1944 Alfred Meier: Jom Kippur

Jom Kippur 1944 im KZ (Blechhammer-Auschwitz)

Der Tag war hart, besonders schwer,

Die Schaufel wog wie Blei

Erinnerung, flattert hin und her,

Das Herz es weint, weint ohne Schrei.

Jom Kippur heut, der höchste Tag;

Aufsteigt der Jugend Zeit,

Aufsteigt in uns die stumme Frag'

Wirst Du noch überstehn das Leid.

Die Sonne sinkt, in dieser Stund,

Erfleht ein letztes Mal

Ein jeder wahrhaft frommer Mund,

Zum Leben senk der Waage Schal'.

Nun ziehn wir müd in Fünferreihn

Ins Camp, doch wer des Sinnes war,

Den Lieben denkend nah zu sein,

Spektakel bietet man ihm dar.

Spektakel, das in Perfidie

man legt auf diesen Tag,

Spektakel, das vergisst du nie,

Was auch da kommen mag.

Ein Galgen ragt in Hofes Mitt'

Mit Kolbenstoss man drängt uns hin.

Wir gehen zögernd, scheu der Schritt

Der Schmerz zerreisst uns Herz und Sinn.

Wer ist es, den das Judesein,

so jäh zum Galgen führt ?

Ein Jüngling, ach, ein Knabe fein;

Doch nichts das Herz der Henker rührt.

Der Henker alsdann ins Leere ihn stösst

Der Hanf zerreisst an des Todes Rand,

Der Jüngling, im Glauben er sei erlöst,

Fleht ohn' Erfolg, bin doch so jung, tat nichts zur Schand.

„Kommt Kameraden gut nach Haus“

Das Schma Jisroeil alsdann;

Kein Laut der Klage, dass ists aus.

o, dass ein Gott dies ansehn kann.

Nur langsam dann der Platz sich leert,

das Herz ist krank von Leid,

Was dieser Tag an Weh beschert,

Gerichtstag war, Jom Kippur heut.

Gedichtet am Abend des gleichen Tages von seinem Kamerad Alfred Meier