1940 Jan 09 Kreisfürsorgerin Schmal an Kreisgesundheitsamt i

Königswinter, den 9.1.1940.

An das Kreisgesundheitsamt

Siegburg,

z.Hd. Herrn Obermed. Rat Dr. Bange.

Mit Beginn der Einquartierung begannen gleichzeitig die Klagen der Bevölkerung und bald auch die der Polizei über das sogenannte unsittliche Verhalten der weiblichen Jugend gegenüber den Soldaten.

Es war klar, dass nach dem Polenfeldzug, als das Militär die hiesigen Stellungen bezog, jeder sich brennend dafür interessierte wie und wo unsere Soldaten nun bei uns im Westen Wache halten sollten. Es war zuerst nur wenig Militär. Aber die gesamte Bevölkerung wollte sehen und erleben. Der tägliche und bald nur abendliche Pilgerzug bestand aber nach ganz kurzer Zeit fast ausschliesslich nur noch aus jungen Mädchen von 13 Jahren ab aufwärts. In den Baracken und Unterständen wurde zuerst fleissig genäht und gestopft und sehr bald bestand die engste Freundschaft. Es ist dann des öfteren vorgekommen, dass gerade aus der Schule entlassene 15-jährige Mädels sich bis nachts 3 Uhr mit Soldaten herumtrieben. Die Namen wurden bald bekannt und mir gemeldet; Ich selbst bin dann zu den Einzelnen hingegangen, habe sie entsprechend gewarnt und ihnen z.T. mit Fürsorgeerziehung gedroht, falls sie sich in Zukunft nicht besser benahmen. In fast allen Fällen mangelte es an der häuslichen Beaufsichtigung der Kinder.
Durch Klagen der Bevölkerung und Kriminalpolizei in Honnef stellte ich dann fest, dass die Mütter der eben erwähnten Kinder in den fraglichen Nächten sich bei Freundinnen in Honnef aufgehalten hatten, in den engsten Wohnungen mit 5 - 6 Soldaten zusammen. Die Männer dieser Freundinnen waren zum Militär eingezogen und lagen irgendwo an der Front. Anlässlich einer Frauenschaftsversammlung in Königswinter habe ich auf die eingerissenen Zustände aufmerksam gemacht, und die Frauen und Mütter gebeten, doch etwas mehr auf die Mädels zu achten, sie entsprechend zu warnen und vor allen Dingen dafür zu Sorgen, dass sie mit Anbruch der Dunkelheit zu Hause wären. Selbst beide Geistliche haben sich von der Kanzel herunter dieserhalb sehr ernst an die Bevölkerung gewandt. Bald darauf verbreitete sich in Königswinter das Gespräch[,] der Herr Bürgermeister, die Polizei und die Fürsorgerin kontrollierten selbst die Baracken und die Mädels und hätten bereits eine Reihe abgeführt und mit Strafen bedroht. Plötzlich war keines der Kinder mehr am sauren Berg zu sehen. Zur gleichen Zeit wurde die dort liegende Flak mit anderer ausgetauscht und verhält sich bis heute noch sehr zurückhaltend.
Inzwischen sind aber noch sehr viel mehr Soldaten von anderen Waffengattungen zum grössten Teil in Privatquartieren untergebracht worden. Die als fragwürdig bekannten Familien nun innerhalb ihrer Wohnungen zu kontrollieren hält ungleich schwerer. Als sich im Anfang der Einquartierung in Honnef die Klagen hierüber mehrten, habe ich mit der Kripo besprochen[,] gegen Morgen in einzelnen Familien nachzusehen. Es waren eine Reihe von Soldaten da gewesen, hatten eine Menge Kommisbrote zurückgelassen, und von Hausbewohnern konnte vorher beobachtet[,] dass[,] wenn die 2 bis 3-jährigen Kinder durch den Krach nicht schlafen wollten, sie von den Soldaten gezüchtigt wurden. Während der Anwesenheit des Kripo-Beamten wurde ein grösserer Junge zur Schule geschickt. Als er eine Stunde später von ihm aus der Schule zwecks Vernehmung herausgeholt werden sollte, war er gar nicht da gewesen Wie wir einen Tag später durch Kreuzfragen feststellten, hatten die Soldaten bereits begriffen, worum es ging, sich diesen Jungen bereits geholt, bevor er zur Schule gehen konnte und ihm eingebläut nur ja kein Wort von der Nacht zu wissen. Der Junge war sehr verängstigt und erzählte dann[,] es wäre ihm unterwegs übel geworden und darum sei er nicht zur Schule gegangen. Da die Mutter und ihre Freundinnen jeden intimen Verkehr mit den Soldaten, welche es waren, konnte nicht festgestellt werden, verneinten, fehlte jeglicher Beweis um irgendeinen Schritt zu unternehmen.
Da die Klagen über solche und ähnliche Fälle sich aber immer noch mehrten, habe ich versucht, mich mit dem zuständigen Oberleutnant in Verbindung zu setzen. Dieser versprach mir dann auch die Sache dem Herrn Major vorzutragen. Er wolle einen Hauptmann bitten[,] mit einigen Mann und der Kripo eine Razzia in Privathäusern und Gaststätten durchzuführen. Ich hatte vorgeschlagen-, die gefassten Mädels die Nacht bis zum Morgen in Polizeigewahrsam zu nehmen und dann vom Arzt auf Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Die Wohnungsinhaberinnen konnten bei der Gelegenheit der Kuppelei wegen angezeigt werden. Beide Razzien verliefen indessen ergebnislos. Die Abende vor und nachher wurden, wie die Bevölkerung behauptet, Orgien gefeiert. Im übrigen wäre es nicht möglich gewesen die Mädels festzuhalten, da weder Raum noch Pritschen zu diesem Zweck mehr vorhanden sind. Auch der kleinste Raum ist von Soldaten ausgenutzt. Die Kripo ist nun dazu übergegangen[,] die als verlaufen bekannten weiblichen Personen tagsüber ganz einfach zu holen und irgendeinem Arzt zwecks Untersuchung vorzustellen. Auf diese Art wurden bisher in Honnef und in Königswinter je eine Geschlechtskranke festgestellt, die allerdings bereits mehrere Männer angesteckt halten M.E. ist es auf die Dauer unsinnig, wenn nur eine Stelle sich mit der Behebung der eingerissenen Zustände befasst. Wenn nicht die Fürsorge, die Organisationen, Kripo und vor allen Dingen das Militär selbst energisch dagegen arbeiten, ist es zwecklos, dass ein Einzelner gegen den Strom zu schwimmen versucht.

Das Gerede in der Bevölkerung ist zwar immer sehr viel schlimmer als es den Tatsachen entspricht, und man sieht bereits eine schlechte Handlung darin, wenn sich ein Mädchen auf der Strasse mit einem Uniformierten überhaupt sehen lässt.

Es ist m.E. jedoch notwendig[,] auch gegen die ersten einzelnen Fälle energisch vorzugehen, da sonst die sittlich-moralischen Begriffe bei den Schulkindern bereits bedeutend verbogen werden. Ein Vorgehen ist aber nicht nur geboten des Einzelnen wegen; die Einzelnen bedeuten eine Gefahr für die Gesamtheit, und gerade in Kriegszeiten ist eine körperlich und geistig-seelisch gesunde Jugend, unsere späteren Mütter, zur Aufrechterhaltung eines gesunden Volkskörpers besonders wichtig.

[gez.] Schmal
Kreisfürsorgerin.


i ARSK, LS 3275, Bll. 49 f.