Die Musen in Bonn

Die Schönen Künste am Rhein

MuseZuständigkeit
EratoLiebesdichtung
EuterpeLyrik und Musik
KalliopeEpische Dichtung
KlioGeschichte
MelpomeneTragödie
PolyhymniaHymnendichtung
TerpsichoreTanz
ThaliaKomödie
UraniaAstronomie

Bonn darf sich mit einigem Recht eine Stadt der Musen nennen – und ist dafür nicht einmal auf seinen berühmtesten Sohn, den Komponisten Ludwig van Beethoven, angewiesen. Schon vor ihm war Bonn, die Residenzstadt der Kölner Kurfürsten, als Stätte der Musik, der Oper und des Theaters bekannt, durchaus vergleichbar mit der Residenz Mannheim.

Klio – Geschichtsschreibung

Die Geschichtsschreibung, d. h. die schriftliche Fixierung besonderer oder alltäglicher Ereignisse, ist seit der Antike eine etablierte Textform. Ihre ersten großen Vertreter waren bei den Griechen Herodot und Thukydides, bei den Römern Livius, Sallust und Tacitus. In christlicher Zeit gilt der Evangelist Lukas mit seiner Apostelgeschichte (um 90 n. Chr.) als erster Historiograph. Die Geschichtsschreiber des Mittelalters verlieren dagegen in den Augen heutiger Historiker immer mehr an Glaubwürdigkeit, weil sie die tatsächliche Geschichte der Heilsgeschichte oder institutionellen Interessen unterordneten. Fromme Legenden, die Wundersames aneinanderreihen, wurden dem gläubigen Kirchenvolk als Tatsachen vermittelt. Als Beispiele mögen die Erzählungen dienen, das Bonner Münster sei im 4. Jahrhundert von der Kaisermutter Helena gestiftet worden oder Cassius und Florentius seien in Bonn für ihren Glauben gestorben – beides ist historisch unhaltbar.

Über die römische Epoche Bonns sind wir durch archäologische Funde und die Texte römischer Schriftsteller gut unterrichtet. Mit dem Ende des Imperium Romanum endet auch die seriöse Geschichtsschreibung; an ihre Stelle tritt das Erzählen von Geschichten, teilweise mit haarsträubenden Konstruktionen. Dazu gehören die Leidensgeschichten (»Passiones«) – etwa die der Thebäischen Legion, verfasst von Bischof Eucherius von Lyon (um 380–um 450) – und die des Gereon und seiner Gefährten, die lange dem Zisterziensermönch Helinand von Froidmont zugeschrieben wurde, tatsächlich aber schon im 10. Jahrhundert entstand. In diese Zeit gehört auch die unsinnige Behauptung, „Verona“ sei der alte Name Bonns.

Der erste Bonner Historiker war Ephraim bar Jacob bar Kalonymos, der um 1132 in Bonn geboren wurde und 1200 oder 1221 starb. Er war Rabbiner, Chronist, Talmudist und liturgischer Dichter, Sohn des Jakob von Bonn, Enkel des Kalonymos und Bruder von Kalonymos ben Jakob und Hillel ben Jakob. Ephraim war ein Schüler des Rabbiners Ephraim ben Isaak; in Bonn folgte er dem Rabbiner Joel ben Isaak ha-Levi nach, lehrte aber auch in Mainz und Speyer. In seinem »Sefer Sechira« (Buch der Erinnerungen) berichtet er unter anderem über die Judenverfolgungen während des Zweiten Kreuzzugs (1146/47), die er als Jugendlicher selbst miterlebte – die Bonner Juden fanden damals Zuflucht auf der Wolkenburg –, sowie über die Judenmassaker von Blois (1171), London (1189) und York (1190).

Zu Beginn der Frühen Neuzeit sammelte der Kölner Ratsherr Johann Helman (1530–1579) Antiquitäten und Dokumente (teils in Abschriften) zur rheinischen Geschichte, darunter auch zu Bonn; Wilhelm Levison hat sie 1932 ediert. Zu ihnen gehört die Schenkung Helmgars aus dem Jahr 691 oder 692 – das älteste Dokument zur Cassius-Basilika.

Als Nächster befasste sich wohl Sigismund von Burman mit der Bonner Geschichte: 1656 verfasste er eine lateinische »Historia universalis de Ubiorum ara seu Bonna«, die Manfred Koch 2011 übersetzt und herausgegeben hat. Burman, 1637 in Bonn geboren, studierte an der Universität Köln und erwarb dort (oder an einer anderen Universität) den Grad eines Doktors beider Rechte. 1683 zum Priester geweiht, wurde er Dechant am Münsterstift, später Mitglied des Hofrats und Archivar des Kurfürsten; er starb 1701. In 24 Kapiteln beschreibt Burman die Geschichte Bonns von der Gründung bis zum Jahr 1656, in einem zweiten Teil die Kirchen der Stadt und ihre Geschichte. Als Quellen zitiert er unter anderem Tacitus, Cassius Dio, Gregor von Tours und Caesarius von Heisterbach. Burman gehört zu den Autoren, die die „ara Ubiorum“ in Bonn bzw. Godesberg lokalisierten; ihm folgten noch Klebe (1801, S. 304) und Schreiber (1806, S. 41).

1777 – zwölf Jahre vor der Französischen Revolution – gründete Kurfürst Maximilian Friedrich eine „Akademie“ mit vier Fakultäten für „Gottes-, Rechts-, Arznei- und Weltgelehrtheit“. Im Wintersemester 1778/79 las Prof. Hauser an drei Tagen über „Geschichte und Erdbeschreibung“, wobei der empfohlenen Literatur nach die Geographie im Mittelpunkt stand. 1786 verlieh Kaiser Joseph II. der Hochschule das Recht, die im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation anerkannten Grade des Lizentiaten und des Doktors zu vergeben; damit stieg die Akademie zur Universität auf. Nachdem die kurfürstliche Universität 1798 aufgelöst worden war, gründete der König von Preußen sie 1818 neu. Im 19. Jahrhundert entwickelte sie sich zu einer der führenden Hochschulen Deutschlands – nicht zuletzt dank ihrer Historiker.

Melpomene – Tragödie und Sprechtheater

Das Sprechtheater – heitere wie ernste Stücke – erlebte seinen Aufschwung in der Neuzeit. Nachdem im Mittelalter religiöse Stoffe wie die Passion das Theater bestimmt hatten, wurden in der Renaissance die antiken Dramen der Griechen und Römer wiederentdeckt und erneut aufgeführt, vor allem in Italien. Um 1600 erlebte das Sprechtheater seine erste Blüte in England, verbunden mit den Namen Shakespeare und Königin Elisabeth I. Im absolutistischen Frankreich wurde die Dramentheorie weiterentwickelt: Corneille, Racine und Molière prägten mit ihren Stücken und Charakteren das europäische Theater bis weit ins 18. Jahrhundert.

Polyhymnia – Musik

Eine bemerkenswerte Musikgeschichte beginnt, als sich die weltliche Musik von der Kirchenmusik löst und der Landesherr, d. h. der Kurfürst, sich für die Musik engagiert, also Musiker am Hof beschäftigt und bezahlt und Musikalien ankauft. Der Aufbau einer Hofkapelle geht einher mit der Etablierung Bonns als kurfürstliche Residenz – selbst in den Jahren, in denen der Kurfürst im Exil lebte.

Mit Kurfürst Ernst von Bayern (1554–1612), dem ersten Wittelsbacher auf dem Kölner Kurstuhl, beginnt die Musikgeschichte in Bonn. Schon kurz nach seiner Wahl zum Erzbischof 1583 bestellt er einen Kapellmeister. Sein Neffe Ferdinand (1577–1650), seit 1595 sein Koadjutor, leitet ab 1600 „eine erste Blütezeit der Bonner Musikgeschichte“1 ein.

Thalia – Komödie und Theater in Bonn

Theateraufführungen waren in der Antike beliebte Veranstaltungen, besonders bei den Griechen, weniger bei den Römern. Im christlichen Mittelalter kam die Schauspielkunst weitgehend zum Erliegen; überliefert sind vor allem Passionsspiele, die aber erst im 16. Jahrhundert an Bedeutung gewinnen. Eine nennenswerte Theaterpraxis ist für Bonn erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt, dann allerdings in erheblichem Umfang und überwiegend in Form von Opernaufführungen2.

Vorläufer des Theaterwesens waren im 17. und frühen 18. Jahrhundert die Schul- oder Jesuitentheater: lateinische Stücke mit religiösen Themen, etwa der jesuitischen Mission in Ostasien, aufgeführt von den Schülern des Jesuitengymnasiums. Die Zuschauer, die größtenteils kein Latein verstanden, erhielten Inhaltsangaben in deutscher Sprache.

Doch schon 1701 führten Bedienstete des Kurfürsten im Schloss den „Falschen Prinzen von Arkadien“ auf, eine „Comedie“ voller Verwechslungen und tölpelhafter Figuren aus dem fiktiven Dorf „Schrottenhausen“ (!), die ihrerseits eine Komödie aufführen wollen. Von Kurfürst Joseph Clemens († 1723) ist überliefert, dass er 1721 „dauernd den Proben der Oper und Komödien“ beiwohnte.

Allgemein bekannt ist dann der zwischen Stockentor und Michaelstor gelegene Theater- oder Ballsaal, vor allem durch die Bilder von François Rousseau (1717–1804)3.

  1. (Valder-Knechtges 1989, 451) ↩
  2. Das Folgende nach (Maurer, 1989). Siehe auch (Großmann, 2020) oder (Flörken, 2017). ↩
  3. Siehe rheinische-geschichte.lvr.de – François Rousseau. ↩