1934 Feb 03 Der Regierungspräsident an das Erzbischöfliche Generalvikariat, Entwurf i

Der Regierungspräsident

I Jp. 4 10 (1002/33)

Köln, den 3. Februar 1934

1. An das Erzbischöfliche Generalvikariat in Köln

Dem Erzbischöflichen Generalvikariat beehre ich mich, von folgenden Vorfällen Kenntnis zu geben:

Herr Pfarrer B ö h m in S i e g l a r hat seit der nationalen Erhebung mehrfach äusserungen getan, die z.T. nicht nur hart an strafrechtliche Tatbestände grenzen, sondern auch in ihrer politischen Auswirkung lebhaften Unwillen in der Bevölkerung hervorgerufen haben. Er hat nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Bewegung erklärt, er habe weder früher eine schwarz-weiss-rote Fahne gehabt noch werde er für die Zukunft eine solche beschaffen. Der Nationalsozialismus sei eine Gefahr für die Kirche, und er werde in keiner Weise dem Nationalsozialismus einen Finger reichen. Weiter hat er in einem Gespräch geäussert, dass Deutschland nicht ab-, sondern stark aufgerüstet habe, sowohl in Bezug auf Kampfgase als auch in Bezug auf Artilleriematerial. Er sei jederzeit bereit, dies zu beweisen.

In einem anderen Falle hat er in der Schule den Schulkindern gesagt, die Hitlerjugend sei keine Jugend, sie (die Schüler) sollten aus der Hitlerjugend herausgehen. Er werde ihnen die Hitlerjugend schon austreiben. Einem Lehrer gegenüber hat er kurz nach der Ernennung des Reichskanzlers Hitler erklärt, nun müssten die Wellen des Separatismus wieder grosse Bogen schlagen, das wünsche er jetzt. Am 10. 12. hat er von der Kanzel im Anschluss an die Verlesung eines Hirtenbriefes über die konfessionelle Presse erklärt: Das vorhin erwähnte Blatt ist ein verschwommenes Blatt, und ich fordere alle, die noch einigermassen katholisch sind, auf, den Westdeutschen Beobachter abzubestellen und dafür eine katholische Zeitung zu halten. Die besprochenen Abmachungen über die Durchführung des Winterhilfswerks sind von Herrn Pfarrer Böhm nicht gehalten worden. Der von ihm geleitete Mütterverein veranstaltet entgegen den Abmachungen weiterhin selbständige Sammlungen und verteilt die Spenden ohne Fühlungnahme mit dem Verteilungsausschuss des Winterhilfswerks.

[Auch wenn die äusserungen] ii schon mehrere Monate zurückliegen, so sind sie doch ihrem Inhalt nach derart schwerwiegend, dass die Bevölkerung sie bis heute nicht vergessen hat. Die mir zugegangenen Meldungen über die Einstellung des grössten Teiles der Bevölkerung gegenüber dem Herrn Pfarrer Böhm sind so schwerwiegend, dass ich mich der ernsten Sorge nicht verschliessen kann, ob es noch lange möglich sein wird, den Unwillen der Bevölkerung gegenüber Herrn Pfarrer Böhm zurückzuhalten. Im Interesse der Befriedung der Bevölkerung darf ich daher die dringende Bitte aussprechen, auch von kirchlicher Seite an eine Nachprüfung des Verhaltens von Herrn Pfarrer Böhm einzutreten und meine Bemühungen um Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe durch eine notwendig erscheinende personelle Veränderung zu unterstützen.

Ich habe vorläufig die Prüfung der Frage, ob ein strafrechtliches Vorgehen gegen Herrn Pfarrer Böhm erforderlich ist, bis zum Eingang der dortigen Stellungnahme ausgesetzt. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich von der Entscheidung des Generalvikariat möglichst bald unterrichtet werden könnte.

2. Wv. 10.3.

[mehrere Handzeichen]


iFundstelle: Kopie im StaT; die handschriftlichen änderungen/Zusätze sind in den Text übernommen worden.

iiText verderbt, nicht eindeutig lesbar.