2000 Jan 25 „Zahlen für die Zwangsarbeit ?“ i

Unternehmen aus dem Kreis mit unterschiedlicher Haltung zum Entschädigungsfonds

Rhein-Sieg-Kreis - Dynamit Nobel und Klöckner-Mannstaedt in Troisdorf, Lemmerz in Königswinter, Boge in Eitorf immer häufiger tauchen diese Namen in den Listen der Firmen auf, die während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt haben sollen, sich aber angeblich nicht am unlängst ausgehandelten Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft für die Opfer beteiligen wollen. Erst am Wochenende beklagte etwa Klaus Zwickel, Chef der IG Metall, die bisherige Beteiligung sei „erbärmlich“. Viele Firmen leugneten ihre Mitschuld und verhöhnten die Opfer ein zweites Mal, so der Gewerkschaftsfunktionär.

Allein der Sprengstoffhersteller Dynamit Nobel soll nach den Recherchen der Gewerkschaft insgesamt 8075 Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Derart hohe Zahlen werden allerdings von der bisherigen Forschung bei weitem nicht gedeckt, der Heimatforscher Norbert Flörken („Troisdorf unter dem Hakenkreuz“) etwa weiss von 457 Ausländern, die zwischen 1939 und 1945 im gesamten Troisdorfer Stadtgebiet (allerdings ohne Sieglar) gemeldet waren. Doch an der Tatsache, dass die damalige „Sprengstoff AG“ Ausländer, Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter in ihren Werken in Troisdorf und Sieglar eingesetzt hat, besteht kein Zweifel. Seit Jahren gilt hier jedoch die Sprachregelung: „Die DN in ihrer heutigen Form hat keine Zwangsarbeiter beschäftigt.“ Auf keinen Fall sei man Rechtsnachfolgerin der damaligen Sprengstoffwerke, so Unternehmenssprecher Ulrich Hopmann. In der Tat ist die heutige DN eine Neugründung nach mehrfacher Umstrukturierung des Unternehmens, die Vorgängerfirma wurde in den 80er Jahren an die Hüls AG verkauft.

Ja, man habe einen Teil der Geschäftsaktivitäten von der DN übernommen, bestätigte Wolfgang Pohl, der Sprecher der erst 1990 gegründeten HT Troplast AG, Ungeachtet der Tatsache, dass man erst zehn Jahre alt sei, beteilige sich das Unternehmen jedoch über die direkte Konzernmutter Rüttgers AG und deren Mutter RAG bereits am Entschädigungsfonds: „Die RAG war bei den ersten Unterzeichnern dabei“, so Pohl. Die zugesagte Zahlung gelte auch für sämtliche Konzerntöchter.

Erheblich zurückhaltender gibt man sich bei der Hayes Lemmerz Holding in Königswinter: Auch die Lemmerz-Werke, traditionsreicher Hersteller von Autorädern, sollen während des Zweiten Weltkriegs bis zu 150 Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Sämtliche Nachfragen zu diesem Thema werden jedoch vom auf Anonymität bestehenden Firmenjustitiar abschlägig beschieden: „Kein Kommentar“, so die Standardantwort des Juristen.

Auf Offenheit setzt man dagegen bei der Mannesmann Sachs AG in Düsseldorf, der heutigen Eigentümerin des Autozulieferers Boge in Eitorf. Seit geraumer Zeit untersucht Horst A. Wessel, Wirtschaftshistoriker und Leiter des Mannesmann-Konzernarchivs, in welchen Bereichen Zwangsarbeiter eingesetzt waren. „In Eitorf hatten wir etwa 140 Fremdarbeiter“, so Wessel. Darunter seien 15 Niederländer, acht Belgier sowie rund 20 Arbeiter aus Polen und der Sowjetunion gewesen. „Sie waren oft noch sehr jung, teilweise erst 16 Jahre alt.“

Untergebracht wurden die Zwangsarbeiter - zu denen auch 15 Kriegsgefangene zählten - in Baracken auf dem Firmengelände. Ihre Bezahlung habe sich am normalen Lohn orientiert. Natürlich beteilige man sich am Entschädigungsfonds, so der Archiv-Leiter schon wegen des ausgedehnten USA-Geschäfts der Mannesmann AG: „Da stehen wir unter Druck.“

Dass man zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiter beschäftigt hat, will man auch bei den Mannstaedt-Werken im Troisdorfer Stadtteil Friedrich-Wilhelms-Hütte nicht abstreiten - schliesslich empfing das Unternehmen in den vergangenen Jahren ganz offiziell ehemalige „Mitarbeiter“ wie den Italiener Giuseppe Poggesi, der als Kriegsgefangener 19 Monate bei Mannstaedt „kriegswichtige Güter“ herstellen musste. Doch hier beruft man sich ebenfalls auf Nichtzuständigkeit: Man habe sich in dieser Sache bereits an die Stahlwerke Bremen gewandt, dem nach mehrfachem Eigentümerwechsel heutigen Rechtsnachfolger der damaligen Klöckner-Werke AG, sagte Mannstaedt-Geschäftsführer Heinz Deiterding gestern. „Wir sind uns der historischen Verantwortung bewusst, können aber die unmittelbare Verantwortung für das erlittene Unrecht nicht übernehmen.“

Christian Hümmeler

iRhein-Sieg-Anzeiger, 25.1.2000.