1945 [Aug 01] Überfall auf Peter K. 1


Ebenfalls um 1910/11 gründeten auf dem Gelände der heutigen Firma Kurz Hessental der Sägewerker Wetter und der Kaufmann Endrulat eine Holzschneiderei und eine kleine Fassfabrik zur Herstellung von Fässern für die aufkommende chemische Industrie als Verpackungsmaterial. Hier fanden etwa 20 Leute Beschäftigung. Der Mitbegründer Wetter stieg jedoch als Fachmann bald wieder aus und überliess dem Kaufmann Endrulat die alleinige Weiterführung der kleinen Fassfabrik. Mangels Kapital und wegen der damals herrschenden Wirtschaftskrise nahm Endrulat 1930 den Kaufmann Paul Pfennig aus Köln als Teilhaber auf. 1931 schied Endrulat aus, und Paul Pfennig führte den Betrieb weiter, anfangs auch mit erheblichen Schwierigkeiten. Nach Beginn des dritten Reiches ging es dem Betrieb bald wieder besser. Der zweite Weltkrieg brachte den Betrieb auf Hochtouren, während dessen als Arbeitskräfte eine Anzahl junger Ostarbeiter eingesetzt wurden.
Bei diesen Ostarbeitern handelte es sich um 16-18Jährige, kaum den Kinderschuhen entwachsene junge Leute, die von den deutschen Machthabern zur Zwangsarbeit in der Industrie verpflichtet worden waren. Die ihnen zugeteilte Verpflegung reichte nicht aus, ihre hungrigen Mägen zu stillen. Nach Feierabend strichen sie dann meist durch den Ort, wo ihnen mitleidige Bewohner, trotz offiziellen Verbots durch die Nationalsozialisten, heimlich etwas zusteckten.
Einer von ihnen, er hiess Valentin, war nach Feierabend fast immer für kurze Zeit unser Gast. Er war ein braver und ordentlicher Junge. Wegen eines besonderen Erlebnisses möchte ich das hier besonders herausstellen. Nach dem Zusammenbruch, als sich die Zwangsverpflichteten und Kriegsgefangenen hier frei bewegen konnten und zum grossen Teil räuberisch und marodierend herumtrieben, kam Valentin mit einem Teil seiner Kameraden, um sich bei mir und meiner Frau zu bedanken. Dabei übergab er mir ein Photo von sich und seinem besten Freund mit einer Widmung in russischer Sprache und mit dem Hinweis, es immer bei mir zu tragen, da es uns im Notfall schützen würde. Das sollte ich tatsächlich recht bald erfahren.
Bei einer Fahrt mit meinem Fahrrad an der Agger vorbei nach Troisdorf, um nächste Verwandte aufzusuchen, sprangen plötzlich 3 Russen aus dem Gebüsch, rissen mich vom Fahrrad, um mich auszuplündern und was weiss ich. Geistesgegenwärtig zog ich das Photo von Valentin aus meiner Tasche und zeigte es den 3 Ausländern. Nachdem sie die von Valentin geschriebenen Dankesworte gelesen und sich das Bild angeschaut hatten, klopften sie mir auf die Schulter und liessen mich ungeschoren weiterfahren.
An fast derselben Stelle waren kurze Zeit vorher von umherstreunenden Russen oder Polen 3 Bürger von Lohmar, die mit ihren Fahrrädern von der Arbeit nach Hause wollten, überfallen und ermordet worden. Durch Valentin war es mir auch an dem Tage, wo er mir mit seinen Kameraden das vorerwähnte Photo übergab, gelungen, ihn und seine Kameraden davon abzuhalten, ihre vorherige Arbeitsstätte, die Fassfabrik Pfennig, in Brand zu stecken. Ich war ihnen, die ziemlich angetrunken waren, bis kurz vor der Fassfabrik gefolgt, um sie von ihrem Vorhaben abzuhalten, was mir auch Dank Valentins gelang.
Nach dem Zusammenbruch des zweiten Weitkrieges lag die Fassfabrik monatelang still, wie andere Industriebetriebe auch. Der Inhaber der Fabrik Paul Pfennig wurde von den Amerikanern in ein Internierungslager verfrachtet, in dem er eine Zeit lang festgehalten wurde. Nach seiner Rückkehr nahm er seinen Betrieb nach und nach mit seinen alten Mitarbeitern, soweit sie noch vorhanden waren, wieder auf […]


1 Peter Kemmerich. Meine Heimatgemeinde Lohmar um und nach 1900. Masch.schr. Mauskript, Lohmar 1976, S. 65 f.