1983 Jan 30 „Alltag im Nationalsozialismus in Troisdorf“, Redeentwurf i

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Genossinnen und Genossen!

In Paris vor dem Arc de Triomphe befindet sich das Grabmal des Unbekannten Soldaten. Politiker aus dem In- und Ausland, die Veteranen der französischen Armee gedenken vor der Flamme der vielen Toten, die in zwei unseligen Kriegen gefallen sind, darunter an einen, der von den Nationalsozialisten in ihr Land getragen wurde.

Wo gibt es in unserem Land die Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus? Wer kennt nicht die unwürdigen Streitereien um die Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg, um die Gedenktafel an den Mauern der Wewelsburg? Erst vor zwei oder drei Jahren hat die Stadt Bonn am Endenicher Kloster eine Gedenktafel anbringen lassen, die daran erinnert, dass dort Hunderte von Juden - auch aus dem Siegkreis, auch aus Troisdorf - untergebracht waren, bevor sie nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz abtransportiert wurden. Eine Liste von solchen Fast-Schon-Zu-Spät-Würdigungen liesse sich mühelos verlängern. Deswegen:

DIESE AUSSTELLUNG IST DEN OPFEPN DES NATIONALSOZIALISMUS GEWIDMET.

Nicht alle, die in Troisdorf von den Nazis verfolgt wurden, können in dieser Ausstellung genannt und dargestellt werden - zu gross ist ihre Zahl; nicht genannt werden auch die jüdischen Bürger Troisdorfs: sie und ihre Leidensgenossen aus dem Siegkreis sind das Thema der Ausstellung, die das Kreisarchiv in Siegburg in den nächsten Wochen eröffnen wird.

Den Opfern sind wir verpflichtet; ihr Schicksal - in den letzten 37 Jahren in Vergessenheit geraten - soll allen vor Augen geführt werden: Denjenigen, die damals, vor 40, 50 Jahren lebten und nichts hören, nichts sehen und erst recht nichts sagen wollten; denjenigen, die nach 1945 lieber die Helden des 20. Juli 1944 der Jugend vor Augen führten als den unbekannten Kommunisten oder Sozialdemokraten.

Den Opfern ist von Seiten ihrer Mitbürger zweifaches Unrecht widerfahren. Pastor Martin Niemöller hat es schon vor Jahren in folgende Worte gefasst:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Katholiken holten, habe ich nicht protestiert - ich war ja kein Katholik.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Zum zweiten Mal nach 1945, als die Opfer entweder mit kümmerlichen Renten abgespeist, totgeschwiegen oder hinter die späten, konservativen Widerständler ins zweite Glied gedrängt wurden. Die Marmorstatuen der römischen Kaiser wurden, wenn diese beim Nachfolger in Ungnade gefallen waren, mit dem Hammer demoliert; heutzutage werden die unliebsamen Zeugen der Vergangenheit in das Dunkel des Vergessen abgeschoben. Ein Bürger Troisdorfs schrieb uns verbittert:

,,Man wäre der Sache besser vor 30 Jahren nachgegangen. Da lebten in Troisdorf noch viele alte Parteigenossen; vielleicht können die sich noch erinnern, was mit den Juden in Troisdorf geschehen ist.“

Dieses Unrecht versuchen wir Jungen mit der Ausstellung wiedergutzumachen. Während der Vorbereitung der Ausstellung haben wir erfahren, wie sehr die Zeit zur Rehabilitierung der Opfer drängt: Zwei Troisdorfer Männer, die von den Nazis mit Schutzhaft und Folter verfolgt wurde, sind im September und Dezember gestorben. Beide haben noch von dem Plan der Ausstellung erfahren. Vielleicht hat es sie mit Genugtuung erfüllt zu erfahren, dass ihr Schicksal nicht ganz vergessen wurde.

Deswegen mochten wir besonders herzlich die begrüssen, die die NS-Zeit überlebt haben:

änne Dufeu, Agnes Klein, Willi Komorowski, Malli Lemmer, Erich Lemmer, Uli Toeppe, Frau Sattler, Herr Hamacher

Unser Gruss geht ebenso herzlich an die Angehörigen, die Frauen, Witwen und Kinder: Sie, die nur ganz selten in den amtlichen Akten erwähnt werden, haben zwar nicht die körperlichen Qualen wie ihre Männer oder Väter erlitten - Wer aber will abwägen, ob ihre Sorge, ihre Angst, ihre Verzweiflung geringer war als das Leid ihrer Männer oder Väter, die von der SA verprügelt wurden - in einem Fall sogar zu Tode?

Diesen Menschen sind wir zu Dank verpflichtet, auch dafür, dass sie der Ausstellung ihre Unterlagen zur Verfügung gestellt und bereitwillig Auskunft und Hilfe gegeben haben. An dieser Stelle sei ein dringender Appell an die Stadtväter gestattet: Das Aktenmaterial, über das unsere Stadt verfügt, befindet sich - wie wir feststellen mussten - in einem desolaten Zustand: In einem zugigen, feuchten Keller der Burg Wissem droht der bescheidene Bestand unter altem Laub und feuchtem Schmutz, zerfleddert und ungeordnet zu verrotten. Es wäre ein Schlag in das Gesicht der Lokalforschung, wenn hier nicht dringend Abhilfe geschaffen wird.

WAS WILL DIE AUSSTELLUNG DEM BESUCHER SAGEN ?

Die Ausstellung will in ihren zehn Kapiteln zunächst einmal beschreiben, wie es gewesen ist. Für den jüngeren Besucher ist es sicher interessant, die verschiedenen Schriftstücke durchzulesen. In unserer Auswahl - und es ist eine Auswahl aus dem Vorhandenen - habe wir die besonders aussagekräftigen Dokumente vorgestellt. Es spricht unseres Erachtens für sich, wenn der preussische Innenminister Göring die Polizisten ermuntert, auf Flugblattverteiler nur ja zu schiessen; es spricht für sich, wenn das Oberkommando der Wehrmacht die russischen Kriegsgefangenen wie das Vieh auf dem Gesäss tätowieren lässt. Niemand soll noch sagen können, er habe von all dem nichts gewusst, Troisdorf sei ein himmelblaues Eiland im braunen Ozean gewesen.

Die Ausstellung will mit ihren überleitungen, Vorspannen und Kommentaren aber auch zeigen, was dahinter steckt, was gemeint war, wenn von ,,Schutzhaft“ die Rede war.

Allen Kritikern sind wir für ihre Mitteilungen dankbar. Die Ausstellung versteht sich nicht als fertiger Produkt privater Forschungen, sondern als Prozess, als Anstoss zur Diskussion und Auseinandersetzung. Nicht zuletzt steht der Arbeitskreis für Führungen zur Verfügung.

Vor Jahren erregte ein Buch beträchtliches Aussehen Unter dem Titel „Was ich über Hitler weiss“ war das Wissen einiger hundert Jugendlicher über den Nationalsozialismus ausgebreitet worden. Es zeigte neben schlichten Fehlern (Hitler der erste Bundeskanzler u.ä.) stellenweise ein erschreckend positives Bild von der NS-Zeit. In einem Brief an die Lehrer dieses Landes hat der Kultusminister nun auf die Bedeutung hingewiesen, die der schulischen Erziehung bei der Behandlung des Faschismus zukommt. Herr Girgensohn zitiert den Anfang des bekannten Aufsatzes von Theodor W. Adorno aus dem Jahre 1966: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“

DAS IST DAS DRITTE ANLIEGEN DER AUSSTELLUNG:

Wach machen, hellhörig machen nicht nur gegen die ewig Gestrigen, sondern auch gegen neue, moderne Formen des Beiseiteschiebens:

Zum Schluss noch einmal Adorno aus dem eben genannten Aufsatz:

„Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie ...; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“

Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


iSammlung Flörken.