1953 Aug 04 Gutachten des Psychiaters Dr. G. zu M. i

Dr. med. J.G[...]

Medizinalrat a.D.

Facharzt für

Psychiatrie u. Neurologie

Bonn, Wilhelmstr.5

Fernruf: 32812

Fachärztliches Gutachten!

Betrifft: Frau M[...] R[...], geboren am 8.12.1905, früher wohnhaft in Köln-Nippes.

Auf Wunsch des Herrn Rechtsanwaltes Dr. Furmans und des Herrn R[...] selbst habe ich mich mit der Angelegenheit seiner verstorbenen Gattin, der Frau [...], beschäftigt.

Zunächst habe ich am 14.6.1955 die Erbgesundheitsakten einem eingehenden Studium unterworfen. Ich hatte zunächst auf Grund des Studiums der Akten Bedenken, ob Frau [...] im Jahre 1934 wirklich eine echte Schizophrenie gehabt hatte. So waren gewisse Anhaltspunkte gegeben, die gegen die Annahme einer Schizophrenie sprachen.

Auf Grund des Aktenstudiums fand dann am 16.6.1953 ein Konsilium mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Furmans statt, bei dem ich meine Bedenken äusserte und erklärte, dass es für die Beurteilung entscheidend sei, ob Frau R[...] noch weitere Schübe ihrer geistigen Erkrankung gehabt habe. Am Schluss des Konsiliums kamen wir überein, Herrn R[...] selbst zu der Sache zu hören.

Herr R[...] bekundete dann, dass seine Frau 1938 einen neuen Schub gehabt habe und bis 1941 in der Heil-und Pflegeanstalt in Bonn geblieben sei. Eines Tages sei seine Ehefrau dann zunächst in die Anstalt Andernach und von dort aus in die Anstalt Berrenburg [richtig: Bernburg] überführt worden. Am 14.8.1991 habe ihm dann die Anstalt mitgeteilt, dass seine Ehefrau an einer Angina und an einer Sepsis verstorben sei.

Daraufhin richtete ich an Herrn R[...] die Frage, ob in diesem Schreiben vielleicht etwas von Einäscherung aus seuchenpolizeilichen Rücksichten heraus, von zur Verfügung-Stellung des Nachlasses an die NSV und von überführung der Urne gestanden habe. Herr R[...] bestätigte dies und legte dann jetzt auch noch das Originalschreiben der Anstalt Berrenburg vom 14.8.1941 vor. Dieses Schreiben ist typisch für Fälle, die durch so genannte Euthanasie ermordet wurden.

Es war uns hier in Bonn nach dem Transport des Jahres 1941 nach Andernach, der nicht auf Anordnung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, sondern des so genannten Reichsverteidigungskommissars erfolgt war, aufgefallen, dass die Angehörigen gleich lautende Briefe erhielten, wie ihn auch Herr R[...] erhalten hat. Wir erfuhren dann später, und besonders nach dem Kriege, dass diese Kranken alle rechtswidrig umgebracht worden sind. Es besteht auch im vorliegenden Falle nicht der geringste Zweifel daran, dass die Ehefrau [...] nach der damals herrschenden Euthanasie ermordet worden ist. Die Euthanasieaktion ist von sämtlichen ärzten der rheinischen Anstalten in einer internen Besprechung als Mord abgelehnt worden. Durch Schwurgerichtsurteile, die nach dem Kriege ergangen sind, ist auch die Rechtswidrigkeit der ganzen Euthanasieaktion festgestellt worden und die Schuldigen sind zum Teil zum Tode verurteilt worden.

Im vorliegenden Falle ist also folgendes festzustellen:

1.) Die Ehefrau [...] hat zweifellos an einer in Schüben verlaufenden Schizophrenie gelitten. Da sie von 1938 bis 1941 zum zweiten Male in der Anstalt Bonn war, muss man annehmen, dass es sich um einen chronischen Fall gehandelt hat. Anfangs bestanden von meiner Seite aus Bedenken, ob das 1934 von dem damaligen Anstaltsarzt Dr. Lewenstein - heute Ministerialrat in Düsseldorf - erstattete Gutachten bezüglich der Notwendigkeit der Sterilisation richtig war. Diese Bedenken konnte ich aber bei weiterer überprüfung des Falles nicht aufrecht erhalten.

2.) Frau R[...] ist zweifellos auf Grund der vorhandenen Unterlagen am 14.8.1941 rechtswidrig im Rahmen der so genannten Euthanasieaktion in der Anstalt Berrenburg ermordet worden. Da auch bei chronischen Fällen von Schizophrenie erfahrungsgemäss immer noch Besserungen vorkommen können, war also die Möglichkeit gegeben, dass Frau R[...] doch noch eines Tages aus der Anstalt hätte entlassen werden können, wenn sie nicht ermordet worden wäre.

Die Euthanasie ist nicht nur nach ärztlichem Ermessen, sondern auch auf Grund richterlicher Entscheidungen als Mord anzusehen.

[gez.] Dr. G[...]

(Dr. G[...])

Med.Rat a.D.

Facharzt für Psychiatrie

u. Neurologie


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