1943 Nov 16 Werkschutzleitung an [den Abwehrbeauftragten] Bo[…] i

DYNAMIT-ACTIEN-GESELLSCHAFT

vormals ALFRED NOBEL & Co

Werkschutzleitung

An Herrn Bo[...]

Ihre Zeichen Ihre Nachricht vom Unsere Zeichen Troisdorf, den 16.Nov.1943

ZK/TH.

Betrifft: Sonderaktion der Geheimen Staatspolizei zur Bekämpfung des Bummelantenunwesens.

Am Montag, den 15.November 1943[,] wurde durch die Geheime Staatspolizei unter Leitung des Herrn Kriminalrates Albrecht mit einem Aufgebot von acht Beamten eine Sonderaktion zur Wahrung der Arbeitsdisziplin in unserem Werk durchgeführt.

Die Aktion nahm um 6.15 Uhr ihren Anfang und endete gegen 16.00 Uhr; irgendwelche Zwischenfälle haben sich nicht ergeben. Die Betriebe erhielten Anweisung, diejenigen Gefolgschaftsmitglieder unter Vorlage der Stempelkarte zu melden, die ihre

[1.] Arbeit verspätet aufgenommenii hatten. Ausserdem waren diejenigen Gefolgschaftsmitglieder anzugeben, die an dem fraglichen Tag

[2.] ohne Entschuldigung zur Arbeit nicht erschienen waren. Des weiteren wurden von Herrn Kriminalrat Albrecht diejenigen Gefolgschaftsmitglieder besonders gehört, die von seiten des Werkschutzes unter Vorlage der Akten

[3.] als notorische Bummelanten bekannt waren.

Von der Geheimen Staatspolizei wurden auf Grund der uns vorgelegten kurzen Vernehmungsberichte nachstehende staatspolizeiliche Massnahmen getroffen:

staatspolizeiliche
Massnahmen
Kunststoff- und Celluloid-Fabrik Tech. Abteilung

Zündhütchen-

 Fabrik


De.

Ausl.

De.

Ausl.

De.

Ausl.

Belehrungen

7

2

3

3

3

-


Verwarnung wegen







verspäteter Ar-







beitsaufnahme.

5

7

5

11

-

-


Verwarnung wegen







Bummelns

4

-

1

-

4

1


Verwarnung und







gemeinnützige Ar-







beit an arbeits-

1

10

-

-

-

-

freien Sonntagen







wegen Bummelns








Verwarnung und







gemeinnützige Ar-

-

5

-

7

-

-

beit während der







Freizeit wegen Bum-







melns








Arbeitserziehungs-







lager

1

1

-

2

-


Nachstehende Gefolgschaftsmitglieder, die zahlenmässig in vorstehender Aufstellung aufgeführt sind, wurden wegen Verstosses gegen die Arbeitsdisziplin mit Einweisung in ein Arbeitserziehungslager bestraft und von der Geheimen Staatspolizei abgeführt:

1.) Ruth Otto, Gef[olgschafts]No. 9151, beschäftigt [im] Zeit-Zünder-Betr[ieb]

2.) Maria Poels, Gef.No. 17778, beschäftigt im Vf.-Betr.

3.) Louis Ferrand, Gef.No. 19222, beschäftigt im Energie-Betrieb

4.) Pierre Andre Chevin, Gef.No.19263, beschäftigt im Energie-Betrieb

Ausserdem wurde bei nachstehenden deutschen Gefolgschaftsmitglieder[n] Einweisung in ein Arbeitserziehungslager angeordnet:

1.) Jonas Ohles, Gef.No.15408, beschäftigt im Rohstoff-Betrieb

2.) Gertrud Dreck, Gef.No. 220, beschäftigt im Sprengkapsel-Betrieb

Ein Vollstreckung dieser Strafe Ohles, Dreckiii durch sofortige Ablieferung konnte jedoch nicht erfolgen, da die beiden in ihren Wohnungen nicht angetroffen wurden. Die Kriminalpolizei Siegburg wurde von der Geheimen Staatspolizei angewiesen, die beiden schnellstens festzunehmen, damit sie alsdann durch einen Wachmann des Werkschutzes nach Köln der Geheimen Staatspolizei zur Strafverbüssung abgeliefert werden können.

Bei dem Zuspätkommeniv von ausländischen Gefolgschaftsmitglieder[n], insbesondere auch der Ostarbeiterinnen, wurde als Grund hierfür in den meisten Fällen zu spätes Wecken angegeben. Des weiteren wurde der unpünktliche Arbeitsbeginn mit dem verspäteten Verlassen der Unterkunft zu rechtfertigen versucht, da in den Unterkünften keine Uhren vorhanden sein sollen.

In vielen Fällen wurde bei den Ausländern das Bummeln auf mangelhafte Bekleidung, insbesondere Ausrüstung mit Schuhzeug zu begründen versucht.

Die Betriebe werden schriftlich von den durchgeführten staatspolizeilichen Massnahmen hinsichtlich der einzelnen Gefolgschaftsmitglieder unterrichtet.

[Unterschrift unleserlich]

Werkschutzleiter

0 Herrn Dir[ektor] Habbel

0 Herrn Dir. Dr. Mienes

0 Herrn Obering[enieur] Drews

0 Herrn Gauhe

0 Herrn Fleckes


iFundstelle: aus dem Sammlung Dehez/Siebels, im Besitz des Hrg. Das Dokument ist eine zeitgenössische Negativ-Fotokopie des Originalbriefes. Auf der Vorlage sind bereits eine Paraphe, Unterstreichungen und Ergänzungen im Text vorhanden; diese sind mitkopiert worden. Auf der Kopie haben dann 7 Personen ihre Kenntnisnahme durch Paraphe bestätigt.


iiim Original masch.schr. unterstrichen; die Ziffern 1. - 3. sind von Hand nachgetragen.


iiidie beiden Namen sind handschr. eingefügt.


ivim Original handschr. unterstrichen, ebenso die folgenden Unterstreichungen.