2001 Feb 09 „Dynamit Nobel baut seine Chemiesparte aus“ i

INDUSTRIE Weitere Zukäufe für die Pharmaproduktion werden nicht ausgeschlossen. Keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Standort Troisdorf. Muttergesellschaft mg technologies mit vorsichtigen Prognosen

Von Peter Schneider und Rolf Obertreis

TROISDORF/FRANKFURT. Die Neuausrichtung der Troisdorfer Dynamit Nobel AG (DN) - weg von der Sprengstofftechnik hin zur Spezialchemie - geht weiter. Nach dem Verkauf des traditionellen Zündergeschäftes an den australischen Weltmarktführer Orica Ende vergangenen Jahres kauften die Troisdorfer jetzt ihrerseits ein französisches Chemieunternehmen. Wie Dynamit Nobel gestern mitteilte, handelt es sich um die Sylachim S.A., eine Tochter des französischen Pharmakonzerns Sanofi-Synthelabo.

„Der Kauf ist Teil unserer Strategie, neue Wachstumsmärkte zu erschliessen“, sagte gestern Dynamit-Nobel-Pressesprecher Ulrich Hopmann auf Anfrage. Einer dieser Märkte sei die Spezialchemie für den sogenannten Life-Science-Bereich - also Gesundheitsprodukte. „Wir drehen keine Pillen“, so der Sprecher. Vielmehr beschäftige sich DN mit „komplen Reaktionen und Synthesen“, deren Ergebnisse als Vorprodukte an die Pharmaindustrie verkauft werden. Durch den Kauf von Sylachim würden neue Technologien für DN nutzbar und zugleich ein neuer Kundenstamm erreicht, so Hopmann. Weitere übernahmen schloss er nicht aus. Vor allem kleinere Standorte und Unternehmen stünden zur Disposition. Und Dynamit Nobel hat nach den Worten Hopmanns einiges vor: „Wir wollen an die Weltspitze.“

Wie viel die übernahme kostet, wollte Hopmann gestern nicht sagen: „Darüber haben beide Vertragspartner Stillschweigen vereinbart.“ Sylachim beschäftigt 350 Mitarbeiter an zwei Standorten bei Lyon und im Süden Frankreichs. Das Unternehmen wird am 1. März der DN-Tochter Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik (DNES) mit Sitz in Troisdorf angegliedert. Dort werde sich durch die übernahme nichts ändern. Durch den Verkauf des Zündergeschäfts zöge ein neuer Herr ins Haus, so Hopmann. Stellenstreichungen werde es aber nicht geben, hatten Orica und DN vereinbart.

Der Umsatz in der Sparte Spezialchemie wächst durch den Zukauf von Sylachim um etwa 80 Millionen auf rund 220 Millionen Euro. Ausserdem gehört zu Sylachim ein Handelsgeschäft mit einem Umsatz von 35 Millionen Euro. Die DNES hat ihre Aktivitäten unter dem Marketing-Begriff „Dynamic Synthesis“ gebündelt. Dazu gehören die DN-Spezialchemie in Leverkusen-Schlebusch und die Rohner AG in Pratteln/ Schweiz. Der gesamte DNES-Umsatz lag im Jahr 2000 bei 383 Millionen Mark.

Das Mutterunternehmen Dynamit Nobel AG ist Teil der mg chemical group in der mg technologies AG. Im vergangenen Geschäftsjahr beschäftigte DN weltweit 16 225 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro. Die Konzentration auf die Spezialchemie liegt auch im Interesse der Muttergesellschaft mg technologies, der ehemaligen Metallgesellschaft. Bereits 35 Prozent ihres Gesamtumsatzes erwirtschaftet mg in der Sparte Spezialchemie. In drei Jahren soll es die Hälfte sein. Insgesamt hat die mg für das Life-Science-Geschäft seit 1998 für rund zwei Milliarden Euro Unternehmen gekauft.

Nach sechs Geschäftsjahren in Folge mit zweistelligen Steigerungsraten beim Gewinn, ist man bei mg für das laufende Jahr vorsichtiger geworden. Vorstandschef Kajo Neukirchen spricht nur von einer Umsatz- und Ergebnissteigerung. Hintergrund sei die Konjunkturabschwächung in den USA, die unklaren Aussichten in Europa und der stärkere Euro, der die Exporte verteuert. Der Umsatz der mg im ersten Quartal schrumpfte um vier Prozent auf gut zwei Milliarden Euro. Das Geschäftsjahr 1999/2000 war nach Angaben von Neukirchen wegen der überraschenden Schieflage im Grossanlagenbau „schwierig, aber erfolgreich“. Der Umsatz kletterte um 18 Prozent auf rund 8,8 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Steuern legte um 47 Prozent auf 279 Millionen Euro zu. Beim Jahresüberschuss gab es ein Plus von 52 Prozent auf 192 Millionen Euro. Die mg beschäftigte 2000 weltweit rund 38 400 Mitarbeiter, sieben Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

iGeneralanzeiger Bonn, 9.2.2001.