Stolpersteine gegen das Vergessen

Von MICHAEL HESSE, 19.08.07, 19:05h, aktualisiert 20.08.07, 11:56h

Troisdorf - In der Strasse "Im Grotten" wird an die ermordete jüdische Familie Meier erinnert. "Namen helfen gegen das Vergessen", so der Grundgedanke einer Initiative, die Opfern ein Stück ihrer Identität zurückgeben möchte.

Troisdorf - Der Mann klopfte unerlässlich mit dem Hammer die Steine in den Boden, schüppte mal Sand, mal Beton nach - "wegen des Grauschleiers", wie er einem kleinen Jungen sagte. "Was ist denn da los?", wunderte sich eine Frau im mittleren Alter, die auf einem Motorroller herbeigefahren kam. "Stolpersteine".

Die Frau drehte ab. Durch die Strasse konnte sie nicht fahren, denn dort hatte sich eine Menschenmenge versammelt. In ihrer Mitte fand sich der Künstler Gunter Demnig, der in der Strasse "Im Grotten 2" auf dem Bürgersteig Stolpersteine verlegte. "Namen helfen gegen das Vergessen", so der Grundgedanke einer Initiative der evangelischen Kirchengemeinde, die Opfern ein Stück ihrer Identität und damit Würde zurückgeben möchte. Die ins Trottoir eingelassenen Messingsteine waren der Anfang eines "Mosaiks", das sich über Troisdorf erstrecken soll. Denn für 25 bis 30 weitere Bürger sollen Steine ins "Gedächtnis" der Stadt eingemeisselt werden.

In jenem Haus hatte eine jüdische Familie gelebt, die durch die schändlichen Verbrechen der Nationalsozialisten ums Leben gekommen waren. Die Stolpersteine finden sich bereits in 200 deutschen Städten. Sie sollen jüdischen Opfern des Nationalsozialismus einen Teil ihrer Identität zurückgeben - wie eben jener Familie Meier. "Sie lebte einst »Im Grotten 27«", so Pfarrer Manfred Gross - heute ist es die Hausnummer 2. Im Jahr 1941 wurde Emanuel Meier, seine Frau Regina und Enkelkind Günter in das Lager Much gebracht. Emanuel Meier starb 71-jährig in Much im Jahr darauf. Sein Enkel und seine Frau wurden nach Maly Trostinec deportiert und nur kurze zeit später, am 24. Juli 1942, ermordet. Das Lager war Teil des bestialischen Plans der Nazis, den sie als "Endlösung der Judenfrage" begriffen.

Zumeist wurden die Deportierten zunächst nach Minsk, dann in das Lager Trostinec gebracht. Die Menschen wurden dort zumeist erschossen. Zusätzlich zu den Erschiessungskommandos setzte die SS vier Gaswagen im Gebiet Minsk ein. In Maly Trostinec tötete man in diesen Wagen ab Juni 1942. Die einheimische Bevölkerung bezeichnete diese Wagen als "Seelentöter".

Die Stimmung der Menschen in der Strasse wirkte unentschlossen. Sie schauten einer Kunst im Werdeprozess zu. Kaum war der Künstler fertig, beugten sich die Ersten über die Steine. Wer lesen will, verneigt sich zugleich vor den Opfern. Der Abend war lieblich mit blauem Himmel und kleinen Wölkchen. Es wäre schön gewesen, wäre es nicht so traurig gewesen.


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