Ladoucette 1813 – Deutsche Übersetzung

»Voyage fait en 1813 et 1814 dans les Pays entre Meuse et Rhin«, Brief X (Auszug)

Quelle: J. C. F. Ladoucette1, »Voyage fait en 1813 et 1814 dans les Pays entre Meuse et Rhin«2. Die Seitenzahlen des Originals stehen in spitzen Klammern ‹…›.

Brief X. Brühl

Brühl. – Sein Schloss. – Kardinal Mazarin. – Umbraerde. – Alter Rheinarm. – Liblar. – Lechenich.

Der Kanton Brühl erstreckt sich in reizender Lage an den Ufern des Rheins. Der Horizont wird hier von der Bergkette begrenzt, die, dem Fluss folgend, von Andernach nach Bonn hinabzieht und wilde Ansichten und schöne Schrecknisse bietet; vom Rhein sich entfernend, zeigt sie die heitersten Aussichten und endet auf dem rechten Ufer beim Flecken Unkel und am Godesberg, Orten, die bei unseren Romanschriftstellern berühmt sind und die von Reisenden oft besucht werden. Ich könnte Ihnen Abhandlungen über die Basalte halten, die man in dieser Kette findet und die dort von der einstigen Anwesenheit von Vulkanen zeugen, und über den Trass, den man aus den Trümmern dieser porösen Laven gewinnt und aus dem man einen Zement macht, der unter Wasser erhärtet; doch ich soll Sie nur vom Roer-Departement unterhalten.

Folgen Sie mir also bitte in die Stadt Brühl. Sie zählt 4.000 Seelen; sie ist gut gebaut und von Mauern umgeben, 6.000 Meter vom Rhein und 8.000 von Köln entfernt, dessen Einwohner häufig zu Vergnügungsausflügen hierher kommen. Die Kirmes oder das Patronatsfest von Brühl ist berühmt. Sie reicht vielleicht bis in die Zeit der ‹86› Minnesänger {Sänger der Liebe} zurück. Diese Troubadours Deutschlands, denen es seine Dichtung verdankt, zogen umher, besangen die Reize der Schönen und die Taten der Paladine oder färbten mit ihrer glänzenden Einbildungskraft die Gebote der Sittenlehre und die Geheimnisse der Religion. Eine öffentliche Lehranstalt hat das Kloster der Rekollekten von Brühl ersetzt. Das Bemerkenswerteste, was man hier findet, ist das Schloss der Kurfürsten.

Ich spreche nicht von dem, das Engelbert von Falkenberg 1262 baute, als die Kölner diesen Fürsten verjagten. Seine Nachfolger machten daraus eine Festung, die 1317 nach viermonatiger Belagerung genommen wurde. Gebhard Truchsess {von dem ich in meinem achten Brief gesprochen habe} verteidigte sich dort eine Zeit lang mit seiner schönen Amélie [richtig: Agnes] Mansfeld. Der Platz war geschleift, als Kardinal Mazarin, von der Fronde verfolgt, hier Zuflucht suchte. Vom Brühler Schloss aus regierte dieser so gewandte Minister, obwohl geächtet, weiterhin Anna von Österreich und Frankreich. Kurfürst Joseph Clemens, Verbündeter Ludwigs XIV., von den Truppen des Kaisers verfolgt, verließ Brühl und zog sich nach Cambrai zurück, wo er sich durch seine Großzügigkeit beliebt machte und wo er von Fénelon geweiht wurde. Er starb 1723. Sein Nachfolger Clemens August von Bayern, einer der prachtliebendsten Fürsten seiner Zeit, errichtete das neue Brühler Schloss und schmückte es mit einem Park und Gärten nach den Plänen und Zeichnungen eines italienischen Architekten namens Carlone3. Die Treppe, die aus Stuck ist, kann als Meisterwerk an Größe, Reichtum ‹88› und Schönheit gelten. Ihre Kuppel hat eine Luftperspektive, die ein glänzendes allegorisches Gemälde zu Ehren Clemens Augusts beleuchtet. Man kann Carlone den Gebrauch zu vieler zarter Farben vorwerfen, wie Azurblau, Rosa und Pfirsich; doch hat er ihnen eine seltene Beständigkeit verliehen. In mehreren Gemächern sieht man Frauenbildnisse, die von der Galanterie und dem guten Geschmack Clemens Augusts zeugen. Im Park und in den Gärten gibt es prächtige Wasserbecken, eine große Orangerie, eine Sammlung seltener Pflanzen, exotische Bäume und den chinesischen Pavillon Sans-Gêne; durch eine Lindenallee gelangt man in ein Wäldchen, in dem das kleine Schloss Falknerei {Falkenlust} mit einer schönen Muschelgrotten-Kapelle liegt.

Das Brühler Schloss gehörte der Ehrenlegion, und man wünschte, dort als Zweiganstalt von Écouen4 ein Pensionat für die jungen Waisentöchter der am Rhein geborenen Tapferen einzurichten. Es war soeben dem Fürsten von Eckmühl5 geschenkt worden. Wann wird der dauerhafte Friede kommen, der diesem General erlaubt, in den Gärten von Brühl die Süße der Ruhe zu genießen?

Der Kanton bringt viel Getreide hervor, aber einen sehr mittelmäßigen Wein. Die Gerbereien und Weißgerbereien von Wesseling nutzen kleine Bäche, deren Vereinigung dann in Köln reiche Betriebe dieser Art speist.

Er teilt mit den Kantonen Kerpen, Weiden, Lechenich und Bergheim die Lager von erdigem fossilem Holz, Umbraerde, Braunkohle oder Kölner Erde genannt. […]

Anmerkungen des Herausgebers

  1. Jean Charles François de Ladoucette (* 4. Oktober 1772 in Nancy; † 10. März 1848 in Paris) war ein französischer Politiker und Schriftsteller; 1809 geadelt. ↩
  2. Paris/Aachen 1818; BSB München, Signatur It. sing. 1419 q; urn:nbn:de.bvb:12-bsb10469005-7. ↩
  3. Carlo Innocenzo Carlone (* November 1686 in Scaria; † 17. Mai 1775 ebenda) war ein lombardischer Maler und Freskant. ↩
  4. Écouen ist eine französische Gemeinde mit 7125 Einwohnern (Stand 1. Januar 2019) im Département Val-d’Oise. ↩
  5. Louis-Nicolas d’Avoût, duc d’Auerstedt, prince d’Eckmühl et de l’empire (* 10. Mai 1770 in Annoux, Département Yonne, Burgund; † 1. Juni 1823 in Paris) war ein französischer General, Pair und Maréchal d’Empire. ↩