2004 Aug 07 „über Generationen gut für ein geflügeltes Wort“ i

Eine wechselvolle Geschichte auch mit Schattenseiten

Dynamit Nobel sorgte für Arbeitsplätze und einen weltweiten Ruf, machte aber auch Negativ- Schlagzeilen.

VON KLAUS SCHMITZ

Troisdorf - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Obwohl profitabel, trennt sich der Frankfurter Mischkonzern MG Technologies von der Tochter Dynamit Nobel (DN). Der US-amerikanische Spezialchemiehersteller Rockwood übernimmt die DN-Sparten Hochleistungskeramik, Spezialitätenchemie, Pigmentchemie und Kundensynthese. Für die Stadt bedeutet das sich abzuzeichnende Ende von Dynamit am Standort Troisdorf neben dem wirtschaftlichen Verlust auch einen Prestigeabbau.

Das Unternehmen trug schliesslich dazu bei, dass sich aus einem verschlafenen Nest die nach Einwohnern grösste Stadt im Rhein-Sieg-Kreis entwickeln konnte. Der Buchstabe „T“ auf den Zündern von Dynamit Nobel signalisierte weltweit Troisdorf als Herkunftsort. Die von DN entwickelten Kunststoffprodukte von Trocat, Trovidur, Trolitax, Trocellen - das „Tro“ in den Namen stand dabei immer für Troisdorf - wurden weltbekannt. Schon 1935 wurde am Standort Troisdorf der weltweit erste homogene PVC-Bodenbelag unter dem Namen Mipolam eingeführt. Zwei Jahrzehnte später kam von hier das erste Kunststofffenster der Welt auf den Markt.

Viele Jahrzehnte waren Dynamit Nobel und die Stadt Troisdorf eng miteinander verbunden. „Ich gehe auf die Pulver“ war über Generationen hinweg ein geflügeltes Wort. Denn die traditionsreiche Geschichte des Unternehmens begann mit einem Entschluss von Emil Müller, Generaldirektor der Kölner Rheinisch-Westfälischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft AG (RWS), am Rande der Wahner Heide Land für eine Zündhütchenfabrik zu erwerben.

Mit 65 Beschäftigten in 30 Gebäuden wurde 1886 die Produktion in der Zündhütchenfabrik (Züfa) aufgenommen. Das Unternehmen florierte. Um die Jahrhundertwende war die Zahl der Mitarbeiter auf 500 gestiegen. Die Sprengkapseln, mit denen das von dem Schweden Alfred Nobel entwickelte Dynamit Nobel gezündet werden konnte, hatten einen hervorragenden Ruf.

Ob sich Nobel und Müller persönlich kannten, ist nicht geklärt. Auf jeden Fall „explodierte“ die Gesellschaft, die Anfang der 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem von Alfred Nobel gegründeten Hamburger Unternehmen Dynamit-Actien-Gesellschaft (DAG) zusammengeführt wurde. Bald darauf wurde der Firmensitz der DAG von Hamburg nach Köln, dann nach Troisdorf verlegt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen, nun Dynamit Nobel AG (DAG), seine Produktion in Troisdorf ausgeweitet. Mit der Verarbeitung von Nitrozellulose zu Zelluloid hatte die RWS bereits 1905 das Kunststoffzeitalter eingeläutet. Unter anderem weitete sich die einstige „RWS“ zu einer der europaweit grössten Zelluloid-Fabriken.

Als nach dem Ersten Weltkrieg keine Zündhütchen mehr produziert werden durften, beschäftigten sich die Ingenieure verstärkt mit der Entwicklung neuer Kunststoffe. Der neue vollsynthetische Kunststoff diente zur Herstellung von Fussböden, Behälter und Folien, in der so genannten „weichen“ Form sogar für Regenmäntel. über die Jahre wurde DN grösster PVC-Hersteller auf dem Kontinent.

Ulrich Hopmann, der bis zu seinem Abschied Anfang diesen Jahres dem Unternehmen 33 Jahre angehörte - zuletzt als Pressesprecher: „Dynamit Nobel war zu einem Unternehmen herangewachsen, das Troisdorf weltweit bekannt machte.“ Als Hopmann 1971 eintrat, arbeitete für DN 17.400 Frauen und Männer, davon 6.200 in Troisdorf. Ende 2003 hatte der DN-Konzern 12.831 Mitarbeiter, davon nur noch ganze 150 in Troisdorf.

Die Unternehmensgeschichte hat auch Schattenseiten. Es gab Explosionen mit Toten und Verletzten. Zwangsarbeiter (Heimatkundler Norbert Flörken spricht von 33), die so genannte VC-Krankheit, ausgelöst vermutlich durch den Rohstoff PVC. Wie viele Menschen von der lebensgefährlichen Krankheit betroffen waren, bleibt im Dunkeln. Mitte der 70er Jahre stellte DN die Produktion des Stoffs ein.

Eines wurmt Hopmann noch heute: nämlich die Vorwürfe und juristischen Auseinandersetzungen um den Einsatz von bei DN produzierten Minen im Bürgerkrieg in der Dritten Welt. Tatsächlich wurden für die Bundeswehr „wehrtechnischen Geräte“ produziert, allerdings nur Panzerabwehrminen, die sich nach einer gewissen Zeit selbst zerstörten. Diese Abwehrsysteme seien nie zum Einsatz gekommen, Exporte habe es nie gegeben, sagt Hopmann. Die von Kritikern angeführten Minen in Ländern der Dritten Welt (unter anderem Kambodscha und Angola), seien einfache, heimtückische Tretminen gewesen, hergestellt unter anderem in China. Zwar wird der Name Dynamit Nobel noch mit Explosivstoffen in Verbindung gebracht. Doch hat sich DN in den vergangenen Jahren von dieser Produktpalette verabschiedet. Spezialitätenchemie und hochwertige Keramik bestimmen heute das Programm. Vor allem aber Kunststoffe. Hier leistet das Unternehmen Pionierarbeit. Unter anderem wurde der erste Stossfänger aus dem synthetischen Material entwickelt, auch die erste Kunststoffaussenhaut für Autos - Stichwort „smart“.

Sollte sich der DN-Rumpf in absehbarer Zeit aus Troisdorf verabschieden, bleibt hier dennoch eine Erinnerung: Das Rathaus, in dem die Stadtverwaltung residiert, wurde 1980 von Dynamit Nobel als Bürohaus gebaut.

iRhein-Sieg-Anzeiger, 07.08.2004.