1944 Feb 22 Anklageschrift gegen Bö[…] und Lindner, beglaubigte Abschrift i

Abschrift

Der Generalstaatsanwalt.

5 O. Js. 97/4

Hamm (Westf.), den 22. Februar 1944

Fernruf 1780/87

Haft !

Anklageschrift.

  1. Der Laborant Peter Bö[…] aus Blankenberg (Siegkreis), Katharinentor 33, geb. am 27.6.1916 zu Blankenberg, verheiratet, angeblich nicht bestraft,
  2. Der Laborant Peter Lindner aus Troisdorf, Kölnerstr.75, geb. am 13.2.1919 zu Troisdorf, ledig, angeblich nicht vorbestraft,

beide Beschuldigte in dieser Sache vorläufig festgenommen am 10.11.1943 und seit dem 7.12.1943 in der Untersuchungshaftanstalt in Köln in Untersuchungshaft

werden angeklagt,

zu Troisdorf im Jahre 1943

durch teilweise ein und dieselbe fortgesetzte Handlung

  1. öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen und zu zersetzen gesucht,
  2. hetzerische äusserungen getan zu haben.

Verbrechen der Wehrkraftzersetzung und Heimtückevergehen, strafbar nach § 5 Abs. 1, Ziff. 1 KSStrVO., § 2 Abs. 2, 3 HG, § 47, 73 StGB.

Beweismittel:

  1. Geständnis bezw. Einlassung der Angeschuldigten.
  2. Zeugen:
    1. Ehefrau [des] Matthias Br[...], Troisdorf, von Loestr. 29
    2. Angestellte Franzi Ho[...], Oberlar b. Troisdorf, Mülheimerstr. 2a
    3. Angestellter Heinrich Li[…], Troisdorf, Hermann-Göringstr. 32
    4. Laborant Jakob Ka[…] in Siegburg, Moltkestr. 23

Wesentliches Ergebnis der Ermittlungen.

  1. Zur Person:
    1. Bö[…]

Der Angeschuldigte Bö[…] ist 27 Jahre alt, kinderlos verheiratet und bislang unbestraft; er gehört als av. [=arbeitsverwendungsfähig] der Ersatzreserve 2 an. Von Januar 1940 bis Mai 1940 war er zu einer Luftwaffenbaukompanie eingezogen. Er ist von Beruf Laborant und war von 1933 bis 1935 Angehöriger der HJ. Heute gehört er einer NS-Organisation nicht mehr an. Von zuständiger Seite wird er als politisch zuverlässig angesehen.

  1. Lindner

Der 24 Jahre alte unbestrafte und ledige Angeschuldigte Lindner ist ebenfalls Laborant. Er hat am RAD [=Reichsarbeitsdienst] teilgenommen und war von November 1939 bis Februar 1943 bei der Wehrmacht. Er besitzt das Verwundetenabzeichen, die Ostmedaille und das Silberne Sturmabzeichen. Seine Entlassung als Unteroffizier erfolgte, weil es wegen seiner zweimaligen Verwundung – zuletzt eine schwere Kopfverwundung – wehruntauglich geworden war.

Er ist sportlich interessiert und betreut die Jugendabteilung eines Sportvereins. Einer NS-Organisation gehört er nicht an. Politisch nachteilig ist er bisher nicht in Erscheinung getreten.

  1. Zur Sache:

Beide Angeschuldigte unterhielten sich auf ihrer Arbeitsstelle der Dynamit AG, Troisdorf, häufiger über politische Ereignisse mit den zu 1 bis 3 aufgeführten Zeugen. Hierbei brachten sie zum Ausdruck, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Etwa im August 1943 sprach der Angeschuldigte Bö[…] mit der Angestellten Br[...], deren Mann, wie er wusste, SS.-Mann war und erklärte:

„Frau Br[...], Sie bleiben am besten bei ihren Kindern zu Haus. Sie helfen ja sonst nur den Krieg verlängern.“

Um die gleiche Zeit bemerkte der Angeschuldigte Lindner zu der Br[...]:

„Sie können noch umsatteln, noch ist es Zeit, wir tun Ihnen nichts“,

womit er offensichtlich auf ihre positive Einstellung zum Dritten Reich anspielen wollte. Die Br[...] verwies ihm auch seine Bemerkung. – Häufig fragte der Angeschuldigte Lindner die Zeugin Br[...],

„wie es mit dem Kriege sei: Haben wir ihn verloren oder gewonnen?“

Auch bemerkte er:

„Grüssen Sie immer noch mit Heil Hitler [?] “

Nach Abdankung Mussolinis betrat Lindner eines Tages das Laboratorium und grüsste höhnisch mit „Heil Hitler.“ Als die Angestellte Ho[...] ihm erklärte, dass sie auf diesen zynischen Gruss keine Antwort gebe, erklärte der Angeschuldigte:

„Nicht so ideal, es kommt noch einmal anders.“

Die Ho[...] erklärte:

„Nicht so, wie du denkst“,

worauf der Angeschuldigte erwiderte:

„Ihr müsste einmal überlegen, wo sollen wir den Menschen herhaben, zuerst der Verlust von Stalingrad, dann Afrika, jetzt Italien. In Deutschland werden die Städte bombardiert. Das geht rapid bergab.“

Auf den Hinweis der Ho[...], dass er sich schämen solle, er sei doch selbst Soldat gewesen und falle nun seinen eigenen Kameraden in den Rücken, erklärte er:

„Täusche Dich nur nicht, die würden[,] wenn sie könnten, wie sie wollten, sofort nach Hause gehen, dafür kenne ich sie viel zu gut.“

Die Ho[...] erklärte sein Urteil als falsch, weil sie mit Soldaten gesprochen habe, die von dem Siege Deutschlands überzeugt seien. Sie bemerkte noch, dass wir es dem Führer überlassen sollen, wenn es jetzt bergab gehe, so würde es auch wieder bergauf gehen, worauf der Angeschuldigte Lindner sich mit den Worten entrüstete:

„Bei dem seiner Rechnerei, das ist ein Idiot.“

Als er auf das Ungehörige seiner Redensarten hingewiesen wurde, sagte er:

„Dieses sage ich ihm auch, wenn er da kommt.“

Der Angeschuldigte Bö[…] bestreitet, sich in abträglicher Weise geäussert zu haben, während der Angeschuldigte Lindner die ihm zur Last gelegten äusserungen im wesentlichen zugibt. Er will aber die äusserungen nur gemacht haben, um die Frauen und Li[…] zu hänseln; zudem seien seine äusserungen auch teilweise darauf zurückzuführen, weil die Zeugin Br[...] ihn beschimpft habe.

Es wird beantragt:

  1. Hauptverhandlungstermin anzuberaumen
  2. Die Fortdauer der Untersuchungshaft zu beschliessen.

In Vertretung:

gez. Albrecht

Oberstaatsanwalt

Vorstehende Abschrift beglaubigt

Troisdorf, den 27. Oktober 194___

Der Bürgermeister

[Unterschrift unleserlich]

Gemeinde Troisdorf ii

Gebühr 1 RM


iFundstelle: StaT, Bestand NA 3, Nr.7. Am äusseren Rand (hier nicht abgedruckt) sind die Hinweise auf die Blätter der Akte vermerkt.


iiGebührenmarke und Siegelabdruck.