1940 Jan 09 Kreisfürsorgerin Recktenwald an Kreisgesundheitsamt i



Siegburg, den 9.1.40

An
Herrn Obermedizinalrat
Dr. Bange
Siegburg.

betrifft Verwahrlosung der Jugend.

In Siegburg wird geklagt, dass die Mädels der Berufsschule sich bei Schulschluss in der Dunkelheit von Soldaten abholen lassen, um dann mit ihnen loszuziehen. Der Polizei wurde davon Kenntnis gegeben, die regelmässige Streifen eingesetzt hat.
Auf dem Bürgermeisteramt wurde mir ein Erlass des Landesjugendamtes gezeigt, nach dem die verwahrloste Jugend in Vorasylen, die nicht den Charakter der Polizeigewahrsame tragen, untergebracht werden sollen. Da die Stadt mit Militär überbelegt ist, weiss man nicht, wo die geeigneten Räume dafür herzunehmen sind.
Es ist vorgekommen, dass sich Hausbesitzer über ihre Mieter beklagten, dass die Frauen, deren Männer im Felde stehen, bei Beginn der Dunkelheit von fremden Soldaten abgeholt werden, mit ihnen losziehen, um erst gegen Morgen nach Hause zu kommen.
Die Polizei greift bei Meldung hier ein. Frau [...] wurde vorgeladen, energisch verwarnt. Sie wird beobachtet, im Wiederholungsfalle wird man ihr die drei kleinen Kinder nehmen und sie selbst einsperren. Der Polizeimeister will in solchen Füllen mit der Fürsorgerin Hausbesuch machen.
Dr. Seefeld, Rosbach, sprach gelegentlich der Mütterberatung von einem Kompaniebefehl, nach dem Soldaten, die sich mit Frauen der Heilstätte abgeben, verschärften Arrest erhalten.


[gez.] Recktenwald
Kreisfürsorgerin


i
ARSK, LSK 3275, Bl. 48.