1936 März 19 Erklärung der katholischen deutschen Bischöfe zur Wahl i

(Nachdruck nur in unverkürzter Wiedergabe gestattet.)

Wir deutschen Bischöfe, die wir unser gläubiges Katholisches Volk und seine Gedanken und Gesinnungen kennen, wir wissen, dass die Katholiken Deutschlands so sehr wie sonst jemand in unsrem Vaterlande den heissen Wunsch haben, in dieser Stunde nationaler Entscheidungen ihre vaterländische Gesinnung vor aller Welt kundzutun. Wir wissen aber auch, dass die bevorstehende Abstimmung viele von euch in einen schmerzlichen Gewissenskonflikt versetzt, weil es den Anschein haben könnte, als bedeute eure Abstimmung auch die Billigung von kirchen- und christentumsfeindlichen Massnahmen und Aeusserungen, die uns in den letzten Jahren mit Schmerz und Trauer erfüllten. Um euch aber doch den Weg zu einem entschiedenen "Ja" zu öffnen, erklären wir Bischöfe im Namen aller deutschen Katholiken, denen der katholische Glaube Richtschnur ist: Wir geben dem Vaterlande unsere Stimme, aber das bedeutet nicht eine Zustimmung zu Dingen, die unser Gewissen nicht würde verantworten können. Diese unsere öffentliche und feierliche Erklärung genügt, damit nunmehr alle Katholiken ruhigen Gewissens mit "Ja" stimmen können, in dem Bewusstsein, so vor aller Welt für die Ehre, Freiheit und Sicherheit unseres deutschen Vaterlandesii einzutreten.

Die vorstehende Erklärung soll und will der freien Entschliessung der Abstimmenden in keiner Weise vorgreifen, ist auch nicht als Beeinflussung der Stellungnahme zu rein politischen Angelegenheiten gedacht, sondern dienst, wie der Wortlaut zeigt, nur zur Klärung von bedenken, die aus Gründen kirchlichen Charakters und vorgetragen sind. Die Freiheit der Stellungnahme zu den Gegenständen der Abstimmung bleibt unberührt.

Köln, den 19. März 1936

Für die Erzdiözese Köln:

Karl Josef Kardinal Schulte

Erzbischof von Köln


iFundstelle: katholisches Kirchenblatt der Erzdiözese Köln, 12.Jg., Nr.13, Seite 203.

iiEntgegen den Bestimmungen in den Verträgen von Versailles und Locarno waren am 7.3.1936 deutsche Truppen in das entmilitarisierte Rheinland einmarschiert und hatten mit dem Bau von Befestigungsanlagen an der Westgrenze begonnen. Eine militärische Gegenmassnahme der Westmächte blieb aus.