1985 Mai 08 Eröffnung Ausstellung „Alltag im Dritten Reich in Troisdorf“, Redeentwurf i

Die Ausstellung, die der stellvertretende Bürgermeister Herr Klassmann soeben eröffnet hat, wird manchem Besucher bekannt vorkommen. In der Tat, der Kern der Ausstellung, die von den Jungsozialisten und mir zusammengestellt wurde, ist am 30. Januar 1983 an derselben Stelle von Ministerpräsident Johannes Rau eröffnet worden - damals zur Erinnerung an den Beginn der Naziherrschaft, heute zur Erinnerung an die Befreiung vom Hitler-Faschismus vor 40 Jahren.

Sie sehen heute die Ausstellung vor allen Dingen ergänzt um die Tafeln „Juden“ und „Euthanasie“. Das erste Thema war damals bewusst ausgespart worden, weil die Ausstellung des Siegkreises „Juden an Rhein und Sieg“ unmittelbar bevorstand. Das Thema „Euthanasie“ kam damals nicht vor, weil zu der Zeit noch keine Unterlagen entdeckt worden waren. In den beiden vergangenen Jahren ist es gelungen, das Schicksal von sechs Troisdorfern bis zu ihrer Ermordung in sogenannten „Heil- und Pflegeanstalten“ einigermassen zuverlässig zu dokumentieren. Die tatsächliche Zahl der bedauernswerten Kranken ist noch nicht ermittelt, sie könnte durchaus doppelt so hoch sein.

Wie Sie an diesem Beispiel sehen, ist die Erforschung der NS-Zeit noch längst nicht zu Ende, zu viele Unterlagen werden noch entdeckt, zu viele Zeitzeugen und überlebende beginnen, ihr Wissen der Nachwelt zur Verfügung zu stellen. (Odenthal). Diese Ausstellung unternimmt nicht den Versuch, historisch darzustellen und aufzuarbeiten, wie es zum Nationalsozialismus kam und wie er sich entwickelte. Schon der Anspruch, dies leisten zu wollen, erscheint in den Augen der Aussteller vermessen. Es soll hier nicht um einen allumfassenden historischen überblick gehen - den wird sich der politisch und geschichtlich Interessierte bereits verschafft haben - sondern darum, darzustellen, wie Nationalsozialismus in einem überschaubaren Lebensraum gewirkt hat. Es geht darum, zu verdeutlichen, dass Troisdorf nicht in einer anderen Welt lag, sondern Teil einer Entwicklung war, die das ganze deutsche Reich ergriffen hatte. Die Ausstellung bemüht sich, exemplarisch Ideologie und Herrschaftsmethoden des Nationalsozialismus darzulegen, so wie sie sich in alltäglicher Form in dieser Gemeinde zeigten. Es geht darum zu zeigen, dass die Bewohner dieser Gemeinde keine besseren oder schlechteren Deutschen waren als die anderen; allerdings soll auch gezeigt werden, dass niemand, der mit offenen Augen den Alltag der damaligen Zeit erlebt hat, noch immer behaupten kann, nichts gewusst zu haben, denn der Nationalismus griff in Troisdorf in alle Lebensbereiche und alle Personengruppen ein.

Und so zeigt sich auch in Troisdorf das Prinzip der Gewalt als die eigentliche Herrschaftsgrundlage des Nationalsozialismus. Die rasche und totale Konzentration der Macht in den Händen der Nationalsozialisten wäre allerdings nicht möglich gewesen ohne die bereitwillige Mitwirkung von Führungskräften in Bürokratie, Justiz, Armee und Polizei, ohne die eilfertige Anpassung von Presse und Rundfunk und ohne weitgehende und geflissentliche Selbstgleichschaltung in allen Lebensbereichen. Hinzu kam die Kapitulation der bürgerlichen Parteien, in unserer Stadt sichtbar an der Zustimmung des Zentrums zur „Adolf-Hitler-Strasse“ und zur Ehrenbürgerschaft Hitlers. Die Demokratie geht eben nicht in Riesenschritten, sondern zentimeterweise zugrunde.

Was uns heute, 40 Jahre nach dem Mai 1945, eigentlich genauso brennend interessiert, ist die Frage: Gab es 1945 einen Neuanfang oder ein Weitermachen?

Manches spricht für das erste, vieles aber auch für eine böse Kontinuität: Bürgermeister Langen, seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP, wurde nach dem Krieg zum Gemeindedirektor wiedergewählt. Der Arzt, der 1934 - nach meinem Dafürhalten - allzu leichtfertig bei Martha auf Schizophrenie diagnostiziert hatte, war nach 1954 noch zehn Jahre lang Leiter desselben Bonner Landeskrankenhauses, in dem er in den dreissiger Jahren „gewirkt“ hatte. Und Leonhard, als Kommunist 1933 im SA-Heim, wurde 1956 als Kommunist wieder verhaftet.

Wer hat hier nichts dazu gelernt ?

Zum Schluss Dank:

Kreisarchiv und HStAD, Amtsgericht Siegburg, Gesundheitsamt der Stadt Köln, an Carsten und Klaus.


i Sammlung Flörken.