1935 Juli 08 Kirchenvorstand Sieglar an Erzbischof wg. Böhm i

Der Kirchenvorstand der

Kath. Pfarrgemeinde Sieglar

Sieglar, den 8. Juli 1935

[an den Erzbischof]

Eminenz!

Am verflossenen Freitag, dem 5. Juli, wurde unserm hochw. Herrn Pastor Boehm auf dem Landratsamt in Siegburg ein Schreiben der Staatspolizei aus Köln vorgelegt, demzufolge er vom 6. Juli mittags 12 Uhr ab aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen sei, da "seine Arbeiten gegen die Interessen des Nationalsozialismus seien."

Diese Massnahme wird wohl zurückzuführen sein auf die Reibungen zwischen der staatl. und kirchlichen Verwaltung in Sieglar. Seit dem Jahre 1933 versucht der hiesige k. Bürgermeister Hörsch mit allen Mitteln, den Herrn Pastor aus Sieglar zu entfernen. Zuerst versuchte er es mit einem Besuch beim Hochwürdigsten Erzbischöflichen Generalvikariat, wo er die durchaus unwahre Behauptung aufstellte, der grösste Teil der Sieglarer Katholiken stände nicht hinter dem Pastor. Als dies nichts fruchtete, trat der Bürgermeister mit zwei Parteigenossen als Ankläger wider den Pastor auf. Die Anklagen stützten sich in der Hauptsache auf Aussagen aus den Jahren 1931 und 32, die der Herr Pastor gemacht haben sollte. Während man auf diesem Wege auch nichts erreichte, versuchte man in öffentlichen Versammlungen durch Schmähungen aller Art die Autorität des Herrn Pastors beim Volke zu untergraben. Das Gegenteil wurde erreicht. Am 23. Mai wurde ihm dann die Erteilung von Religionsunterricht in Schulen durch ein Schreiben des Regierungspräsidenten verboten. Kurz und eindeutig rechtfertigte sich damals der H. Pastor in der Kirchenzeitung vom 2. Juni wie folgt: "Ich habe in meinem Religionsunterricht auch nicht mit einer Silbe mich gegen den heutigen Staat verfehlt; ich habe z. B. auch nicht auch nur mit einem einzigen Worte gegen die "Staatsjugend" oder für die "Kirchenjugend" geworben." Nun kam als letztes am 5. Juli die Ausweisung aus dem Regierungsbezirk Köln mit der oben angegebenen allgemeinen Begründung. Mögen Ew. Eminenz uns gestatten, noch einige Tatsachen aus dem Pfarrleben anzuführen, die von dem grossen Vertrauen, das zwischen Pastor und Gemeinde herrscht, Zeugnis geben.

Wir dürfen wohl sagen, dass im Dekanat Siegburg in keiner Pfarre das kath. Jugendleben so blüht wie in Sieglar. Es mag genügen, nur die Zahlen der Mitglieder hier anzuführen: Jungmännerverein (52), Gesellenverein (75), Marienverein (261), Jungschar (58), Frohschar (70). Dies ist in erster Linie dem H. Pastor zu verdanken. Dass er bei seiner Jugendseelsorge nicht eng eingestellt war, beweist schon die eine Tatsache, dass an dem von ihm geleiteten Ferienlager unserer Frohschar in der Pfingstwoche ds. Jhrs. auch Mädchen aus der Jungmädelschaft des B.D.M. teilnahmen. Der Erfolg der Jugendarbeit ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass der H. Pastor uns in früheren Jahren ein Jugendheim unter schwersten Opfern geschaffen hat.

Aus dem übrigen Vereinsleben unserer Pfarre kann auch nur Gutes berichtet werden. Nur einige Zahlen seien angegeben: Im Arbeiterverein werden wöchentlich 220 Emplare der "Ketteler Wacht" vertrieben. Der Frauen- und Mütterverein zählt über 400 Mitglieder. Ueber die grosse caritative Arbeit des Müttervereins können wir leider keine genauen Angaben machen. Das Begräbnis-Liebeswerk zählt in unserer Gemeinde 1.642 Mitglieder und zahlt jährlich im Durchschnitt für 25-30 Sterbefälle Rmk: 3.500 bis 4.000 aus. Der Caritasausschuss unserer Pfarre ist in der Lage, Rmk: 500 - 600 in einem Jahre an die Armen zu verteilen.

Wöchentlich werden in der hiesigen Gemeinde 180 Expl. "Michael", 45 Expl. "Der Katholik", über 200 Expl. unserer Kirchenzeitung verkauft. - Diese hohen Ergebnisse waren und sind nur deshalb möglich, weil H. Pastor Boehm sich mit voller Kraft für alle diese Dinge stets einsetzte.

Im Jahre 1930 gründete der H. Pastor unter schweren persönlichen Opfern eine Baugenossenschaft und ermöglichte so kinderreichen, mittellosen Familien den Bau eines Eigenheims. Die genannte Genossenschaft holt heute allein im Dorfe Sieglar monatlich ca. Rmk: 1.200 Spargelder herein. Ein Beweis für das Vertrauen der Gemeinde zu ihrem Pastor. Ausserdem zeigt sich die innige Verbundenheit von Gemeinde und Pastor auch dadurch, dass sich in den beiden letzten Jahren bei den Sonntags-Kollekten für die innere Erneuerung der Kirche überraschend hohe Summer ergaben. Der Ertrag solcher Kollekten bewegt sich in der Höhe von Rmk: 130 bis 170. Nicht zuletzt ist die grosse und anhaltende Opferfreudigkeit ein Erfolg der klaren Zielsetzung in der Erneuerung der Kirche.

Was das gesamte religiöse Leben der Pfarre anbelangt, besteht im Volke die Meinung, dass Sieglar seit Gedenken nie eine so rege Teilnahme am Gottesdienst, an Wallfahrten, Prozessionen und Ercitien zu verzeichne hatte wie in den letzten Jahren. Daher war es nicht zu verwundern, dass nach Bekanntwerden der Ausweisung allenthalben grosse Bestürzung und Trauer herrschten. Bei Verlesung der letzten Worte des H. Pastors an die Gemeinde zeigte sich dies erst recht.

Wir richten daher im Namen der ganzen Pfarrgemeinde an Ew. Eminenz die herzliche und dringende Bitte, doch nichts unversucht zu lassen, um die zu Unrecht bestehende Ausweisung aufzuheben und die Rückkehr unsere Herrn Pastors nach Sieglar zu ermöglichen.

Kath. Kirchengemeindeii

St. Johannes

Sieglar

[gez.] [Unterschriften]


iFundstelle: Kopie der Ausfertigung (im Hist. Archiv des EB Köln) im StaT, Bestand 12.8.1.

iiAbdruck des Siegels.