1992 Mai 21 Evdokija M. Romazanova an N.F. / R.D. i

Lieber [...]

Es schreibt Ihnen der Sohn der Romazanova Evdokija Michailovna, Romazanov Valerij. Ich schreibe Ihnen im Namen meiner Mutter. Meine Mutter und die ganze Familie drücken Ihnen ihre herzliche Dankbarkeit aus für Ihren Brief. Sie ist sehr gerührt über die für sie gezeigte Aufmerksamkeit, aber sie hat mich gebeten, für sie zu schreiben, da das alles für sie schmerzhafte Erinnerungen sind. Meine Familie weiss aus den Erzählungen der Mutter, wie es im Lager in Ihrem Land war. Deswegen bemühe ich mich, Ihnen alles das zu erzählen, woran sich meine Mutter jetzt [noch] erinnert nach fast 50 Jahren. Jetzt ist nicht mehr so viel in ihrem Gedächtnis übrig geblieben, da sie 1993 70 Jahre vollenden wird.

Es war also alles so: ich schreibe im Namen meiner Mutter.

Ich wurde am 15. Januar 1923 im Dorf Sytaja Buda, Kreis Klimov, Bezirk Brijansk, geboren. Ich wuchs auf, ging zur Schule, lebte bei den Eltern mit noch zwei Schwestern. Aber dann fing der Krieg an, und es begann die schrecklichste Zeit meines Lebens. Der Vater ging in den Krieg und verschwand bald spurlos. Seither weiss niemand, wo er umkam und wo sein Grab ist. Meine Mutter blieb zurück mit drei Töchtern. Die Faschisten kamen ins Dorf und brannten es fast völlig nieder. Im Dorf blieben nur die Greise, die Frauen und die Kinder zurück. Aber im November 1942iifingen die deutschen Soldaten an, die kräftigen und gesunden Mädchen und jungen Frauen für Deutschland zu sammeln. Mit mir zusammen aus meinem Dorf waren die Mädchen Nina NIKOLAJENKO, Tatjana GOLOVAN, Nina FEDOCEJENKO, meine liebe Freundin Anja SALNIKOVA aus der Stadt Klimov des Brijansker Bezirks. Sie wurden im geschlossenen Militärzug weggeführt, wohin - keiner wusste es - alle dachten: in den Tod. Wir waren erst 19, und man führte uns aus der Heimat weg.

Man führte uns in die Stadt Bromberg, brachte uns in einer Baracke unter, und wir fingen an zu arbeiten. Das war sehr harte Arbeit in einer Fabrik oder einem Werk. Dort standen grosse Maschinen, und die Frauen schütteten irgendeine graue Masse hinein, aus den Maschinen kam schwarz-graues Leinen heraus, sehr giftig, was sie auf Rollen aufrollten und in Lager trugen, die sie Türme nannten. Wir hatten nichts ausser unseren Händen. Es gab weder Bleistift noch Papier, um sich gegenseitig die Adressen aufzuschreiben, oder einen Brief nach Hause zu schicken. 3 Jahre lang wusste die Mutter nicht, wo ich war und ob ich lebte. Sie war nach dem Tod meines Vaters ergraut, und als man mich nach Deutschland wegführte, wurde sie sehr krank.

Dann wurden wir, eine Gruppe von einigen Personen, in eine andere Stadt geschickt, nach Troisdorf. Hier lebte ich auch in Baracken und arbeitete auf einem Chemiewerk. An Zerkleinerungsmaschinen habe ich Papier zermahlen, dann in einen Behälter mit Säure zur Verarbeitung geschüttet. Ich erinnere mich, dass das ein Chemiewerk war - sehr schädlich für die Gesundheit. Aber man arbeitete dort vom frühen Morgen bis zur Nacht. Wir kamen nach Hause, schliefen in der Nacht und gingen morgens früh wieder zur Arbeit. So 3 Jahre. 3 Jahre, die wie ein Jahrhundert erschienen, fern von der Mutter, der Heimat und von allem Heimatlichen. Mit mir haben auch andere Leute gearbeitet: Belgier und Polen. Mit mir arbeitete eine zerbrechliche Frau, Sofia; an ihren Familiennamen kann ich mich nicht erinnern. Das Arbeiten fiel ihr schwer. Aber man musste leiden und überleben.

Ich lebte nur durch Hoffnung und Glauben. Hoffnung und Glaube haben mich gerettet. Am 8. März 1945 fing die Besetzung [Beschiessung ?] der Stadt durch die Amerikaner an. Sie bombardierten sehr stark, warfen Phosphor ab, alles brannte. Es war die Hölle! Die Amerikaner besetzten die Stadt mit Panzern. Am 11. April erklärte man uns, dass alles zu Ende sei. Natürlich war das einer der glücklichsten Tage in meinem noch nicht langen Leben. Dann fing man an, uns nach Hause zu schicken; in der Heimat kam ich erst am 1. September 1945 an. 3 Jahre meines jungen Lebens habe ich Eurem Land gegeben, aber ich sah nichts und kenne nichts von Deutschland, da es nur zu arbeiten galt und Gedanken ans überleben zu pflegen.

Als ich nach Hause zurückkam, musste ich von Null anfangen, da alles zerstört war und ich keinen Vater mehr hatte. Ich arbeitete, arbeitete, arbeitete. Im Jahre 1949 heiratete ich und wurde Frau Romazanova. 1950 wurde der Sohn Valerij geboren. 1956 verzogen die Familien in die Stadt Gukovo im Bezirk Rostov. Wir brauchten Geld um zu leben, und mein Mann ging ins Bergwerk, um Steinkohle zu fördern. Das war damals eine sehr gefährliche Arbeit. Viele Bergleute kamen um. Und das Unglück liess auch unsere Familie nicht aus. Im Jahre 1958 passierte im Bergwerk ein Bergsturz auf der Sohle, und mein Mann erlitt eine Verletzung der Wirbelsäule. Es passierte das Schreckliche: Die Beine funktionierten nicht mehr. Und so wurde er lebenslang Invalide. Mein Sohn war 8 Jahre, mein Mann Invalide. Ich hatte kein leichtes Leben und verrichtete sowohl Männer- wie Frauenarbeiten. Mein Mann konnte nur sitzen und liegen. Ich zog unseren Sohn auf. Er lebte seit 1974 mit seiner Familie in der Stadt Brest in Weissrussland. Ich lebe noch hier in der Stadt Gukovo im Bezirk Rostov. Mein Mann Pavel litt sehr unter seiner Krankheit, aber ich brachte ihn - so gut ich konnte - durch, da der Sohn doch einen Vater brauchte. Der Sohn war auf den Vater stolz, der Vater auf den Sohn. 1986 starb mein Mann. Ich blieb allein zurück und wurde alt und krank. Wahrscheinlich werde ich bald zu meinem Sohn fahren, um in dessen Familie zu leben, doch ich habe keine Kraft mehr. Ich brauche Unterstützung. Andererseits von hier wegzufahren, wo ich 36 Jahre lebte, ist sehr schwer. Das also ist mein nicht leichtes Leben. Und wenn der Krieg nicht gewesen wäre. ...

Liebe Freunde, ich bin Euch unendlich dankbar für Eure Briefe. Ich warte auf weitere Briefe, schreibt sie an meinen Sohn in der Stadt Brest. Ich würde sehr gerne zu Euch nach Troisdorf kommen, über Euer Land gehen, sehen, wie Ihr lebt. Aber allein kann ich das natürlich nicht machen. Meine ganze Stütze ist jetzt die Familie meines Sohnes. Er hat zwei Kinder, eine Tochter von 19 und einen Sohn von 12. Ich schicke Euch ein Foto, aufgenommen in Bromberg am 16.Juni 1944. Ich wurde im Lager fotografiert. Auf dem Foto befindet sich die Aufschrift, dass es das Lager Nr.6 war.

Auf dem anderen Foto bin ich mit der Enkelin Ljudmila und meinem Mann im Jahre 1985 im Sommer. Wenn Sie es wünschen, so können Sie bitte meine Fotos und die Geschichte publizieren.

mit Hochachtung/Verehrung für Sie (verbleibe ich)

GOLOVAN Evdokija Michailovna - ROMAZANOVA

21.05.1992.

iübersetzung von Herrn Richard Decker.


iiVom Briefschreiber schon verbessert aus 1943.