vorgingen, hatte ich mit den Pfarrern der beiden andern Pfarrgemeinden, Böhm/Sieglar und Werr/Spich, als 0rtsgruppenleiter den schwersten Kampf auszuführen, der bekanntlich in einen Zeitungskrieg (öffentlichen Briefwechsel) ausarten musste. Pfarrer Böhm/Sieglar hat mir länger als ein Jahr die Sakramente der kath. Kirche verweigert mit der Begründung, dass ich ihrer infolge meiner Tätigkeit als Führer in der NSDAP nicht würdig sei. Er ging in seiner Gehässigkeit gegen den Nationalsozialismus, denn anders kann ich das nicht bezeichnen, noch weiter und untersagte meiner 18jährigen Schwester Maria jeden Zutritt zum Jugendheim, welches natürlich auch zur Folge hatte, dass dieselbe praktisch aus den kirchlichen Vereinen ausgeschlossen war.

Diese Massnahme stützte der Pfarrer darauf, dass sie in der damaligen Zeit den Westdeutschen Beobachter ausgetragen hat. Wenn man berücksichtigt, dass eine derartige Massnahme in der näheren Umgebung nicht zum zweiten Mal zu verzeichnen war, so ist die Einstellung dieses Pfarrers gegenüber dem Nationalsozialismus genügend charakterisiert. Diese beiden Pfarrer waren wohl in der Kampfzeit mit die schlimmsten Gegner des Nationalsozialismus. Nach der Machtübernahme hat dann der Pfarrer Werr von Spich sich äusserlich umgestellt, d.h. er hält sich heute im Rahmen des auf Grund des Reichskonkordat Zugelassenen.

Anders benimmt sich der Pfarrer Böhm in Sieglar. Er ist nach wie vor derselbe geblieben. Auf Grund seiner Einstellung kann er auch heute noch als fanatischer Gegner des Nationalsozialismus und daher auch des heutigen Staates abgesehen werden. Er macht aus seiner gegnerischen Einstellung auch keinerlei Hehl und bei sich bietenden Gelegenheiten äussert er sich ganz offen entsprechend. Unmittelbar nach der Machtübernahme äusserte er sich bei dem Volksschullehrer Nischann, Sieglar: Er wünsche nun, dass die Wellen des Separatismus wieder grosse Bogen schlagen würden. Dieserhalb nehme ich auf die beigefügte Vernehmungsniederschrift Bezug. Ich habe bereits in der Kampfzeit ihn als Separatisten bezeichnet, weil ich gelegentlich einer Unterredung mit ihm seine politische Richtung zur Genüge kennen gelernt und er mir erklärt hatte, er habe auch der Los von Preussen-Bewegung angehört. Seine äusserungen dem Lehrer Nischann gegenüber sind ein weiterer Beweis hierfür. Dann hat dieser Pfarrer in der Folge seine Einstellung nicht geändert. Alles was mit Deutschtum zusammenhängt, ist für ihn nichts. Hier dient als Beweis die ebenfalls beigefügte Aussage des Volksschullehrers Lotz, die besagte, dass er dem Lehrerkollegium in Sieglar die ruhmreiche deutsche Flagge schwarz-weiss-rot verächtlich zu machen versuchte, denn anders kann seine Erklärung nicht gedeutet werden.

Seine Auffassung über den Nationalsozialismus ist ebenfalls in dieser Vernehmungsniederschrift klar gelegt. In seiner deutschfeindlichen Einstellung ging er dann noch soweit und behauptete mehreren Lehrern gegenüber wider besseres Wissen, dass Deutschland nicht ab-, sondern aufgerüstet habe. Ich nehme dabei wiederum mit Lehrer Lotz Bezug. Auch die Auslassung des Pfarrers in der Form , wie er sie gedacht hat, sollte doch nur den Zweck haben, die Lehrpersonen gegen den Staat einzustellen. Es klingt geradezu unsinnig, dass ausgerechnet gewisse Kreise an den kath. Landpfarrer Material liefern sollen. Ich weiss ganz genau, dass er sich gerne mit der ausländischen Presse, insbesondere mit der polnischen Presse befasst. Möglicher Weise hat er sein Wissen aus einer derartigen deutschfeindlichen Zeitung geschöpft und führt bewusst dieses Material als Beweis an. Die Hitler-Jugend ist diesem Pfarrer ein Dorn im Auge. Es passt ihm einmal nicht, dass die Jugend ihm nicht ganz gehört, damit er diese in seinem Sinne beeinflussen kann. Beweis hierfür ist, dass er gelegentlich eines Religionsunterrichtes, den er im Mai v. Js. nach dem Kreistreffen der NSDAP in Siegburg in der Schule erteilte, den Kindern erklärte, dass er ihnen die Hitler-Jugend schon austreiben würde und die Kinder hätten eine Todsünde begangen. Beweis: Verhandlungsniederschrift mit Lehrer Lotz und Lehrer Nischann.

Seine spezielle Tätigkeit beruht auch jetzt noch in der Erfassung der Jugendlichen in seine Vereine. Er beginnt eine regelrechte Werbetätigkeit für seine kirchlichen Vereine. Wenn gegen diese Werbetätigkeit als solche auf Grund das Reichskonkordats nichts unternommen werden kann, so ist doch die Art seiner Werbung aufreizend. Wenn hier unter Methoden gearbeitet wird, wie z.B., dass er die jungen Mädchen, die dem Jungfrauenverein nicht beigetreten sind, namentlich im Jugendheim verliest, dann ist das immerhin unangebracht, denn er tut es doch nur deswegen, um damit zu sagen, diese betreffenden Mädchen sind noch nicht im Jugendverein und genügen auch daher nicht ihrer religiösen Pflicht.

Eine weitere derartige Methode ist eine Veröffentlichung in dem kath. Kirchenblatt der Pfarrgemeinde Sieglar No. 51, vom 17.12.33, die abschriftlich beiliegt, in dem er doch nur sagen will, dass nur die katholischen Vereine die allein selig machenden Vereine sind, dagegen der B.D.M. und die NS-Frauenschaft nicht gottgewollt sind. Der Pfarrer Böhm weiss ganz genau, dass er mit derartigen Methoden gewisse Gesinnungskonflikte heraufbeschwört, die er dann zu seinen Gunsten auszunutzen wissen wird. So versucht er nicht nur in Versammlungen vor Jugendlichen und durch sein Kirchenblatt, sondern auch durch sein Sprechen bei besonderen Veranstaltungen einen Keil in die nunmehr vorhandene Volksgemeinschaft zu treiben. So nahm ich im verflossenen Jahre an einer Jubiläumsfeier innerhalb der Pfarrgemeinde Sieglar teil. Es handelte sich hier um das Silber-Jubiläum des Kapellenbaues in Kriegsdorf. An dieser Feier nahm neben andern Geistlichen auch der Pfarrer Böhm teil. In einer Ansprache kam er dann auch auf das Konkordat zu sprechen und sagte unter anderem etwa wörtlich: Wer will behaupten, dass dadurch die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche gewährleistet ist. Noch bevor ich zu Wort kam, verliess er die Feier und ich habe dann trotzdem Gelegenheit genommen, auf diese Worte des Pfarrers Böhm näher einzugehen und die Teilnehmer der Feier entsprechend aufzuklären.

Es mögen diese Einzelheiten so gesehen gar nicht für so wichtig betrachtet werden, wenn das aber fortdauernd seitens eines Geistlichen geschieht, so bringt diese Hetze gewiss einen Riss in die Volksgemeinschaft. Man muss hier berücksichtigen, dass die Einwohnerschaft der Gemeinde Sieglar überwiegend katholisch ist und früher überwiegend dem Zentrum angehörte, bezw. nahe stand. Diese Bevölkerung sieht in dem Geistlichen auch die Religion selbst und darin liegt die Gefahr, dass bei derartig dauernder Bearbeitung der Bevölkerung durch die Geistlichkeit in der oben erwähnten Form, diese das vom Pfarrer gesagte als richtig ansieht, obschon sie gefühlsmässig heute bestimmt noch mit gutem Herzen der Volksgemeinschaft angehört, denn es ist heute noch so, dass der bereits erwähnte Pfarrer genügend ist und der grösste Teil der Bevölkerung seine Handlungsweise nicht begreifen kann.

Wenn jedoch keine Massnahmen hier ergriffen werden, die bestimmt innerhalb der Pfarrei erwartet werden, dann wird man der Bevölkerung ein Stutzigwerden nicht verdenken können. Wie er auf den bereits erwähnten Gebieten den vom Volk gewählten Zusammenschluss und die Einigkeit zersetzen möchte, so bekämpft er auch offen die nationalsozialistische Bewegung. Der Westdeutsche Beobachter hat vor Monaten eine Werbung durch besondere Werber vornehmen lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden Nichtabonnenten Freiemplare vorher zur Einsicht ins Haus gegeben. Auch bei Pfarrer Böhm ist das geschehen. Er hat die Annahme des Freiemplars später abgelehnt. Dem darauf bei ihm vorsprechenden Werber erklärte er dann, dass er die Zeitung nicht bestelle, er habe sich davon überzeugt, welche Kost damit dem Volke verabreicht würde. über die wörtliche äusserung bleibt der Werber, der hier namentlich nicht bekannt ist, zu hören. Darüber hinaus nahm er Veranlassung, gelegentlich der Vorlesung eines Rundschreibens hinsichtlich der konfessionellen Presse der Bischöfe von der Kanzel herunter den Westdeutschen Beobachter, also die nationalsozialistische Presse, als ein verschwommenes Blatt zu verzeichnen und die Gläubigen aufzufordern, denselben abzubestellen und dafür eine katholische Zeitung zu halten. Ich nehme hierbei auf die Verhandlungsniederschrift Lotz und Frau Mörsch Bezug.

Es könnten noch eine Reihe kleinerer Vorfälle über die Nichtbeachtung aber auch aller Massnahmen der nationalsozialistischen Bewegung und der N.S. Volkswohlfahrt durch den Pfarrer Böhm angeführt werden, welches aber zu weit führen würde. Ich nehme dieserhalb auf meine bisher erstatteten Stimmungsberichte und den Bericht vom 11.12.1933, VI. J. No. 4167, Bezug. Hier seien lediglich nochmals folgende Fälle angeführt: Der Pfarrer Böhm hat die Leitung des katholischen Muttervereins in der hiesigen Pfarrei. Dieser Verein soll nach den bestehenden Vorschriften in das Winterhilfswerk der N.S. Volkswohlfahrt eingeschaltet werden. Bei Beginn des Winterhilfswerks hat dieserhalb eine Besprechung hier stattgefunden, an der auch neben den übrigen Pfarrern der hiesigen Gemeinde der Pfarrer Böhm teilnahm. Man war darüber einig, gemeinsam die Sammlungen durchzuführen und die Verteilung vom Verteilungsausschuss der N.S. Volkswohlfahrt vorzunehmen. Auch wurde festgelegt, dass die einzelnen am Winterhilfswerk beteiligten Organisationen keine eigenen Vorteilungen vorzunehmen haben. Trotzdem störte Pfarrer Böhm sich an diese Abmachung nicht. Sein Mütterverein sammelt und verteilt für sich. Er lehnt es auch ab, die vom Mütterverein Betreuten der Leitung oder dem Verteilungsauschuss des Winterhilfswerks in der N.S.Volkswohlfahrt anzugeben. Infolge dieser Sabotage des Pfarrers Böhm wurde der kath. Mütterverein Sieglar aus dieser Winterhilfsorganisation ausgeschlossen. Die Annahme der Wahlplakate gelegentlich der Wahl und Volksabstimmung, am 12.11.33 lehnte der Pfarrer Böhm öffentlich ab, obwohl er genau wusste, dass der Ertrag dem Winterhilfswerk der N.S. Volkswohlfahrt zufloss. Die Beteiligung an der Nagelung eines Schildes, die die Hitlerjugend ebenfalls zum Besten des Winterhilfswerks der N.S. Volkswohlfahrt hier vornahm und an der sich die übrige Geistlichkeit der Gemeinde beteiligte, lehnte der Pfarrer Böhm grob ab.

Ich habe in obigem Berichte versucht, die antinationale Tätigkeit des Sieglarer Pfarrers darzulegen. Dieser Pfarrer ist einfach für Sieglar unhaltbar, weshalb ich bitte, für eine sofortige Versetzung desselben besorgt sein zu wollen. Wenn nicht gegen ihn eingeschritten wird, wird er seine Stellung auch weiter in dieser staatsfeindlichen Tätigkeit missbrauchen. Von ihm nahe stehenden Personen, also Leute seines Schlages, wird er als Märtyrer seines Glaubens bezeichnet, obschon ihm kein Mensch bisher etwas getan hat. Er sieht sich selbst anscheinend im Geiste als Märtyrer für den kath. Glauben, denn sonst könnten Personen seiner Umgebung nicht diese Ausdrücke gebrauchen. Bemerkt sei noch, dass die Mutter des Pfarrers Böhm eine blutsmässige Polin ist und dass er sehr wahrscheinlich den gleichen blutsmässigen Einschlag hat. Er pflegt auch am liebsten Verkehr mit polnischen Staatsangehörigen. Auch wird er vom Erzbischöflichen Vikariat zur Abhaltung polnischer Gottesdienste herangezogen.

Die Erregung innerhalb der hiesigen Bevölkerung ob des Verhaltens des Pfarrers Böhm ist bereits derart, dass sie zu einem öffentlichen Skandal auszuarten droht, wenn nicht bald durchgreifend Massnahmen gegen diesen Pfarrer getroffen werden. [gez.] [Unterschrift]


iFundstelle: Kopie im StaT, Bestand 12.8.1.