1993 Jan 30 „In Troisdorf wird es keinen Stellenabbau geben“ i

Dynamit Nobel legte Jahresbilanz '92 vor — Gute Perspektiven mit Airbag und Gurtstraffer

Von Agnes Keizers

Köln. Konjunkturabschwung, Kursverfall vieler Währungen und ein härterer Preiswettbewerb machen der Dynamit Nobel AG (DN) zu schaffen: „Im Rumpfgeschäftsjahr 1992 haben wir unsere Ziele nicht voll erreicht“, bilanzierte Vorstandsvorsitzender Dr. Axel Homburg gestern in Köln. Dennoch: Verhalten optimistisch klingt die Prognose der DN für das Geschäftsjahr 1992/93.

Der Konzern gibt sich gewappnet: Mit den im vergangenen Jahr übernommenen neuen Tochtergesellschaften, der Cerasiv GmbH und der Chemetall GmbH, der Stärkung des Eigenkapitals und einer breiteren Produktpalette verfüge die DN jetzt insgesamt, so Homburg, über eine ausgewogene Konzernstruktur. Die mildere die Abhängigkeit von konjunkturellen Schwankungen einzelner Industriezweige.

Die vorgelegte Jahresbilanz 1992 war gewissermassen ein „Rumpfmodell“: Die übernahme der DN durch die Frankfurter Metallgesellschaft bedingte die Anpassung an deren Geschäftsjahr-Rechnung, so dass in der DN-Bilanz '92 der Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. September massgeblich war. Der weltweite Umsatz der DN erreichte in diesen neun Monaten 2,18 Milliarden Mark. Alle vier Geschäftsfelder - das sind Sprengmittel, Kunststoffe, Hochleistungskeramik und, quasi als „neues Kind des Konzerns“, die Spezialitätenchemie - hätten ein positives Ergebnis erwirtschaftet.

Positiv entwickelten sich unter anderem die Medizinkeramik und Technik. Ein Beispiel: Die DN lieferte bis dato mehr als eine Million Keramikkomponenten für Hüftgelenke. Auch die Sparte der Gesteinssprengstoffe, Vor- und Zwischenprodukte für den Pharmabereich, der Umsatz von Lithium-Produkten und der Markt für die Airbag-Systeme in Autos sind im Aufwind. „Insgesamt bieten sich für die neue Produktlinie Fahrzeugsicherheitssysteme gute Wachstumsperspektiven“, sagte Homburg. So sei mit dem Einsatz von neuen Gasgeneratoren für Gurtstraffer ab Mitte 1993 zu rechnen.

Von der Expansion beim Airbag profitiert insbesondere das DN-Werk in Troisdorf, das die notwendige Chemikalie Natriumazid produziert. „Die Kapazitäten sind voll ausgelastet. In Troisdorf wird es in 92/93 keinen Stellenabbau geben“, sagte Homburg. Dafür dürfte auch der neue Grossauftrag aus Rumänien sorgen (der GA berichtete). Er umfasst, wie gestern bekannt wurde, den Jahresbedarf an schlagwettersicheren Zündern für den rumänischen Steinkohlebergbau. Das Auftragsvolumen umfasse rund 20 Prozent vom Jahresumsatz der Zündfabrik. „Damit wird die Auslastung in Troisdorf stabilisiert.“

„Sorgenkinder“ des Konzerns ergeben sich aus der Flaute in der Automobilindustrie, in einzelnen Zweigen der Maschinenbau- und Chemieindustrie sowie aus dem Rückgang des inländischen Steinkohlebergbaus. Die Abrufe der Automobilindustrie hätten sich, so Homburg, ab Jahresmitte zusehends beruhigt. Allerdings gebe es bei den Kunststoff-Formteilen neue Aufträge aus der Fernsehindustrie, der Daten- und Kommunikationstechnik.

Der „stark reduzierte Bedarf im Bereich der Nato“ und bei der Bundeswehr führten zu Umsatzeinbussen bei kleinkalibriger Munition und übungsmunition. Der Konzern setzt verstärkt auf die Weiterentwicklung ziviler Produkte. Die Sparte „Wehrtechnik“ mache, so Homburg, „heute nur noch etwa 15 Prozent am Gesamtumsatz aus“.

Ausblick: „Insgesamt gehen wir in 92/93 von einem Umsatzrückgang von zehn Prozent aus“, rechnet Homburg. Negativen Auswirkungen des konjunkturellen Abschwungs werde man durch verstärkte Rationalisierungsbemühungen und durch „entsprechende Anpassungsmassnahmen in den betroffenen Werken“ begegnen.

Homburg sprach vom „konjunkturscharfen Nachfahren auch in der Beschäftigung“. Die DN zählt weltweit 12.319 Mitarbeiter. Der Personalstand werde „vielleicht um 50, vielleicht um 100 Mitarbeiter“ reduziert, aber „es wird keine spektakuläre Grössenordnung sein“.

iGeneralanzeiger Bonn, 30.01.1993.