1942 Okt 12 Bürgermeister Schünemann an den Landrat i

Der Bürgermeister Troisdorf, den 12.10.1942.

als Ortspolizeibehörde

II [?] 1435/42

An

den Herrn Landrat

in S i e g b u r g

Betrifft: Bericht über die Disziplinlosigkeiten bezw. über den Streikii der bei der Firma de Haer, Metallwarenfabrik in Troisdorf, Frankfurterstrasse [,] eingesetzten und im Lager Klein, Troisdorf, Frankfurterstrasse[,] untergebrachten Ostarbeiterinnen.

- - -

Am 28.9.42, 12.15 Uhr teilte der Betriebsführer der Firma de Haer, Dr. Schiedrunn, fernmündlich mit, dass die Ostarbeiterinnen in der Nacht vom 27. zum 28.9.42 Gitter aus den Lagerfenstern entfernt hätten und nicht mehr arbeiten wollten.

Zunächst wurde darauf der Krim.O.Ass. Dürholt beauftragt, die Täter festzustellen. Wie dieser jedoch fernmündlich mitteilte, waren die Gitter der Fenster inzwischen auf der Bühne des Saales gefunden worden, der Täter bezw. die Täterinnen jedoch nicht festzustellen. Ich begab mich darauf mit Rev.Leutnant d.Schp. Heedt selbst zum Lager. Zuvor hatte ich über den Sachverhalt den Herrn Landrat in Siegburg (Reg.Inspektor Pütz) und die Geheime Staatspolizei in Köln (Kommissar Läuffer) fernmündlich benachrichtigt. Letzterer sagte, dass diese Erscheinung in letzter Zeit nicht selten seien[,] und ordnete folgende Massnahmen an:

Drei Rädelsführerinnen festzunehmen und der Staatspolizeistelle in Köln vorzuführen, zwecks Einweisung in ein Konzentrationslager. Falls nach dieser Massnahme keine Arbeitswilligkeit gezeigt würde, sollen nach einem Ablauf von 20 Minuten jede 5. Ostarbeiterin festgenommen und der Gestapo in Köln überstellt werden. Falls hiernach die Arbeit nicht aufgenommen werden sollte, sei die Gestapo in Köln zu benachrichtigen, zur Einweisung aller Ostarbeiterinnen in ein Arbeitserziehungslager.

Im Lager wurde folgendes festgestellt:

Ein Teil der Lagerinsassinnen war am voraufgegangenen Sonntag nach Wahn - also verbotswidrig über die Ortsgrenze hinaus - ausgeführt worden und hatte dort die bei der Firma Isolierwerke von Ruppert eingesetzten Ostarbeiterinnen besucht. Hierbei war zur Sprache gekommen, dass die Ostarbeiterinnen der Firma Ruppert, Wahn[,] Weissbrot, Butter, Milch, Marmelade und Obst erhielten und zum Einkaufen nach Köln geführt würden. Dass dieses den Tatsachen entspricht, kann ich mir nicht denken, wie im übrigen alle Aussagen der Ostarbeiterinnen mit Bedacht hinsichtlich der Wahrheit aufzunehmen sind. In das Lager zurückgekehrt, werden die Ostarbeiterinnen ihren Kameradinnen die angebliche Besserstellung der in Wahn eingesetzten Arbeiterinnen erzählt haben[,] und genügte dies, eine Unzufriedenheit in dem Lager herbeizuführen. In derselben Nacht noch wurden die Maschendrahtgitter vor den zur Frankfurterstrasse gelegenen Unterkunftslagerfenstern entfernt, angeblich weil die übrigen Ostarbeiterinnen auch keine vergitterten Fenster hätten. Der Lagerwärter hat das Entfernen der Fenstergitter nicht bemerkt, und erst am Montagmorgen gegen 11 Uhr wurde dieses festgestellt und Dr. Schiedrunn hiervon in Kenntnis gesetzt. Derselbe hat nun, als die Arbeiterinnen von der Frühschicht zum Mittagstisch in das Lager zurückkehrten, diese aufgefordert, die Täter zu benennen, widrigenfalls kein Mittagessen verabreicht werde. Voraufgegangen waren einzelne Befragungen der Ostarbeiterinnen nach dem Täter, die jedoch keinen Erfolg hatten. Daraufhin erklärten die Lagerinsassinnen gemeinsam, dass sie die Täterinnen nicht benennen würden, sie verzichteten auf das Essen und würden aber auch nicht wieder zur Arbeit gehen.

Ich möchte vorbezeichnetes Handeln des Dr. Schiedrunn als falsch bezeichnen. Er hätte m.E. zur Ermittlung der Täter die Polizei in Anspruch nehmen können und nicht durch die Essensverweigerung die Arbeitsverweigerung veranlassen sollen.

Ich habe dann selbst durch Fragestellung festzustellen versucht, wer die Drahtgitter entfernt habe. Jedoch auch ohne Erfolg, weil alle den Täter nicht wissen wollten bezw. sagten, die Tat gemeinsam ausgeführt zu haben. Ich habe daraufhin angeordnet, dass das Mittagessen ausgegeben würde[,] und selbst von dem Essen eine Kostprobe genommen, welches unter Berücksichtigung der Fleisch, Fett- und Gemüsezuteilung und der Geschmackseigenschaften der Ostarbeiterinnen - Zubereitung geschieht ebenfalls durch eine Ostarbeiterin - als genügend zu bezeichnen war. Jedenfalls war die Zuteilung reichlich[,] und blieben teilweise noch Reste in den Schüsseln zurück.

Auch mir gegenüber machten die Ostarbeiterinnen geltend, dass, wie oben angeführt, die bei der Firma Ruppert in Wahn arbeitenden Russinnen in der Essenszuteilung und hinsichtlich der Bewegung besser gestellt seien. Vor allem wurde aber auch der Wunsch geäussert, nicht mehr Eintopfgericht wie bisher durchgehend, sondern auch schon mal getrenntes Essen zu verabfolgen. Diesem Wunsche ist seit dem betreffenden Tage auch entsprochen worden[,] und sind nunmehr Klagen über das Essen nicht mehr bekannt geworden.

Die den einzelnen Mädchen[!] zustehende Butter- und Margarinezuteilung wird bei der Zubereitung des Mittagessens bezw. des Kaffee's verwendet, sodass ein Brotaufstrich z.B. für die Abend- und Morgenkost nicht mehr verbleibt. Dieses wird in anderen Lägern, z.B. der Firma Strack in Oberlar, der Firma Fischer in Lohmar, die am nächsten Tage von mir mit Dr. Schiedrunn zur Sammlung von Erfahrungen besichtigt wurden, genau so gehandhabt.

Nach Einnehmen des Mittagstisches haben auf meine Aufforderung hin die Ostarbeiterinnen ihre Arbeit wieder aufgenommen[,] und sind bis heute ähnliche Störungen nicht mehr zu verzeichnen gewesen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Russinnen anfänglich mit der Unterbringung, der Verpflegung und dem Arbeitsplatz, wahrscheinlich im Vergleich mit ihren bisherigen ostischen Verhältnissen, sehr zufrieden gewesen waren. Dann aber durch die Umgebung von deutschen Mädchen am Arbeitsplatz, ferner in der Betrachtung von deutschen Frauen von ihrem Lager aus, in ihren eigenen Ansprüchen begehrlicher geworden sind. So ein Beispiel hervorzuheben:

Sämtliche Russinnen kamen barfuss hier an, erhielten dann Schuhe von Holzsohlen mit Oberleder. Wenn heute diese Schuhe teilweise beschädigt sind, will man dieses als Grund für Arbeitsuntauglichkeit vorschieben. Und dabei haben die meisten Russinnen bisher noch nie Schuhe in ihrem Leben getragen.

Da ich die Massenverweigerung seitens des Dr. Schiedrunn zur Ermittlung der Täter nicht gebilligt habe und weil ferner die Arbeiterinnen auf meine Anordnung hin die Arbeit wieder aufnahmen, habe ich von Zwangsmassnahmen oben erwähnter Art vorläufig Abstand genommen.

[gez.] Schünemann


iFundstelle: StaT.


iivon Schünemann handschr. verbessert aus "Streit".