Bernhard Hundeshagen:
Die Stadt und Universität Bonn am Rhein

Die Stadt und Universität Bonn am Rhein
Mit ihren Umgebungen und zwölf Ansichten dargestellt
von
Dr. B[ernhard] Hundeshagen.
Verlag von Tobias Habicht in Bonn.
1832.1

Titelvignette: das alte Stadtsiegel von Bonn

neu herausgegeben von Norbert Flörken
Bonn 2026

1832 B. Hundeshagen: Die Stadt und Universität Bonn am Rhein 1

Erläuterung der Titelvignette, das alte Stadtsiegel von Bonn vorstellend.

Zu den merkwürdigsten Reliquien der Sphragistik gehört ohne Zweifel auch das alte Stadtsiegel von Bonn, welches hauptsächlich neben seiner heraldischen Bezeichnung, nicht allein im Bilde als ein emblematisches Kunstwerk, sondern um so vielmehr nach seiner historischen Legende, mit als eine allgemeine Urkunde sich darstellt. Es konnte des beengten Raumes wegen hier nur zu einem Viertheil seiner natürlichen Größe gezeichnet werden, und gehörte zu den größern Siegeln (Sigillis majoribus), als welches dasselbe an Urkunden aus den Jahren 1264, 1344 und 1351 zur diplomatischen Auszeichnung der Stadt, die es führte, vorkömmt. Im Jahre 1240 hatte nämlich der Erzbischof und Kurfürst, Konrad von Hochstädten, den Bonnern die Stadtrechte verliehen, auch dieselbe durch neue Mauern und Thore befestigt, und schon zwischen den Jahren 1254 — 56 glänzte unser Bonn in dem hanseatischen Bunde, der im Jahre 1241 entstanden war, als es obige Rechte erhalten hatte. Die Legende des Siegels besagt: »Siegel vom alten Verona nun auch das der Bonner Stadt« und indem das Wort Siegel (Sigillum) ausführlich, statt der sonst gebräuchlichen auch Signum besagenden Abbreviatur S. aufgenommen ward, weist sie chronostisch (I, I, LLVM, I, V. V, V. C. I, I, V, I,) auf das letztere Jahr hin, und indem sie zugleich das historische »antiqua Verona« mit aufnimmt, deutet sie bei dem <I> neuen Zustand ebenfalls auf die Beibehaltung alter Verhältnisse zurück. Der Ehrenname Verona neben dem von Bonn erscheint aber in ältern Urkunden mit dem Prädikat von Bürgerschaft (civitas Verona) verbunden, und bei dem kölner Chronist des dreizehnten Jahrhunderts zugleich mit Jülich als Vororte der Kölner (praesidia Coloniensium), weshalb solche Ueberlieferung aus den Zeiten des römischen und fränkischen Reiches, zu der neuern Bestimmung binnen dem als Kurkölnische freie Landesstadt vergrößerten Beringe, wohl ausdrücklich als fortdauernd angesehen werden sollte. So stellt sich mitten an den Oppidal-Mauern auch hinter dem Mark- und Urbanberinge der heilige Cassius auf dem niederliegenden Sinnbilde von Verona als besonderer Schutzherr der Gemeinde Bonn dar, mit Speer und Fahne, dem königlichen Heerschild oder Reichsgräflich von Hochstädtischen Wappenschild, in einer Triumphpforte, die noch Raum für seine Gesellen Florentius und Malusius geben könnte, und wie sie mit drey Wappenschildern die Fronte des vormaligen alten Kölnthors auszierte. Im Hintergrunde aber erhebt sich das Münstergebäude der Stadt, an welches die Burgherrschaft Bonns nach der Hausgrafschaft übergegangen war, und das herrliche Gebäude zeigt sich in hoher Gestalt, als Oppidum selbst mit seinen vier Thürmen umstanden, doch links gewendet im Abdruck des Siegels. Die treffliche Arbeit und sinnige Ausführung des vorliegenden sphragistischen Kunstwerkes wird auch durch die Bemerkung erklärbar, daß Bonn zu gleicher Zeit im Besitz einer Münzstätte rheinischer Goldgulden war, deren schönes Gepräge noch jetzt den Freund und Sammler erfreut. <II>

Uebersicht des Inhalts.

I. Ansicht der Stadt Bonn überhaupt und von der Rheinseite insbesondere.

Seite 1 – 2. Bedeutung und Lage von Bonn in natürlicher und politischer Beziehung. 2 – 3. Die Grenzen und Gestalt der Stadt ostwärts an dem Rheine. 3 – 4. Die Eisbreche vom ehemaligen Zollhaus auch Saalgebäude, und der Hafen Bonns. 4 – 5. Die Gebäude des Ober-Bergamts, die Gierpforte und der Anfurtsort. 5 – 6. Das Rheinthor, die gräflichen Hotels von Belderbusch und von Metternich, und das Josephsthor. 6 – 8. Der Neue Thurm oder das jetzige Belvedere, der Windmühlenthurm und Rheinische Wall; Bering der Bönnischen Festungswerke. 8 – 9. Kriegsschicksale von Bonn, besonders im Jahre 1689. Belagerung der Franzosen daselbst durch Friedrich Wilhelm von Preußen. 9 – 11. Das Bombardement der Stadt, und die Zerstörung der Gebäude und Festungswerke gegen den Rhein. 11 – 12. Vergebliche Anstrengung. 12 – 14. Jetziges Aussehen der Stadt rheinwärts mit ihren Hauptgebäuden. 14 – 15. Der Rheinstrom bei Bonn. 15. Zusammenkunft der Könige von Deutschland und Frankreich auf demselben im zehnten Jahrhundert. 15 – 16. Die Erscheinung einer Meerkuh im Rheine. 16 – 17. Die fliegende Brücke. 17. Das nächste jenseitige Rheinufer.

II. Die nächsten Umgebungen Bonns mit Ansicht der Stadt von Westen aus.

Seite 18 – 20. Lage und Grenzen der nächsten Umgebung diesseits, deren Gestalt und Erdbeschaffenheit, Gewässer und Luft. 20 – 23. Südlich gelegene Gegend, die Herrenmauer und deren Alterthümer, der Lekboard und die Vinea Domini. 23 – 25. Die Godesberger Straße mit dem Eschbäumchen, der Kirchenweg, das Bendenloch und Bonner-Thal. 25 – 26. Allee nach < > der Baumschule, und Erläuterung der Ansicht der Stadt von daher. Die Mergelscheuer und Mülheim, und die Baumschule. 27 — 28. Aussicht nach Endenich. Die Ripuarische Landstraße, der Heerweg, die Brühler oder Kaiserstraße, der Endenicher- und Transdorfer Bach, das Krautfeld, der Maar, die Paulsfläche, und die Straße von Köln, mit der Lazaruskapelle. 29 — 30. Terrain der ehemaligen Vorstadt Bonns. Die alte Straße, die Mühlengasse, der Heerweg und die Michelshof-Gasse, die Pferdsfläche und das Rosenthal. 30 — 33. Das Johanniskreuz und die vormalige Dietkirche. Geschichte derselben und römische Alterthümer. Ihr Pfarrbezirk und Frauenkloster nebst Stift. Verheerungen derselben in späterer Zeit und Verpflanzung in die Stadt Bonn. 33 — 35. Die Reste einer alten Wasserleitung, die ehemalige Balderichskapelle, und Auffindung höchst merkwürdiger Gebäude aus der römischen Zeit daselbst. 35 — 37. Die drei großen Gebäude mit Ringmauer, und einem Brunnen. Das Casernengebäude insbesondere mit seiner Einrichtung. 37 — 39. Dessen Bestimmung, und der nächstbeigelegene Reuterbau, nebst deren Zuständen. 39 — 41. Das dritte oder Hauptgebäude, und dessen Konstruktion, als Prätorium oder Quästorium. 41 — 43. Münzen, ein Basrelief, und Legionensteine. Der Michelshof. 43 — 44. Feldappertinenzen zur Vorstadt Bonn; der Jesuiten oder Isidorshof, seine Lage und Beziehung zum jenseitigen Rheinufer, Reste von einem Iseo und sonstige Alterthümer. 44 — 46. Von der Verbindung Bonns mit Geusen durch den römischen Feldherrn Drusus, vermittelst einer Brücke über den Rhein, und deren Befestigung. Ausdehnung des Bonner Stadtbereichs rheinabwärts und der Bonnerberg.

III. Das Innere der Stadt Bonn und der Marktplatz derselben insbesondere.

Seite 47 — 48. Figur und Maaß des Umkreises der Stadtgebäude. Arealgehalt derselben im Ganzen und dessen Flächen-Gestalt. Von den Thoren und Pforten des Stadtberinges überhaupt. 48 — 50. Der Marktplatz mit dem Stadthaus und Obelisken. 50 — 52. Das erste Stadtviertel. Der Remigiusplatz, die ehemalige Kirche auf demselben, und das Egidius Hospital. 52 — 54. Der Martinsplatz und die ehemalige Kirche dieses Namens; der Gangolphsplatz ebenso. Der Mauspfad und das Dreieck. 54 — 56. Das zweite Stadtviertel. Die Bonngasse und Kölnstraße. Das Tribunal oder vormalige Probsteigebäude. Die Jesuitenkirche nebst Kollegiatgebäude, und das jetzige Gymnasium. 56 — 58. Das Bürgerhospital und das Arresthaus, die Maarhöfe und der vormalige Maarthurm. 58 — 60. Die ehemalige <III> Capucinessen-Kirche. Der Stiftsplatz und die St. Peterskirche. Die jetzige Reutercaserne und das vormalige Welschnonnenkloster. Vergrößerung der Stadt. 60 — 64. Das dritte Stadtviertel. Der Hatschierbau und der Hatzfelderhof. Revier des vormaligen Klosters Engelthal, und dessen Schicksale. Die Kuhl und der Heisterbacher Hof. Die Josephsstraße und der Viereckplatz. 64 — 65. Das vierte Stadtviertel. Das vormalige Kapuziner Kloster, jetzt Baumwollenmanufaktur. Geschichte der Stiftung und vormaliger Versammlungsort der Kölner Landstände. 66 — 68. Die Wassermühle und der Godesberger Bachauslauf. Die Gertrudskapelle, und Stelle des ehemaligen Münzhauses. Der Belderberg und Bornheimerhof. Das Oberbergamt und der Hostert, das ehemalige Zollhaus und der Salentinsbau. 68 — 70. Die vormalige Minoritenkirche nebst Kloster, jetzt zweite Pfarrkirche der Stadt, und das vormalige Kirchen- und Klostergebäude der Franziskaner.

IV. Das Münstergebäude von Aussen nebst Ansicht desselben gegen Südost.

Seite 71 — 72. Charakter dieses Gotteshauses und dessen Mannigfaltigkeit. 72 — 74. Lage desselben und Umgebungen. Aelteste Nachrichten. 74 — 76. Gerhard von Sayn, der Erbauer des bestehenden Gebäudes. Haupttheile desselben. 77 — 79. Betrachtung der Kirche von der Ostseite und deren Bestandtheile; die Crypta mit den Thebaiern. 79 — 80. Erhöhung dieses Theils vom Gebäude. 80 — 81. Der Hauptthurmbau des Münsters und das Geläute. 81 — 82. Vortreffliche Aussicht auf der Höhe; von der ehemaligen und jetzigen Bedachung des Hauptthurmes. 82 — 84. Weitere Bestandtheile des Münster-Stiftgebäudes; die Mutter Gottes und die Clemens-Kapellen oder Chöre. Das Kapitelschulhaus. 84 — 86. Die nördliche Aussenseite des Münstergebäudes und der Platz bei demselben. Die Märkte auf demselben, das vormalige Hunnengericht, auch sonstige Merkwürdigkeiten des Münsterplatzes.

V. Das Innere der Münsterkirche und die Merkwürdigkeiten desselben.

Seite 87 — 88. Die Abseite der Kirche, deren Bogenstellung und Fenster; das Schiff und Orgelchor, nebst dem Denkmal des Erzbischofs Engelbert. 88 — 89. Desselben Beschreibung und Erläuterung. 89 — 90. Das Erzbild, die heilige Helena vorstellend. 90 — 92. Das Schiff der Münsterkirche insbesondere. 92 — 94. <IV> Das Querhaus oder Transsept. 94 — 96. Vom Archidiakonat des Bonner Münsters und dessen Ansehen. Die Kaiserkrönungen in dieser Kirche. 96 — 97. Die Diakonien und die ehemalige St. Barbarakapelle. 97 — 98. Die Mutter Gottes und die Clemens-Kapellen insbesondere. 98 — 99. Denkmal des Erzbischofs und Churfürsten Ruprecht. 100 — 101. Die Crypta der Kirche mit ihren Merkwürdigkeiten. 101 — 102. Das Stiftschor und dessen vormalige Besitzer. 102 — 104. Das Ende des Chorgebäudes und jetzige Altarium der Kirche. 104 — 6. Südliche Umgebung der Münsterkirche; der Kreuzgang und das Kapitelschulhaus insbesondere. 106 — 8. Merkwürdige Verzierung an den Säulenkapitälern des Kreuzganges.

VI. Das Schloß und Universitätsgebäude mit seiner Bestimmung und Einrichtung.

S. 109 — 10. Von diesem Gebäude überhaupt. 110 — 12. Nähere Beschreibung desselben. Haupttheile, Form, und Materialien desselben. Zahl der Gemächer und Oeffnungen. 112 — 14. Von dem Hauptbau des Schlosses mit seinen beiden Flügeln überhaupt. 114 — 16. Derselben insbesondere. Die ehemalige Hofkirche und die jetzige Evangelische Kirche. 116 — 17. Die äußere Verzierung und innere Einrichtung des Schloßbaues, Zerstörung desselben durch Brand im Jahr 1777. 118. Die chirurgischen und medicinischen Kliniken. 118 — 20. Von dem Flügelbau, die Katz genannt insbesondere. 120 — 23. Der Schloßgarten und das neue anatomische Theater. 123 — 24. Der kleine Thurmsaal und die jetzige Aula der Universität. 124 — 26. Die lange Gallerie und Universitätsbibliothek. 126 — 27. Appertinenzien derselben. 127 — 29. Das Michaels-Thorgebäude mit seinen beiden Flügeln. Dessen Lage, frühere Bestimmung und jetziger Gebrauch. 129. Der rechte Flügel desselben, das ehemalige Theaterlokal jetzt die Universitäts Reitbahn; der Concertsaal, jetzt der Bibliotheksaal. 130. Der linke Flügel, vordem das Orangeriehaus und Bibliothekslokal, jetzt Convictorium für katholische Studirende. 130 — 31. Die Reste der Gewächshäuser und die Gartenanlage von Altenzoll.

VII. Das Schloß zu Poppelsdorf mit dem botanischen Garten.

Seite 133 — 35. Die Poppelsdorfer Allee, und die Hauptform des Schloßgebäudes. 135 — 37. Der innere Hof desselben, und <V> die älteste Geschichte desselben. 137 — 39. Die neuere Geschichte desselben. 139 — 41. Zustand der Lokalität vor dem Neubau des Schlosses, und Schicksale desselben in neuester Zeit. 141 — 142. Der Grotten- oder Muschelsaal; dessen Bestimmung und Auszierung. 142 — 44. Die fernern Apartements des Palastes, rechts mit den Lokalen der mineralogischen Sammlung. Die östliche Abtheilung der Gallerie mit den Petrefakten, der Speisesaal mit den Gebirgsarten und den einzelnen Mineralien; das Auditorium. Links dem Eingangssaale die Lokale der zoologischen Sammlung, die Gallerie mit den Muschelthieren, der Ecksaal mit den Insekten u. s. w. und die botanische Sammlung; die Lokalität der vormaligen Hofkapelle des Schlosses, und die Sammlung der Reptilien, Amphibien und Fische. 144 — 47. Die Sammlung der Vögel, die Säugethiere, und endlich die der Zootomischen Präparate. Der Marmorsaal, und der botanische Garten mit seinen Gewächshäusern. 147 — 48. Die übrigen Lokalitäten des Schlosses, die politechnisch-technologische Sammlung, das chemische Laboratorium, die Bibliothek der Leopoldinisch Karolinischen Akademie, und die Nebengebäude und Anlagen des Schlosses. 148 — 52. Der Flecken Poppelsdorf. Die Sternenburg. Der Venusberg; schöne Aussicht auf demselben. Das Dorf Kessenich, und alte Nachrichten von demselben.

VIII. Der Kreuzberg bei Bonn mit seinen Merkwürdigkeiten.

Seite 153. Die ausgezeichnete Lage dieses Berges. 153 — 55. Höchst vortreffliche Aussicht daselbst. 155 — 56. Wege zu dem Berge hinauf. Die Nordkapelle, Lengsdorf. 156. Geschichtliche Merkwürdigkeiten. 156 — 58. Die alte Kreuzkapelle am Orte, und der Neubau des noch erhaltenen Kirchen- und Klostergebäudes. 158 — 59. Die heilige Stiege an demselben. 159 — 60. Beschreibung und Erläuterung des Portals von diesem prächtigen Baue. 160 — 61. Das Innere desselben, und Vorschriften deswegen. 161 — 62. Beschreibung der Klosterkirche. Schöne Malerei und sonstige Verzierungen in derselben. Das Todtengewölbe. 162 — 64. Fortsetzung. Die Altäre, und insbesondere der Hauptaltar mit dem Standbilde der heiligen Helena. 164. Das heilige Grab. 165. Uebrige Klostergebäude. 165 — 66. Geschichte der diesseitigen Belagerung und des Angriffs auf Stadt und Festung Bonn von dem Kreuzberge herab. 167 — 68. Zustand der Belagerten, und erste Operationen gegen dieselben. 168 — 69. Weitere Operationen der Brandenburger, Oestreicher und Niederländer, 169 — 70. Die Erstürmung der Aussenwerke <VI> durch erstere, und 170 — 71 durch die andern. 171 — 73. Nähere Operationen gegen den Hauptwall und der vorläufige Akkord zur Uebergabe der Festung. 173 — 75. Endlicher Abzug des französischen Militairs mit allen Ehrenzeichen.

IX. Die Kirche zu Schwarz-Rheindorf und deren Merkwürdigkeiten.

Seite 176 — 77. Wege dahin; die Oertchen Schwarz-Rheindorf und Geusen. 177 — 80. Die Ringmauer des Stiftes, der Herenkeller und die Westfronte der Kirche. 180. Der Oekonomiehof und der nördliche Kirchenplatz. 181 — 82. Größe des Kirchengebäudes und dessen späterer Anbau. Der ehemalige Klosterbau. 182 — 84. Die Ansicht des Aeußern vom jetzigen Kirchengebäude. 184. Die Ostseite desselben insbesondere. 184 — 85. Das Innere der Kirche, und zwar unterhalb. 185 — 86 Die ausgezeichnet merkwürdige Stiftungsurkunde in Latein, und 186 — 87 deren Uebersetzung aus dem Original. 187 — 89. Arnold Graf von Wied und Erzbischof von Köln, und Geschichte seiner Stiftung. 189 — 91. Dessen Grabmal daselbst; Restauration desselben und des Kirchengebäudes. 192 — 93. Beschreibung des Innern der Kirche und zwar oberhalb. 193 — 95. Der Umgang auf der Höhe des Gebäudes insbesondere. 195 — 96. Aussicht daselbst in die umliegende Gegend; die Mündung des Siegflusses. 196 — 97. Fernblick nach Köln hin. 197 — 98. Siegburg und dessen historische Merkwürdigkeiten. 198 — 99. Stift Villich und desgleichen. 199 — 200. Kloster und Kirche am Pützchen. 200 — 201. Die schöne Scenerie des Siebengebirges von diesem Standorte aus gesehen. 201 — 2. Die weitere Fernsicht nach Süden, und dem Vorgebirge. 202 — 3. Aussicht nach der Stadt Bonn, und Verhältniß des Ortes zur Brücke des Drusus, auch der Ara Ubiorum.

X. Das Godesberger Kreuz nebst seinen Umgebungen.

Seite 204 — 5. Stellung und Ansicht desselben. 205 — 6. Der Platz und Namen, das Zeitalter und die Stiftung des Denkmals. 206 — 7. Andere historische Nachrichten von diesem schönen Kunstwerke. 207 — 9. Hauptbestandtheile desselben <VII> im Ganzen; dessen Unterabtheilung und Postament. 209 — 10. Vergleichung desselben mit einem Hochstifts-Gebäude, und dessen Figuration. 210 — 12. Der Pfeiler insbesondere, dessen Verzierung, und die Personenzahl derselben. 212 — 13. Das Material, die Bearbeitung und Zusammenstellung seiner materiellen Bestandtheile. 213 — 14. Schicksale des Monuments während seiner ein halb tausendjährigen Existenz. 214 — 15. Der Ort Godesberg. Merkwürdigkeiten desselben, insbesondere die Kapelle daselbst. 215 — 16. Der Schloßberg mit der Vorburg und Kirche. Das Schloß selbst mit seinen Abtheilungen. 216 — 18. Der Thurm des Schlosses insbesondere. 218 — 20. Geschichte des Thurmes und Schlosses Godesberg, als Heiligthum, Palast, Burg, Schloß, und Residenz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln.

XI. Ansicht des Siebengebirges vom Altenzoll zu Bonn aus.

S. 221 — 23. Rückblick auf die Stadt, die jenseitige Ufergegend und den Rheinstrom. 223 — 24. Der Casseler Grund mit seinen Ortschaften, und dem Ennert oder Etnichberge. 224 — 25. Ramersdorf und die Steinbrüche dabei. Obercassel, dessen Bestandtheile. Die weiße Kirche. 225 — 26. Das Siebengebirge überhaupt. 226 — 28. Der Heisterbacher Mantel und Merkwürdigkeiten dieses Thales. 228 — 29. Der Stenzelberg mit seinem Steinbruche. 229 — 31. Die Steinart dieses Berges und deren erste Bearbeitung. 231 — 33. Aussicht vom Stenzelberge und Weg auf den großen Stromberg oder Petersberg. Geschichte des Heiligthums auf demselben. 233 — 34. Weitere Tour auf das Gebirge; der Nonnenstromberg und die Rosenau. 234 — 35. Der Auelberg und dessen Beschaffenheit, mit der Aussicht auf demselben. 235 — 36. Die kleinern, zusammengedrängten Berge, und das Thal der Mirbach. 236 — 38. Der Ofenkuhler Berg, mit seinem Gestein und sehenswerthen Bruche. 238. Der Quegstein.

XII. Königswinter mit dem Drachenfels nebst dem Wolkenberg und Löwenberg.

Seite 239 — 41. Das Städtchen Königswinter und dessen Beschaffenheit. 241 — 42. Echo am Ort, auch Reliquien daselbst <VIII> und alte Nachrichten zu demselben. 242 — 43. Nächste Umgebungen von Königswinter, und der Weg auf den Drachenfels. 243 — 44. Die Plattform des Felsens mit dem Monument. 244 — 46. Die Kuppe des Berges, deren Steinart und Herleitung des Namens Drachenfels. 246 — 47. Beschreibung der Burgveste und deren ehemaliger Bestand. 247 — 49. Alte Nachrichten von den Burggrafen und Herren und Damen von Drachenfels. 249 — 50. Das Röpenkämmchen und der Wolkenberg. Steinart des letztern. Die Burg daselbst, wie der Drachenfels und die Löwenburg: ein Frei-Gerichtsstuhl. 250 — 51. Weitere historische Nachrichten von dieser Burg und ihren Besitzern. 251 — 53. Tour auf das Löwengebirg. Charakter desselben, und Wege auf dasselbe. Das tiefe Thal vom Löwenberg, und dieser Berg selbst. 253 — 55. Der Gipfel desselben mit herrlicher Aussicht, und die Burgruine. Geschichte der Löwenburg. 255. Der Hemmerich und Aussicht auf diesem Berge nach dem Siebengebirg. Die ehemaligen Burgbesitzer desselben. Die Rückkehr von diesem merkwürdigen Gebirgszuge.

I. Ansicht der Stadt Bonn überhaupt und von der Rheinseite insbesondere.

[1] Die alte Stadt und vormalige kurfürstlich-kölnische Residenz Bonn, sonst Bonna, Bun auch Verona genannt, neuerdings durch den Sitz des Oberbergamts, der Universität für die königlich-preußischen Rheinlande und das Standquartier eines Kavallerie-Regiments insbesondere ausgezeichnet, liegt um den geographischen Durchschnittspunkt von 50° 44' 7“ nördlicher Breite und 24° 46' 26“ 8''' der Länge, auf dem westlichen Ufer des Rheins, zu Ende oder zu Anfang der gepriesensten Gegenden dieses Stromes. Mitten in einem südwärts durch höheres Gebirg geschlossenen, nordwärts aber weiter in die Ebene ausgebreiteten Thale, erhebt sie sich auf einem buhnenförmig angeschwemmten Landstriche, 50 Fuß über den Wasserspiegel des Rheins, und steigt an demselben da empor, wo eine starke Krümmung des Stromes, 218 Stunden wegs von dessen Ursprunge, 8400 Fuß tief unterhalb demselben, bis zu 86 Stunden seinem Ausflusse genähert, noch einhundert und siebenzig Fuß über der [2] Nordsee erhoben, ihren Wasserlauf allmählig und abspülend herbeizieht, dann aber verstärkt nach dem jenseitigen bewaldeten Ufersaume hinübertreibt. Stolz ausgedehnt in der fruchtbaren, Obst- und Weinreichen, den Südostwinden sich öffnenden, den Südwestwinden geöffneten, dem Ostwinde gerade zuliegenden, gesunden und anmuthigen Landschaft, hat die Stadt und deren nächste Umgebung 10° mittlere, 28° höchste und 20° unter Null niedrigste Temperatur, ferner 27“ 11 1/300''' mittleren, 28“ 3''' höchsten, 27“ 1''' tiefsten Luftdruck, und steht, mit einer Abweichung der Magnetnadel zu 19 Grad 51 Minuten, unter der Constellation des Sternbildes vom Herkules und über dem des Pfaues an der südlichen Himmelssphäre. Zu beinahe 1200 Häusern herangebaut, und gegen 12000 Seelen enthaltend, gehört dieselbe zum Kreise Bonn und dem Kölner Regierungsbezirk der königlich-preußischen Provinz des Großherzogthums Niederrhein, ist 83 ¼ Postmeilen von der Hauptstadt Berlin, 3 ½ Meilen von Köln, 8 Meilen von dem Generalkommando in Koblenz entfernt, und wird von der Heerstraße durchzogen, welche die Küsten des deutschen Meeres, bis wohin in alten Zeiten die Diöcöse des Erzbischofs von Köln reichte, demselben als Erzkanzler durch Italien und gebornen Legaten des heiligen Stuhls, über die Berge und beide Verona's hin mit Rom, der Hauptstadt der Welt verband.

Vom Rheinstrome oder dem östlichen Ufer her wo das vorliegende Blatt gezeichnet worden ist, angesehen, bildet die entgegenstehende Außenseite der Stadt von berg am Altenzoll bis zu thal am rheinischen Wall, eine Linie von 2450 Fuß, der größten Länge des Berings von Osten nach Westen gleich, und zeigt eine Fronte von besonderer Mannigfaltigkeit, größerer und kleinerer, bei und [3] hintereinander stehender, älterer und neuerer Gebäudeformen. Vor denselben ziehen sich der ältere Mauerverschluß der Stadt mit dem jüngern breit vorliegenden Werk, einem Werke aus der Mitte des 16ten Jahrhunderts, und gewähren neben den Resten des vormaligen Festungsberinges und dem Nutzen des Leinpfads, noch eine feste Schutzwehr gegen die oft bis zur Höhe der Mauern aufsteigenden reißenden Fluthen und dem hier besonders hart antreffenden Eisgange des Stromes. Die östliche Beringsseite erhielt auch noch die meisten Spuren allmähliger Vergrößerung des städtischen Areals längs dem Rheine herab, und ist eine von der Hauptgrundlagen der spätern Erweiterung desselben Landeinwärts; auch mag es nicht unbedeutend erscheinen, diesen Wohnplatz sich hier successiv als Anfurtsort, königliche Villa, Reichsburg, Marktflecken, Landstadt mit Vorstadt, und Festung, selbst mit anzeigen zu lassen.

So tritt zuerst unter dem Altenzoll die uralte buhnenförmige Eisbreche hervor, deren Felsenmauerwerk leicht für eine Arbeit der Römer angesprochen werden könnte, und worauf vor Errichtung des erwähnten Zollwerkes welches auch dessen Namen trägt, das Haus und Glockenthürmchen zu dem Zolle stand, der seit undenklichen Zeiten hier auf dem Rheine genommen ward. Vordem Erzbischöflich-kölnisch und früher des fränkisch-deutschen Reiches, stand auf dem schönen Platze nächst dabei ein kurfürstliches Schloß, anstatt der königlichen Sala, und noch zieht hier verborgen ein langes Gewölbe durch das vorgeschobene Mauerwerk in der Richtung des Leinpfads den es sonst unterbrochen hatte, vorn mit einem Thore, die Granpforte benannt, dessen Schlußstein die drei Lilien des altfränkischen Wappens zur Erinnerung, [4] und die Jahrzahl 1575 als Gründungszeit des nunmehr auch gänzlich verschwundenen Salentinbaues trägt. Von diesem massiven Buhnenbau dehnt sich bis zu einer andern ähnlichen Eisbreche, auf der man gleichfalls eine schöne Aussicht auf den Wasserspiegel, und die Rheingegend hat, und eine Weinwirthschaft mit freundlicher Anlage ihr Wesen treibt, stromabwärts der Hafen Bonns mit dem ebenso zur Wirthschaft eingerichteten Krahnengebäude aus, welches mit Einwilligung der Kreditoren der Stadt als ein vortheilhaftes Etablissement, unveräußert und Eigenthum der Gemeinde zu bleiben bestimmt worden ist. Noch nehmen die Bonner, mit fünf großen Schiffen von 1200 bis 4000 Centner Ladungsfähigkeit auch an der Rangschiffahrt auf dem Strome zwischen Mainz und Köln ihren Antheil, und suchen, wann sie in den Winterhäfen obiger Städte nicht unterkommen, sich vor dem Eisgange mit den Brückenschiffen und übrigen größern Fahrzeugen in der Mündung der Sieg, einer altrömischen Schiffstation, zu erhalten.

An der Stadtseite dieses Uferhafens, der zugleich von den vortrefflichen Bleierzen, welche die westlichen Rheingegenden ausbeuten und verführen, so wie von einer Menge Baumaterialien für die Besserung der alten und Aufführung neuer Bauten jetzt immer bedeckt ist, erheben sich hinter hohen Mauern die Gebäude des Oberbergamts mit ihrer schönen Gartenanlage, sonst, nach dem schrecklichen Brande des Residenzschlosses, die beliebte Privatwohnung des letzten Kurfürsten von Köln. Ohnfern davon steht noch in der Ringmauer das nunmehr selten eröffnete alte Thor, die Gier- auch Bier-Pforte der Stadt, eine sonderbare Benennung, die urkundlich einestheils an die ehedem hier abgehende fliegende Brücke, [5] auch Gierbrücke und auf französisch Bière genannt, erinnert, anderntheils auch auf die ältern Bewohner des Anfurtortes als Erbmannen im Biergilden-Verband, anspielen könnte. Die untere große Eisbreche mit vormaliger Fortifikation trennt den jetzigen künstlichen Hafen Bonns von dem untern natürlichen Anfurtsorte am Rheinthore, wo die kleinern Schiffe und Fahrzeuge halten, und nach Köln und Königswinter Marktschiffe, desgleichen die Wasserdiligencen zwischen Mainz und Köln, so wie die Ueberfahrtsnachen bei Abgang der fliegenden Brücke, an und abfahren. Bonn war immer die erste und beliebteste Stelle am dießseitigen Ufer, wo die zur Krönung den Rhein herabschiffenden Kaiser und Könige ausstiegen, und von hier den Weg zu Lande nach Aachen fortsetzten; zwei derselben, der Gegenkönig Friedrich von Oestreich und König Karl IV. giengen nicht einmal weiter, und wurden in Bonn gekrönt.

Bei seinem Steigen tritt der Strom zuerst durch das Rheinthor in den Stadtbering, und erhob sich, wie die an der Seite desselben eingehauenen Denkmale das Zeugniß bewahren, bei der größten Höhe seines Standes im Jahr 1784 zu 30 Fuß über den mittleren Wasserstand, selbst über das dem landwärtsziehenden Volksweg Raum gebende Lichte des Thores hinauf. Sonst war dasselbe mit den an beiden Enden des Gestades liegenden Bollwerken neben dem Steinwege außerhalb, auch innerhalb hinter der Ringmauer, mit einem breiten Wege verbunden, der später durch kleine Behausungen für die vormalige Garnison-Soldaten mit Weib und Kind, theils bis auf Fußpfadsbreite verengt, theils durch die bis zum Rhein gehenden Gärten einiger großen Gebäude gänzlich unterbrochen und aufgehoben worden ist. Zu letztern gehören [6] insbesondere die unterhalb dem Ausfluß der Godesberger Bach mit stattlichen Façaden und vorliegenden Garten-Anlagen zu dem Strome herantretenden Hotels der Grafen von Belderbusch und von Metternich; sie tragen nicht wenig dazu bei das Aussehen der Stadt gegen den Rhein zu erheben und zu verschönern; gerne erinnern sie an die Zeit, wo Bonn als Residenz des Kurfürsten der besuchteste und beliebteste Aufenthaltsort des kölnischen Adels und der Ritterschafft war. Mehr thalwärts, unterhalb dem Einschnitt der Stadtmauer, wo die Judengasse durch Hinwegräumung der oben erwähnten Behausungen mehr Luft und freie Aussicht gewonnen hat, liegt abermals ein Thor nach dem Rhein neben dem vormaligen Bollwerk zurückgezogen, das Josephsthor, sonst auch das Neue Thor genannt. Es führt hauptsächlich zu der hier an- und abgehenden fliegenden Brücke, wodurch nicht allein die uralte, äußerst frequente Querfahrt des Stromes verbessert und erleichtert worden, sondern auch die jetzt den Rhein doppelt belebenden Dampfschiffe für ihre zeitliche An- und Abfahrt, der Vorrichtung zur fliegenden Brücke sich mitbedienend, eine vorzügliche Landungsstelle und Bureau Gelegenheit gefunden haben.

Eine der Gierpforte ähnliche Oeffnung durch die Ringmauer, war ehedem das neben dem jetzigen neuen Schlachthause am untersten Ende der Stadt gelegene Ochsenthor, und die berühmte Beckerwippe vor demselben in dem Rhein. Noch steht daselbst, als Ende des Oppidi der Ueberrest des hohen und tiefen Quadrat- oder Neuen Thurmes, aus der Mitte des 16ten Jahrhunderts, welcher gegen Ende desselben mit Erde gefüllt und mit schwerem Geschütz oben besetzt, bei dem letzten Bombardement Bonns am [7] Anfange des vorigen Jahrhunderts als Redoute benutzt, durch den weltberühmten Ingenieur Coehorn vom jenseitigen Rheinufer aus, nieder geschossen ward. Bis zu Ende der jüngeren Zeit befand sich auf diesem zugleich die Uferseite der Stadt flankirenden festen Punkte, woselbst jetzt gleichfalls eine Weinwirthschaft getrieben wird, die Wohnung des Kommandanten, welcher die Schlüssel der Stadtthore bewahrte. Für eine Uebersicht der neuern auf der Ebene nach Köln weit stromabwärts vorliegenden Festungswerke, war dabei schon früher durch den hochragenden Thurm mit der Windmühle gesorgt, welche letztere zugleich die erste dieser nach den Niederlanden in Unzahl sich vermehrenden solchen Erscheinungen ist, und zum Wahrzeichen dasiger Landesbeschaffenheit in Ermangelung sonst nöthiger Wasserfälle gehöret. Am sichtbarlichsten gab noch vor kurzem der am untersten Ende der Stadt hinabstehende rheinische Wall mit einer langen Reihe von Kanonen-Scharten und hoher Baumdecke, jetzt der neuste Schützen-Schießplatz, das Bild vom vormaligen Beringe der Festung Bonn. Dieser gieng von dem oberen Ende der Stadtmauern, dem Altenzoll als erste halbe Bastion zu den heiligen drei Königen benannt aus, und verfolgte mit noch neun andern ganzen Bastionen den Umgang derselben bis zu der vorliegenden dem heiligen Erzengel Michael geweihten halben Bastion; dazwischen befanden sich allenthalben starke Courtinen, weit vorgehende Contregarden, Raveline, tiefe Gräben und bedeckte Wege, in einem Halbkreis von 4000 Schritten, die gerade Rheinseite mit einbegriffen. Die nicht geringe Festigkeit dieser Werke nach der Landseite hin, und der Trotz mit welchem sie von den Fremden öfter als von dem Vaterlande, ohne Rücksicht auf die friedlichen [8] Bewohner ihres Innern vertheidigt wurden, legte die Gebäude der Stadt mehr als einmal mit ihnen zu Trümmern. Sie sind die Ursache gewesen, weshalb vielleicht keine der mit Bonn gleich alten Städte des Rheins von ihrer Alterthümlichkeit so wenig noch vor Augen stehen hat, sondern der Erscheinung von Außen und Innen nach mehr zeigen dürfte, daß es fast in allen seinen bestehenden Gebäulichkeiten, einige ausgenommen, sich etwa erst von hundert Jahren her datiren kann.

Nach mehrmaligen Zerstörungen im frühern Mittelalter von den Normannen, später im 13ten Jahrhundert von deutschen Königen, und im 16ten durch die Truchseßischen Unternehmungen, zuletzt aber gegen Ende des 17ten und zu Anfang des 18ten Jahrhunderts unter den Franzosen, führte das vorletzte Bombardement durch seine zermalmende Wirkung, wonach kein Gebäude, kein Haus von den Kugeln und dem Feuer unversehrt übrig blieb, und man selbst Mühe hatte die Straßen wieder aufzufinden, die traurigste Katastrophe in der Geschichte der Stadt Bonn nothgedrungen herbei. – Es war dieß im Jahre 1689, als Kurfürst Friedrich Wilhelm III. von Brandenburg, nachmaliger Friedrich I. König von Preußen, von seinen Alliirten dem Kaiser und den Ständen Deutschlands nebst den Holländern und Spaniern mitberufen war, dem Uebermuth der Krone Frankreichs und den Zerstörungen, welche dessen Heerschaaren in den Rheingegenden verübten, den kräftigsten Einhalt zu thun, seine und seiner Verbündeten Land und Unterthanen zu schützen und zu schirmen, insbesondere aber die in Bonn einquartirten fremden Söldlinge, nöthigerweise mit aller Gewalt auszuweisen, die von den Franzosen stark besetzte Stadt angriff. Es blieb bei der Bedeutenheit der nach [9] damaliger niederländischer und französischer Art kurz vorher größtentheils neu angelegten Festungwerke von Bonn, und der darauf sich stützenden Halsstarrigkeit von 8000 Mann der besten Truppen, die unter dem tapfern Kommandanten, Marquis von Alsfeld entschlossen waren sich bis auf das äußerste zu vertheidigen, dem Oberbefehlshaber der herangenahten alliirten Armee nichts übrig als dem Begehren seiner Generale vorerst nachzugeben, und zu versuchen den Feind mit dem geringsten Verlust von Soldaten in der Festung Bonn zu bombardiren, und ihn dadurch zur Uebergabe zu bewegen. Um das Geschütz zum Bombardement nächst und sicher aufzupflanzen, ward das jenseitige Ufer gewählt, da die Stadt hiergegen nur durch die oben erwähnte halbe Bastionen und an der Mauer befindliche Thürme oder Redouten vertheidigt werden konnte. Nach Wegnahme einer noch vorher am jetzigen Anlandungsplatze der fliegenden Brücke bei Compan zum Schutze derselben von den Franzosen angelegte Redoute, Fort des Bourgignons benannt, durch den brandenburgischen General Barfuß mit Sturm, nahm der Artillerie Obrist Weiler an diesem Platze seine Position, und 140 Kanonen und 40 Mörser in der Mündung der Sieg ausgeschifft, wurden in drei Batterien, der Stadt Bonn gerade gegenüber, nämlich 70 Kanonen oberhalb dem bezeichneten Platze, 70 Kanonen unterhalb demselben mit vorgezogenem Laufgraben, und die 40 Mörser in der Mitte aufgestellt. Auf höchsten Befehl und nach der Maxime des berühmten Ingenieur Coehorn, ward jedoch nicht eher gefeuert, als bis alles und jedes Geschützstück zum Angriff gedeckt und fertig war.

Am 13ten (24ten) Juli 1689 waren alle Batterien [10] fertig und die Geschütze sämmtlich aufgefahren und bereit. Den folgenden Tag begab sich der Kurfürst über den Rhein, um die schnell und gut getroffenen Anstalten selbst in Augenschein zu nehmen. Als Friedrich alle Zurüstungen durchgegangen und gemustert hatte, und auf der zur militairischen Communikation unterhalb Bonn über den Rhein geschlagenen Schiffbrücke wieder zurück gekehrt war, machte man zwischen 8 und 9 Uhr Abends den Anfang, Bonn auf gut Coehornisch, das hieß damals mit voller Kraft und Fertigkeit und auf Einmal zu beschießen. Das Feuern war so heftig daß man in einer halben Stunde an verschiedenen Orten der Stadt die Flammen aufsteigen sah; immer mehr griffen dieselben, sowohl in der Nacht als den folgenden Tag um sich, so daß in der folgenden Nacht fast alles bis auf die Westseite der Stadt und das Kapuzinerkloster in Ruinen und Asche lag. Am grausamsten wüthete der Brand und die Gluth in den Fouragemagazinen, wozu man besonders die Kirchen verwendet hatte, und die Besatzung, welche sich in den Kellern der Häuser zu schützen glaubte, konnte auch da nicht länger bleiben, sondern verließ die Stadt und zog sich bis in die Außenwerke und den trocknen Graben zurück. Die Franzosen selbst gestanden daß sie eine so gewaltsame und schnelle Wirkung des Feuers nicht vermuthet hätten, besonders da viele steinerne Gebäude in der Stadt waren; sie hielten sich nunmehr in ihren Zufluchtsörtern ganz ruhig, auch von den Wällen geschah kein Schuß. Nur von den Redouten am Rhein die von stärkerem Mauerwerk als einige Rondele auf älteren Thürmen waren, feuerten die Angegriffenen noch mit Doppelhacken über die Bank in die Batterie-Scharten der Bombardirer, und tödteten viele Leute; weshalb nun [11] auch das Geschütz der Batterien gegen diese Punkte gerichtet wurde, und kaum hatte dieses seinen Verderben speienden Schlund geöffnet, so stürzten Thürme und Mauern ein, und man konnte ohne Hinderniß gerade in die Stadt sehen.

So gut nun auch der General Barfuß und der Obrist Weiler dieses Bombardement ausführten, so wurde doch wie der Kurfürst schon vermuthet hatte, dadurch nicht viel zum Besten der Verbündeten ausgerichtet. Der Rheinstrom trennte bei weitem die Angreifenden und die Angegriffenen von einander, und war ein unübersteigliches Hinderniß; die Garnison konnte auf dieser Seite ihre Mauer, ohne etwas zu befürchten einstürzen sehen, und die Wuth der Flammen, welche Bonn verzehrten, trieb sie aus den Häusern, aber nicht von den Wällen. Es ward zwar noch einige Tage das Bombardement fortgesetzt, aber nicht mehr so lebhaft, weil die meisten Gebäude welche man sehen konnte bereits in Asche lagen, und man dem Feinde, weil er sich jenseits der Stadt in die Außenwerke retirirt hatte, keinen Schaden mehr zufügen konnte. Der Kommandant wollte sich keineswegs zur Uebergabe verstehen, und es mußte Bonn deshalb nun von der andern Seite, wie an seinem Orte wird beschrieben werden, regelmäßig und förmlichst belagert und angegriffen werden. Das Unglück so vieler Einwohner rührte Friedrich Wilhelm III. wie aus der Schrift hervorgeht, welche er hiebei in dem Lager vor Bonn bekannt machen ließ: er sah ein daß es nicht Häuser sind welche den Flammen trotzen, und welche zerstört werden müssen wenn man eine Festung nehmen will, und das ein Kommandant, der wie später Tauenzien nichts von der Uebergabe wissen will, wenn ihm auch das Schnupftuch [12] in der Tasche brennt, durch die Flammen der Häuser nicht zum kapituliren gebracht werden könne; auch war es kein untrügliches Mittel den Marquis von Alsfeld zur Uebergabe eines Platzes zu zwingen der seinem Herrn nicht zugehörte.

Wie bald und ansehnlich sich die unglückliche Stadt unter dem Segen und Füllhorn ihres Bischofs und Fürsten von dieser Zerstörung seit dem Ryßwiker Frieden der sie als Festung verbot und seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts erhohlte, giebt das seitdem bestehende und sich wechselweise in seiner Aussicht überragende Bonn den schönsten Beweis. Neue Straßen und Plätze verbreiteten sich, ganze Quartiere erhoben sich wieder aus den Trümmern, und sind mit weit stattlichern Gebäuden als Bonn vorher gekannt hatte ausgeschmückt. So steht die damals halb zertrümmerte Bastion der heiligen drei Könige, der Alte Zoll, zum Genuße der unvergleichlichen und entzückenden Aussicht als der anmuthigste Platz am herrlichen Strome freundlichst hingestellt da, und die von diesem Orte sonst ausgegangene südliche Circumvallation der Stadt ward wieder zu Weingärten aus denen sie erstanden war aufgelößt und in einen prächtigen Lustgarten verwandelt, welcher dem großen Schloß und jetzigen Universitäts-Gebäude auf 1500 Fuß Länge zum Vorgrunde dient. Hievon ragen die höchsten Theile noch über die zwischenliegende Stadtgebäude zu unserm Standpunkte herüber, das Michaels- oder Koblenzer-Thor mit seiner Plattform und den Dachzellen des Conviktoriums daneben, die Thurmreste des Corps de Logis vom Schloße mit ihrem Glockenhause über der evangelischen Kirche, und endlich der dem Ganzen vorliegende neue rundliche Anatomie-Bau. Ueber [13] diesem erblickt man auch im Bilde den Zug des Vorgebirges hinter Bonn und die von demselben der Stadt auf 4000 Fuß nächst zugewendete Stirne desselben, den Kreuzberg, mit der Kirche und den Resten vom vormaligen Servitenkloster daselbst, wo zu der dem oben geschilderten Bombardement nachfolgenden Belagerung, Kurfürst Friedrich Wilhelm III. sein Hauptquartier genommen hatte, und von dort aus herab, wie seine Adler die Feste im Halbkreis, der oberhalb und unterhalb bis an den Rhein gieng, umschloß und eroberte. Zwischen jener Höhe und dem Rheinthor erhebt sich die Spitze der Gertrudenkapelle, welche in dem ältesten Theile der Stadt, der Villa des Orts, allernächst der Gierpforte steht. Weiter sieht man vom Ende des Schloßgebäudes her das Münster von Bonn, jetzt die erste Pfarrkirche der Stadt, mit seinem außerordentlich großen Stiftsthurme in der Mitte und je zwei kleinern zur Seite, das hehre Wahrzeichen der Gegend, aufgerichtet am südlichen Ende des alten Bonner Burgberings. Mehr herabwärts, zwischen den Hotels von Belderbusch und Metternich, ragt das Glockenthürmchen vom ehemaligen Minoritenkloster, der zweiten Pfarrkirche hervor; weiter rechts steht mit ihren Doppelthürmen und Portale die stattliche ehemalige Jesuitenkirche, und endlich mit ihrem Lamm welches das Kreuz trägt, die ehemalige Dietkircher Damen-Stiftskirche und jetzige Succursalkirche zum heiligen Peter, welche ehedem außerhalb den Ringmauern des Oppidi Bonn im freien Felde gestanden, und zuletzt auch als Rest der Vorstadt (des Suburbii) in die Festung Bonn verpflanzt worden war. Minder erheben sich neben diesem Gebäude, etwas mehr nördlich, die noch mit ihren Kreuzen gezierte Giebelspitzen des ehemaligen Welsch-Nonnenklosters hervor, [14] welches jetzt zur Kavallerie Caserne eingerichtet ist und gebraucht wird. Zwischen diesem Ort und der Windmühle war noch in unsern Tagen die Stange der alten Schützengesellschaft, die sich des Flitzbogens bediente und ihren Schießplatz auf der Bastion des heiligen Josephs hatte, zu sehen; nun ist ihr Platz zu den Neubauten gekommen, welche nach dem umgestürzten alten Kölnthor und den alten Stadtmauern aus dem 13ten Jahrhundert, Bonn an dieser Seite vergrößern. Auch die Synagoge der Juden nahe beim Josephsthor verfehlt nicht ihre Stange zu erheben, um so würdiger, da diese Glaubensgenossen auf der linken Rheinseite mit den Christen gleiche bürgerliche Rechte genießen, auf der rechten Uferseite aber, wo sie ihren Begräbnißplatz haben, noch in den alten Verhältnissen leben.

Der mit immerwährendem Fluthen und Strömen die ihm zugelegene Gegenden belebende und bewegende Rheinstrom, ist zwischen der Stadt Bonn und dem jenseitigen Ufer, da wo die fliegende Brücke ihre Bogen hin und wieder beschreibt, in der Sehne und bei mittlerem Wasserstand 1440 rheinische Fuß breit, ein Maas welches der größten Erdhöhe in der Umgegend Bonns über diesen Wasserspiegel, dem Auelberg auf dem Siebengebirge nahe kömmt. Diese vorzügliche Rheinbreite übertrifft die zwischen Mainz und Cassel um 240, die zwischen Köln und Deutz um 140, die zwischen Koblenz und Ehrenbreitstein und die bei Neuwied um 210 Fuß, ist der bei Wesel (1500) ziemlich gleich, und enthält endlich mehr als die Hälfte der größten Breite die derselbe Strom bei Emmerich mit 2150 Fuß erlangt. Diese große Wassermasse bewegt sich hier mit einer bei mittlerem Wasserstande noch 15 Fuß tiefen Rinne, in einem [15] gegen Bonn gebogenen und vertieften, nach Beul hingegen abgeflächten Bette von grobem Sand, Kies und Gerölle mit Laimen gebunden, in größter Geschwindigkeit von 8 Fuß in der Sekunde, und steigt im Sommer, Herbst und Frühling oft um 10, 20 bis 25 Fuß und darüber in die Höhe, mit verdoppelter Geschwindigkeit sich in der Krümmung abstürzend, welche das westliche Ufer allernächst mit den Gewässern der Aar, das östliche aber mit denen der Wied und der Sieg, ab- und anspült.

Die Stelle des Rheinstromes bei Bonn, der bedeutendsten Grenzstadt des Unterrheins gegen den Mittelrhein hin, hat auch ihre historischen Merkwürdigkeiten, denn es wurde daselbst im Jahre 921 zwischen dem deutschen Könige Heinrich I und Karl dem Einfältigen von Frankreich, mitten auf der freien Straße des Rheines, auf dem heiligen Strome, durch Gesandte ein Bund und Staatsvertrag beschlossen und beschworen. Nachdem nämlich ersterer mit seinem Heere über den Rhein gesetzt und wider den Herzog Gisbert das ganze lothringer Land erobert und unter seine Gewalt gebracht hatte, kamen beide Herrscher im Gefolge der Ersten ihrer Völker, mit Bischöffen und Fürsten hier zusammen, und es ward der große und lange Krieg und Streit zwischen Deutschland und Frankreich geschieden. Das Herzogthum Lothringen kam, dem Verduner Vertrage gemäß wieder an das römisch-deutsche Reich unter den sächsischen Kaisern, und ward auch noch zwei Jahre später (923) auf derselben Stelle ebenso von Frankreich an Deutschland gänzlich abgetreten.

Es meldet ferner die bonner Chronik von einem Besuche unserer Stromparthie aus dem Thiergeschlecht des tiefen Nordens, dessen ungeheure Erscheinung in jüngster [16] Zeit durch das Dampfschiff wieder lebhaft zur Erinnerung gebracht sein könnte. Im Anfange des Jahres 1680 nämlich, sahe man eine Meerkuh (Wallroß, Odobenus, Rosmaris) mehr den 14 Fuß lang, bei der Stadt Bonn vorbei den Rhein herauf schwimmen. Auf dem Wasser entstand ein unerhörtes Ungestüm der Wellen, vermehrt durch ein großes Geräusch zweier aus der Stirne des Ungeheuers hervorsprühender Wasserstrahlen. Die ganze Stadt stürzte an den Rhein das Unthier, welches wohl niemand damals auch nur dem Namen nach kannte, zu sehen; vom Altenzoll schoß die Schildwache verschiedenemal auf dasselbe, jedoch vergebens; es setzte seinen Weg ungestört den Strom hinauf fort, und soll bis oberhalb Strasburg gekommen seyn. Nach zwei Monaten wurde es bei dem Dorfe Niel, eine Stunde unterhalb Köln todt gelandet, mit vier Schußwunden in dem Kopf; wo und wer es geschossen, blieb unbekannt.

Die fliegende Brücke oder Drachenfähre zwischen Bonn und Beul, beinahe allen Verkehr zwischen den beiderseitigen Uferstätten auf sich nehmend, wechselt in der Regel jede Viertelstunde ihren Gang, der bei mittlerem Wasserstande ohngefähr 10 Minuten, jedoch wegen der Biegung des Stromes herüber kürzer als hinüber währt, und besonders wegen der schönen Aussicht und an warmen Sommerabenden so einladend ist. Sie gehört mit ihren ausschließenden Rechten und Privilegien jetzt wieder einer Anzahl sogenannter Brückenbeerbter, an die oben erwähnten Erbmannen des alten Verona erinnernd, so von der Einnahme dasjenige was nach Abzug der Kosten, Bau und Besserung der Schiffe über 10 Prozent reines Gewinnes steigt, der Staatscasse abgeben. Vordem war sie ganz kurfürstlich, und das stolze [17] Fahrzeug versah zugleich den traurigen Dienst den auf demselben in einem prächtigen Sarkophag befindlichen Leichnam des Erzbischofs und Kurfürsten, Angesichts der längst dem Rheinufer aufgestellten Geistlichkeit, Kirchenleute und Schuljugend Bonns, gefolgt von einer zahlreichen Flotte, nach Köln zu überbringen; der letzte Kurfürst veranstaltete auf demselben Schiffe — einen Ball.

Aus dieser Zeit rührt auch noch das schöne Wohnhaus des Brückenmeisters, ohnfern dem Platze wo in älterer Zeit die Brücke landete, am obern Ende der vielen neugebauten Gast und Handelshäuser her, auf der Uferseite, wo wegen der Schifffahrt und Stromrichtung die Brücke zu Nacht anhält, und ursprünglich die Häuser der Schiffsknechte lagen, von denen dieser Wohnort, der jetzt schwer von Villich-Rheindorf und von Beul zu unterscheiden ist, den Namen Compahn (Compain) erhalten hat.

II. Die nächsten Umgebungen Bonns mit Ansicht der Stadt von Westen aus.

[18] Inmitten der wieder erweiterten Landschaft des bisher von mächtigen Felsengebirgen eingeschlossenen Rheinstromes, erhebt sich von allen Seiten offen und frei die Stadt Bonn mit nächster Umgebung, und bildet schon ihrer natürlichen Lage nach den Hauptort des schönen Ufergaues, der sich da, wo die beiderseitigen Gebirge denselben mit vortretenden Armen umsonst, auf 12 bis 1400 Schritt Weite noch einmal zu schließen versuchen, als eine äußerst freundliche Aue dem Strom entlang hinauf und hinab dehnt. Eine Stundewegs am rechten und auch hier höhern Ufer des Rheines südwärts und nordwärts hingestreckt, dehnt sich der städtische Umkreis landeinwärts minder breit nach Westen aus, obgleich das noch jetzt mehr oder weniger von dem Festungsberinge umschlossene Stadtareal selbst, besonders an seinem südwestlichen Ende, über die Form des Halbkreises bei weitem hinausgeht. Der umliegende plane Flurbering wird durch die Bahnen von Plittersdorf mit der Gronau, von Kessenich, Poppelsdorf, Endenich und Transdorf, und von Grau-Rheindorf mit der Rheinaue angenehm begrenzt, und befaßt eine Menge von Straßen und Wegen zur Stadt, welche sich hier zusammendrängen, und zu deren Ankommen bei einander wie zu ihrer Abwehrung der Stadtbezirk [19] dagegen mit seinen übrigen Thoren, Mauern, Wällen und Graben nebenbei ein eigenes und selbstständiges Interesse fortbehält. An diesem her wird die nächste ländliche Umgebung Bonns, in deren Mitte der Standpunkt zu dem vorliegenden Ansichtsblatte genommen ist, von mehr als zehn Landstraßen und Vizinalwegen durchschnitten, welche zum Theil mit Baumreihen besetzt viele Spaziergänge bilden, und eine große Mannichfaltigkeit und Abwechslung von verschiedenen angenehmen Distrikten wieder in sich schließen. Im Ganzen bildet die Feldflur und das Stadtareal eine erhöhte Landfläche, die sich nordwestlich etwas neigt und wieder mehr erhebt, und als aufgeschwemmter Boden jüngster Formation aus Wasser durchlassenden oder lecken und dichten Erdschichten besteht, worin zu oberst auf 5 bis 6 Fuß Tiefe eine laimigte Sanderde liegt, so viel zum Weinbau gerodet, oder zu Ziegelsteinen verbrannt wird; tiefer, wie es sich in Baugruben und Brunnenschachten ergiebt, bis unter sechszig Fuß oder die Sohle von Rinnsaal des Rheinstromes hinab, findet sich nach obiger Erde eine dünne Laimschicht, dann eine solche von feinem Letten mit, merkwürdig genug, Bimsteinen die von dem vulkanischen Gebirgsrande des Laacher Sees bis hieher sich ausbreiten, ferner eine viertehalb Fuß hohe Schicht von feinem Sande, und endlich immer tiefer grober Grand mit Sand, und gewaschener Sand mit Grand, welche sich hier als Hauptgemengtheile des Unterbodens unterscheiden lassen. An zu Tag gehenden Quellen ist fast gänzlicher Mangel, und die gegrabenen Brunnen, wenn sie nicht ihr Gewässer aus dem Rheine beziehen, geben ein unschmackhaftes und zum Theil selbst nicht ganz gesundes Getränke. Neben den Fluthen des [20] Rheines ist unser Landbezirk von Natur nicht so arm an fließenden Gewässern, wie nun alle rechter Rheinseite tiefer hinab liegenden Gegenden, sondern damit westlich und unterhalb durch den Zusammenlauf und die Annährung mehrerer Bäche, welche den vor alters sogenannten Bonnfluß (Rivus Bonensis) so zu Grau-Rheindorf in den Strom fällt, bilden, reichlich versehen. Uebrigens kann es aus Erfahrung nicht geläugnet werden, daß um Bonn wegen Nähe der beiderseitig herantretenden Gebirge, und durch die Erhebung seiner Gebäude mitten in dem Engpasse derselben, der freie Zug der Luft und der Stoß der Winde bedeutend vermehrt und verstärkt wird, und verbunden mit dem feuchten Dunstkreise des Orts, auf rheumatische Uebel nicht günstig einwirkt.

Der Stadtbezirk Bonns breitete sich an seinem obern Ende auf der Rheinfläche, im Verlauf von beinahe zwei Jahrtausenden worin er nunmehr laut schriftlichen Urkunden namentlich schon bestand und fortgedauert hat am wenigsten aus, obgleich hier die haupt- und königliche Landstraße, welche so manchem Wohnorte Gelegenheit zur Vergrößerung gab, nächst dem Strome herauf fortzieht, was bisher nur den höhern Rücksichten auf die Besitzerhaltung der zur freien Aussicht berechtigten Saal, Zoll und Schloß-Gebäude zuzuschreiben war. Vor denselben zwischen der godesberger Straße und dem Rheinstrome, auf dem hohen Ufer und bis zu der ersten oder untersten Fahrgasse, welche außerhalb der Stadt zu der Anfuhrt herabkommen lassen, wird das nun mit mehreren neuen Häusern besetzte Terrain noch mit dem Namen: »Auf der Herren-Mauer«, bezeichnet; es war ehedem von allen Seiten mit Mauern umschlossen, und diente in alten Zeiten als Außenwerk zu einem Wehr- [21] und Zufluchtsort, für die Gegend oberhalb der Stadt. Hier wo ein Stück des Mittelpfads von unterhalb der Stadt, dem Wichelshofe, durch dieses Terrain hindurchziehend noch sichtbar ist, wurden vor einigen Jahren bei dem Grundgraben zu dem neuen Hause daselbst die Reste von römischen Gebäuden, den Cellen oder Schlafgemächern am obigen Orte vollkommen gleich, und zum Theil von gebrannten Steinen mit dem Zeichen L. XXI und L. M. (Legio Minervia) aufgeführt, gefunden. Sie bekunden nicht unwahrscheinlich auch die Stätte, wo der ob des Genusses der schönen Aussicht jederzeit am schwächsten gedeckte Festungsbering Bonns, dessen vorgezogener tiefer Graben bei dem Sturm der gegen die Römer unter Herennius Befehl aufgestandenen Belgier im Jahre 72 nach Christi Geburt mit Todten und Verwundeten fast ausgefüllt worden, und darauf neben der Legio XXI die VIII Legion ihr Winterquartier zu Bonn erhielt, auch früher stärker befestigt war. Das tiefe Rheinufer selbst ist hierseits nur auf eine kurze Strecke, bis an das Köpfchen am Ausgange der Fahrgasse, mit einem gemauerten Werk versehen, von da an aber nimmt der Rhein immer mehr das hohe Ufer, weniger durch die vor und zurückkreisende Strömung als durch den Anschlag der Wellen bei hohem Wasserstande, von der über 45 Grad betragenden Steilung des Erdreichs hinweg. Noch gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts war diese ausgehöhlte Strecke bis zur fernen niedrigen Gronau, der Lekboard genannt, mit einer einträglichen Weidenpflanzung und einem schattigten Spaziergange versehen, von welchen jedoch jetzt alles verschwunden, und der wichtige Leinpfad, und die oben an liegende Gebäude, werden so jedes Jahr unabwendbar mehr gefährdet. An diesem gegen vierzig [22] Fuß hohen und abgewaschenen Längenprofil der Erdschicht Bonns wächst oben auf der Fläche der beste rothe Wein um Bonn, der auch den Namen Lekbart führt, und mitten an den so schön gelegenen Weingärten, deren Grundwerth immer den höchsten Preis in der Stadtgemarkung und in dem ganzen Kurfürstenthum galt, auch jetzt als beliebteste Baustelle enorm gesteigert ist, erhebt sich dicht auf dem Uferrande, das berühmte zu dem vormaligen kurfürstlichen Weingarten, der Vinea Domini, gehörige Gebäude. Es besteht aus einem Achteck, mitten auf der starkgemauerten Terasse mit kleinern Bauten am Ende, und schließt blos einen hohen Saal in sich, in dessen Mitte sonst, durch mechanische Vorrichtung, der runde Tafeltisch sich durch den Fußboden in die darunter liegende Küche versenken und mit den Gerichten besetzt wieder emporheben ließ. Dicht belaubte Roßkastanien und eine Pflanzung von Aepfelbäumen beschatten jetzt den doppelt angenehm und kühl zwischen dem Rhein und der belebten Landstraße und zugleich so nahe der Stadt gelegenen Vergnügungs-Platz, wo einst der Landesherr selbst die ersten Trauben zur Weinlese schnitt, und somit das auch bei den Bonnern sehr beliebte Fest eröffnete. Das Gebäude und der Garten sind jetzt im Privatbesitz und werden, mit einer öffentlichen guten Wirthschaft versehen, häufig besucht. Ihnen gegenüber und zwischen den beiden Fahrgassen, hatten im Jahre 1796 die Franzosen zu einer Brücke über den Rhein sechs und zwanzig doppelmastige holländische Schiffe aneinander gestellt, auf denen unter 56 flagenden Fahnen und Wimpeln die Schiffer mit ihren Familien fortwohnten, und die Bevölkerung Bonns und der umliegenden Gegend in neuem Freiheitsgenusse lustwandelnd, sich heiter er- [23] gingen. Endlich kam auch die französische Division Poncet bei ihrem Rückzuge aus Deutschland darüber, ließ hinter sich die Brücke abbrechen, und lagerte am Abend um Bonn im großen Halbkreise, während der Nacht durch flammende Wachtfeuer beleuchtet, was das Ansehen einer belagerten Stadt gab und manchen mit traurigen Nach- und Vorgefühlen durchschauderte.

Die hohe königliche oder auf die Strecke bis dahin sobenannte Straße von Godesberg, neben der die Bachleitung von daher frisch und rasch nach der Stadt fließt, ist seitdem sie erweitert, zum Theil gepflastert und mit mehreren Wohngebäuden, zu welchen jetzt eine neue Baulinie gerade auf das schöne Michaelsthor schon begonnen worden, ohnstreitig außer dem alten Zoll und Hofgarten jetzt der beliebteste und besuchteste Spazierweg der Bonner, auch zu Pferde und Wagen, und in Hinsicht der freien entzückenden Aussicht nach den reizenden Seitengegenden und in die schöne Ferne zugleich, der vorzüglichste. Das erste Ziel auf dieser, zur Zeit der Weinlese, welche zu Bonn ebenso zum Vergnügen wie zum Nutzen auf eine sechstägige Dauer ausgedehnt wird, am allerbesuchtesten Straßenabtheilung, bildet ein Eschenbaum mit einer Ruhebank, da wo dieselbe von ihrer geraden Richtung auf das Münstergebäude etwas mehr Rheinwärts abgeht. Hier fand man gegen die Stadt zu, vor einigen Jahren beim Neubau der Straße, wenige Fuß tief in der Erde ein uraltes Pflaster, und zur Seite desselben die Reste von Monumenten, welche der Straße wahrscheinlich als Denkmäler in römischer Zeit und nach griechischer Weise zur Zierde, den Verstorbenen zum Andenken, Vorübergehenden aber als ein Wink der Nemesis, den Uebermuth in Worten und Handlungen [24] zu bezähmen gedient hatten. Weiter von dieser Linie südwestlich ab, um das vorgeschobene Terrain des Hofgartens herum, woselbst zu Ende des 17ten Jahrhunderts auch eine Hermenbüste des Kaisers Vespasian von weißem Marmor aufgefunden ward, die lange Zeit dem Schlosse zur Zierde diente, ist die von Godesberg in einer Ebene heranziehende etwas mehr erhöhte Landfläche ebenfalls mit Weinstöcken besetzt, oder die vereinzelten Parzellen derselben sind doch mit Weindonnen umzogen. Die Gewande heisen hier noch: »In den Hoegen und Auf der Maarfläche«, und waren ehedem mit dem benachbarten Terrain, Gelände des uralten königlichen Weilers (villa) Bonn, und als Weingärten mit dem höchsten Steuersimplo, das sich zu dem des besten Ackerlandes wie 2 zu 9 verhielt, belastet. Längs demselben zieht sich landeinwärts in der Tiefe der Kirchenweg von Kessenich, Dottendorf und Friesdorf her, welcher in alten Zeiten unter Aufsicht des Bonner Freigrafen stand, und die vorhergehende Ortschaften zu dem jährlichen Synod des in der vormaligen Martinskirche abgehaltenen Burgdekanats führte. Dieser Weg zieht nächst Bonn an einer großen Vertiefung, dem Bendenloch, vorüber, welches jetzt nur im Frühjahre mit Wasser stagnirt, und aus Wiesen in geschlossenem Verband bestehend, vor alters eine Lache oder Teich war, wohin die Gewässer von Kessenich und Poppelsdorf geleitet und gesammelt, den diesseitigen Stadtgraben von Bonn alimentirten. Hier wird die niedersteigende Gegend von obigen Ortschaften her noch das Bonner Thal genannt, in welchem die Ortsflurstücke schon frühzeitig wegen der auf denselben insgesammt beruhenden Feld-Polizeigerechtsame und niedern Gerichtsbarkeit, und in Ermangelung natürlicher Grenzen in einen politischen [25] Verband gegen einander, die Bonner, Kessenicher und Poppelsdorfer Bahnen genannt, sind gelegt worden.

Eine neue, ganz besonders ausgezeichnete Anlage in den nächsten Umgebungen der Stadt, bildet die Doppelallee von Poppelsdorf nach Bonn, deren Beschreibung sich in der Folge dieser Blätter an ersterem Orte, den sie mit dem Schlosse und der Universität verbindet, am besten abhandeln wird. Auf der Hälfte ihrer Länge geht bei den großen und tiefen Sandgruben, weiteren Aufschlüssen zur lokalen Bodenkunde, aus welchen das Material für die älteren und neueren Ortsbedürfnisse entnommen, einerseits links der schöne freie Feldweg nach Kessenich und ferner über die Dörfer nach Godesberg, andererseits rechts, die einfache Kastanienallee nach der Baumschule ab, von deren Ende aus die vorliegende Ansicht der Stadt Bonn aufgenommen worden ist. Man übersieht auf diesem Standpunkte den ganzen Distrikt der westlichen Umgebung Bonns, welcher sich vorwärts derselben zwischen der Poppelsdorfer Allee und der mühltreibenden Endenicher Bach befindet, und in die Quere von dem umgeleiteten Poppelsdorfer Wege, als Ende der Mekenheimer Straße durchschnitten wird. Dieses Feld, worin zur Seite die bei der Belagerung Bonns oft auch namentlich berührte Mergescheuer, jetzt ein Haus mit Baumgarten und fast einziger Rest des hier eingegangenen Wohnortes Mülheim noch sichtbar ist, zeigt viele unnatürliche Erhöhungen und Vertiefungen, welches Reste von den Vertheidigungs- und Angriffswerken sind, die besonders in dem Kriege des Jahres 1689 hauptsächlich hier angelegt und bestritten worden. Im Vordergrunde der Ansicht sieht man zur Hand die bequeme und leichte Form des höchst nützlichen [26] Ackergeräthes, so unter dem Namen des Bonner Pfluges, eine besondere Art dieser ehrwürdigen Maschine ausmacht, welche von hier bis Koblenz herauf und bis in die Niederlande hinab auf der Rheinebene gebraucht wird. Man verweilt gerne auf dieser anmuthigen Stelle, von welcher aus Bonn als Landstadt mit ihrem vorstehenden Hauptgebäude, dem Münster in der Mitte, in größter Breite von dem rechts vorspringenden Eck des Schloßgebäudes bis zu der Dietkirche am Kölnthor sich darstellt. Dazwischen bleiben hinter den vorliegenden Umwallungsresten und weniger bedeutenden Privatanlagen, von letzterem bis zu ersterem Orte nach einander die Spitzen der vormaligen Welschnonnenkirche, die Reuterkaserne, die Flügel der Windmühle, das bethürmte Portal der Jesuitenkirche, der hohe Giebel mit kleinerm Thurme von der Minoritenkirche, das erhabene Münstergebäude mit seinen fünf Thürmen, und am Ende das mitten in den ehemaligen Vikariatshäusern des Stiftes so schön gelegene jetzige evangelische Pfarrhaus noch deutlich zu ersehen. Von hier kommt man bald zu einer im freien Felde erwachsenen hohen und starken Holzung, sieben Morgen groß, die am Zusammenflusse des Poppelsdorfer und Endenicher Baches gepflanzt worden, der Baumschule, einem besonders an heißen Sommertagen wegen der dichten und kühlen Beschattung angenehmen Besuchsort. Zu Anfange des vorigen Jahrhunderts von dem populairen Kurfürst Joseph Clemens angelegt, war hier mit Zuziehung aller Stadtlaternen, von dessen jüngstem Nachfolger der letzte Nachtsball gegeben worden; später Eigenthum der Stadt, und jetzt der Universität, ist der Ort mit vergrößertem Local und Wirthschaft immer ein beliebter Vergnügungsplatz der Bevölkerung von Bonn geblieben. [27] Nach Durchwandlung der die hohe Bewaldung gerade durchschneidenden Straße, erblickt man an der Ecke bei dem vormaligen Kirschgarten Bonns, einen schönen Wiesengrund und die liebliche Gegend und Anhöhe des Dorfes Endenich vor sich, von welchem und weiter zu der Stadt die Straße geht, welche neu gebaut aus dem Kreise Rheinbach durch den Kottenforst von Flammersheim nächst des alten pfalzgräflichen Burgsitzes Tomberg, herabkömmt, woselbst König Ludwig, der Sohn Carl des Großen, weiland den ripuarischen Gau betreten hatte. Ihr parallel läuft weiter feldwärts und tief einschneidend in den Rand der Bergpflege, der hohle Weg oder die Heerstraße, auf welcher Carl der Große gegen die Sachsen gezogen, und geht auf das Rheinufer unterhalb Bonn herab, woselbst wir dieselbe noch näher betrachten werden. Auch diese Straße auf Nebenwegen durchschneidend, trifft man im Umkreise Bonns ferner auf die Brühler oder Kaiserstraße, jetzt ebenfalls neu gebaut, welche ursprünglich von Aachen mit Beseitigung Kölns nach Bonn in die Stadt geführt ward, daselbst die Sternstraße bildet, auch sich auf dem Marktplatze mit der königlichen Straße verbindet. Endlich befaßt der Hauptdistrikt in nächster Umgebung Bonns zwischen der Kaiserstraße und der von Köln heran gezogenen hohen oder königlichen Straße, neben der von dem Stadtbezirk wieder nach der Transdorfer Bach fort fließenden Endenicher Bach, eine große Mannigfaltigkeit von Ländereien in sich, und zwar zuerst die Gemüß- und Obstgärten Bonns, weshalb dasselbe auch früher eine Berühmtheit hatte, nebst dem Kraus- oder Krautfeld, welches wahrscheinlich in sehr alter Zeit hierher verlegt und erweitert worden, als solches Gefild an der Burg [28] Bonn gelegen, durch die Haus und Hofraithen längs der Sternstraße besetzt geworden war. Diesseits an der Endenicher Bach liegt auch noch die jetzt ausgetrocknete einige hunderttausend Quadratfuß weite Vertiefung, der vormalige kurfürstliche Maar oder Teich, welcher ehedem die Graben Bonns westlicher und nördlicher Seits alimentirte, oder wodurch dieselben aus ihrem normalen und in strategischer Hinsicht erst vortheilhafteren trocknen Zustande nöthigenfalls schnell unter Wasser gesetzt werden konnten. Nordwestlich und den vormaligen Festungswerken näher, wird ein großes Feldstück die Paulsfläche benannt, welches an den urkundlich im 12ten Jahrhundert vorkommenden Haupthof zum Sankt Paul in Bonn erinnert, der sich in der Gegend der jetzigen Dietkirche befand, und dessen Leute, wie die des Isidorhofs mit seiner Kapelle, schon damals ausschließlich unter die Gerichtsbarkeit des Münsterstiftes gehörten. Die nun zum Stadtbering herankommende und deshalb rechts gebogene königliche oder hohe Landstraße von Köln, zeichnet sich weit und breit durch ihre außerordentlich hohe Ulmen- oder Rüsterbäume zu beiden Seiten besonders aus, und bietet einen angenehmen Spazierweg dar. Dieser ist auch von Ostern acht Tage lang durch die Bevölkerung Bonns bedeckt, welche der Andacht auf dem Kreuzberge, mit nicht geringerer Theilnahme in der Jubelzeit die Wallfahrt nach der Höhe, zu der am Ende obiger Allee gelegenen Lazaruskapelle folgen läßt. Es ist dieses ein älterer gottesdienstlicher Bau hart an der Straße gelegen, mit einem Wirthschafts-Gebäude, Garten und Brunnen, so der Stadt, über welche er sich mit reizender Aussicht dahin längs der Allee erhebt, jetzt als Waisenhaus dient, und dessen Anlage als vormaliges Siegenhaus den Zeiten des Mittelalters angehört. [29] Zwischen der Kölnstraße und dem Rheinstrome breitet sich nun vor und unterhalb dem Stadtberinge der größte Flurdistrikt der nächsten Umgebung aus, und befaßt ein Terrain, worauf die ehemalige Vorstadt Bonns, das Suburbium derselben sich befand, welches den Zeiten der römischen Herrschaft in diesen Gegenden wohl seinen Ursprung mit verdankte, während dem Mittelalter in seinem Wesen noch fortbestand, und erst zufolge der in neueren Zeiten immer zugenommenen Befestigung der Stadt bis auf wenige Reste gänzlich vom Erdboden verschwunden ist. Das ebenfalls hochgelegene und sehr geebnete zum Theil mit Weinstöcken bepflanzte Terrain, erfüllen noch über und über die Trümmer architektonischer Ueberbleibsel römischer Art, Dach- und Mauerziegel, rothe Scherben, Glas und Metallstücke, wovon man sich am besten an dem Absturz des hohen Ufers überzeugen kann; auch wird dasselbe parallel mit der Richtung des Stromes mitten durch die alte Straße, welche ihre Richtung nach Grau-Rheindorf hin hat, und von der Wenzelspforte in der alten Stadtmauer und der Wenzelsgasse ausgeht, durchschnitten. Diese Straße wird in der Richtung von der Kölnstraße nach dem Rhein rechtwinklicht, erstens zunächst dem äußersten, nun fast gänzlich verschütteten Stadtgraben, durch die Mühlengasse, dann durch den oben bei der Kaiserstraße bemerkten Heerstraße oder Weg, und drittens durch den Viehtriebsweg oder die Wichelshofer-Gasse von dem durch ein neueres stattliches Gebäude in die Augen fallenden Wichelshof so benannt, ebenfalls wieder rechtwinklicht und parallel durchschnitten. Hiedurch und viele andere minder bedeutende Wege und Pfade, welche den ersteren Hauptwegen parallel laufen, zerfällt diese etwa vierzehnhundert Fuß [30] breite und zweytausend Fuß lange Ebene nochmals in mehrere größere und kleinere quadratische Unterabtheilungen, die nicht undeutlich auf frühere architektonische Beziehungen und Anordnungen von Nebenstraßen und Gassen hindeuten. Nächst dem Mühlenweg, dessen Name noch das Andenken der Wassermühlen erhält, welche hier ehedem vom Grabenfluß getrieben wurden, indem die Windmühle in dieser Gegend eine Anlage von späterer Zeit ist, liegt zuerst links der alten Straße und bis zum Heerweg nach der Kölnstraße zu ein großes Garten-Stück, die Pferdsfläche, und rechts jener Straße ebenso nach dem Rheine zu und diesem näher noch einmal von dem oben erwähnten Mittelpfad durchzogen, das Rosenthal, auf dem Ufer, daß auch hier noch im 17ten Jahrhundert wie oberhalb der Stadt mit Mauern als ein Vorwerk umzogen war. Die Reste von Gemäuer eines Thores finden sich noch zur Seite des untersten Endes vom Heerwege, der ohne Zweifel neben den Fahrgassen oberhalb der Stadt dazu diente, hier bei geräumigen Herbergen der Vorstadt zum Landungsorte außerhalb der Stadt Bonn selbst die Fremden und Krigsvölker aufzunehmen.

Am entgegengesetzten Ende dieser Abtheilung des Heerweges, wo er die kölner Landstraße durchschneidet, lag auf einem dreieckigten Platze so jetzt noch durch ein großes steinernes Passionskreuz, das Johanniskreuz ausgezeichnet ist, vor uralter Zeit eine Taufkapelle, die älteste vor Bonn. Und dieser Stelle gegenüber, an der andern Seite der Heerstraße, wo von dem Johanniskreuzerhof oder Dietkircherhof ein neueres Wohngebäude noch steht, und am Johannisbrunnen der Bonner-Weg von den Mühlen am Bonnflusse bei Rheindorf nach der [31] Stadt zieht, lag ehedem die uralte Dietkirche, welche in der Stadt nächst dem Kölnthor als St. Peters-Stiftskirche in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, durch die Munificenz des Kurfürsten Clemens August endlich wieder so schön erstand. Diese alte christliche Stiftung und noch ältere Landeskirche rührte an ihrem Orte aus dem höchsten Alterthum her, indem sie von dem heiligen Maternus, erstem Bischof von Köln, der als Geschäftsträger des Kaisers Konstantin im Jahre Christi 96 von Trier herab gekommen, und über den Altären der Heidenwelt die christliche Religion mit Beförderung des Landesfürsten Namens Diedo hier eingeführt, und ihr den ersten Tempel soll erbaut haben. Auch ward noch in neuern Zeiten am Gebäude ein Votivstein, dem Apoll der Lager (dem Gotte der Heilkunst, der Seuchen, livido,) von einem Chef der in Bonn zur Besatzung liegenden ersten Legion und Proconsul des Narbonnensischen Galliens, und ein anderer, so der von den Römern vorzüglich verehrten Göttin des Sieges (Victoriae Aug.) von einem C. Publicius aus derselben Legion gewidmet gewesen, in der Erde aufgefunden. Zu Anfange des 11ten Jahrhunderts war diese Mutterkirche, wohin nicht allein die Vorstadt Bonns, sondern auch ein Theil der Stadt selbst, und die Orte Transdorf und Rheindorf eingepfarrt waren, von dem Kaiser Heinrich II. auf Bitten seiner Gemahlin mit dem Kammergute zu Königswinter und auch dem zu Vibern (Hiberna) im Engersgau, den Resten eines vormaligen römischen Castrums beschenkt, um zugleich als Aufenthaltsort edler Jungfrauen zu dienen, denen zuerst Mathilde die Tochter des Palatin Ezzo und Schwester des Erzbischofs Hermann, hier zugleich wie zu Villich vorstand. Erzbischof Rainold von Köln den [32] frommen Nonnen Schutz und Schirm verleihend, weihte in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts den neuen Kirchen und Klosterbau in die Ehre des heiligen Petrus, Patron des Erzstifts führte in diesem Gotteshause unter den Augustinerinnen die Ordnung des gemeinschaftlichen Lebens und der einfachen Kleidung ein, und bestätigte denselben auch den Besitz der Mühle auf dem Bonner Fluße (bei Grau-Rheindorf), den Zehnden in Collingen und die zwanzig Morgen Saalland in Bonn. Dieses bestätigte Pabst Kalixt III. der Abtissin Irmentrud, und wie die Bulle sagt, in Anbetracht der Gebrechlichkeit und natürlichen Milde des Geschlechts, und der Möglichkeit desselben vom Guten rückgängig zu werden, gab er der Stiftung die strenge Regel des heiligen Benedikts und fügte ihren Besitzungen auch den Zehnden des Dorfes Sechtem hinzu. Das adeliche Stift und Frauenkloster vom heiligen Peter in Dietkirchen blühte also mit seiner Abtissin, mehreren Kapitularinnen, einigen Canonicis und Vikarien, und dem weltlichen Beistand und der Aushülfe eines besondern Erbhofmeisters und eines Schatzmeisters Jahrhunderte hindurch fort, und nahm noch bis in die jüngsten Zeiten alljährlich bei dem Herrngedinge auf dem Münsterplatze, durch seinen Hunnen oder Schöffen die diesseitigen Gerichtsbefugnisse, im ursprünglichen bönnischen Feldgerichte, wahr. Bei den Stürmen und Verheerungen die Bonn früher und später betrafen, litt es gegen Ende des 16ten Jahrhunderts auch insbesondere und sehr durch die zügellose in dasselbe eingedrungene Soldateska des Kurfürsten Gebhard, vor welcher die Frauen zuerst in die Stadt Bonn überzuwandern gezwungen wurden, und alles geplündert und ausgebrannt zurückzulassen. Ohngefähr hundert Jahre nachher (1673) [33] bei der ersten der neueren Belagerungen Bonns ward Kirche und Kloster abermals eingeäschert, wonach es im Jahre 1680 unter Kurfürst Ferdinand in ein weltliches freiadeliches Damenstift verwandelt, förmlich in die Stadt Bonn versetzt und demselben von dessen Nachfolger Max Heinrich die St. Paulskapelle genannt zum Overstolz, und das daran liegende Hospital übergeben und eingeräumt wurden. Das Stift hielt jedoch in späterer Zeit noch jährlich eine Messe auf der Immunität vor der Stadt, da wo die frühere Kirche gestanden hatte.

Der nun weiter folgende Unterdistrikt an der nördlichen Umgebung der Stadt, oder das Terrain der ehemaligen Vorstadt zwischen der Heerstraße durch den Ripuarischen Gau und der Wichelshofer Gasse, nach der Bonner Viehtrift gegen den Roisfluß zu auf dem vorhergehenden Hauptdistrikt, ist, im Verhältniß des vorgehenden Distriktes, einmal sehr groß, und bildet zwischen dem von Rheindorf und den Mühlen am gedachten Orte zum Kölnthor ziehenden Bonnerwege, ein regelmäßiges doppelt so langes als breites Viereck, das inmitten seiner Länge durch die Alte Straße, umgekehrt aber fast durchaus noch von einer Gasse bis auf den Rhein durchschnitten wird. Letztere, so mit der Heerstraße an dem Ort Duisdorf vorbei und in gerader Richtung mit den Resten von dem Pfeilermauerwerk einer Wasserleitung über Bogen nach römischer Art, welche sich noch zu Tag an der Endenicher Bach mit vielen Stücken großer, gebrannter Röhren mehr finden, parallel läuft, setzt es außer Zweifel, daß die Bonner Vorstadt in alten Zeiten mit einer eben solchen Vorrichtung zum Genusse eines guten Trinkwassers versehen war, als sich jetzt die Stadt Bonn selbst durch eine viel jüngere Leitung aus derselben Gegend erfreut. Die [34] westlich zwischen dem Bonner Weg und der Alten Straße gelegene Hälfte des vorbeschriebenen Oblongs, ward vordem stadtwärts hauptsächlich durch das obige Klostergebäude mit Kirche und Garten eingenommen; die östliche Hälfte hingegen, die bis an die oben berührte Wasserleitungsgasse, unter dem Namen »In der Esch und An der Esch«, womit auch ein gemeinschaftlich Feld oder eine ganze Flur bezeichnet wird, noch begriffen ist, hatte ehedem im Weingarten von Dietkirchen eine Meßkapelle zu Ehren des heiligen Balderich oder Belrich, welche zur Zeit des Everakles, eines Sachsen und Bischof von Leiden, früher als Abt des Münsters in Bonn, im neunten Jahrhundert soll erbauet worden seyn, und wobei später Cellenbrüder oder Servitenmönche ein gemeinsames Leben geführt. Wahrscheinlich verdankte sie ihre Entstehung am Orte den Verwüstungen der Normannen und Ungarn, wobei zu Wesseling eine zu Karl des Großen Zeit entstandene und von Montefalcon bei Rheims dahin verlegte Stiftung zum Andenken des heiligen Balderichs zerstört worden, der Heilwunder erregende Leichnam dieses fränkischen Großen aber, dessen Verehrung bei den Rheinuferbewohnern die Herren des Landes ungern sahen, hierher geflüchtet und erhalten wurde, bestand zugleich als Kirche, Convent, Clausur und Hospital fort, und fiel in der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhunderts mit den zwei letzten Geistlichen und ihren Resten dem Kloster Dietkirchen anheim. Das nun folgende nordöstliche Viertel der vorbeschriebenen oblongen für üppige Gewächse höchst geeigneten Feldparzelle, »In der Hoppenkaul genannt«, wird wieder durch einen der Alten Straße parallel ziehenden und auf die Engelthalerstraße des diesseitigen Stadtareals zugerichteten Weg, gerade in zwei Hälften getheilt, von [35] denen das nach der Rheinseite gelegene jetzt nächst dem Ufer zu einer großen und schönen Gartenanlage größtentheils verwendete Quadrat, auf der noch frei verbliebenen Fläche vor einem Jahrzehend das Schauspiel vieler mit bedeutenden Kosten durch Ausgrabung wieder zu Tag geförderter Sokelmauern von Gebäuden der römischen Zeit ergab.

Es war nämlich im Jahre 1819, bald nachdem Bonn durch die Verfügung seines neuen Landesherrn, des Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm III., bestimmt ward als Universität milde in den wiedergewonnenen Gauen Germaniens zu glänzen, das ein an Mitteln reiches und thätiges Interesse an der Vorzeit dieser guten Stadt, und die Hoffnung auf diesem von Anticaglien strotzenden Platze eine merkwürdige Ausbeute für die durch Privatgaben schon bedachte Sammlung des erneuten Musensitzes auch vermöge öffentlicher Ausgaben zu erreichen, obiges damalige Domanialgrundstück gelegen bei dem Wichelshofe und dicht bei einem andern Felde noch »Auf der alten Mauer« geheißen, hiezu glücklich erforschen ließ. Auf einem Raume von 300 Fuß Breite und 200 Fuß Länge, den man auf ohngefähr 12 Fuß Tiefe von dem darüber gezogenen Erdreiche, so weit das Mauerwerk zusammenhängend reichte, entblößte, fanden sich die Fundamente von drei Gebäuden, die von einer besondern Ringmauer umzogen waren, und binnen welcher zugleich noch ein großer von Quadersteinen bis in die Tiefe von 46 Fuß, unter dem Rheinwasserspiegel, hinab umfangener Brunnen in dem freien Winkelraume mit eingeschlossen war, nächst bei der südwestlichen Ecke und Seite, die der Richtung und dem Fußpfade in demselben beiliegt, auf den sich wie oben erwähnt die gleich alten Mauer-Reste der [36] Wasserleitungs-Bogen beziehen. Die ihrer überraschenden Erscheinung und ihres nachhaltigen Interesse wegen für die Alterthumsforschung so wichtigen Gebäudereste, waren erstlich vier Reihen von sechs Fuß im Quadrat haltenden kleinen Gemächern, in der nordwestlichen rechtwinklichten Ecke der Ringmauer, von welcher sie beiderseitig auch um sechs Fuß abstanden, gelegen, deren Ganzes sich einhundert und dreißig Fuß von Norden nach Süden, und fünfzig Fuß von Westen nach Osten erstreckte, so daß jedesmal siebenzehn Gemächer in einer Reihe und so lagen, daß die beiden mittleren Reihen an einer gemeinschaftlichen Wand zusammenstanden, und das oblonge Grundviereck des Gebäudes neben dem Raum zwischen ihm und der Ringmauer, noch zwei offene Gänge oder Gassen in sich faßte. Auf diese zehn Fuß breiten Gassen hinaus war jedes dieser eingeschlossenen Gemachgevierte (Zellen), wie es erschien ohne Fenster, nur mit einer drittehalb Fuß weiten Thüre, die jene Stelle wohl mit versah, nach Abend oder nach Morgen zu wieder geöffnet, und nur bei der äußersten Gemächerreihe nach Westen, die unmittelbar hinter der alle Gebäude umfassenden Ringmauer lag, hatte jedes Gemach auch noch eine Oeffnung oder Thüre östlich dahinaus. Diese Casernengelasse oder Casematten, wie man sie wohl nennen mag, mit durchweg im Sokel beinahe zwei Fuß dicken Mauern, zierlich aus cubisch zubehauenen Tuffsteinen aufgeführt, und deren Fußboden in dicht geschlagenen und gehärteten Laimen bestand, waren nach den auf der Stelle und in der Erde verbliebenen Resten über der Sokelhöhe, mit Wänden von ungebrannten Ziegeln, welche mit einem gut abgeriebenen, netten und angefärbten Mörtelverputz versehen und mit Holz und gebrannten Ziegeln überdeckt gewesen, die Thüröffnungen aber [37] erschienen ohne Kloben und Falz zu engerm und festen Verschluß nicht so geeignet. In ohngefähr acht dieser Gemächer, war die Mitte der Rückwandseite des Sokelgemäuers auf zwei Fuß Weite flach und nischenförmig als Rücklehne ausgerundet, und in einigen fand sich mitten im Boden ein viereckigter scharf und pyramidal zugehauener Quaderstein, oben auf mit einer solchen Vertiefung, um ein hölzernes abnehmbares Gestelle einzufügen, etwa zum aufhängen von schweren Rüstungen und solcher Kleidungsstücke.

Noch ehe der Verfasser diese in so weit wohlbehaltene Lokalitäten aufnahm, und auch schon dadurch und deren Zeichnung ihr Andenken der Mit und Nachwelt von neuem erklärte und bewahrte, zweifelte er keinen Augenblick in denselben die noch nicht wieder so bemerkten Ruhe- und Schlafgemächer (Cubiculi) der römischen Stand und Winter-Lager für einen oder höchstens zwei Mann ein jedes zu ersehen, welche unseren Kasernenbetten oder Lagerstätten ähneln, und worin die stattlichen Legionaire der südlichen Roma campirten, die nicht wie Stubengelehrte es oft genug deuteten, auf dem freien hyperboräischen Eislande, unter Fellen (sub pellibus hiemabant) die langen Nächte durch ausdauern mochten, und welche auch solchen Gemächern um die Ringmauer der Villa Hadrians ähnlich, für die Mannszucht der Soldaten, wie obige heutige noch nicht ganz dahin gebrachte individuelle Absonderungen, den größten Einfluß üben mußten. Anders sah diese, bei ihrem kleinen Format, bei eigener Wärme des Körpers und guter Bedeckung derselben der kältesten Jahreszeit ohne anderweitige ungesunde Heizzungmittel angepaßten Lokale, damals der selige Architektoniker Weinbrenner und ein hiesiger neuer Professor [38] des classischen Sprach-Alterthums an, indem ersterer dieselben als Auskleidezimmerchen, beides für das schöne und das andere Geschlecht zum Badegenuß im Rheine, letzterer ein Virtuos in formeller Wörterauswahl, für Schweinställe ausgab. Was konnten solche übrigens nicht unbedeutende Männer, denen wir glauben die ungelehrte Meinung anderer, als seyen hier die Cellen der oben gemeldeten Balderichs-Kapelle zu sehen gewesen, hinzu fügen müssen, noch zu dem zweiten der hier zunächst wieder aufgefundenen Gebäude sagen, welches sich an der südlichen Seite der vorbeschriebenen Caserne für einen (Manipulus) oder Zug von 50 bis 100 Mann, bei sechszehn Fuß Entfernung, sonst gerade von der Ringmauer ab, durch das Mittel der Stationsfläche liegend, im Ganzen einhundert vierzig Fuß lang und dreißig Fuß breit darstellte. Dieses Gebäude, dem vorhergehenden an Material und Construktion jedoch ohne Absetzung des Sokelmauerwerks gleich, bestand dem Mitteltheil der Infanterie-Caserne ähnlich, wieder aus einer Doppeltreihe von je zehn aneinander liegenden und zehn Fuß breiten Gemächern, die an sich auf jeder Seite zwar von derselben Weite, jedoch nördlich doppelt so tief als wie südlich waren. Sie befanden sich vom Fundamente herauf in einem mehr corrumpirten und mürben Zustande, welches mich, verbunden mit der Form, Zahl und beiderseitigen Einrichtung der Abtheilungen, auf einen Casernenbau für Reuterei zu zehn bis zwanzig Roß oder Pferd und Mann, schließen machte, wie man auch eine ähnliche obgleich größere und bessere Anlage der Art, jüngst in der Vorstadt zu Pompeji ausgegraben hat. In drei Gemächern dieses Gebäudes hatte sichtbarlich durch spätere Einrichtungen die ursprüngliche Bestimmung [39] derselben sich dahin verändert, daß in einem der Pferdestallungslokale ein Badetrog oder Wasserbehälter mit Sitzen ringsum und eine Stiege hinab, und in einem andern ein niedriger Heerd mit Luft und Feuerkanälen, wozu römische Wärmeleitungskacheln benutzt waren, angelegt, endlich in einem Schlafgemache die Reste einer Ofenanlage gefunden wurden. Zugleich befanden sich an dem östlichen Ende dieses so wie auch an dem Ende des vorigen Gebäudes drei große Gemächer, unregelmäßig nach der Form des Ganzen gegen das Innere des Stationshofes angebaut, welche wahrscheinlich als sachliche Aufbewahrungslokale in Ermangelung eines besondern Lager-Lokals dafür (Quaestorium), dienten.

Das dritte Gebäude endlich, welchem die beiden vorhergehenden so zuliegen, daß dieselben südwestlich einen Winkel gegen dasselbe machen, und sich ihm mit einem Zwischenraume von fünfzig Fuß Weite nähern, bildete ein großes, vierzig Fuß breites und einhundert fünf und zwanzig Fuß langes Haus, von der solidesten Bauart, dessen Fundamente und wohl erhaltene Sokelmauern aus cubisch zubehauenen Sandsteinen, die zu Friesdorf gebrochen sind, bestehen, und mit dem Mörtel im Verlauf der Zeiten eine solche Härte und Zusammenhang gewonnen hatten, daß es hier nur möglich gewesen, mit Sprengung durch Pulver das übrige Mauerwerk wegzuräumen. Die Ringmauern des Gebäudes sind an drei Seiten drei Fuß dick, und hatten nicht allein das eigene, daß sie an der vierten, oder gegen Abend der Infanterie-Caserne zugewendeten Langseite, einen halben Fuß dünner waren, sondern auch hier wieder zwischen den als Anten drei Fuß weit vorspringenden Frontmauern, kammartig, mit noch zehn eben solchen Parastaten von zwei Fuß drei Zoll [40] Breite besetzt waren, wodurch eilf gleiche Zwischenräume außerhalb der Mauerwand entstanden. In der Mitte von vier dieser Zwischenräume, fanden sich dicht über der Grundmauer eben so viele halbkreisförmige äußerst nett aus Tuffstein gebildete fünftehalb Fuß im Durchmesser haltende Oeffnungen durch die Mauer, welchen an der entgegengesetzten östlichen Mauerwand eben dergleichen gerade über lagen. Man würde irren diese Oeffnungen, welche Außen mit einer Thürfalz versehen waren, etwa als Feuerschürlöcher anzusehen, da sich an und um denselben nicht die geringste Spur von Hitze oder Brand zeigte, sondern sie dienten ohne Zweifel hier, wie an den Saalgebäuden aus dem Mittelalter, um ein niedriges Untergeschoß des Hauses sichtbar machen und benutzen zu können. Das Gebäude hatte solchem und den Parastaten als Strebepfeilern nach, zugleich gegen Abend wahrscheinlich eine offene gewölbte Gallerie, aus der man in die ostwärts gegen den Rhein gelegenen Gemächer kam, und diente dem Uebrigen gemäß als allgemeines Versammlungs- und Speisehaus, als eine Art Prätorium oder Quästorium des Lagers. Dasselbe auf beinahe ein Dritttheil seiner Länge gegen Norden vor die Ringmauer des Stationhofes tretend, lag zugleich hart an dem vorbeschriebenen Wege, der Wichelshofgasse, und von hier, wo es schien, daß eine Freitreppe hinan gegangen, fand es sich auch meist zerstört. Das Innere war mehr als die vorhergehenden Gebäude durch spätere Anlagen verändert, da sich der Raum durch verschiedene mit den Ringwänden nicht verbundene Fundamentmauern von Lang- und Scheidewänden, und die größere Abtheilung nach Norden durch einen tiefliegenden Wärmeleitungs-Canal längst der Ostseite, so wie die kleinere nach Süden durch eine [41] solche an der Süd- und Westseite, alles von späterer, roher und unordentlicher Einrichtung mit vielen Tuffsteinblöcken, Asche, Knochen und Dachziegelstücken erfüllt, zugleich auch als ein Produkt gewaltsamer Zerstörung erfand.

Bei den Nachgrabungen zu diesen Gebäuderesten, welche nach deren gründlicher Untersuchung und Aufnahme wieder mit dem Erdreich unter dem sie so lange geruht hatten, überdeckt und das Terrain der Gewächskultur zurückgegeben worden, fanden sich viele Münzen, theils aus den Zeiten der ersten Jahrhunderte von Cäsar und Augustus an, besonders an der Infanterie Caserne, die noch ältere Fundamentmauern unterhalb ihrem vorbeschriebenen Cellenbau zeigte, und andere Münzen aus den spätern Zeiten Constantins und seiner Nachfolger. Jedoch suchte man vergeblich nach Lapidarinschriften, woran der Boden Bonns sonst so reich bestellt war, und von größeren plastischen Werken fand man nur zwei Tafeln, jede 1 Fuß breit und 2 Fuß hoch, worauf in Basrelief zwei Jünglinge blos mit dem faltenreichen Mantel bekleidet, einer dem andern zugewendet, jedesmal mit der Rechten den Speer, mit der Linken den Zaum ihres Pferdes haltend, von guter Kunstarbeit abgebildet sind, und welche als Kastor und Pollux am Wachtorte passend erkannt wurden. Auf Ziegelsteinen fand man häufig den Stempel: LEG. I. M. P. F., Legio prima, Minervia, pia, felix (oder fidelis) oft statt I. mit T. als Tiberiana, weil Kaiser Tiber die erste Legion, deren bleibender Aufenthaltsort von Ankunft der Römer in hiesiger Gegend Bonn und dessen Umgegend war, begünstigt, befördert und mit der Zierde neuer Standarten beschenkt hatte. Ein anderer Stempel, aber bei weitem nicht so häufig, giebt die [42] Inschrift: LEG. XXI. RAP., Legio undevicesima, Rapax, letzteres ein eigenthümlicher Zuname der 21ten Legion, welche erst am Niederrhein stand, bis sie Kaiser Claudius nach der helvetischen Vindonissa verlegte. Endlich tragen Ziegel blos die Buchstaben VEX. oder VEXIL. soll heißen Vexillarii, als Benennung einer besondern Abtheilung in den römischen Legionen, und entweder von den sechzehn Jahre im Dienst stehenden Veteranen, oder von Gallischen Cohorten abgeleitet, deren Genio in dem Kastell zu Niederbieber ein Erzbild gewidmet war. Die Veteranen aber zu je hundert Mann in Centurien oder Hunschaften abgetheilt, überwinterten nach Tazitus auch zu Bonn unter ihren besondern Fahnen oder Weichbildern nicht sowohl in als auch bei der Stadt, und mit unserer heutigen Gensdarmerie vergleichbar, standen sie gegen Aufruhr bereit, waren vom übrigen Kriegsdienst befreit, die Abwehr des Feindes ausgenommen; letztere Charge pflegte ihnen an den Grenzen des Reichs zuzukommen, wobei ihnen zugleich oblag zu Pferde die Abgesandten zu begleiten, auch auf ihren Standorten, Weilern, die Lebens- und Transportmittel für die reisenden Beamten des Staats bereit zu halten und zu bewahren. Alle mit unserer Station noch sonst verbundenen Umstände lassen vermuthen, daß dieselbe früher oder später eine solche Bestimmung erhalten oder gehabt, und dieser gemäß durch Jahrhunderte hindurch im Wechsel der Zeiten bis zu ihrer Zerstörung oder Auflösung fortbestanden hat. Das ferner auf dem Rheinufer zu Ende der Gasse oder des Viehtriebweges, zwischen dem Leinpfade und dem Mittelpfade liegende ökonomische Gebäude, der Wichelshof, auf dessen Ländereien die vorgehends beschriebenen alten Gebäulichkeiten ausgegraben wurden, und welches jetzt als [43] Privateigenthum durch ein neues Wohnhaus mit herrlicher Aussicht um so mehr in die Augen fällt, war wie das Landgut zu Godesberg seit Pipins von Heristal Zeiten und sogar bis jüngsthin, ein tausendjähriges Besitzthum des Marienstiftes zum Kapitol in Köln gewesen, und behielt als Weichbild und Grenzposten der ehemaligen Vorstadt Bonn, die Ueberreste des römischen Standortes und einen Theil von dessen Landgute zugleich mit an sich.

Von da mehr rheinabwärts, längs dem Viehtriebsweg oder der bis zur Kölnstraße reichenden Wichelshofsgasse, wird die Feldfläche vom Rhein bis zum Mittelpfad, »Die Mosenau«, von diesem bis zu der Alten Straße nach Rheindorf, »Der Wallacker«, ferner bis zu dem nunmehr den Namen Reuterweg führenden Bonnerweg, »Auf der alten Mauer«, und endlich bis zur Kölnstraße nächst der Dietkircher Länderei, »Im Schaafhaus oder Schaafstall«, genannt, Benennungen welche nicht undeutlich zu erkennen geben, daß auf dieser Länge ehedem auch die Vorstadt mit Mauern und Wall befestigt gewesen, und diese Unterdistrikte der Feldflur nächst außerhalb, der Suburbanität zugehörten. Vom Wichelshofe kommt man bald zu dem vierhundert Schritte abwärts liegenden und etwas mehr von dem Strome auf dem flächern Ufer zurückgezogenen Jesuitenhofe, vordem ein Besitzthum der auch zu Bonn ihrer Zeit glänzend gewesenen Gesellschaft Jesu, welches jetzt ebenfalls ein verbessertes Privateigenthum ist. Um diese Hof und Wohngebäude am obern Ende der sich stromabwärts ziehenden Rheinaue, so früher der Isidorshof benannt worden, zu denen der alte Fahrweg scharf rechtwinklicht von der Alten Straße auf den Rhein führt, und gerade über den Strom in derselben Richtung dicht neben der hohen Stiftskirche zu Schwarzrheindorf auf dem rechten [44] Ufer hin nach Villich und so weiter ziehet, und der beiliegenden Länderei, findet man fortwährend noch viele römische Alterthümer, und in dem Keller des Hauses selbst Reste eines alten Thurmes. Vor einigen Jahren grub man sogar hier nächst der alten Straße eine Anzahl großer Werkstücke von Trachytgestein aus, welche so zugehauen und architektonisch bearbeitet waren, daß sie zum Theil als Gesimsstücke von einem äußerst massiven Baue und dem Thore desselben herrühren müssen, ohne Zweifel also von einem Iseum, oder Heiligthum der Minerva unter diesem Namen als Schutzgöttin der Schiffenden, und von der ersten Legion, ihrem Beinamen nach besonders verehrt. Auch fand man dabei einen schildförmigen Stein am obern Ende abgebrochen, als wenn derselbe von einer stehenden Figur zur Seite abgesetzt, und mit seiner innern Höhlung nach vorn gekehrt gewesen; und wirklich fand sich dieselbe Hohlfläche zu einer förmlichen Nische zwischen Pfeilern, die einen Giebel über sich haben, mit dem sie zugleich den Rand bilden, ausgearbeitet, worin die Figur einer Minerva steht, welche den rechten Arm jedoch so viel ersichtlich ohne Speer erhebt, den linken Arm aber auf den Schild neben sich senkt, der ebenfalls mit seiner vorwärts gekehrten hohlen Innenfläche zierlich auf einem Balunster oder Postamente steht.

Obiger Fahrweg hart an dem Isidorshofe vorüber, welcher diesseits wie jenseits der Brückenweg benannt wird, nebst dem Namen des bei Schwarzrheindorf liegenden Dörfchens Geusen, setzen es wohl außer Zweifel, das man sich hier an der Stelle befindet, wo der römische Feldherr Drusus in Folge seiner Heereszüge über den Rhein, nach einer ausdrücklichen Stelle des Epitomator Florus, Bonna und Gesonia vermittelst einer (fliegenden) Brücke [45] verband, auch zugleich beiderseits mit Schiffstationen befestigte (Bonnam et Gesoniam cum pontibus junxit classibusque firmavit), an der ohngefähren Stätte, die wohl unter den fünfzig Castellen einbegriffen war, welche derselbe außerdem längs dem Strome angelegt hatte. Hienach bildete der Isidorhof den diesseitigen, so wie der Rheindorhof, auf dem im 12ten Jahrhundert die schwarzrheindorfer Stiftskirche aufgeführt ward, den jenseitigen Brückenkopf, wobei jedoch an keine massive oder durch gemauerte Pfeiler bestellte Brücke dazwischen zu denken, da die Unmöglichkeit eine solche von längerer Dauer hier über den Rheinstrom zu bauen, des unsäglichen Arbeits- und Kostenaufwands zu geschweigen, längst erwiesen ist, und höchstens also nur an beiden seichteren Uferstellen architektonische Anlagen zum bessern Aufkommen für die fliegende auch wohl durchweg aus Schiffen aneinander bestehende Brücke, wovon jedoch fast keine Spur mehr vorhanden, konnten gewesen seyn. Obgleich auch, wie sich bei der nähern Betrachtung der Stadt Bonn selbst ergeben dürfte, dieser alte Wohnort keineswegs seinen Ursprung der römischen Zeit, dem Agrippa und Drusus allein verdankt, sondern das nachherige römische Bonna an der Mitte des jetzigen Stadtareals rheinabwärts sich herausbildete, so steht doch nicht zu zweifeln, daß seine Zunahme in dieser Periode nordwestwärts außerordentlich war, weshalb die Hoheitsumgebungen der Stadt sich nach dieser Seite hin, ferner durch das Mittelalter hindurch und noch bis heute über die beiden beinahe eine Stunde entlegenen Ortschaften Transdorf und Rheindorf erstrecken, deren Einwohner immer als mit demselben Bürgerrecht belehnte (Castrenses) angesehen werden. In dieser weitesten Ausdehnung begreift Bonn auch noch das eine Stunde [46] wegs davon entfernte Tannenwäldchen, eine Sandfläche, woselbst die Kavallerie manövrirt und das Landwehrregiment sich versammelt, ferner den Lauf des von Roisdorf, Transdorf und Endenich zusammen kommenden Roisfluß als Bonnerfluß, und endlich, damit dem Begriff des Bonner Gaues kein namentlicher Bestandtheil in seinem Anger fehle, den Bonnerberg, nächst dem vorbeschriebenen Isidorhof, der davon auch der Bonnerberghof genannt ward, und von dem sich ein edler Ritter Bruno genannt, herschrieb, welcher im Jahr 1198 nach Saladins Eroberung des Königreichs Jerusalem und dem Todesfall Kaiser Heinrich VI, mit mehreren Kreuzfahrern von Mönchen des Klosters auf dem Berge Karmel begleitet, durch die zu Köln das der heiligen Maria geweihte Kloster der Karmeliten begründet ward, in sein Vaterland zurückkehrte. [47]

III. Das Innere der Stadt Bonn und der Marktplatz derselben insbesondere.

Das freundliche Innere der Stadt Bonn von mittlerer Größe und starker Bevölkerung, breitet sich auf der ebenen Grundfläche durch seinen alten Festungsbering beschränkt, so wie auch durch den unterschiedlichen Ursprung und die einseitige Fortsetzung seiner ältern Haupttheile, nach welchen es entstanden ist, sehr verschoben, im Ganzen zu einer unregelmäßigen quadratischen Figur aus, die in einem zerbogenen Umkreis von 8630 Fuß an ihrer südwestlichen Ecke lang und spitz mit einem Afterquadrat landeinwärts vortritt, von da aber nordwärts wieder mehrnach dem Rheine hinzieht, und endlich senkrecht auf demselben ansteht. Die vom dreißig Fuß hohen Ufer zu dem Wasserspiegel oder Steinwerf des Stromes herabgebauten Stadttheile ausgenommen, bleibt jedoch das von vielen Haus und Hofraithen nebst Gartenanlagen befangene aber weniger von Straßen und Gassen noch durchschnittene Areal, im Gesammtbetrage von ohngefähr 4,400,000 Quadratfuß, oder 137 ⅜ kölnische Morgen, oder 10 ⅙ Quadrat Klafter auf jeden der 12000 Bewohner, bis auf einige kaum fühlbare Erhebungen, dem Schloßplatz, dem Marktund dem Belderberg, sich in dem Höhenplan von dreißig bis vierzig Fuß über dem mittlern Wasserstand des Rheinstromes ziemlich gleich. In dem alten Urban und [48] Oppidal-Bering, von welchem ohngefähr jetzt noch die Hälfte im Mauerwerk übrig ist, befinden oder befanden sich an fünfzehn größere und kleinere Thore oder Pforten, die vorbeschriebenen fünf an der Rheinseite mit einbegriffen, von denen jetzt südwärts das Michaelsthor oder Koblenzer Thor bei weitem das größte und schönste der Stadt, der königlichen Straße nach dem Oberrhein zuliegt, auch eine besondere Ansicht und Beschreibung erhält. Nächst demselben mehr landeinwärts, der Stockenstraße ebenso zuliegend, stand vordem das Stockenthor oder Hauptthor der Stadt, dicht am Ende der Maus, wo noch eine solche Oeffnung durch den Anfang der langen Gallerie des Schlosses mit der Godesberger Bachleitung durchgeht; diesem westlich, zur Verbindung der Königsstraße mit der Kaiserstraße, als Ende einer etwas ausgebogenen Straßenlinie, steht das Sternthor, dem sich nordwärts demnächst das Kölnthor, so der hohen oder kölnischen Landstraße entgegengesetzt ist, anschließt, welche endlich dem Rheine näher die Wenzelspforte beisteht, die der alten Stadtstraße nach Rheindorf zuliegt, und mit derselben durch die Hundsgasse oder Strom-Gasse und über den Belderberg mit der Stelle des Michaelsthor verbunden, bis dahin die längste gerade Straßenrichtung durch die Stadtgebäude übrig gelassen hat.

Es erhält und verdient aber der Marktplatz mitten in der Stadt Bonn die erste Aufmerksamkeit insbesondere, nicht sowohl der Größe und Regelmäßigkeit nach, als welche beide ihm an sich ermangeln, vielmehr des malerischen Reizes wegen, den derselbe durch die Mannigfaltigkeit und Abwechslung seiner Bestandtheile und Umgebungen, und deren Verbindung mit zwei Hauptstraßen hat, der in vorliegender Ansicht aus der Ferne ersichtlichen Stockenstraße, und der rückwärts liegenden Sternenstraße. [49] Er bildet hienach ein über sechshundert Fuß langes und gegen zweihundert Fuß weites Dreieck, dessen Basis vor der nordöstlichen Außenseite der Altstadt Bonn mit ersterer als Königsstraße und der andern als Kaiserstraße hinzieht, und ist noch mit vielen einander höchst ähnlichen Giebelfronten älterer freibürgerlicher Wohngebäude versehen; die nach der Spitze des Dreiecks selbst, dem Brüdergassen-Oertchen hinziehenden Seiten aber zeigen sich schon großentheils zu neuern baulichen Formen umgewandelt. Aus dem südöstlichen Winkel der giebelförmigen Grundfigur des Platzes oder Fleckens tritt das schöne im Jahre 1737 von Kurfürst Clemens August gegründete aber erst 1782 vollendete Stadthaus, der Kaiserstraße zugewendet groß hervor, ohnstreitig nach dem Hauptbau des Schlosses und neben dem Michaels-Thore das grandioseste Gebäude der Stadt, zu dem mitten auf dem Platze die Bürgerschaft ihrem Kurfürsten, der die Röhrenwasserleitung welche hier mündet wieder neu angelegt hatte, den Obelisk im Jahre 1777 dankbaren Andenkens setzte. Immer ward Bonn wegen seines schönen Marktplatzes mit Brunnen, welcher an die ebenso ausgedehnte Zeil in Frankfurt erinnern dürfte, gepriesen, und noch jetzt ist er bei den vorzüglichsten Gasthöfen, außer dem täglichen Viktualienverkehr mit der ländlichen Nachbarschaft am Morgen, und am Abend als Sammelplatz der Bewohner, gegen Mittag an Sonn- und Feiertagen aber als Paradeplatz der Garnison, höchst belebt. Der hohe Unterbau des Stadthauses, welchem eine große Freitreppe vorliegt, ist der Militair und Polizei-Wache bestimmt, das hohe Saalgeschoß der Sitz der Oberbürgermeisterei und des Stadtrathes, und auf dem obern Geschosse ward zuerst die hiesige Lesegesellschaft gestiftet, von welcher der [50] Kurfürst selbst Mitglied zu seyn geruhete. Der ältere größere Eckbau auf derselben Stelle, wovon noch die interessanten Bildsteine vom Balkon an der Hinterseite des Neubaues aufbewahrt sind, bestand aus zwei Flügeln, und es wurden daselbst die Königsessen gegeben, auch bewohnten denselben im Mittelalter nicht selten die Kurfürsten, abwechselnd mit dem Schloßgebäude und dem Zollgebäude am Rheine.

Von der Mitte des Marktes, dem städtischen Dingplatz des neuern oder römischen Bonns zwischen den uralten Wohnorten landeinwärts und am Rheine, kommt man westlich durch eine enge kurze Gasse, »Auf der Brücke« genannt, über den ehemaligen Graben und den zum Theil noch erhaltenen Mauerbering hindurch in das Innere des jetzigen ersten Stadtviertels, die Burg oder den ältesten Lagerort (Castrum) Bonn, mit dem vielleicht schon bald der andere nächst dem Rheine durch den Marktplatz (beide zu Castra bona) verbunden ward. Gleich beim Eintritt hat man rechts die erhöhte mit der Sternenstraße parallel laufende Aacherstraße2, links einen freien Platz, vordem der Römerplatz genannt, weil auf demselben im ersten Decennium dieses Jahrhunderts ein großer der Siegesgöttin gewidmeter Denkstein aus der römischen Zeit, vermeintlich die Ara Ubiorum deren Namen Bonn führte, aufgerichtet worden, vor zehn Jahren aber wieder hier weggenommen und in die Sammlung der Alterthümer gebracht ist. Es hat hienach der Platz wieder seinen frühern Namen Remigiusplatz, zum Andenken an die zu Anfange dieses Jahrhunderts hier abgetragene, dem heiligen Remigius gewidmete Haupt-Pfarrkirche Bonns erhalten, welche zur Zeit der christlichen Franken und zu Ende des fünften Jahrhunderts an dem Platze nicht unwahrscheinlich [51] errichtet worden, wo die heidnischen Römer fünfhundert Jahre vorher in Bonn sich zuerst gelagert und ihre Laren verehrt hatten. Sie erhielt mit ihrem Patron und Stifter die Erinnerung an den für die alte Christenheit so einflußreichen Taufakt, worin dieser ehrwürdige Bischof den zu Zülpich im Bonner Archidiakonate siegreichen König der Franken, Klodwig vom Geschlechte der Sigambren und dessen Feldherrn Egidius, mit dem ganzen Heere in Aachen weihte, und sie war bis zum Jahre 1331 außer dem Landdekanat das Haupt aller die Burg Bonn umliegenden und mit ihr einen Dekanat bildenden Kirchen, dessen Kapitel unter demselben in der Martinskirche daselbst jährlich zusammen kam. Im Verlauf der Zeiten hatte der alte mit einem großen Thurme versehene Bau viel vom Feuer gelitten, und ward deswegen im Jahr 1653 auf Kosten der Stadt ausgebessert; doch blieb der Thurm, auf dem die Stadtwache war, baufällig, und brannte im Jahre 1801 vom Blitze getroffen ab. Hienach verlegte man den Gottesdienst in die Kirche des vormaligen Minoritenklosters, und die Thurmwache auf die vormalige Jesuitenkirche, brach das ganze Gebäude ab, und legte auf der Stelle und dem Todtenhofe desselben den neuen Platz an, von welchem die Remigiusstraße bis zum Münsterplatze und das demselben beiliegende Egidius-Hospital fortzieht. Auch diese uralte, von dem Erzbischofe Friedrich im Jahre 1112 erneute und mit dem Münsterstift verbundene Anstalt, trägt die Erinnerung an die obigen altfränkischen Zeiten, und den darin so berühmten Schild des Königs, den Aetius oder Egidius, Fürsten der Ubier. Einige Matronen nur spinnen hier noch im stillen Gebete ihren Lebensfaden ab, und es scheint ungewiß ob dies, oder zu St. Jacob in Bonn, das Hospital [52] war, dem Kurfürst Max Heinrich im Jahre 1688 testamentarisch ein Capital von 6000 Thaler mit der Last vermachte, zwei Narren, zwei Zwerge und zwei junge Türken lebenslänglich zu verpflegen.

Den südöstlichen Theil der ehemaligen Burgstadt Bonn nimmt der Hauptbau des Schlosses oder Universitätsgebäudes ein, dem ein besonderes Ansichtsblatt und Kapitel der Beschreibung und Erläuterung gewidmet ist, so wie dem südwestlichen Theile, dem Münsterstiftsgebäude mit seinem Platze, ebenso. Zu erwähnen bleibt hier jedoch des Martinplatzes in dem südlichen Winkel derselben, woselbst an dem östlichen Ende des Münstergebäudes und nach dem Erzbischöflichen Schlosse hin, bis zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts die Kirche zum heiligen Martin stand, ursprünglich ein Rundbau im altgothischen Stile, mit Altarnische und angebautem Schiffe, und kleinem Höfchen mit Hospital. Der Pfarrer derselben hieß Pastor familiae, weshalb man schließt, daß der alte Bischofshof ihr nahe beilag, auch die Ortschaften, Kessenich und Poppelsdorf waren dahier eingepfarrt; schon im Jahre 1131 ward sie vom Münster, dessen Stiftspfarre sie war, mit ihrem ganzen Zehnden besessen, und seit uralten Zeiten und wieder seit Anfang des 17ten Jahrhunderts wurde in ihr das erneuerte Buranische oder Landkapitel der Burg Bonn alljährlich abgehalten, zu dem als ihrer Ara zwanzig Pfarrkirchen gehörten. Der Bau, als eines der ersten und ältesten christlichen Gotteshäuser in den Rheingegenden, zeichnete sie als Baptisterium aus, das üblicher Weise immer bei Hauptstiftskirchen lag, durch die eigene runde Form in deren Mitte der Taufstein stand, und über welcher sich eine Kupole in die Höhe wölbte, die unterhalb auf acht lichten Bogenstellungen mit Einfüllung von acht Säulen ruhte, [53] hinter denen ein Rundgang das Ganze umzog; irrthümlich ward sie ihrer Lage, als ursprünglich außer der Stadt noch für einen Tempel des Mars, von andern für ein den Göttern und Göttinnen gleich dem Pantheon gewidmetes Fanum gehalten. Als in jüngster Zeit das Stift des Münsters aufgehoben worden, ward die St. Martins-Pfarrei, welche nun das ganze erste Stadtviertel begreift, in die Münsterkirche verlegt, der alte St. Martinsbau abgebrochen, und aus dem Gestein die jetzige Kirche zu Poppelsdorf erbaut. An dem entgegengesetzten oder westlichen Ende des Münstergebäudes kommt man auf den Gangolphs-Platz, wo vordem auch ein in die Ehre dieses Heiligen geweihetes Gotteshaus, die dritte der ältern Pfarrkirchen der Burgstadt Bonn, stand. Sie war vom Erzbischof Philipp von Heinsberg, der Köln mit seinen stattlichen Ringmauern umgab, gegen Ende des 12ten Jahrhunderts gebaut; er war ein besonderer Verehrer dieses Heiligen, der als ein muthiger Jüngling unter dem Herzog Pipin den Martirtod erlitten, und baute ihm zu Ehren noch zwei andere Kirchen. Ihr Kirchsprengel war ohne Zweifel klein, und befaßte die hinter dem Münster belegenen Distrikte, »In der Sürst und Der Butterweck genannt«, nebst dem hier später in die Ringmauer Bonns verpflanzten und endlich daher gänzlich ausgegangenen Orte Mühlheim, von dem eine noch bestehende alte Pforte und ein Stück der Umwallung den Namen erhielt. Uebrigens ist der uralte Landort Bonn, so einestheils bis zum Markt, die Stockenstraße und Sternstraße vergrößert ist, und jetzt als erstes Viertel zweihundert neun und siebenzig Haus und Hofraithen nebst Gärten zählt, außer der Remigiusstraße, mitten durch von einer Gasse, dem Mauspfadt kreuzweise durchschnitten, welcher seine [54] Richtung auf die Mitte des Haupt-Schloßplatzes nimmt, in dessen Nähe er als frühere Hofgasse nun zur Fürstenstraße ausgebildet ist. Es dürfte sich hienach ergeben, das obiger Ort ursprünglich an beiden Seiten des Mauspfades zu erbauen begonnen worden, und somit theils auf der Fläche des Vorgebirgs, theils auf der des Rheinufers zu stehen gekommen ist, auch seinem von Südost nach Nordwest sich erstreckenden Beringe, in dem der Hof des Schlosses liegt, das Münster mit seinem Platze und den Canonikatshäusern, der Martins und der Gangolphsplatz und die Sürst zugezogen, und das oblonge Ganze mit der besondern Burgmauer, von der noch vieles übrig ist, umschlossen ward. So besetzt und begrenzt existirte meines Dafürhaltens die älteste und schon frühe angesehene Landstadt (urbs) Bonn an und für sich selbst, von der Rheinstadt, die auch wohl zum Unterschied Verona genannt worden, geschieden; auch hatte sie wieder ihren besondern Dingplatz, »Auf dem Dreieck,« das sich am nordwestlichen Ende derselben befindet. Von hier aus, in der kurzen Gasse nach dem Sternthor vordem Klostergasse genannt, bei den Häusern Nro. 138 und Nro. 205, wo die alte Burgmauer überging, war auch eine alte Pforte, wodurch sich die Aachner-Straße zog, und welche durch ersteres Thor, als Konrad von Hochstädten Bonn gegen Köln hin mit Stadtmauern versah, ersetzt ward.

Das hier folgende zweite Stadtviertel von Bonn, seiner Arealausdehnung und Häuserzahl nach das Größte, begreift den nordwestlichen von der Sternstraße und dem Markt abliegenden Haupttheil der Stadt, und wird noch inmitten von der hohen oder königlichen Straße, die hier in der ersten Hälfte den Namen Bonngasse, in der andern Hälfte den als Kölnstraße erhält, durchschnitten, [55] deren erstere zu Anfange die Vergrößerung Bonns unter den Römern, und die andere das Ende der Erweiterung desselben im Mittelalter zu erkennen giebt. Die beiden ersten von der Hospitalgasse und dem noch so benannten Judengäschen gebildeten Unterabtheilungen schließen erstlich gegen die Wenzelsgasse gewandt ein stattliches neues Gebäude in sich, die vormalige Residenz des Probstes vom Münsterstift, so 1715 gebaut und 1721 von Joseph Clemens eingeweiht worden, in der jüngsten französischen Zeit aber der Sitz des Tribunals vom Röer-Departement war, und jetzt noch als Lokal der Bönnischen Friedensgerichte für Stadt und Land und eines Untersuchungsamtes dient. Es liegt an der Stätte eines alten probsteilichen Gerichtshofes mit Kapelle, beide zum heiligen Isidor benannt, wovon zu Anfang der Bonngasse noch der Einfahrtsbau übrig ist, und welches mit seinen zugehörigen Gebäuden zusammt dem vorgehends erwähnten Paulshofe am Kölnthore, im Jahre 1143 von dem Erzbischof Arnold von dem Vogtgedinge, so auf dem Markt gehalten wurde, befreit, vom Probste Gerhard von Sayn, dem Erbauer und Verschönerer der herrlichen Münsterkirche, im Jahre 1150 aber als dessen eigene Wohnung vergrößert, und der Kirche für seine Nachfolger überlassen worden, die bisher keine bestimmte probsteiliche Wohnung gehabt hatten. Dabei, gegen die Bonngasse mit einer schönen architektonischen Façade zu zwei Thürmen gewendet, erbauten im letzten Decennio des 17ten Jahrhunderts die ein Jahrhundert vorher von Köln nach Bonn gekommenen Jesuiten, mit einer Gabe von 50,000 Thaler von Kurfürst und Erzbischof Maximilian Heinrich unterstützt, eine in ihrem Baustile höchst stattliche Kirche, die Jesuitenkirche, welche dessen Neffe und Nachfolger Joseph Clemens im Jahre 1717 [56] einweihete, und wonach auch der unterhalb der Stadt belegene Isidorshof den Namen Jesuitenhof erhielt. Die Kirche, gegenwärtig Staatseigenthum und unbenutzt, außer daß die Thurmwache der Stadt darauf ihren Sitz hat, eignete sich übrigens im Mittel der Stadt gelegen und bei der Ueberfüllung anderer Kirchen, wieder sehr zum Gottesdienste. Das an dieselbe gebaute Kollegiatgebäude, vordem der Sitz des im Jahre 1777 mit zu Grundelegung der Fonds vom aufgehobenen Jesuitenorden gestifteten und bis zur französischen Revolution bestandenen kurfürstlichen Akademie Bonn, dient jetzt als Wohnung des Lehrpersonals vom hiesigen königlichen Gymnasio, welches in dem gleichfalls an der Bonngasse der Kirche gerade gegenüber gelegenen ansehnlichen Gebäude mit Hof, so Clemens August, der unvergeßliche, großmüthige Wohlthäter für Stadt und Land, im Jahre 1732 als Schulhaus erbaute, sich befindet, nachdem darin während der französischen Herrschaft eine Secondairschule bestanden hatte.

Mitten in der Bonngasse befindet sich auch in dem ehemaligen Goudenauer Hofe die wohlgelegene königliche Extrapost, und hinter derselben in der zweiten Unterabtheilung des Viertels, wo zugleich noch das obere Ende der übrigen wider die alten Stadtmauern auf dem Werf derselben später auferbauten Casernenwohnungen, worin die kurfürstliche Bönnische Garnison mit Weibern und Kindern sonst einquartiert war, hinzieht, das Bürgerhospital, dem heiligen Jacob gewidmet. Es ist ebenfalls alt und klein, wie das Frauenhospital zum heiligen Egidius am Münsterplatze, und vielleicht Rath, beide Localitäten für anderes besser zu verkaufen, und ein größeres, passender gelegenes Local zu erwerben. Ohnweit von hier, in einer besondern Nebenstraße, auf der Stätte eines [57] ehemaligen an oben erwähnten Bruno vom Bonnerberg erinnernden Karmeliter-Klosters, befindet sich das im Geiste des neuen Civil-Gesetzbuches und nach den weisen Erfordernissen der französischen Correktional-Justiz erbaute und eingerichtete Arresthaus, noch bei der Verlegung des Tribunals nach Köln nützlich genug um jährlich an tausend fremde, ab und zugehende Individuen unterzubringen. Hierauf folgt am Ende der Bonngasse und dem Anfange der Kölnstraße die zweite ziemlich rechtwinklichte Durchschneidung des Stadtviertels von dem Kesselsgäschen und der Maargasse, in welcher letzterer, immer in Vermehrung der Stadtbauten nordwärts, der große und kleine Maarhof zu liegen kamen, welche ehedem in derselben Richtung zur Stadt hinaus an der Kaiserstraße standen, da wo die Heerstraße sie durchschneidet, und vor einigen Jahren bei Ausbeutung einer Kiesgrube auch noch römisches Mauerwerk in der Tiefe gefunden ward. Es entstand jüngst bei dem Abbruch des viereckigten Maarthurmes der in obiger Richtung dicht vor der alten Stadtmauer aufgerichtet war, die in Ermangelung vaterstädtischer Studien und Gelegenheit dazu, sonderbare Frage, wozu dieser von den übrigen halbrunden Wickhäusern des Stadtberings in äußerer Form und innerer Einrichtung verschiedene Bau gedient habe. Derselbe bestand unterhalb aus einem dunklen, feuchten, mit gedoppelten Balken überlegten Verließe, woselbst ein schwerer Stein mit Ring lag, und hierin wurden nach wie vor, dem Vertrage der Bürgermeister und des Stadtraths mit Kurfürst Salentin vom Jahre 1568 gemäß, die ungehorsamen und friedbrüchigen Bürger, welche die gelinde verwirkte Strafe einer Hacke, Eimers, Steins oder Brods, auch nach Gestalt des Excesses mit Ermahnung des Thurmgangs, wozu oberhalb ein gutes [58] gewölbtes Gemach mit freundlicher Aussicht angelegt war, nicht erlegten oder gutwillig verwirklichten, als Verbrecher geworfen, und alsdann durch den kurfürstlichen Vogt auf Anhalten des Raths nach Poppelsdorf, wo die kurfürstliche Residenz und zugleich das Strafgefängniß damals waren, zu weiterer Bestrafung fortgebracht wurden.

War das erste Stadtviertel der Erzbischöflichen Residenz Bonn seiner westlichen Ausdehnung nach reich an Kirchen, so ist es das zweite nördlich an Frauenklöstern gewesen, wovon nächst der Kesselsgasse und an der Kölnstraße noch das Cellengebäude der von Erzbischof Ferdinand im Jahre 1619 von Köln nach Bonn verpflanzten Capuzinessen-Kirche und Kloster steht, wozu derselbe 1644 den ersten Stein legte, welches seit der französischen Zeit aber in einen schönen Garten verwandelt und in dessen Hof bisher die wilden Thiere, an heraldische Figuren früher aufgenommener Geschlechtswappen erinnernd, häufig dem Volke gezeigt wurden. Weiter auf der bald auch binnen den Stadtmauern dem im 13ten Jahrhundert erbauten vormaligen Thore zugelenkten Kölnstraße, kommt man an den Stiftsplatz, und vor die auch wieder von Clemens August erbaute vormalige Stiftskirche zum heiligen Peter in Dietkirchen. Sie war vormals in der Vorstadt gelegen, von Kurfürst Ferdinand zur Stiftskirche erhoben, und nach ihrer Einäscherung im Jahre 1680 hier auf der Stelle ersetzt, wo seit uralten Zeiten, wie der erwähnte Isidorshof, ein Gerichtshof des heiligen Paulus mit einer Kapelle, jedoch noch im Sprengel der Dietkirche gestanden. Diese Kapelle, seit dem dreizehnten Jahrhundert von einem der vornehmsten Geschlechter Kölns, so bei dem Streite dieser Stadt mit ihren Erzbischöfen auch ihren Wohnsitz nach Bonn verlegt hatten, und [59] damit wie die Erzbischöfliche und Kurfürstliche Residenz zur nachmaligen Größe Bonns das ihrige beigetragen, zum Overstolz genannt, war mit einem Hospitale verbunden, worin die freiadlichen Damen hier ihr Unterkommen nehmen mußten. Die jetzige Kirche, ein massives hochgewölbtes Achteck, mit angefügtem Hochaltar und Thurme darüber, nebst Atrium und Orgelchor, hat ein imposantes heiteres Innere, obwohl die stattliche Fronte des Gebäudes mit ihren zur Stiftswohnung unvollendeten allein stehenden Flügelwänden zeigt, daß seit dem letzten unvergeßlichen Wohlthäter den frommen Damen die fernern Mittel mit erstorben waren. Die Präbenden warfen nicht viel ab, weswegen die Abtissin eine Haushaltung führte und die Damen in die Kost nahm; der Pfarrer aber versah nebst dem Stifte noch einen kleinen Distrikt in der Stadt, und die Seelsorge in dem nahe gelegenen Transdorf. Dem Stiftsplatz gegenüber, längst dem jenseitigen Straßenrande, ziehen die Stallungen, welche im Jahre 1818 die Stadt zur Aufnahme des hier zur Garnison bestimmten Kavallerieregiments, von dem nur ein Theil in die vormalige kurfürstliche Reuterkaserne vor dem Sternenthor untergebracht werden konnte, neu bauen und einrichten lassen. Durch ein offenes Thor erblickt man auf dem ehemaligen Blankenheimer Erbe einen weiten Hof, und hinterwärts darin die großen Gebäude-Ueberreste der vormaligen Welschnonnen-Kirche und des Klosters dieses Namens, welche eine gewisse Mademoiselle Duplessis im Jahre 1664 aus dem Kloster Romery in Lothringen hieher führte, und die auch als Nonnen der Congregation von Notre Dame bekannt, hier ihre nützlichen Verdienste um die Erziehung der weiblichen Jugend hatten. Einen ansehnlichen und großen Zuwachs hat hier [60] die Stadt endlich an ihrem Umfange seit der preußischen Zeit wieder nach der Wegnahme des alten Kölnthors auch eines bedeutenden Theils der damit verknüpften Stadtmauern, erhalten, einerseits durch die Ausführung einer neuen Straße auf den ehemaligen Fortificationswerken, mit schöner Aussicht nach dem Vorgebirge und in die kölnische Ebene hinab, und anderseits bis zum Rheine durch den Bau eines Reithauses und Exerzierplatzes für das Regiment, und eines Uebunglokals für die hiesige Schützen-Compagnie, letzteres auf dem Rest des Rheinischen Walles angelegt, mit herrlicher Uebersicht der jenseitigen Ufergegenden.

Wir betrachten nun das dritte Stadtviertel, dessen nordöstliche Ecke unterhalb der Windmühle schon die vorgerückten Wohnstätten am Stromufer bildeten, als von diesem aus Erzbischof Konrad von Hochstädten das gegen Köln gerichtete Stadtmauerwerk nördlich um dieses und das vorhergehende Viertel herum ausführte, westlich aber mit dem ältern Mauerberinge des ersten Viertels verband, und somit die Urbs als ein Oppidum umschloß und von der noch mehr rheinabwärts nach dem Wichelshofe zu liegenden Vorstadt, dem Suburbio, trennte. Die westliche Grenze dieses Viertels bildet mit der noch erhaltenen, jedoch geschlossenen Wenzelspforte die alte Straße nach Rheindorf, seitdem »An den Welschnonnen« und weiter gegen das Innere der Stadt, »Auf der Sandkaul« genannt, wo dieselbe landwärts aus der Wenzelsgasse vom Markt her und rheinwärts aus der Hunds- oder Stromgasse entstand. Das erste von seinen zehn Straßenrevieren bei der Wenzelspforte, und südwärts durch die Hatschiergasse begrenzt, enthält dicht an der Pforte ein altes Gebäude, jetzt Zugehör der Kaserne, vordem der Hatschierbau, [61] ehedem zur Krongarde genannt, und unmittelbar dabei den größten Garten binnen der Stadt mit Haus- und Hofgebäuden, den vordem gräflichen Hatzfelderhof, ein schönes Local, und seiner einsamen und sonnigen Lage wegen nicht ungeeignet zu einem ansehnlichen Stadthofspital verwandelt zu werden. Hierauf folgt rheinwärts der Engelthalerstraße, die ihre Richtung von der Westseite der römischen Casernen am Wichelshofe her hat, das zweite Revierstraßenviertel, ringsum mit Mauern, einen Gartenraum von 15000 Quadratfuß, mit schönem Brunnen, umschließend, in dessen dem Innern der Stadt am meisten zugewendeten Ecke, ältere Hofgebäude liegen. Es sind die Reste eines seit alten Zeiten in diesem Revier belegen gewesenen Frauenklosters mit Kirche, »Zum Engelthal« genannt, das im Jahre 1002 (nach der Kloster-Chronik im Jahre 1009) von einer reichen und frommen Matrone Namens Geckela, mit Erlaubniß des Pabstes Johann XIX zu dem sie persönlich in Rom flehte, an dem Orte mit Hingabe ihrer ganzen Erbschaft und ihres Vermögens gestiftet worden, wo ein Tempel des militairischen Mars, von welchem eine Steinschrift sich noch erhalten hat, ehedem gestanden, und welches in die Ehre der allerheiligsten Mutter Gottes und allen heiligen Engel, unter dem besondern Schutze des Erzengels Michael geweihet war. Diese Vestalinnen lebten in ihrem Parthenon nach der Regel des heiligen Augustin, des Eremiten, bis zu Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts, dann aber nahmen sie die Reformation des Windesheimischen Kapitels, also das regulirte Klosterleben und Clausur an. Das Gebäude, worin zu derselben Zeit acht hochgeborne Gräfinnen und dreißig adliche Jungfrauen sich der Gottheit gewidmet hatten, wurde mehrmalen durch Brand im Ganzen und [62] theilweise verwüstet und deshalb wieder neu aufgeführt; besonders aber betrafen dieses Gotteshaus, oder wie die Klosterchronik selbst sagt, diesen martialischen Tempel, auch die Beschwernisse und Zerstörungen der Kriege zu Ende des sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderts, wobei die eingeschlossenen Jungfrauen bei einem Kugelregen der auf dasselbe fiel, diesem und der tödlich drohenden Gefahr einmal im Freien ihres Gartens sich mit der Monstranz in den Händen ihrer Vorsteherin vertrauensvollst schirmend und glücklich für ihre Personen entgegenstellten, ein andermal aber, wie bei den Kriegsläuften voriger Zeiten gar oft und viel der Fall war, in dem sicheren Köln ihre Zuflucht nahmen. Das dritte nach dem Rhein, »An der Windmühle«, einer ehemaligen hohen Festungswarte belegene Revier, war sonst das letzte der Stadt, worin nach der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts (Kataster 1669) die Hausbezifferungen noch mit Nummer 1003 zu Ende liefen, und hat seine eigene enge Gasse die Kuhl genannt, welche durch ihre Kirchweihe mit Aufputzung einer Krone und sonstige öffentliche Volksvergnügungen sich gelegentlich noch auszeichnenden diesseitigen niedern Bevölkerung Bonns, den Namen Kuhler verleiht, und bei dem Gestade des Rheinstromes mit der ehemaligen Beckerwippe daselbst, an frühere Hafen- und Seeortsverhältnisse der gefreiten ältesten Unterstadt Bonns erinnern könnte. Von den drei südwärts den vorherbeschriebenen und längst der Josephsstraße liegenden Straßenrevieren befaßt das nächst dem Rhein bei der Anfurt der fliegenden Brücke belegene, noch den Raum und das Andenken des Heisterbacher Hofes, worin dieser benachbarte Prälat vordem in der Residenz sein Absteigquartier genommen, und in der gefesteten Stätte bei Kriegesläuften für sich und die [63] Seinigen oft Schutz und Herberge gesucht hatte. Ein anderes Andenken vergangener Herrlichkeit bewahrt in derselben Abtheilung die Komanderiestraße, ursprünglich ein Stück des Mittelpfades, der das Stadareal von dem Isidorshofe her und die Schwabengasse (Wurstgasse) längs dem Engelthal, zwischen dem Leinpfad des Rheines und der Alten Straße hier noch durchschneidet, und welcher nachdem der, durch Aufhebung des Templerordens in der Umgegend von Bonn, reichbegüterte Maltheser-Orden hier einen Hauptsitz genommen, merklich erweitert und auch anders benannt worden ist. Die bei dem lebhaften Rheinübergange mit der Rheingasse und im übrigen Stadtverkehr mit der Brüdergasse, Wenzelsgasse, Bonngasse und Sternenstraße wetteifernde und emporsteigende Josephsstraße, endigt »Auf der Sandkaul«, oder besser über die Sandkaul (Sancta fossa) die ihr vor Jahrhunderten den Namen gegeben, und unwillkührlich gedenken wir des Römers Claudius Sanktus, der als Obrister die Reste der ersten Legion, so von Civilis und seinen Gaulen (Belgiis Gallicis) geschlagen mit deren Erlaubniß, nachdem im Lager die Bildnisse der Kaiser umgestürzt, die Kriegszeichen niedergeschlagen, die Fahnen ohne allen Zierrath nachgeschleppt, von Bonn nach Trier abführte, da jene der Gaulen, zu deren Bekämpfung die Römer zuerst an den Unterrhein gekommen, in voller Pracht hervorglänzend aller Orten aufgestellt waren. Anderseits der Josephsstraße liegt südwärts eines der längsten und ansehnlichsten Reviere der Stadt, zugleich an dem regelmäßigen sechszig Fuß breiten und vierhundert Fuß langen Viereckplatz, der dieses Viertel von dem nachfolgenden abgrenzt, und seinen Ursprung zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts von einem verwüsteten Reviere, zwischen zwei Wasserablaufgäßchen [64] nach dem Rheine, wovon eines zwischen ihm und der Wenzelsgasse, gleichfalls als Grenze des Viertels noch existirt, dem Risselsplatz, auch seine stattliche Anlage zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts als Paradeplatz, der damaligen Vorsicht und Nothwendigkeit verdankt, in der Festung Bonn nächst den neuen Vertheidigungs-Werken am jenseitigen Rheinufer eine bedeutende Reserve-Kolonne, zur alsbaldigen Unterstützung derselben aufstellen zu können. Endlich zieht von dem Josephsthor bis beinahe zum Rheinthor hinauf, das letzte Revier, worin einestheils die zu gleicher Zeit gut gebaute neue Judengasse, anderntheils an dem Viereckplatze vorüber eine Reihe der stattlichsten und größten Wohngebäude, nach dem Rhein zu besonders die Hotels der Grafen Metternich und von Belderbusch ausgezeichnet liegen, weshalb und ihrer Bewohner wegen dieser Platz in der französischen Zeit des vorigen Jahrhunderts auch nicht übel Place noble benannt ward.

Das vierte Stadtviertel schließt sich allernächst dem vorhergehenden durch eine lange Reihe ebenfalls sehr stattlicher Häuser, wozwischen ein zeitiges Theaterlokal eingebaut ist, und dem Viereckplatze mit seinem ersten Reviere an, das eine Parthie kleiner Häuser in seiner südöstlichen Ecke noch abgezogen, im übrigen von der vormaligen Kirche, dem Kloster und Garten der Kapuziner erfüllt wird, welche Gebäude und großer Gelaß in der französischen Zeit zu einer Manufaktur in Baumwollenwaaren, um die fast brodlosen Einwohner Bonns nützlich zu beschäftigen, vom Staate, dem sie heimgefallen hingegeben worden, und so, obgleich bei bessern Zeiten, jetzt dennoch als Fabrik fortgedeiht. Es war jene Stiftung auf dem Wachtendorfer Erbe von Erzbischof Ferdinand, [65] der sich bestrebte die verderbten Sitten bei dem ihm untergebenen Klero durch Reformationen zu verbessern, und die katholische Gemeinde durch vorsorgliche Anordnungen und heilsame Einrichtungen auch mittelst fremder Ordensgenossen fortzupflanzen, auf seine Kosten angelegt worden. Nachdem er von Köln Geistliche des Ordens vom heiligen Franciscus von Assisi insgemein Kapuziner genannt, im Jahre 1618 zu Bonn eingeführt, die Kirche, zwei Flügel zum Kloster und das Pesthaus im Garten mit den hohen Mauern ringsum auferbaut, und alles eingeweiht hatte, brachte er im Jahr 1626 die frommen Väter Höchstselbst mit besonderer Pracht in ihr neues Gotteshaus, dem sein Nachfolger Maximilian Heinrich im Jahre 1661 auch den dritten Flügel hinzufügte. Mit allen andern Kirchen und Klöstern und dem größten Theile der Stadt durch das Bombardement zu Ende desselben Jahrhunderts fast in einen Stein und Aschenhaufen verwandelt und nur nothdürftig wieder hergestellt, entstand im Jahre 1754 zu Mitternacht in dem Thurme der Kirche Feuer, und verbrannte dieselbe und das Kloster, wonach Kurfürst Clemens August beide auf das Beste wieder herstellte, und dazu vor ersterer für sich selbst eine freundliche Wohnung erbauen ließ, woselbst er in der heiligen Woche vor Ostern verweilte, um seine Beichte abzulegen und die heilige Communion zu empfangen. Das Kapuziner-Kloster war auch bis zur letzten kurfürstlichen Zeit der Versammlungsort der Landstände des rheinischen Erzstifts, woselbst die berufenen Mitglieder täglich erschienen und ihre Namen behufs der Diätenbeziehung friedlich in ein Buch schrieben, im übrigen aber von der Staatsbehörde an Steuern etwas mehr als man bedurfte gefordert, und von den Ständen etwas weniger als die Forderung betrug bewilligt wurde. [66] Nächst den Kapuzinern liegt die vormalige kurfürstliche Bann-Wassermühle der Stadt, so schon damals täglich einhundert Malter mahlen konnte, jährlich 2500 Thaler Pacht gab, und wobei der Landesherr sich mühete besseres Brod einzuführen, was jedoch erst seit der französischen Zeit gelang. Sie wird merkwürdig genug durch die von Godesberg bis dahin in den Rhein geleitete Bach betrieben, deren unterirdischer Lauf mitten durch dieses Viertel der Stadt zuletzt den alten Theil des Anfurt-Ortes umfließt, welcher dem Ganzen auch wohl den Namen Verona in der Vorzeit verlieh und zu beiden Seiten der Rheingasse liegt, die nebst dem jüngst gewesenen Zollhause am tiefsten zum Strome herabzieht, und deshalb an ihrem untern Ende oft im großen Wasser steht. Anderseits derselben und etwas höher liegen hinter der Stadtmauer und Gierpforte ein kleiner Platz und ein seit dem Jahre 1689 erneutes Kirchlein, die alte vornehmste Kapelle in Bonn, zur heiligen Gertrud, die zwanzig Jahre (1624—44) den Franziskanern bei ihrem Convent daneben zum Gottesdienst diente, wo auch die Zöllner sonst täglich ihre Messe hörten und bezahlten, und deren Glocke wieder zu der Rettungsanstalt das Zeichen giebt, wann jemand im Rheine verunglückt ist. Zwei ältere Wege, die Gier oder Geiergasse, und die Fischer oder Bocksgasse ziehen mit der Rheingasse parallel aber steiler dem hohen Ufer zum Mittelpfad hinauf, und schließen mit demselben ein schmales Revier ein, woselbst in alter Zeit die Bonner Münze war, und der einzige bekannte Kurkölnische Viertels-Goldgulden mit dem Bilde des Johannes und dem Zeichen des Geierkopfs in der Legende, geprägt ward. Rechts am obern Ende der Rheingasse auf dem gegen fünfzig Fuß erhabenen Belderberg, dem Herren oder Hasenberg, der [67] auch seinen Beinamen der schönen Aussicht in frühster Zeit am unverbauten Orte verdanken möchte, liegt der beinahe ganz das kleine Revier befassende Bornheimerhof, in der Mitte des alten Verona und bei der alten oberen Stromgasse oder Hundsgasse (in undis). Ein höchst stattliches mit einem besondern Thurmstiegenbau sonst mit Fahne und noch mit einem großen Keller versehenes Gebäude, vordem den Reichs-Gewaltboten und kurfürstlichen Hofschenken zu Bornheim, an der Kaiserstraße mitten zwischen Bonn und Brühl belegen, welche von daher bis dorthin das hohe Geleit auf derselben handhabten, zugehörig. Nächst den beiden vorhergehenden Revieren, und von dem Michaelsthore hinter dessen östlichen Flügelgebäuden und dem alten Zoll hin, erstreckt sich ein langer und großer Raum auf der entzückendsten Stelle des Rheinufers, jüngst noch großentheils mit Weinstöcken bepflanzt, wo sich hinterwärts jetzt ein neues stattliches Wohnhaus erhebt, auf der vordern Hälfte aber von dem schönsten Garten und dem durch einen hohen Neubau vergrößerten Dienstgebäude des königlichen Oberbergamts für die preußischen Rheinprovinzen, besetzt, welche Anlage von dem letzten Kurfürsten als seine Privatvilla nach dem zerstörenden Schloßbrande, vom Jahre 1779 an bewohnt ward. In diesem herrlichen Reviere, welches der Hostert, Hoch oder Gast-Ort benannt wird, lag vor dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts das prächtige Zollgebäude auf dem Rheine, so früher den Kurfürsten selbst öfter zum Absteigquartier diente, und in dem letzten Viertel des sechszehnten Jahrhunderts (1576) oder zur Zeit der Reformation, stand hier ein noch stattlicherer Bau mit hohem Thurme zur Seite, welchen Kurfürst Salentin an der Stätte des ehemaligen Kaiserhofes Bonn [68] und des in dem Kriege des Civilis benannten Hauses vom Germanikus, neu und zugleich als Residenz, Hofcanzlei, Archiv und beste Schatzkammer des Erzstifts, erbaut hatte. In diesem Gebäude empfing dessen Nachfolger der Kurfürst und Erzbischof von Köln, Gebhard Graf von Truchseß, seine im Rosenthal am Markt zu Bonn ihm förmlichst angetraute Braut, die schöne Agnes Gräfin von Mansfeld, und feierte hier mit ihr das Hochzeitslager, in Folge dessen er vollends Erzbisthum und Kurfürstenthum in offenem Kampf mit beiden, seinem Vorgänger Valentin und seinem Nachfolger Ernst, zugleich verlor, und dieses stattliche Schloßgebäude, nachdem es kaum zwanzig Jahre gestanden, wie der Kammerbau auf Godesberg total vernichtet wurde.

Die andere Hälfte dieses Stadtviertels, das immer als ursprünglich aus einem Königs- oder Kaiserhof des Rheinstromes entstanden angesehen werden muß, woher sich auch der in alten Geschichten auftauchende Charakter von Bonn als einer freien Reichsstadt allein erklären läßt, liegt gegen den Marktplatz und die Stockenstraße hin anderseits der Alten Straße, und ist mit der Landstadt, der Urbs, durch ersteren Platz und erstere Straße verbunden, als Civitas in einem und demselben bürgerlichen Verband, vielleicht schon seit Anfang der römischen Zeit gewesen. Es deutet noch die gekrümmteste aller Straßen Bonns, die Brüdergasse, den ältesten Weg um den diesseitigen Wohnort Verona an, und befaßt als Basis dessen ersten Erweiterungs-Ansatz zwischen der Hundsgasse und Wenzelsgasse nach der Sandkaule hin, das große Dreieck der Stadt, dessen Spitze das Brüdergassen-Oertchen bildet, von dem ein Complex von sechs Häusern, die Ausmündung auf den Markt noch den Namen trägt. An der rechten Seite, [69] der Brüdergasse steht die vormalige Minoritenkirche mit Kloster, welche nach Abzug zur Bebauung der einen Seite des Marktplatzes mit Haus und Hofraithen, auf einem alten öffentlichen, wahrscheinlich Ubischen oder Römischen Lagerungsplatz und Tempelort angelegt wurde, und woselbst Erzbischof Sigfrid von Westerburg im Jahre 1295 das Kloster der Minnebrüder stiftete, als die Stadt Bonn schon seit vier Jahren durch das Benehmen gegen ihren Probst, den Bruder des Erzbischofs, vom Pabst Nikolaus IV mit dem Kirchenbann belegt war, und fortdem noch lange Jahre blieb. Das überaus große und schöne Innere der Kirche, die übrigens ihres früheren dem Weltlichen entsagenden Charakters wegen jedes äußern Schmuckes und selbst eines schon längst gewünschten Thurmes noch entbehrt, ist ein erhabenes Produkt des neugothischen Stiles, wenn schon aus jüngerer Zeit, wohinein nach dem Abbruch der Remigiuskirche der dasige Gottesdienst versetzt, auch das schöne Altargemälde aus derselben, die Taufe des fränkischen Königs Klodwig durch den heiligen Remigius, wieder aufgestellt ward. Das städtische Ende dieses Quartierreviers schließt sich »Auf dem Markt« durch einen merkwürdigen Häusercomplex dem Stadthause als letzte Nummer 1125 an, nämlich zuerst durch das ehemalige Gasthaus zur Blume, in welches die hohe Gastherberglichkeit, so wie daneben und mehr hinterwärts durch das Haus zum Rosenthal, das höhere Absteigquartier der Stadt, übergegangen, und zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts durch den an beide Häuser von der Neugasse anrührenden Truchseßischen Hof oder nachherige von Fürstenbergische Haus, das Stadthaus selbst von der höchsten fürstlichen Wohnberechtigkeit befreit ward, welche drei Bestimmungen der heutigen Zeit gemäß das [70] jetzige erste Gasthaus der Stadt, bei seiner schönen Lage auf dem Markt und seinem eifrigen Verkehr bestens vertritt. Den Beschluß des vierten und letzten Stadtviertels machen endlich die bei der langen Gallerie des Schlosses belegene vormalige Franziskaner-Kirche und Klostergebäude, welche ursprünglich mit Mönchen von Brühl besetzt waren, die vierzig Jahre bei der Sankt Gertrudkapelle ein Convent gebildet, und als sie im Jahre 1640 dieses Kloster erbaut hatten, dasselbe so wie die vom Kurfürst Ferdinand im Jahre 1641 ihnen fertig hingestellte und im Jahre 1644 consekrirte große Kirche bewohnten, welche bis zu dem zerstörenden Bombardement im Jahre 1689 zugleich als Hofkapelle diente, auch wie der jüngste Bau als solche, seit dem Brande vom Jahre 1777 mit der älteren Residenz durch einen Schwibbogen verbunden war. [71]

IV. Das Münstergebäude von Außen nebst der Ansicht desselben gegen Süd-Ost.

Das über die Stadt Bonn und umliegende Landschaft hoch, ein Wahrzeichen derselben, emporgestiegene Münstergebäude, zeichnet sich zugleich durch seltene Vollkommenheit der sobenannten altgothischen Architektur, vorzügliche Größe des Baues und hehre Alterthümlichkeit aus, und verdient als ausgebaute und ehemalige erste Kirche des Erzbisthums Köln nach dem Dom, nicht nur eine besondere Aufmerksamkeit von dem Kunstkenner, sondern auch von dem Geschichtsforscher, so wie überhaupt von jedem dem fortdaurend lieb und werth ist, was den Vätern heilig war. Es stellt sich diese episcopale Kirchenform neben dem vormaligen Residenzschlosse des Kurfürsten, als das erste und merkwürdigste Gebäude der Stadt dar, welche es auch als Emblem in ihrem alten großen Siegel führte, und durch dasselbe und seinen gottesdienstlichen Bering, die Ara Ubiorum, schon frühe eine große Bedeutsamkeit gewonnen, und mit den Schicksalen der Kölner Kirche nächst verknüpft, bis in unsere Tage durch alle Jahrhunderte der Christenheit hindurch erhalten hat. Dieser altgothische Bau befaßt eine so große Mannigfaltigkeit der Formen und Verhältnisse äußerlich und auch in seinem klaren und heitern Innern, daß wenige Gebäude der Art ihm gleich kommen, und schwerlich eine der [72] vielen Kirchen Kölns hierin und an historischer Ausbildung sich mit ihm messen kann. Seit den Zeiten der römisch griechischen Kaiserin Helena, Mutter der christlichen Kirchen, welcher auch unser Gotteshaus seine Entstehung am Orte verdankt, und von der ersten Cellenbrüderschaft und deren Kapelle oder dem abgeschlossenen Bau des Münsters, ferner bis zu der Erweiterung und Vergrößerung des Baues als Archidiaconatsstift und endlich bis zu seiner jetzigen Bestimmung als erste Pfarrkirche von Bonn, wohin die vormalige Kirche St. Martin übertragen worden, hat dieß Gebäude im Verlaufe so vieler Jahrhunderte, große Veränderungen und Umformungen erlitten, wobei jedoch mehr Altes als anderswo bis heute fast unverwandelt sich erhalten hat, wozu auch noch insbesondere das nebenstehende Kapitelgebäude und der Kreuzgang desselben zu rechnen ist. Vieles an demselben gehört hinwiederum der Arbeit und Form nach auch der neueren Zeit an, wie die Bedachungen und manche Restaurationen in Stein und Mauerwerk, indem als bei dem Bombardement der Stadt im Jahre 1689 von Beul her dieses Gebäude, des Feindes Haupt-Fouragemagazin, allein von allen Kirchen und Klöstern, ja man könnte sagen von fast allen Häusern Bonns vorerst verschont geblieben war, dasselbe bei der darauf folgenden Attake vom Kreuzberge her, nachdem die Laufgräben von der andern Seite eröffnet und die ihm benachbarten Festungswerke von Poppelsdorf und Kessenich her beschossen und gestürmt wurden, endlich auch in Flammen aufgieng und bis auf die Gewölbe abbrannte.

Das Münster liegt am südwestlichen Ende der Stadt, so weit von dem nordöstlichen Ende derselben in gerader Linie ab, als es von dem jetzigen Wasserbering des [73] Poppelsdorfer Schlosses absteht, und nahe bei dem westlichen Ende des Universitätsgebäudes, von welchem es durch den ihm vorliegenden Martinsplatz, dessen Alterthümer schon vorbeschrieben worden, getrennt wird. Zu den übrigen noch bestehenden Umgebungen unseres Gotteshauses gehört das an die Südseite desselben angebaute uralte Kapitelschulhaus mit dahinter stehenden Kelterhaus, welches in seinem Bering auch noch den Kreuzgang des ehemaligen Klosterbaues in sich enthält, welches alles jedoch gleichfalls niederzureißen und die Kirche von dieser Seite ebenfalls ganz frei zu stellen, zur französischen Zeit im Plane gewesen ist. Hienach ward, als mit Umwälzung der politischen Verfassung dieser Lande am Ende des vorigen Jahrhunderts, den tausendjährigen Bestand geistlicher Herrlichkeit der härteste Stoß betroffen hatte, und in dessen Gefolg der Ruin fast aller Klöster und Stifts-Kirchen auch wirklich eingetreten, die andere Kirche dicht vor der unansehnlichen Westseite des Münstergebäudes auf dem Gangolphsplatze, deren Beschreibung und Erläuterung ebenfalls an ihrem Orte schon vorgekommen ist, weggebrochen. An der nördlichen Seite des Kirchengebäudes hingegen, wo schon vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts, um das Gebäude wieder freier zu legen die St. Barbara Kapelle hinweggenommen worden, gedeiht noch immerfort der schöne und seit fünfzig Jahren mit Lindenbäumen umzogene Münsterplatz, welcher jeder Stadt zur Zierde gereichen kann, nachdem er, der ursprünglich das Pomerium oder der Bongarten des Münsters gewesen, unter dem spätern Beinamen des grünen Platzes, Jahrhunderte lang unter ungeheuern Bäumen sonst öde und wüst gelegen hatte. Von diesem Kirchen und Klostergebäude, welches südwestlich außerhalb dem alten Castelle und südlich [74] dem Münsterplatze im früheren Castro oder spätern Burgberinge, auch da wo sonst ein Tempel des Mars von dem sich noch eine Inschrift erhielt, gelegen war, und sich an einer Neige des Bodens nach dem Ende des später durch den Mühlheimer Wall gefüllten Bendenlochs hinab verbreitet hatte, erscheinen die Bewohner als des den römischen Kriegshelden Cassius und Florentius gewidmeten Münsters, zu Anfange des zwölften Jahrhunderts unter dem Namen der Brüder vom See (fratres de lacu) in einer Urkunde des Jahres 1110, vom Erzbischofe Arnold I mit Weinbergen beschenkt, die an den ihrigen in dem Theil der Bonner Villa lagen, welcher Stoechen (Stockheim) genannt werde. Aber schon in der Mitte des neunten Jahrhunderts wird das besagte Heiligthum der Martirer außer der Mutterkirche Kölns mit wenigen andern Münstern des Erzbisthums von König Lothar als ein solches bezeichnet, wo er, wie die Urkunde besagt, beschlossen habe die Gipfel seiner Hoheit aufführen zu lassen, und es erscheint gegen Ende desselben Jahrhundert schon ein Abt von Bonn. Als das Ansehen dieses Gotteshauses so gestiegen war, und die Güter desselben sich gemehrt hatten, kommt urkundlich im Jahre 1131 ein Probst und ein Dechant derselben Münster-Stiftskirche vor, wovon ersterer Archidiakon war. In demselben Jahrhundert erhielt das Kirchengebäude neben dem Kloster und Kapitelgebäude, das zum Theil an die Karolingische Zeit seinem Baustile nach erinnern dürfte, seine jetzige Form und Gestalt, welche im Ganzen und in dem Schiffe insbesondere einer Basilika entspricht, deren Bau und Besserung den Archidiakonen und namentlich dem Bonner ausdrücklich aufgetragen war.

Eine alte vordem im Kreuzgange neben dem Ein- [75] gange in die Kapelle des Kapitelhauses erhaltene jetzt im Orgelchor der Kirche angebrachte Steinschrift, erwähnt des Gerhards, Probst und Archidiakons vom Jahre 1130 bis 1180*, als eines neuen Schöpfers der nunmehrigen Archidiakonat-Stiftskirche, welches auch alle übrige noch erhaltene authentische und gleichzeitige Nachrichten mit diplomatischer Wahrheit unterstützen. Gerhard war der Sprößling einer Linie des edlen Geschlechtes der Grafen von Sayn, welche zu den ältesten bekannten Grafen von Bonn und Vögten des Münsterstiftes gehörten, und hatte unter allen seinen Vorgängern und Nachfolgern das einzige Glück, seine Probstei über fünfzig Jahre lang zu bekleiden, während welcher Zeit er das vorstehende Gebäude zu seiner jetzigen Gestalt vergrößerte und ausführte. Auch wohnte er der Einweihung der Schwarzrheindorfer Stiftskirche bei Bonn im Jahre 1151 zugleich mit König Conrad und dem Erzbischof Arnold als thätiger Theilnehmer an diesem schönen Werke selbst bei, und obgleich er, wie mehrere seiner Vorgänger und Nachfolger, im Jahre 1160 auf den erzbischöflichen Stuhl zu Köln gewählt worden, trat er diesen jedoch an Friedrich den zweiten ab, und beschloß sein noch edleres Leben, wie die Bleitafel, der graue Todesschein aus seinem Grabe besagt, hier an seinem Geburtsorte, in der Ara Castell, an dessen südwestlicher Ecke unser Gebäude steht. Dasselbe ist auf vorliegendem Blatte so aufgenommen, daß sich die Hauptfronte desselben nach Osten möglichst unverkürzt darstellt, dabei die Masse des Hauptthurmes mit den Seiten des Hauptchors, der südliche Nebenchor, auch die beiden Thürme am westlichen Ende der Kirche, so wie das uralte Kapitelhaus an der Südseite und der Münsterplatz an der Nordseite alle zugleich noch sattsam erscheinen, [76] und von der Gestalt des ganzen Gebäudes den besten Begriff auf einen Blick ertheilen. Das Kirchengebäude im Ganzen zweihundert und fünfzig Fuß lang, einhundert und fünf und zwanzig Fuß breit, und aus seiner Tiefe bis zur Spitze etwa dreihundert Fuß hoch, zerfällt mit zehn Haupttheilen in zwei Hälften, östlich zu sieben und westlich zu drei besonders, und läßt bei dem mannigfaltigen Aufwand der Formen, einen eigentlichen Portalbau vermissen, indem es seine verziertere Hauptfronte statt nach Westen, als der Portalseite, hier vielmehr umgekehrt gegen Osten an der Chorseite aufstellt. In dieser Eigenheit der Form und Einrichtung, wodurch sich die Gebäude des Mittelalters und jeder großen Zeit oft so individuell und von einander verschieden darstellen, lassen sich an unserm Münster zuvorderst der cirkelrunde Chor-Ausbau, dann der hohe Chor mit Giebel zwischen und hinter den Thürmen, ferner das Querhaus oder Transsept mit dem Hauptthurme, endlich der davon südlich ausgebaute Mutter-Gottes Chor, dem nördlich ein gleicher, dem heiligen Clemens gewidmet, entspricht, und zuletzt von dem westlichen Theile der Kirche die beiden runden Stiegenthürme bis zu welchen das Schiff mit seinen Nebenschiffen geht, noch voneinander unterscheiden. Die fünf Thurmspitzen, deren jetziger Holzbau und die Schieferbedachung jedoch im Ganzen kaum ein Jahrhundert alt sind, und von welchen nur der Mittlere jetzt die Glocken mit dem Geläute hat, geben zu dem ältern Calembourg Veranlassung: »Cinq clochers avec quatre cents (sans) cloches«, wodurch in neuern Zeiten an dieß Wahrzeichen der Gegend einestheils, zugleich aber auch an die große Zahl der Kirchen erinnert werden dürfte, welche ehemals diesem Archidiakonatstift als solchem zugehört haben. [77] Betrachtet man den Chorbau oder die Chorkapelle mit den beiden Thürmen wieder insbesondere ihrer Form und Verzierung nach genauer, so erinnert diese Fronte durch den hohen Unterbau und die mehrmaligen Säulen und Bogenstellungen übereinander unwillkührlich an die Außenform der antiken Odeen und Theatergebäude, und den Baustil der Paläste im Mittelalter. Der Unterbau oder die Ringmauer mit ihren drei Thürfenstern schließt zugleich das östliche Ende einer langen Gruft chorförmig ab, welche sich unter dem Fußboden des Chorlanghauses von dem Hauptthurm bis hierher erstreckt, und worin die Gebeine der Martirer von der Thebaischen Legion, Cassius, Florentius und Malusius als Schutzpatrone der Stadt sonst aufbewahrt wurden. Sie waren im Jahre 1166 auf der Stelle der jetzigen Mordkapelle unterhalb dem Kreuzberge erhoben, und als unser Kirchenbau, so wie er jetzt hauptsächlich steht, von dem Probst Gerhard zum Theil erweitert und neu auferbaut worden, hierhin, als in ihr Patrocinium wieder feierlichst beigesetzt. Die zwei Stockwerke im Mittel des Rundbaues, welche nur durch ein schmales Gesims getrennt sind, und womit die eigentliche Kapelle des Chores auf dem äußersten Umfange der Crypta sich erhebt, bestehen aus einem doppelt übereinander gesetzten Range von sieben Arkaden in einer Reihe, unten von acht Halbsäulen, oben aber von ebensoviel Ganzsäulen, äußerst merkwürdig aus dem Synter der Eifler Wasserleitung gearbeitet, und ziervoll umstanden. Das obere oder dritte Geschoß dieses altgothischen Heiligthums hingegen ist, statt der ursprünglichen runden Chorfenster, nun durchaus mit hohen vergitterten neugothischen Kirchenfenstern durchbrochen, welche den dahinter liegenden zwischen beide Thürme eingeschlossenen innern [78] Raum der Kirche als Oratorium und weiterhin das Langhaus desselben sattsam mit erleuchten. Zu oberst ist noch ein dem Unterbau entsprechender von den Thürmen zu beiden Seiten in Form abstehender niedriger Oberbau mit achtzehn kleinen Bogenstellungen, unter einem Schirmdache, dem Chorhut, aufgesetzt, in welchem sich das Muschelgewölbe der vorzüglichen östlichen Abseite des Kirchengebäudes hinaufzieht, daneben jedoch in dem kleinen Portik noch hinlänglicher Raum zum Umgehen der Ringmauer bleibt, um auf den jenseitigen Thurmoberbau zu kommen, da wie gewöhnlich die alte Treppe nur auf einer Seite der Kirche lag. Die beiden dem vorgehenden Rundbau und dem Chorhause zur Seite aufgeführten Thürme, sind was deren erste drei Etagen oder Stockwerke von unten auf anbetrifft, mit dem Stockwerke der Chorkapelle gleich und damit vollkommen übereinstimmend ausgeziert; sie enthalten im Innern zu unterst kleine Nebenkapellen zur Gruftkirche, die eine dem Florentius, die andere dem Malusius gewidmet, darüber im zweiten Geschoß und auf gleicher Ebene mit dem Fußboden der Chorkapelle zwei Gewölbe, ehedem zum Dienst des in demselben als Allerheiligthum aufgestellten Altars, die Gold und die Silberkammer genannt, zu solchen Gefäßen, welche in den frühern Zeiten der Kirche nicht fehlten, und waren mit dergleichen auf dem dritten Geschosse überhaupt dazu bestimmt, den Schatz und die Zierrathen des Altars, die Kleidungen der Priester, die liturgischen Bücher, auch wohl die schriftlichen Urkunden über die Rechte und Privilegien der Kirche, fest und sicher zu verschließen. Auf diese Gemächer zum innern Dienst der Kirche, folgt nun das vierte Stockwerk, dessen Zinnen unter dem Gesimse und übrigens zeigen, daß es ursprünglich für das oberste [79] Gemach der großen Dechanei, das Kapitolium gelten sollte, und deswegen allenthalben mit gekuppelten Bogenfenstern durchbrochen war; es bildet zwei helle Räume die durch den Rundgang oben auf der Chorkapelle mit einander in Verbindung stehen und den fünften Stock worin das Glockenhaus jedesmal der oberste Theil der ältesten Form beider Thürme war, das untere aber zum Anziehen des Glockengeläutes diente. Als später das Obertheil des Langbaues aufgesetzt und dasselbe mit seinem Giebel erhöhet ward, kamen zu den vorbeschriebenen fünf Etagen noch die beiden alleroberstenebenfalls pyramidal aufsteigenden Etagen hinzu, die besonderen Glockenthürme an dieser Seite, welche jetzt ohne Glocken und mit Hinwegnahme der Giebel an den vier Seiten nach moderner Art mit hölzernen Dachspitzen noch mehr und nicht ungefällig auferhöhet sind.

Zwischen den vorbeschriebenen beiden Thürmen erhebt sich über dem Dache der Chorkapelle der Giebel des Chorhauses, von welchem man südlich hinter der Thurmseite, auch noch zwei von den großen Chorfenstern erblickt, welche jetzt sowohl von dieser als von der Nordseite in das Stiftschor gehen, und zwei Dritttheile desselben einnehmen; das dritte Fenster aber so halb zwischen die Thürme gefaßt, ist für den Raum des Archipresbiteriums in dem Innern frei gelassen. Vor Aufhöhung jener Thürme und dem Einbau dieses Giebels, war vorhandenen Resten und Spuren zufolge zwischen den Wänden des fünften Stockwerks der Thürme eine niedrigere Querverdachung und Giebelmauer von der Höhe des Chor-Kapellendaches, wie an dem östlichen Ende der Domkirche zu Mainz gewesen. Die jetzige Giebelmauer ist besonders durch eine Nische von drei Abtheilungen, von welchen die mittlere bedeutend höher [80] ist, ausgezeichnet, und trägt nicht uneigentlich den Titel des umgewandelten Klostergebäudes, der Kirche des heiligen Cassius mit seinen Gefährten, Florentius und Malusius, wie ersterer auch persönlich in einer solchen Triumphpforte auf dem ältesten Stadtsiegel vorgestellt wird, hier aber um etwa zugleich die auf Erden unsichtbare dreieinige Kirche Gottes, welche den Bilderdienst ursprünglich verbot und verschmähete, also ohne weiteres Zeichen belassen und unausgefüllt verblieben ist.

Der Hauptthurmbau, mitten aus dem ein Doppel oder Patriarchal-Kreuz bildenden Kirchengebäude sich erhebend, ist mit seiner achteckigten Pyramidalbedachung und durch einen Blitzableiter wohlverwahrten Spitze zu einer außerordentlichen Höhe hinauf geführt, welche, wenn man den Bau bis auf den Grund und die unterirdischen Substructionen dazu rechnet, nahe an dreihundert Fuß, also an zwei Dritttheile der Höhe des Strasburger Münsterthurmes erreichen mag, und um etwa fünfzig Fuß überhöht, wonach derselbe nur um ebensoviel die Länge unseres Kirchengebäudes im Ganzen übertrifft. Dieser oberwärts achteckigte Bau, dessen drei Stockwerke sichtbarlich an Höhe übereinander zunehmen, läßt auch an sich ein besonderes Aufsetzen des obersten Stockwerkes durch die abermalige Zinnenreihe bemerken, wonach unsere Kirche aus dem Monasterium zu einem Hochstift, worin ein solcher einzelner Hochbau oder Thurm in der Mitte, wie zu Schwarz-Rheindorf die Hauptform war, nicht allein nach den vier Weltgegenden, sondern auch Zenith und durch die bis unter ihn gezogene Gruft Nadirwärts, gen Himmel und in die Erde erweitert und vergrößert ward. Der hier schon in der Ecke zwischen den Dächern des Langhauses und des Querhauses sichtbare achteckigte [81] Unterbau des Thurmes stellt sich, auf den Säulen und Bogen, welche ihn zuerst als Münster tragen, unmittelbar auf, und ist mit drei und einen halben Fuß dicken Mauern in ein Quadrat beschrieben, welches dreißig Fuß zu seiner Seite hat; er enthält jetzt den Gang der Gewichte des Uhrwerks auf der Kirche, und in seinem Raume sind die vier Thüren, welche unter der hölzernen Bedachung auf die Gewölbe des Quer, des Lang und des Hochhauses führen. Durch bequeme hölzerne Stiegen gelangt man höher hinauf zu dem zweiten Stockwerk des Baues oder die erste Thurm-Etage, wo die Uhr steht, und so weiter auf das obere Thurmgeschoß, in das Glockenhaus. Hier hängen die fünf Glocken im Jahre 1756 gegossen, auch eine Gabe des unvergeßlichen Clemens August, wovon die größte sechs Fuß im Durchmesser hält, und welche mit den übrigen als Terz, Quinte und Octave im harmonischen Dreiklange stimmt. Dieses schöne Geläute ward vordem taktmäßig und nach dem Rythmus angezogen, wie es auch neuerdings in England wieder geschieht, und es ist dasselbe bis jetzt noch immer das harmonischste und eines der stärksten in den niederrheinischen, ja man kann sagen in den rheinischen Gegenden überhaupt.

Auch Freunde von erhabenen Scenerien finden auf dem Glockenhause dieses Thurmes die reizendsten und belohnendsten Aussichten, insbesondere einerseits in das Thal rheinaufwärts, über den Strom hin nach dem Siebengebirge und die üppige Landfläche nach dem Godesberge, mit dem Schloß von Bonn und den vielen der Stadt beiliegenden Gärten im Vordergrunde, oder anderseits das breitere Rheinthal hinab, wo am Horizonte sich Köln mit seinen ähnlichen Gebäuden hoch über die Gegend erhebt. Nicht minder belohnend sind auch die Aussichten nach [82] Westen zu dem Kreuzberge, nach Osten über die Stadt hinweg in das Siegthal, und wer auf einmal einen vollständigen Ueberblick von der äußern und innern Erscheinung der Stadt und Umgebung Bonns haben möchte, findet hier oben den passendsten Ort. Vor dem Jahre 1590, worin am 23ten July um sechs Uhr Nachmittags der Blitz zündend in den Thurm schlug, und der Kirche alle Bedachung und alle ihre innere Ausstattung verbrannte, war so wie das übrige auch das Thurmdach mit Blei eingedeckt, und es stieg wie ein altes Gemälde noch zeigt, von den Pyramiden oder sogenannten Aufschlägen der Bischofskappe ebenfalls eine achteckigte Spitze in die Höhe, deren Kanten mit besondern Zierrathen besetzt, und nach oben auf den Façen mit Gaublöchern versehen waren, welche letztere zusammen eine Art Krone, wie bei dem Münsterthurm in Straßburg und ein Episcopium oder Warte etwa wie auf dem Rathhausthurm zu Köln, bildeten. Das jetzige Dach, ein Meisterstück von Zimmerwerk aus dem vorigen Jahrhundert, von dem Grundbau oder der untersten Etage an schon im Innern heraufgeführt, besteht von da an bis zur Spitze, aus eilf Gebälken im Kreuzverbande, welche von unten bis zum sechsten Absatz in der Mitte durch Sprengböcke, außerhalb aber, und zwar so weit das Mauerwerk reichet, von einem stehenden, weiter oberwärts hingegen bis zur Helmstange allein von einem liegenden Stuhl unterstützt und getragen werden. Vor siebenzehn Jahren schlug der Blitz abermals in diese Spitze ein, warf das große eiserne Kreuz von derselben herab, zündete und verzehrte die Helmstange mit ihrer Bedachung, und ist seitdem durch den Blitzableiter gesichert worden.

An das von dem Hauptthurm bezeichnete Ende der [83] östlichen Hälfte desselben und Mittel des Kirchengebäudes, schließen sich südlich und nördlich hier zwei große zehneckigt endende Chorkapellen an, von denen die südlich gelegene, so im vorliegenden Bilde ihrer ganzen Ausdehnung nach ersichtlich, in die Ehre der heiligen Mutter Gottes, die nördlich entgegengesetzte aber dem heiligen Clemens geweihet ist. Sie bilden das Transsept oder die großen Hauptarme des Kreuzes, und es gewinnt das Gebäude mit denselben seine größte Breite von einhundert fünf und zwanzig Fuß, welche der Hälfte der ganzen Länge desselben oder der Länge des Schiffes, oder der westlichen Hälfte der Kirche gleich ist. Das Schiff der Kirche mit seinen Abseiten oder die Basilika insbesondere, deren Breite ein Dritttheil der Totallänge des Kirchengebäudes ist, wird hier im Bilde durch den hoch und weit vortretenden Bau der Muttergottes-Kapelle bis an sein Ende verdeckt, von dem man jedoch noch die beiden kleineren runden Thürme emporsteigen sieht, welche die Schneckenstiegen enthalten, wodurch man auf die obern Gänge längs der Wand vom Schiffe, auch auf den Dachraum über den großen Gewölben kommt, welcher jetzt allein zu den Thürmen führt. Der Südseite der Kirche schließen sich mit drei Seiten und dem dazwischen liegenden Platz unter freiem Himmel, auch die zu derselben allernächst gehörende uralten Klostergebäude noch an, und zwar zuerst dem Chorbaue das Kapitelhaus, von dem der größte Theil in die vorliegende Ansicht aufgenommen worden ist. Dieser Bau wahrscheinlich aus karolingischer Zeit, und nach der wichtigsten außerkirchlichen Funktion der ältesten Stiftsgeistlichen, zur Ertheilung des höhern Religions-Unterrichts an die zum Priesterthum sich weihenden Cleriker, der Kapitelschulbau genannt, zeigt noch mehrfache [84] größere Abtheilungen, welche jedoch in jüngeren Zeiten merklich verändert, erhöhet, und durch die in älterer und jüngerer Zeit nachgebrachten größern Fenster verunstaltet worden sind. Der allernächst der Kirche an der Façade vorstehende halbrunde Bau, ist das Chor der vormaligen Cyriaks-Kapelle dieses Hauses, welche beinahe die Hälfte des untern Geschosses einnimmt, und welcher auf der andern Seite der Thüre, blos von dem Durchgange des Hauses getrennt, der alte Kapitelsaal beiliegt. Das obere Geschoß, welches wie die noch bestehende uralte Zinnenreihe zeigt, ursprünglich bei weitem nicht so hoch als jetzt war, enthielt ehemals eine Doppelreihe Zellen, von denen noch ein und das andere der kleinen Fenster übrig sind, und diente zu der gemeinschaftlichen Wohnung der ältesten Stiftsgeistlichkeit.

Die nördliche Außenseite des Kirchengebäudes kann von dem davorliegenden Münsterplatze ebenfalls gut gesehen werden, nur verschafft sie dem Betrachtenden bei weitem kein so anziehendes architektonisches Bild wie die Ostseite, weil auch wegen des vorgebauten Hauses dazu sich kein so günstiger Standpunkt darbietet, und die gegen den Platz gewendete von ihrem Nebenchor, dem ehemaligen Secretariatsbau jetzt entblößte nördliche nackte Seite des Chorhauses, im Ganzen unangenehm contrastirt. Der äußerst geräumige Münsterplatz selbst, der sich gegen sein Ende hin noch verbreitet, und an seiner nördlichen Seite durch das ansehnlichste Haus in Bonn, Eigenthum des Freiherrn von Fürstenberg und durch das Lokal der Posterpedition begrenzt wird, dient der hiesigen Garnison zum gewöhnlichen Exerzier und Parade-Platz zu Fuß, wodurch derselbe jetzt nicht wenig und mannigfaltig belebt wird. Dieser Platz war das ehemalige Pomerium, [85] das ist der offne Gerichts-Ort des Münsters, dessen Immunität und Asylgerechtigkeit sich bis an dessen Grenzen erstreckte, in dessen Mitte auch das schöne Bußkreuz vom Jahre 1763 welches jetzt dicht außen bei der Clemenskapelle an der Mauer befindlich, von den Jesuiten aufgerichtet, sonst gestanden hat. Der dem Münster vor undenklichen Zeiten verliehene gemeine Markt am dritten May zur Feier der Kreuzerfindung, findet auf demselben Platze und bei der großen Ausdehnung in unsern Tagen gewöhnlich auch auf dessen Umgebungen statt, und ist mit denen von Petri Stuhlfeier, Johannis dem Täufer, Portiuncula und endlich zur Feier des Festes der heiligen Katharina, verbunden. An obigen ersteren drei Markttagen genoß der Probst des Münsters noch bis in die jüngsten Zeiten seiner Herrlichkeit und ehemaligen freien weltlichen Gerichtsbarkeit über Bonn und die nächste Umgegend, welche durch die Residenz der Kurfürsten am Ort und die Stadtgerechtsame in spätern Zeiten mehr beschränkt werden mußte, jedes Jahr in ihrem vollen Umfange. Auch saßen an diesem Tage die Hunnen, so benannte man die sieben Schöffen oder Centurionen des altadelichen Gerichts, von welchem Einer vom Kurfürsten, der andere vom Probst, die übrigen aber von adelichen Geschlechtern und dem Stift Dietkirchen ernannt wurden, vor alters in ihren halb rothen und halb blauen Mänteln zu Gericht, hörten die An und Abmerkungen liegender Güter, fragten und straften, jedoch zu jüngst nur noch die Feldfrevel, besonders beim Schaafbetrieb, welche binnen Jahresfrist in der Gemarkung Bonns vorgekommen waren. Derselbe Platz diente auch zum ältesten Versammlungs-Ort der ding- und wehrfähigen Mannschaft Bonns, und alljährlich mußte die ganze Bürgerschaft auf demselben, [86] unter Geldstrafe beim Nichtentstehungsfalle erscheinen, um das uralte Schöffenweisthum ablesen zu hören. Auch das sogenannte Wölfchen auf demselben, so nicht mehr vorhanden, gehörte sonsten zu den besondern Merkwürdigkeiten dieses Platzes. Zwischen demselben und dem Münstergebäude aber, nach dessen nördlichen Thüre zu, befindet sich jedoch noch die steinerne Gerichtssäule, um welche sich vordem jährlich die Bewohner vieler dem Stift zugehörigen Zinshäuser in Bonn auf einen Tag einfinden und diesen Zins bei Verlust des Besitzthums erlegen mußten. Ein altes Gemälde von dieser Seite des Münstergebäudes mit seinem Platze, zeigt endlich auch noch die der Nordthüre sonst vorgebaute Halle, worin der Offizial des Probstes mit mehreren Assessoren zur Seite seine öffentliche Gerichtssitzung gehalten, mit einem Thürmchen und Glocke oben auf, die hiezu, wie in der jüngsten Zeit die Glocke außen auf dem Stiftsthurme, die Stiftsherren zu den canonischen Stunden in das Chor der Kirche gerufen hatte.

V. Das Innere der Münsterkirche und die Merkwürdigkeiten desselben.

In das herrliche, schöne und große Innere der Münsterkirche führt, dem ursprünglich abteilichen Charakter des Gebäudes entsprechend, von außerhalb dem Kirchengebäude nur Ein jenem zukommender Eingang, hier von Norden her, als eine Nebenthüre durch die Abseitenwand, welche so wie sie jetzt dastehet und die Inschrift vom Jahre 1747 besagt, gar noch größtentheils von neuerer Arbeit ist, wobei ältere Werkstücke beibehalten und nachahmend in Form vermehrt worden sind. Unmittelbar hinter dieser Thüre, deren Schwelle so hoch zu liegen kam weil das Terrain auf dem das Münster steht gegen dieß Gebäude sich absenkt, führen viele Stufen in die nördliche Abseite der Kirche hinab, welche wie die südliche in vier Kreuzgewölbe zerfällt, deren Gurten jedoch zwischen den Mauern und dem Schiff ganze Halbkreisbogen bilden, und dem Ursprunge der Form aus der Constructionsweise gemäß, nur unter sich und gegen die Nebenabseiten aus Kreisstücken zusammengesetzt, das heißt, spitzbogig sind. Diese Abseiten mit ihren Pfeilern und Halb-Säulenstellungen werden durch halbrunde große palmenförmige Fenster von sieben concentrirten Abtheilungen erleuchtet, und führen südwärts und nordwärts mit acht Ausgängen in das Schiff der Kirche, ostwärts aber mit zweien in das [88] Transsept des Gotteshauses, oder dessen Kapellen nach Süden und Norden hin. Um das Schiff, den westlichen Haupttheilder Münsterkirche, und in ihm das erhabene Innere dieses Gebäudes zu betrachten, betrete man zuerst das Orgelchor desselben gegen Westen, wo man auf dem einige Stufen erhabenen Boden, den Standpunkt zu der in vor-liegendem Blatte dargestellten Ansicht findet. In der Mitte dieses Chores, unter den vier Säulen welche die Orgelbühne tragen, liegt auf einem Sarkophage die Statue des Erzbischofs Engelbert II., Grafen von Falkenburg, welcher in Folge der Streitigkeiten mit den Kölnern, im Jahre 1268[!] die kurfürstliche und erzbischöfliche Residenz aus der Stadt Köln nach Bonn verlegte, woselbst sie bis in die jüngste Zeit verblieb. Das angefärbte Denkmal ist aus rothem Sandstein neun Fuß lang, vier Fuß breit und zwei einen halben Fuß hoch gearbeitet, und stellt den rücklings in einer neugothischen Blende liegenden, oder ebenso in den tiefen Schooß der Erde eingesargten Erzbischof in Pontificalibus dar; eine Figur von stattlichem, großartigem Aeußern, die Bischofsmütze auf dem Haupt und den Krummstab zur Seite, mit der Casula und darüber mit dem Pallium bekleidet, sind seine Hände ins Kreuz unterhalb der Brust zusammengelegt, seine Füße aber auf einen aufrecht liegenden Löwenhund gestützt. Oberhalb des Hauptes der in einem guten Stile gearbeiteten Figur, sind noch zwei Engel angebracht, welche eine kleine in einem Tuche schwebende und mit zusammengelegten Händen betende Figur halten, unter welchem Bilde die Seele eines ohne Beichte und Absolution Verstorbenen, auf seinen vom Grafen von der Mark erschlagenen Vorfahr, den seliggesprochenen Engelbert I. anspielend, dargestellt wird. Auf [89] Engelbert den zweiten dieses Namens paßt solches nicht, denn dieser, obgleich er oft seine getreuen Schaaren, wobei die Veronenser oder Bonner nicht fehlten, selbst und männlich in den Waffenstreit geführt, ist in dem Jahr 1275 nach seiner Rückkehr vom Leidner Concil in Bonn ruhig dem Herrn entschlafen, und in diese Kirche begraben worden, aber wohl auf seinen Patron. Ferner sind an diesem Orte neuerdings zwei Monumente der frommen Betrachtung gegeneinander über gestellt und an der Wand angebracht worden, von welchen das eine die bleierne Inschriftstafel, die man in dem Grabe des oben berührten Gerhard von Sayn gefunden hat, das andere die Inschrift auf Stein enthält, welche aus dem Kreuzgange hierher versetzt ist. Vordem war hier auch das mit erzener Inschrift und mancherlei Bildern gezierte Grabmal des im Jahre 1296 verstorbenen Erzbischof Sigfrid von Westerburg zu sehen, welcher die Minoritenkirche und Kloster in Bonn erbaut hatte. Der vorerwähnte Engelbert hatte denselben im Jahre 1273 zu seinem Nachfolger mit erwählt, und derselbe theilte auch dessen trauriges Loos in beständigem Streit und Kriege mit den Einwohnern Kölns, bis an sein Lebensende.

Den Anfang des hohen Schiffbaues der Kirche zu dem wir nun unsere Blicke wenden, ziert zuvorderst das vom Chor hierher versetzte und auf einer neuen Ara erhobene Erzbild der heiligen Helena, Mutter Constantin des Großen und Auffinderin des heiligen Kreuzes, ein schönes Werk des neu-italienischen Stils, welches in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Rom geformt und gegossen worden, und dem Stift 40,000 kölnische Thaler gekostet hat. Die Helena wird auch als die Mutter dieser Kirche gepriesen, und ist hier selbst auf dem Polster [90] knieend von mehr als natürlicher Größe dargestellt, wie sie das aufgefundene Kreuz Christi mit dankbarem Blick gen Himmel emporhebt; ihre Füße sind entblößt, wie die der Waller zu der heiligen Stätte, und ihr langes Haar fällt los vom Haupte herab, auf dessen Scheitel das königliche Diadem mit der Krone haftet, und dem Witwenschleier zum Anhaltspunkte dient. Ueber dem zu ihren Füßen herabfließenden Untergewande mit langen Aermeln und kostbaren Armbändern ist sie mit dem königlichen kurzen Oberkleid geschmückt, welches unter der Brust gegürtet und bis zu den Hüften aufgeschlitzt von Agraffen gehalten wird, vorn und hinten aber als Ritterkleid mit langer Schleppe niederfällt, alles mit reicher Anzeichnung von gestickter Verbrämung, und Perlen und Edelgesteinen.

Es möchte wohl keine unter allen Kirchen von altgothischer Bauart gefunden werden, welche ein Schiff von so vollkommner Gestalt aufzuweisen hätte, als die unsrige, und man kann diese Formen, Verhältnisse und Verzierungen von der größten Harmonie, allerdings in ihrer Art auch classisch nennen. Auf einer Grundfläche von einhundert Fuß mittlerer Länge und sechs und dreißig dergleichen Fuß mittlerer Breite, erheben sich die Wände der Ringmauern des Schiffes zu einer Höhe von sechszig Fuß, durch welche nach Osten und Westen von unten bis oben durchaus die größten Oeffnungen gehen, nach Norden aber wie nach Süden, unterhalb jedesmal vier Oeffnungen in die Abseiten, und oberhalb ein durchlaufender Gang unter den Fenstern, und ein solcher doppelter vor und hinter denselben, die ganze Länge des Schiffes durchziehen. Die Oeffnungen oder Thore nach den Abseiten sind durch halbrunde Bogen, deren Form den auf ihnen lastenden [91] hohen Mauern am besten entspricht, geschlossen, im Lichten derselben aber noch besondere vorspringende Gurten auf Halbsäulen, die den Pfeilerflächen vorstehen, angebracht. Zu den vier Kreuzgewölben, welche den innern Raum des Schiffes überdecken, und dasselbe anstatt einer Holzdecke eingebaut erscheinen, steigen vom Fußboden der Kirche an nicht allein weite Pfeiler und Säulenordnungen an den Wänden der Kirchenmauern noch zu den Gurten, so an die Transtra der Basilikschiffe erinnern, empor, sondern es sind auch hier noch in den Ecken der Pfeiler, besondere dünnere aber eben so hoch aufsteigende Säulen angebracht, welche die Rippen der Kreuzgewölbe aufnehmen und besonders unterstützen. Zu den Gallerien, welche die Mauern südlich und nördlich mit ihren vielen Bogenstellungen auf kurzen Säulchen durchziehen, und welche sonst auch wohl die über den Abseiten vorkommenden Emporkirchen andeuten, gelangt man durch die Wendelstiegen in den runden Thürmen, welche auswärts liegen und ihre Thüren in dem Westchor haben, an jeder Seite besonders hinauf. Höher kommt man auf denselben Stiegen zu dem ausgezeichneten Doppelaltane der Abseiten, welcher hinter einer Säulenreihe einmal nach dem Innern der Kirche geht und die Gewölbskappen derselben durchschneidet, zum andern nach dem Aeußern derselben an die Dachfirst der Abseiten und die Fenster hinter den Säulen des Schiffes herum, zugleich auch auf die nördliche und südliche Kapelle des Transseptes führt. Dieser so merkwürdige Altan und Gang, und die fünftheilig nach dem Lichten des Spitzbogens steigenden Fenster, so wie die auswärts stehenden hohen Säulenreihen des Schiffes, welche die Zinnen der Mauer mit dem Balken und Kranzgesimse tragen, sind unserem Gebäude [92] ganz eigenthümlich. Man kann endlich auch die Länge des innern Raumes der Kirche von Westen nach Osten von unserm Standpunkte bis zum andern Ende noch auf zweihundert und zwanzig rheinische Fuß annehmen, wovon einhundert auf das Schiff, sechs und dreißig auf das Transsept, und die übrigen vier und achtzig auf das Chorgebäude kommen, eine Länge und Eintheilung, welche von dem eigentlichen Innern des Kölner Doms um einhundert und zehn Fuß, oder nur die Hälfte übertroffen wird, allein dieses Innere, von dem man dort keine solche Ansicht auf einen Blick gewinnen kann, wieder bei weitem übertrifft.

Aus dem Schiffe unserer Kirche, welches noch die Kanzel und zwei Meßaltäre enthält, von welchen der eine besonders schöne Bildwerke von Alabaster hat, tritt man in die Mitte des Querhauses oder Transseptes ein, über dem sich der vorbeschriebene hohe Mittelthurm des Gebäudes erhebt. Diese Abtheilung mit den vielen, die vier Hauptpfeiler der Kirche umstehenden Säulen und ihrem Kronengewölbe, durch welches die Oeffnung zum Aufbringen der Glocken mündet, ist um mehrere Fuß niedriger als das Schiff, und deshalb beim Uebergange beider das anschließende Kreuzgewölbe des Schiffes neben den nicht so hoch reichenden Säulen, weiter auf kleine Pfeiler oder Stelzen untersetzt, wodurch sich die besondere Erhöhung des Schiffbaues vor dem Münsterstiftsbaue, zu dem man in diesem Querhaus eintritt, auch im Innern recht deutlich ausspricht. Das von Süden nach Norden ziehende Querhaus verbreitet das Kirchengebäude bis zu einhundert und fünfzig Fuß, welches Maas der Hälfte von der Länge desselben gleich ist, und zerfällt in fünf Abtheilungen, nämlich in den quadratischen Mitteltheil, in zwei [93] länglichte Theile die den Enden der Abseiten zustehen, und endlich in zwei Chorkapellen, welche solchen an dem östlichen und westlichen Ende des Langbaues der Kirche entsprechen, so das die fünf Abtheilungen in der Länge des Gebäudes, die Chorkapelle, das Chor, das Mittel oder der Hochort, das Schiff und die Schiff oder Westkapelle, im Querbau sich gleichsam wiederholen. Das bei diesen Betrachtungen doppelt gerechnete Mittelgemach von vierzig Fuß im Quadrat, welches sich in vorliegender Ansicht des Innern vom Gebäude besonders durch die Menge der auf dessen vier Pfeilern vorspringenden Lesinen, Halb- und Rund-Säulen, auszeichnet, ist der Theil des Hauses, worin sich das Schiff dem geweihtern Haupttheil der Kirche zugesellt, und das Bereich der Weltlichkeit sich von dem der Geistlichkeit, der Layen von dem der Cleriker mehr trennt. Es ist in Betracht seiner Ueberwölbung das Mittelgewölb (Medium Capsum) der Münsterkirche, unter welchem jetzo das Glockengeläute des über ihm stehenden Thurmes angezogen wird, und wovon auch die große runde Oeffnung im Kreuzgewölbe, welche zum Schallloch wie zum Aufbringen der Glocken dient, auf diesem Blatte noch sichtbar ist. In diesem Gemache, dem Herz der Kirche, worin wie die lebendige Kirche, deren Bau zur Gestalt des Kreuzes nach den vier Weltgegenden hin ausgebreitet ward, und worin gegen Osten, Westen, Süden und Norden, sich die Portale nach dem Chore, dem Schiffe, und dem südlichen und nördlichen Ambo weit und hoch öffnen, erhebt sich gegen Osten hin der Boden der Kirche, da wo die Crypta ihren Anfang nimmt. Stiegen zu beiden Seiten, welche zwischen sich ein Fenster zur Einsicht in dieselbe und auf den St. Helena Altar daselbst offen lassen, führen zu dem höhern Plano der Kirche, worauf [94] sonst das vorbeschriebene Erzbild der Helena stand, und an dem Platz der Ara, wo ehemals der Hochaltar der Münsterkirche sich befunden, auf welchem wohl jenes Bild, wie noch in der Kirche auf dem Kreuzberge, passend sich erhoben hatte.

Es war dieser Haupttheil der Kirche der Sitz des Bonner Archidiaconats, dessen vorzüglich weiter Bezirk an sich schon aus den alten Zeiten des griechischen Kaiserthums herrührt, und nach einem in Handschrift aufbewahrten Verzeichniß, das Aargauer Dekanat mit neun und sechszig Kirchen, das Burgdekanat mit zwanzig Kirchen, das Zülpicher Dekanat mit fünf und achtzig Kirchen und den Distrikt Oestling mit eilf Kirchen, das Eifler Dekanat mit siebenzig Kirchen, und endlich das Siegburger Dekanat mit fünf und sechszig Kirchen in sich begriff. Auf diesen großen Bezirke christlicher Gemeinschaft von dreihundert und zwanzig Kirchen, welcher sich bis an die Trierer Archi-Episcopaldiocöse erstreckte, und der größte im Erzbisthum Köln gewesen, und ursprünglich auch wohl den des Dom oder Peterstiftes zu Köln in der ehemaligen Provinz der Ripuarier und Ubier in seiner ältesten Ausdehnung in sich gefaßt hatte, war wohl auch die Größe unseres Kirchengebäudes in seinem Innern berechnet, um in demselben neben der Stiftsgeistlichkeit, die Geistlichkeit aller dieser Landkapitel versammeln zu können. Das Stift der Münsterkirche als Archidiaconatstift, mit dem Probst als Archidiacon desselben, war auch noch bis in die jüngste Zeit, nach einer ausdrücklichen Urkunde des Erzbischofs Arnold II. vom Jahre 1152 den Rangstreit der Pröbste von St. Gereon in Köln, dem von Xanten, ebenfalls Stiftungen der heiligen Helena, und dem von Bonn betreffend, das erste nach dem des Domstiftes zu Köln, und [95] es gab keinem der übrigen Collegiatstifter im Erzstift das geringste nach, und so erhob sich daher auch mit allem Fug und Recht, das Gebäude und dessen Stiftsthurm über alle übrigen Kirchen des Erzbisthums, den Dom zu Köln ausgenommen, wenn derselbe vollendet worden wäre; und noch jetzt dürfte keine der Kirchen dieses neu hergestellten Erzbisthums der Münsterkirche zu Bonn, was ihr Aeußeres und Inneres betrifft, den Rang und die Bequemlichkeit absprechen, zu einer Landes-Kirchenversammlung entstehenden Falles am besten geeignet zu sein. Auch das frühere geschichtliche Ansehen unseres Gebäudes wurde nicht allein durch allgemeine höchste kirchliche Handlungen, die große Kirchenversammlung im Jahre 942 unter Erzbischof Wichfried zu Bonn verherrlicht, sondern auch durch solche besondere des heiligen römisch deutschen Reichs, nämlich die zwei Kaiserkrönungen in demselben, welche unter der langjährigen Regierung Ludwig IV oder des Baiern dahier, nachdem beide Prätendenten zur Krone Karl des Großen auf dem Königsstuhle zu Rhense vorher inaugurirt geworden, vorgekommen. Die erste dieser Krönungen geschah an dem zum Gegenkönig erwählten Friedrich II., Erzherzog von Oestreich, und Sohn des ermordeten Königs Albrecht im Jahre 1315, durch den Erzbischof Heinrich von Virnenburg, Erbauer der Barbarakapelle und der St. Gangolphskirche am Münster, die andere im Jahre 1346, und betraf die Krönung Karls IV, Grafen von Lutzelburg, welcher den excommunizirten Ludwig überlebte, und dem Reiche das Grundgesetz mit der goldnen Bulle gab, von Erzbischof Walram, Grafen von Jülich, Stifter des steinernen Kreuzes bei Godesberg und des Thurmes auf diesem Schloße. Auch melden mehrere Chronisten, es sei zu Verona, unserm Bonn gewesen, wo die [96] Fürsten dem Otto III., damals noch unmündig, das Recht der Nachfolge im Reich seines Vaters übertragen hätten.

Die dem Stiftskirchengemache zu beiden Seiten, südlich und nördlich sich anfügende, länglichte, den Abseiten entsprechende Gemächer oder Gewölbe des Querhauses, Diakonien oder Ambonen, dienen zuerst nicht allein als Seitenzugänge zu dem vorbeschriebenen Mittelhaus, sondern auch als Portike wie die Abseiten zu Oratorien um abgesonderter näher beten zu mögen, und sind deshalb noch weiter mit Altären oberhalb versehen. In den Mauern derselben nach Osten hin sind die Wände unterhalb mit Thüren, oberhalb mit einer Art Emporplätze, Söller, Tribunen oder erhöhten Kanzellen und Letner besetzt, zu welchen von dem vorbeschriebenen Chorboden wieder mehrere Stufen in die Höhe führen, und hinter welchen sich hier abermals Thüren öffnen. Obige beiden Räume dienten auch der ältesten christlichen Versammlung, wo die zwei Geschlechter in der Kirche streng geschieden waren, zugleich um sich so getrennt dem Wort und dem Tisch des Herrn im Mittel der Kirche nähern zu können, und um andere besondere religiöse Handlungen als Taufe und Copulationen daselbst vorzunehmen. In der südlichen Abtheilung, wo der Taufstein steht, auch die Glocken vor ihrer Auffahrt in den Thurm getauft worden sind, führt die untere Thüre nach einem kleinen Vorhause, woselbst der jetzige Eingang in die Crypta liegt, und sich sonst ein offener Portik längst den Fenstern derselben bis an die westliche Wand des vorstehenden Thurmes zog. Ueber diesem Portik war dann das diesseitige Secretarium des Münsters höher aufgebaut, zu welchem die obere Thür in diesem Ambo führte; dieser Seitenbau aber ist längst gänzlich weggebrochen, und durch einen neuern Einbau in so weit [97] ersetzt, daß vorbenannte Thüre nun nach dem oberen Geschoß des Kapitelschulhauses geht, worin sich jetzt die Sakristei der Münsterkirche oder vielmehr der Oberpfarrei St. Martin befindet. In dem diesem nördlich gegenüberliegenden Ambo, zeichnet sich unterhalb eine alte und schön verzierte Eingangsthüre aus, vor welcher sich Sitze von Stein befinden. Sie führte zu dem vormals in der nördlichen Abseite des Chorhauses gelegenen heiligen Grab, und zu der St. Barbarakapelle, welche der Erzbischof Heinrich II. von Virnenburg zu Anfange des vierzehnten Jahrhunderts hier angebaut hat, und diente ihm zum Begräbniß auch später um den einbalsamirten Leichnam der Erzbischöfe und Kurfürsten vor ihrer Bestattung im Dome zu Köln aufzunehmen, ward aber um wieder mehr Platz an der Nordseite der Kirche zu gewinnen, schon im Jahre 1771 wieder abgebrochen.

Die Mutter Gottes und die Clemens-Kapellen sind übrigens eine besondere Eigenheit unserer allenthalben in sich geschlossenen Münsterkirche, und es haben beide auf ihren Ringmauern schöne mit einem Säulenportik umgebene Gänge, auf denen man einerseits eine herrliche Aussicht auf die Landschaft nach dem Kreuzberge und anderseits über die Stadt und so weiter genießt; es führen auch aus dem Hauptthurme Thüren und auf den Gewölben der Kapellen Stiegen zu obigen Umgängen herab, welche in Doppelzahl und durch starke Austretung bezeugen, daß sie früherhin von den Wächtern der Stadt oft begangen wurden. Die südlich liegende Kapelle der heiligen Mutter Gottes geweihet, wird von betenden Frauen mit besonderer Andacht besucht; auch ward im Jahre 1771 beim Abbruch der St. Barbara Kapelle dem Erzbischof Heinrich II. von Virnenburg, der Karl IV. dahier gekrönt [98] und im Jahre 1320 den 14 August an eben dem Tage, wo 72 Jahre vorher sein Vorfahr Conrad von Hochstädten den ersten Stein zum Dombau in Köln gelegt hatte, den neuerbauten Chor desselben einweihete und dem Gottesdienste eröffnete, ein Denkmal von schwarzem Marmor errichtet. Noch befindet sich hier südlich in der Mauer ein alter jetzo geschlossener Aus und Eingang mit schön verzierter Einfassung, und Superliminar oder Oberblende, wahrscheinlich ehedem mit einer Sculptur in Basrelief erfüllt, welcher in den Kreuzgang oder Portik führte der die südliche Seite der Münsterkirche umgiebt, und ist daselbst durch eine Lilie, dem Symbol des Friedens und Scepters in der Königshand, überschattet, welche an die schöne Inschrift an der Thüre der Memorienkapelle in dem Dom zu Mainz erinnern dürfte: »Pax huic Domo et omnibus intrantibus« (Friede diesem Hause und allen Eintretenden). Die der Muttergotteskapelle nördlich gegenüber gelegene Kapelle ist dem heiligen Clemens gewidmet, demselben, von welchem die Stiftskirche zu Schwarzrheindorf den Namen Clemenskirche führt, und welcher als Patron der Architekten insbesondere verehrt wird; und außerhalb diesem Bau, ist oben unter den Zinnen desselben mit großen massiven Charakteren die Jahrzahl 1690 angegeben, wonach sich ergiebt, daß binnen zwei Jahren der bei dem Bombardement Bonns dem Gebäude zugefügte Schaden schon wieder gebessert war.

Auch in diesem Theile der Münsterkirche fand ein Erzbischof von Köln seine Ruhestätte, und ein dem des Engelberts im westlichen Chore ähnlicher Sarkophag steht an der Wand desselben aufgerichtet, auf welchem die Gestalt des Erblichenen ebenfalls in Pontificalibus, rücklings niederliegt. Es ist dieß Ruprecht, Pfalzgraf bei Rhein, [99] ein Bruder des Kurfürsten Friedrich des Siegreichen, von der Pfalz. Er ward im Jahr 1463 zum Erzbischof von Köln geweihet, lebte aber beständig im Streit und in Fehde mit seinem Domkapitel, und verlegte in unseren Münster die Provinzialsynode der Kölner Kirche, welche er durch andere als die sonst berufenen Personen abhalten ließ, ohne Grund und gegen die Provinzialstatuten. Allein nichts weniger als glücklich in seinem Vornehmen, blieb im Jahre 1472 ihm nur der Besitz des Schlosses Poppelsdorf übrig, und es wäre gänzlich um ihn geschehen gewesen, hätte sein Bruder Friedrich ihm nicht die siegreichen Pfälzer zugeführt, und unter Beihülfe der Heerschaaren Karls des Kühnen von Burgund alle die rheinischen Erzstiftsorte, die Stadt Köln ausgenommen, erobert, und ihm von neuem mit Gewalt unterworfen. Ruprecht verlieh auch dem Herzog Karl von Burgund und dessen Hause ewige Erbvögte des Stifts und der Kirche von Köln zu sein, was jedoch Maximilian I im Jahre 1488 wieder völlig annulirte. Als Friedrich sowohl als Karl nicht mehr am Leben waren, wurde Ruprecht zu Soest in Westphalen gefangen genommen, und mußte das Erzbisthum an den von seiner Gegenparthei im Jahre 1473 gewählten Gubernator der Kölnischen Lande, Hermann, Landgrafen von Hessen, und nachherigen Erzbischof mit dem Zunamen des Friedfertigen, abtreten, und sich mit einer Pension zurückziehen. Er starb im Jahr 1480, und ward in die Münsterkirche, nachdem er lange in der Barbarakapelle unbeerdigt gestanden, begraben. Zu seiner Zeit gieng der Dombau in Köln noch recht lebhaft fort, allein er störte auch diesen auf alle Weise, und erhielt also kein Denkmal in diesem stolzen Gebäude. [100] Bevor man die Marmorstiegen zu dem Chorgebäude hinaufsteigt, wird es nach dem Blick den man schon durch das Fenster zwischen beiden Stiegen in das Innere der Crypta unter den Chorboden gethan hat, an seinem Orte sein, dieselbe jetzt auch näher in ihrem Innern zu betrachten. Sie erstreckt sich von dem Mittel der Kirche östlich bis zu dem äußersten Ende derselben, und nimmt in ihrer Breite den Raum zwischen den Seitenmauern des Chorhauses gänzlich ein. Es ist diese große unterirdische Kirche einhundert Fuß lang, und dreißig Fuß breit, dagegen niedrig und im Gewölbe nur zehn Fuß hoch, wovon vier Fuß auf die Höhe der Kreuzgewölbe kommen, welche auf achtzehn Pfeilern und Säulen längs in zwei Reihen gestellt, die Decke der Kirche und den Fußboden des Chorgebäudes tragen. Die acht Pfeiler gegen Westen bilden das Schiff oder den neueren Theil dieser Kirche, welcher inmitten durch einen der heiligen Magdalena geweihten Altar begrenzt wird, den ein »Rutgerus Vehelen h[uius]. Ecclesiae Canonicus et magister ornatus« errichtete, und an welchem noch am 18 August jedes Jahres die Seel und Gedächtniß-Messe der heiligen Helena abgehalten wird. In diesem Theile der Crypta ist auch die unterirdische Tumba oder das ursprüngliche besondere Grabgewölbe für die Gebeine der heiligen Thebaier, in deren Ehre zwar schon von der Helena dieses Gotteshaus soll geweihet gewesen sein, allein welche selbst erst von dem Probst Gerhard im Jahre 1167, in der noch tiefern Tumba beigesetzt worden sind, wozu man noch hinter dem oben gedachten Altare hinab, und an der östlichen Seite wieder heraussteigen kann. Die nächsten acht Säulen und der wahrscheinlich ältere Theil der Crypta, stehen in dem Chorraume der Kirche, nach welchem man zwischen den [101] beiden äußersten höhern Stufen zu dem östlich, ausgerundeten Altarium kommt, dessen Außenseite man in der äußern Ansicht erblickt, und wo sich auf dem nur eine Stufe erhöhten Boden der Rest eines vormaligen Altars zu Ehren des Thebaiers und Martirer Cassius befindet, so wie auch endlich noch in den beiden Gewölben unter den Thürmen Kapellen und Altarreste seiner Gefährten, des Florentius und Malusius. Auch hier wird jährlich am 10ten October ein feierliches Seelen und Gedächtniß-Amt dieser Martirer gehalten, wozu, da sie mit der Helena in der griechischen und von der lateinischen Kirche im Arianismus verketzerten Religion gelebt hatten und gestorben waren, nur ein solcher von der höhern Christenwelt abgeschiedener Kirchenraum bestimmt und gebraucht werden mochte, der zugleich an die Versammlung der ersten Christen in den heidnischen Grabgewölben oder Katacomben, zur Zeit der Verfolgung ihrer Religion durch das Heidenthum, erinnern dürfte.

Aus dem Mittel der Münsterkirche und dem Beringe welcher vordem nur den Clerikern zugänglich war, führen doppelte Marmorstiegen (die ἀνάβαθρα τοῦ ἄμβου) zu dem über dem Gewölbe der Crypta liegenden und dadurch erhöhten Fußboden des Chorgebäudes, dessen westliches durch Gitter vorn abgeschlossenes Endtheil, das Βῆμα des griechischen, und das Suggestum des lateinischen christlichen Kirchen-Alterthums ist. Auf diesem Hochort, wobei man auch das ältere Presbyterium und Archidiaconicum unserer Kirche zu sehen hatte, bemerkt man auf den Seiten vor den Pfeilern und Säulen des Mittelgewölbes jetzt zwei Nebenaltäre und wie sonst der Kirche gemäß dem Hauptaltar allernächst beigesellt, bei denen wieder mehrere Stufen zu den besondern Hochorten [102] und Thüren führen, welche oben beschrieben sind, und zu dem Diaconicum und Subdiaconicum der älteren kirchlichen Einrichtung gehörten. Mit Durchgehung der stattlichen Kanzellen, einer neuern Arbeit, und an den schönen alabasternen Basreliefs mit den Bildnissen des Florentius und Malusius vorüber, tritt man in das Chorhaus selbst, dessen zwei Kapellengewölbe und Mittelgurt an den Wandseiten von Pfeilern und Säulen auf Consolen getragen werden, über welchen ein horizontales starkes Kranzgesimse von einfachen Gliedern aber reicher altgothischer Verzierung zugleich mit durchgezogen ist, und an solche Gesimse (Coronae) erinnert, deren Vitruv in den Sälen der Curien erwähnt, und die eine günstige akustische Wirkung haben sollen. In diesem Doppelgemache, welches auf jeder Wandseite von zwei großen runden oder Chorfenstern besonders erleuchtet wird, stehen noch die acht und fünfzig verordnete feste Sitze von Eichenholz und guter Form für die Kanonici und Vicarien, deren erstere außer dem Probst und Dechanten das Stift vor seiner Auflösung neun und dreißig zählte, unter denen der vorerwähnte Gerhard, Graf von Sayn, bei Erbauung des neuern Cassiusstiftes acht jüngere, mit Bewilligung des Erzbischofs Reinold aus seinem eignen Vermögen gestiftet hatte, und die andern neunzehn Vikarien bei ihrer Auflösung besetzt hielten.

Aus dem Stiftschore treten wir nun weiter im Innern des mehr nach Osten fortschreitenden Chorgebäudes unter ein weiteres Gewölbe, dessen beide Seitenwände zur Hälfte zwischen die beiden oben beschriebenen und östlich aufsteigenden Thürme gefaßt sind, und jetzo nur wenig Licht in das Innere des Gemaches durchlassen. Hier wo die obere Pfarrgeistlichkeit der nunmehrigen St. Martins [103] Pfarrkirche beim Hochamt rechts auf der Evangelienseite ihren Platz nimmt, war sonst auch die Stelle nicht allein für den Probst und den Dechant beiderseitig an der Spitze der Stiftsgeistlichkeit, sondern es wurden auch hier die Hochsitze mit Baldachin für den Erzbischof, den Pabst, und links gegenüber an der Epistelseite, für das gekrönte Oberhaupt des deutschen Reiches und dergleichen weltliche Oberhäupter bereitet, wenn solche die Kirche besuchten. In diesem Gemache, welches einerseits mit dem Ueberrest der nach Aufopferung der silbernen Theken übrig verbliebenen Gebeine der Schutzpatronen und einem Altarbild aus der vormaligen Schloßkapelle verziert ist, anderseits wo das ewige Licht brennt, einen modernen prächtigen Tabernakel zur Aufstellung der Monstranz mit der geweihten Hostie enthält, öffnen sich an beiden Seitenwänden die Thüren, welche einestheils in die bei den ostwärts stehenden Thürmen schon erwähnten Gold und Silberkammern führen, die jetzt jedoch nur zur Aufbewahrung unbrauchbarer Gegenstände dienen, anderntheils zu dem obern Geschoß der an beiden Außenseiten des Chorgebäudes zwischen dem Querhaus und den Thürwänden angefügten größern Sakristeien und Secretarien, für die Stiftsgeistlichkeit, Sänger und Chorknaben, Canonici und Prebendarien, Synodalien und Concilien, sonst leiteten, welche jedoch schon längst weggebrochen sind, nachdem die Sakristei der Kirche in das Kapitelschulhaus verlegt worden war.

Die vorzüglichste Abtheilung des Innern der Münsterkirche begreift den schon zu Anfang vorigen Abschnittes bei Schilderung der östlichen Ansicht von Außen berührten Rundbau, oder das Innere der Chorkapelle, welches wieder um einige Stufen über den Boden des Chorhauses [104] erhaben, und durch sieben jetzo mit Oelfarbe aufgemalte Kirchenfenster erleuchtet ist. In dieser Halbrundung, wo sonst der besondere hohe Altar im Chore stand, auf dessen obersten Staffel sitzend der Kurfürst und Erzbischof Joseph Clemens im Jahre 1715 die Stiftsherren und die ganze Geistlichkeit Bonns zum Handkusse ließ, ist jetzt der aus der Welschnonnen Klosterkirche dahin versetzte Altar, als Pfarraltar von St. Martin aufgestellt, dessen Altarblatt, die Himmelfahrt der Jungfrau Maria vorstellend, oft mit der vergoldeten Statue derselben als Himmelskönigin aus der vormaligen Franziskanerkirche und andern Bildern der Verehrung von eingegangenen Gotteshäusern, verwechselt wird.

Wir wenden uns nun zu der Umgebung der Stiftskirche an der südlichen Seite und den dasigen Gebäulichkeiten, zu denen zwei Thüren aus der Kirche führen, die eine wie oben bemerkt aus der Marienkapelle als Ausgangsthür, so jetzo zugemauert ist, und die andere in dem südlichen Nebenschiffe als Eingangsthür, welche noch geöffnet werden kann. Diese Nebengebäude mit dem Gang und Garten in der Mitte, bestehen aus drei Abtheilungen, so an die Südwand der Kirche, an die rechte Abseite des Schiffes, an die Muttergotteskapelle des Transsepts, und an das Chorhaus angebaut und rechtwinklicht zusammengestellt sind; sie bilden zugleich deren Propyleum oder Vorschoppen, und schließen den dreiseitigen quadratischen Umgang oder das Atrium mit einem grünen Platz oder Garten, unter freiem Himmel, das Paradies in sich ein. Dieser klösterliche noch der Einsamkeit gewidmete Platz und Umbau jetzt schlechtweg der Kreuzgang genannt, zerfällt in den Bau gegen Osten, das Kapitelschulhaus, ferner diesem westlich gegenüber [105] in den gleichgroßen Bau, das Kapitel-Kelterhaus, und dem schmälern dritten Bau gegen Süden, zur Verbindung beider und zum Verschluß des ganzen Bauberinges, der zum vierten den in seiner Mitte liegenden freien grünen mit Bäumen besetzten Platz hat, welcher von drei Seiten durch den Kreuzgang umgeben ist, und vordem an seiner westlichen Seite noch einen besondern Kapellbau besaß. Dieser freie Platz ward wie der Portik selbst auch zum Begräbniß-Ort benutzt, und seine kühle Einsamkeit sonst in der Mitte durch ein beständig fließendes Wasser belebt, hieß auch wohl der Trauerort. Dieser Portikus oder Kreuzgang selbst, so das Kirchengebäude, das Haus Gottes, mit dem an dessen Südseite stehenden Kirchenhause (domus Ecclesiae) oder Kloster, und dieses in seinen Abtheilungen wieder unter sich verbindet, wird mit denselben am besten nach dem Gang betrachtet, welchen der gottesdienstliche Umgang aus der Kirche und wieder zu derselben hinein vordem hier genommen hat. Demnach findet man links der jetzo zugemauerten Thüre aus der Mutter Gottes-Kapelle zuerst den Eingang in die ehemalige Kapelle des Kapitelhauses dem heiligen Cyriakus geweiht, welche zugleich Fenster in diesen Portik hatte, über welchen man in der Wand noch die Lücke sieht, aus der die jetzt in dem westlichen Kirchenchor befindliche Inschrift zum Andenken des Probst Gerhard versetzt ward. Diese Kapelle, worin derselbe begraben ist, und wo ehedem das Kapitel sich vor seinem Eintritt in den Berathungssaal zu seinen eigenen Angelegenheiten versammelte und die Messe hörte, auch später sein Archiv verwahrte, diente jüngst zu einem Fässermagazin, und jetzt zur Niederlage der unter dem Herrn Professor von Schlegel der Universität beigesellten höchst schätzbaren Sammlung [106] von vaterländischen Lapidarinschriften aus römischer Zeit und auch anderer Alterthümer aus dem Mittelalter. Darauf folgt der uralte Kapitelsaal, der zugleich ehedem bei dem gemeinschaftlichen Leben der Stiftsgeistlichkeit zum Refektorium gedient haben mag, und woselbst jetzt eine Essigfabrik eingerichtet werden sollte; es kömmt dann die Stiege auf das obere Geschoß dieses Hauses, welches schon seit mehreren Jahrhunderten nach Hinwegnahme der Quermauern und Cellen, nun einerseits durchaus als eine lange Gallerie mit großen Fenstern und Sitzen in denselben hinzieht, anderseits den später dahin verlegten Kapitelsaal und die Kapitelstube enthält, welche letztere nunmehr zur Sacristei der Pfarre St. Martin dient. Die Südseite des Klosters ist nur durch eine Ringmauer mit einer kleinen Pforte geschlossen, an deren innern Seite sich der vorbeschriebene Portik nach dem noch sobenannten Kapitel-Kelterhause weiter fortsetzt, dabei aber in der Construktion seiner Gewölbsdecke mit Gurten und sieben Kreuzgewölben in mehrerem von dem vorhergehenden Theile am Kapitelschulhause und dem nachfolgenden längs dem Kelterhause abweicht. Er bildet nicht allein ein durchlaufendes Tonnengewölbe mit hinterwärts liegenden Kappen, sondern es sind auch demselben auswärts statt der Wandpfeiler freistehende Säulen vorgesetzt, welche wieder durch weite Bogen verbunden oben eine schmale Gallerie oder einen langen Gaden tragen, der noch zum Theil mit vielen Säulchen und Pfeilern durchbrochen und erhalten ist, und dazu diente an den oberhalb dem Portik liegenden Cellen vorbei vom Schulhause auf das Kelterhaus zu kommen, auch in das Paradies herabzuschauen.

Eine besondere Merkwürdigkeit dieser Portiken sind [107] die bildlichen Verzierungen, welche sich in den Fensterbogen derselben, an den darin aufgestellten altgothischen Säulen, und an der edleren Steinart ihrer Knäupfe, einem helleren und politurfähigen Muschelkalkstein oder Monumentmarmor ausgearbeitet befinden. Neben mannigfaltig gegliedertem und gebogenem Laubwerk, stellen dieselben auch mehrere geometrische Figuren, als einen sechsblättrigen Stern, zwei mit einer Raute verbundene Halbkreise, ein doppeltes in einandergeschlungenes Oval, aber insbesondere noch mehrere Figuren der Thiere und Vögel dar. Sie erinnern an die Zeit wo der Bilderdienst in deutschen Kirchen noch nicht förmlich erlaubt und allgemein üblich war, und scheinen sich an diesem Orte auf einen anderweitigen inneren Zweck dieses neben dem Gotteshause bestehenden Gebäudes besonders zu beziehen, indem beide letztere Arten der Verzierung an der Kirche selbst, wo sie alt ist, vermieden sind, und nur Verzierungen aus dem Mineral-Reiche und dem der Vegetabilien, Palmetten der heiligen Schrift, sich angebracht finden. Unter andern stellen vier Seiten eines dieser Kapitäle einen schlagenden Schwan, ein hauendes Schwein, ein ausschlagendes Pferd, und einen ausfallenden Stier vor, vielleicht eine Anspielung auf die weltlichen Herrschaften des Stiftes (Territorium) nämlich Poppelsdorf mit seinen Weihern, Ippendorf an dem Kottenforst, Lengsdorf mit seinem Wiesenthale, und Endenich mit seinen reizenden Benden. Ein anderes Kapitäl zeigt den Falken, als Zeichen der hohen Jagdberechtigung, den Jagdhund mit dem Hasen, desgleichen von der niedern Jagd, und ein geflügeltes Pferd mit lindwurmartigem Haupte, dessen Deutung als Linddrachen nicht so schwierig wäre. Erzbischof Arnold nämlich schenkte im Jahre 1138 dem Münster [108] das Schloß Drachenfels, weshalb dasselbe das Bild eines Drachens in sein Siegel aufnahm. Ein drittes Kapitäl zeigt einen Löwen und einen Wolf, und seltsam genug die Figur, welche einem Stör oder noch mehr der zur ersten Ansicht gemeldeten Meerkuh (Rosmaris) ähnlich ist. Beim Fortgang durch den Portik kommt man an den nördlichen Theil desselben, längs welchem das dem Kapitelschulhause an Umfang und Größe gleich kommende Kapitel-Kelterhaus liegt, und zeigt, das frühe nicht allein der Weinbau um Bonn schon bedeutend war, sondern auch darauf die physische Existenz des alten Klosters und Stiftes hauptsächlich gegründet war, und wohin auch die Eingangs erwähnte Urkunde vom Jahre 1110 mit zu zielen scheint. Zuletzt kömmt man bei Durchgehung dieser dritten Abtheilung an ihrem Ende noch an eine schöne Lapidarinschrift, der vormals die von Gerhard jenseits gegenüber stand, und welche ausführlich meldet, wie im Jahr 1363 ein Meister Ruprecht von Linden, Canonicus zu Jülich, verstorben, und dieses Andenken ihm von Johann, genannt Unflin, gemacht worden, und gelangt schließlich auf einigen Stufen und durch eine schön verzierte Eingangsthür, die vierte der Kirche, wieder in dieselbe und deren südliche Abseite zurück.

VI. Das Schloß und Universitätsgebäude mit seiner Bestimmung und Einrichtung.

Die südliche Seite der Stadt Bonn wird in ihrer Länge von 1800 Fuß fast gänzlich von dem königlichen Universitätsgebäude, dem vormaligen Residenzschlosse der Kurfürsten von Köln eingenommen, welches zu Anfange und in der Mitte des verflossenen Jahrhunderts von den Erzbischöfen Joseph Clemens und Clemens August zum Theil auf den Ruinen eines solchen frühern Gebäudes, zum Theil auf den Fortifikations-Resten erbaut, und als im Jahre 1777 ein großer Theil desselben fast ganz aus und abbrannte, von dem Kurfürsten und Erzbischof Maximilian Friedrich, und dessen Nachfolger, Max Franz, dem letzten Kurfürsten von Köln, aber nur zum Theil wieder in Stand gesetzt und neu eingerichtet wurde. Die Façaden dieses lang hingedehnten Gebäudes stehen einerseits der Stadt, anderseits dagegen dem obern Rheinthale von Bonn zugewendet, welches letztere zu den schönsten am Rheinstrome gehört, und eine herrliche Aussicht auf den Rheinstrom, das Siebengebirge, und das Vorgebirg mit dem Godesberg und Kreuzberg darbietet. Es ist dieser königliche Universitätssitz, von welchem der Haupttheil mit dem neu aufgeführten anatomischen Theater in dessen Vordergrunde auf dem vorliegenden Bilde sich darstellt, und auch so den Ankommenden schon aus der Ferne im Ganzen so [110] herrlich erscheint, ohnstreitig das stattlichste Gebäude dessen sich irgend eine Anstalt dieser Art rühmen kann, und verdient auch in dieser Hinsicht eine nähere und besondere Betrachtung.

Das große Gebäude, so an seinem Orte einerseits als südlicher Bering von Bonn, anderseits als vorzüglichster Theil der Stadt, von welchem das übrige abhängt anzusehen ist, bildet die zwei unmittelbar angrenzende Privathäuser und Hofraithen am westlichen Ende desselben abgerechnet, ein isolirtes, abgeschlossenes und frei zusammenhängendes Ganze, von Westen nach Osten ziehend. Es besteht jedoch wieder in zwei Haupttheilen von etwas verschiedener Richtung und Beschaffenheit, von welchen der erstere mehr östlich gewendet dem ersten Stadtviertel oder der alten Burg Bonn sich anreiht, einen geräumigen Hof in sich schließt und einen großen Garten vor sich liegen hat, das eigentliche Bonner Schloßgebäude vom Kurfürsten Joseph Clemens gebaut, der andere aber mehr südlich gewendet dem übrigen Theile der Stadt senkrecht auf den Rhein sich einfach anschließt und nur die schmale Gartenanlage am alten Zoll vor sich hat, das Michaels-Gebäude oder Koblenzerthor-Gebäude, vom Kurfürsten Clemens August aufgeführt, und mit dem ersteren durch einen langen schmalen Gallerie-Bau verbunden. Der Stil der Architektur worin diese Bauten aufgeführt sind, hat bis auf wenige Ausnahmen seine Einfachheit und Größe, und die Formen desselben erinnern bei dem frühern Schloßbau an die italienische, bei dem spätern Michaelsbau an die französische Schule, aus deren Mitte man damals auch hier die Baumeister wählte. Die beiderseitigen Frontmauern stehen bei den großen Gemächern oft über 50 Fuß weit, nicht selten ohne Zwischenwände von einander, sind drei, [111] zwei und jetzt zum Theil nur eine Etage hoch, mit so vielen und großen Fenstern, der Tiefe der Gemächer und Aussicht in die schöne Gegend entsprechend versehen, als sich nur immer schicklich anbringen ließen. Die jetzige Bedachung der Gebäude erscheint sämmtlich gegen den ältern heimischen Gebrauch dennoch äußerst niedrig, und dem modernen Geschmack, der hier schon durchaus herrscht, angemessen, was bei der Tiefe der Bauten, durch zwei oder gar dreifach in sich gebrochene Dächer bewirkt wird. Das Material zu allen diesen weitläufigen und massiven Bauten gab wie herkömmlich die in Meilern zu Stein gebackene Erde der umliegenden Felder, und der Haustein vom Siebengebirge findet sich beinahe sparsam nur zu den wenigen freistehenden Säulen, den Sokeln und untersten Gurtengesimsen angewendet. Fast alle äußere Thür- und Fenstergewände sind in Backstein gemauert, und selbst deren Vorsprünge und Verdachungen mit dem vortreflichen Trierischen Kalk, wie das ganze Gebäude und mit Gyps ausgezogen, und bewähren in ihrer Erhaltung die größte Dauerhaftigkeit. Marmor war und ist nur noch zu einigen Fußböden und Stiegen angewendet, und das siebenberger Trachitporphyr-Gestein muß hier fast überall auch dessen Stelle ersetzen. Von ganz vorzüglicher Größe und Stärke ist das zur Ueberspannung der weiten Etagen und Haltung der hohen mit so vielen Fenstern durchbrochenen Frontmauern eingelegte Edeltannen-Holz, auf dessen Balken die meisten Fußböden von dicken aus der Mitte der schönsten Stämme geschnittenen und eine große Länge, Breite und Dicke haltenden Bohlen belegt waren, welche jetzt fast alle weggenommen, und nur durch schwache Bedielung sind ersetzt worden. Auch die Vergoldung, womit sonst in den Prachtzimmern alle Thüren und Täfelei [112] überzogen, und das herrliche Tafelglas der Fensterscheiben ist bei der neusten Restauration dieses Gebäudes so wie alle Reste ehemaliger fürstlicher Auszierung gänzlich verschwunden. Die Universitätsgebäulichkeiten, die Wohnung auf dem alten Zoll mitgerechnet, begreifen hier, ohne das Anatomiegebäude, welches isolirt am Ende des großen Gartens liegt, dennoch dreihundert verschiedene Lokale, Säle, Zimmer, Gemächer, Behälter, Gänge, Höfe und Plätze, worunter einige sehr große Abtheilungen sind. Uebrigens sind etwa die Hälfte der Gebäude zweistöckigt, und nur etwas über ein Achttheil dreistöckigt, und fast drei Achttheile derselben einstöckigt. Die fortlaufende Fensterzahl und ähnlichen Oeffnungen nach Außen, kann man zu dreihundert rechnen, und es mögen die Gebäude insgesammt mit den Thüren ohngefähr eintausend solcher Oeffnungen haben.

Das zuerst näher zu betrachtende der Stadt zugelegene Schloßgebäude im engern Sinn, welches über die Hälfte der oben bemerkten Zahl von Lokalen begreift, jedoch nur zum Theil dreistöckigt, meist einstöckigt ist, die ältere sogenannte Hofhaltung, worin während der jüngsten französischen Herrschaft ein Lyceum bestanden hatte, nahm die Stelle eines ältern kleinern Gebäudes ein, von dem wenig mehr zu ersehen ist, und welches zwischen zwei großen und hohen Bollwerken (Cattus maior et minor), der Katz und Maus gelegen war, denen zu noch größerm Schutz gegen Angriffe von Außen in dem Bering der Festung Bonn ein weites und langes Fortifikationswerk, der jetzige Begriff des Hofgartens, vorgelegt gewesen. Auf dem Platz der ersteren Lokalitäten zusammen ward zu Anfange des vorigen Jahrhunderts das gegenwärtige Gebäude, da das ältere nach den Kriegsjahren des vorgehenden Jahrhunderts [113] fast gänzlich zur Ruine geworden, neu aufgeführt, und dasselbe zu einem Oblong von zwei Quadraten oder zu vierhundert und vierzig Fuß in der Länge und zweihundert und zwanzig Fuß in der Breite ausgedehnt. Dazu kam noch daß an den Ecken der gegen den Garten gewendeten Fronte mit ihren Thurmenden, jedesmal ein zweistöckiger Vorbau, einhundert und zehn Fuß weit vorspringt, welcher einhundert und zwanzig Fuß an sich breit ist, und weil einer auf dem zum Theil geschleiften Bollwerk, dem Cattus maior aufgeführt ward, die Katz, und der andere auf dem jenseitigen rasirten Bollwerk, dem Cattus minor steht, auch wohl die Maus genannt wird. Wenn der nächst der Stadt gelegene Theil des Schloßgebäudes hauptsächlich die Lokalitäten zu der geistlichen und weltlichen Staatsverwaltung des Erzbischofs und Kurfürsten abgab, und der weite innere Raum die Hofhaltung des Fürsten begriff, der hier in seinem Palaste nicht allein die Großen, den Adel und angesehene Diener und Privaten, sondern auch Kaiser und Könige auf das herrlichste empfieng und mit den glänzendsten Festen bewirthete, so waren die beiden letztgenannten Bauten besonders zur Wohnung des Landesherrn und zum längern Aufenthalt hoher Gäste bestimmt, und mit der dazu gehörigen Einrichtung ihrer Zeit versehen gewesen. Die jetzt in Betracht kommenden Hauptabtheilungen dieses Gebäudes können auch füglich wieder erstens in die Gebäude gegen die Stadt hin mit dem eingeschlossenen Hofe, die Hofgebäude, zweitens in den Hauptbau (Corps de logis), welcher eine Fronte gegen den Hof und die Stadt, die andere gegen den Schloßgarten und die Umgegend hat, drittens und viertens in die beiden letztgenannten Vorbaue mit den Endthürmen des vorhergehenden Hauptbaues, ihrer jetzigen [114] Benutzung und Einrichtung nach getrennt und der Folge nach beschrieben werden.

Man nimmt den Zugang zum Schlosse am besten aus der Mitte der Remigiusstraße, welche vom Marktplatze gerade nach dem Münster führt, und welche in den Stadtvierteln zwischen sich und dem Schlosse, den Platz der vormaligen Burgkirche Bonns, und der ältesten Bischofswohnung bei der Helenakapelle, in sich schließen, durch den zur stattlichen Fürstenstraße erweiterten Mauspfad, deren Rundausschnitte am Ende gar bald die der Stadtgegend an Hof zugewendete Fronte des Universitätsgebäudes erblicken lassen. Diese Baulänge von dreißig Fenstern, denen im Mittel die drei Einfahrten beigerechnet sind, und welche eine Etage hoch bedacht worden, ist der Rest einer vormaligen, viel höhern, ja an einem Ende sonst mit einem Thurm und Glockenspiele darauf ausgezeichneten Fronte, von welchem allem nur das mit Gewölben bedeckte Untergeschoß dem Brande vom Jahr 1777 Widerstand leisten und stehen bleiben konnte. Dieser Theil des Schloßgebäudes dient jetzt links dem Portal, theils zur Wohnung des Oberpedellen und des Castellans vom Universitätsgebäude, theils zum Fechtboden und vordem zur Offizin einer Universitätsbuchdruckerei und nun zum Unterricht im Zeichnen; vor dem Brande befand sich hier das kurfürstliche Archiv, und oben auf die Hofrathsstube und übrige zur gerichtlichen und geistlichen Administration gehörigen Stellen. Es war bei dem Schloßbrande um 3 Uhr morgens als hier das Glockenspiel nachdem es erst seine Stunde ausgespielt hatte, in das alles vertilgende Flammenmeer hinabstürzte. Rechts dem Portal ist die Wohnung des andern Universitätspedellen und das übrige wird jetzt zu einem neu angelegten russischen Dampfbad und einem [115] Staubbad, auch zur Wohnung des Oekonomen der klinischen Anstalten und zum Gelasse des Polyklinikums benutzt; sonst fanden sich hier die zur kurfürstlichen Hofkammer gehörigen Lokale. Durch das große dreifache Portal, welches noch immer seines Frontispitzes und einer angemessenen Inschrift entbehrt, und durch welches beim Glockenschlag der Hörstunden die Studirenden wie die Bienen am Korbe ein und ausschwärmen, kommt man in eine geräumige Halle mit Säulen, an deren Seitenwänden die schwarzen Bretter aufgehängt sind, auf denen die Universitätsbehörde, die Facultäten und Docenten ihre Bekanntmachungen an die Studirenden anschlagen lassen, und nebenbei auch wohl diese die ihrigen selbst anheften. Aus der Halle tritt man in einen großen, einhundert sechs und dreißig Fuß langen und neunzig Fuß breiten Hof, der ringsum mit Arkaden umgeben ist, und wo die Glocke das Ende und den Wechsel der Lehrstunden anzeigt; sonst fuhren hier die Hofequipagen in dem Palast auf, und links wieder bei der Schloßwache, jetzt dem Fechtboden vorüber, durch eben so viele Thore wie an der Halle in die Stadt ab. Längs der rechten Seite des Hofes stand bis zum Jahre 1777 die durch ihre zwei Säle übereinander und die Pracht ihrer religiösen Ausstattung durch den Erzbischof Max Friedrich (1765), merkwürdige Kirche des Schlosses; sie war als Hofkirche dem Kurfürsten und Erzkanzler durch Italien entsprechend zu Ehren der Maria von Loretto eingeweiht, an welche sich die erste der vielen geistlichen Brüderschaften Bonns unter dem Namen der lauretanischen Maria mit Auszeichnung anschloß. In dem untern Theile dieser Kirche entzündete sich damals der Brand, welcher das ganze Schloßgebäude in Flammen setzte, und sie selbst von Grund aus zerstörte. Die [116] Stätte derselben ward nicht wieder bebauet, und nur beim angrenzenden Hauptbaue daselbst ein Thurm, worauf sich jetzt die Universitäts-Uhr befindet, als Gegenstück des links gegenüber gelegenen Thurmbaues zur neuen Hofkapelle später errichtet. Dieses sehenswürdige Gotteshaus nämlich und jetzige Universitäts oder vielmehr Evangelische Kirche, ist nach dem Brande vom Jahre 1777 mit mehrerem wieder neu aufgeführt worden, mißt fünf und siebenzig Fuß in die Länge und sechs und fünfzig in die Breite, hat auf vier Säulen und zwei Pfeilern erhöhte schöne Empore und Orgel, gute architektonische Verhältnisse und Formen, ist aber für die stark zunehmende Gemeinde schon längst zu klein, obgleich sie erst mit großen Kosten durch die Königliche Munificenz und Beiträge eingerichtet worden.

Der große Hauptbau des Schlosses (corpus castri, Corps de logis) wendet seine mit Lesinen corinthischer Ordnung auf den Fensterpfeilern und großen architektonisch verzierten Fenstern geschmückte vorzügliche Façade gegen den Schloßhof und die Stadt hin, und erinnert hier in seinem Aeußern an die lombardische Bauart Palladio's, dagegen in seiner dem Garten zugekehrten Fronte von fünf und dreißig, abwechslend rund und giebellinigt bedachten Fenstern, an die Bauten von Raphael und den Palast Farnese in Rom. Es ist dieser Bau an sechszig Fuß tief, dreistöckigt, und enthält eine große Anzahl Gemächer, von denen die auf ebener Erde jetzt zum Aufenthaltszimmer der Dozenten, zu Auditorien und dem physikalischen Kabinet verwendet sind. Der am westlichen Ende unterhalb dem großen Thurmsaal befindliche vormalige Grotten- oder Gartensaal, worin zur kurfürstlichen Zeit Frühstücke und Konzerte gegeben wurden, ist im Ganzen [117] niedrig und wegen seiner Tiefe düster, und erwartet ungern seine Bestimmung zur Aufstellung der jüngst in Bonn gesammelten Denkmäler der Rheinprovinz, welche jetzt das Museum vaterländischer Alterthümer genannt und nur mittelbar durch einen Professor als Vorstand mit der Universität in Verbindung stehen, auch in einem eben solchen Raume des alten Kapitelhauses am Münster unter einander liegen. In dem mittleren Geschoß des obigen Baues, welche Lokalität sonst zu großen Hoffesten, Bällen und Maskeraden benutzt ward, befinden sich die großen Auditorien, die Zimmer des akademischen Senats, Gerichts und Sekretariats, die Aula, und ein großer zu den klinischen Anstalten gehörender Krankensaal. Das oberste Geschoß ist einestheils zum Lokale der Universitäts-Casse und Wohnung des Rendanten, anderntheils zu dem Lokal der Entbindungsanstalt verwendet. Dieser Hauptbau war mit seinen beiden Thürmen 1777, bis auf die Gewölbe gänzlich ausgebrannt, wurde aber wieder mit einigen Veränderungen, und mit Weglassung der Gallerien und hohen hölzernen Pyramiden auf den Thürmen, in Dach und Fach und passender Einrichtung wieder ziemlich hergestellt. Merkwürdig blieb bei diesem Brande, wo die zu den Fenstern herausschlagenden Flammen auch die Fronte des Baues gegen den Garten mit Feuer überkleideten, im Mittel derselben in ihrer Nische eine schöne lebensgroße Statue der Maria als Himmelskönigin, von Blei und übergoldet, ein schönes Werk, unversehrt und bis auf den heutigen Tag erhalten. Es war in dieser langen und stattlichen Reihe von Gemächern, wo der letzte Kurfürst von Köln, seinen Bruder, den Kaiser Leopold II., so in diesem Gebäude abgestiegen war, mit einem großen Ball und Maskerade vergnügte. [118] Einen nicht minder bedeutenden Theil der vormaligen Schloßlokalitäten nehmen die chirurgischen und medizinischen Kliniken in der westlichen Abtheilung derselben ein. Es ist hierzu ein besonderer Eingang, der von Norden an der vorgemeldeten Wohnung des Oekonomen derselben und an dem Polyklinikum, worin die allenthalben herbeiströmenden Leidenden aus der geringeren Volksklasse vorerst wahrgenommen und zur Heilanstalt ausgesondert werden, vorüber gerade auf ein besonderes großes Gebäude, das ehemalige Ballhaus, führt. Darin befindet sich unterhalb die Küche und Oekonomiegelasse, oberhalb aber der chirurgische Operationssaal, woran einerseits das Patientenzimmer, anderseits das Kabinet mit der reichen Sammlung von chirurgischen Instrumenten und Bandagen, wie sie wenige deutsche Universitäten besitzen mögen, eingerichtet ist. Von hier kommt man einerseits zu dem vorbeschriebenen großen Krankensaal in dem ehemaligen Thurmsaal des Hauptbaues, und von da in die zu vier Krankenzimmer eingerichtete ehemalige Deutschordensgallerie, woran sich noch an zwölf größere und kleinere Krankenzimmer und Appertinenzien schließen, welche alle die schönste Aussicht in die umliegende Gegend haben, und selbst im Innern ihres geschlossenen Beringes noch eine kleine anmuthige Gartenanlage in sich fassen. In diesem Lokale finden unbemittelte mit merkwürdigen und lehrreichen Uebeln behaftete, insbesondere Augenkranke, umsonst Pflege und Heilung in den Kliniken, und bemittelte Leidende gegen Bezahlung eine passende Aufnahme in dem ebenfalls vorhandenen Hospitalklinikum.

Es war dieser Flügelbau des Schlosses bis zu seiner jetzigen Veränderung und neuen Bestimmung, die jedoch zuerst für die physikalischen und naturhistorischen Anstalten [119] und Sammlungen sein sollte, während der französischen Herrschaft ganz in der baulichen Einrichtung belassen worden, worin derselbe in der kurfürstlichen Zeit bestanden hatte. Er machte früher ein den häuslichen Bedürfnissen des geistlichen Kurfürsten oder Erzbischofes, der sich hier auf seine Person zurückzog, sehr angemessenes Ganze aus, welches daher auch den Namen Buen-Retiro führte. Nach der Stadt hin lag die noch in ihrem Aeußern erhaltene Haus oder St. Florianskapelle, bei welcher im Jahr 1717 der erste Grundstein zur Erbauung des neuen Schlosses gelegt wurde. Von hier verbreiteten sich mit herrlicher Aussicht nach Poppelsdorf und dem Kreuzberg, längs der Westseite die Zimmer des Fürsten; südlich gegen den Garten hin, das Arbeitskabinet und die Ansprachsgemächer. Die östliche Seite nahm größtentheils eine hundert Fuß lange und etliche dreißig Fuß breite Gallerie weg, die auch zum Vorsaal diente. Diese, die oben berührte Deutschmeister-Gallerie, ward so benannt, da der Kurfürst zugleich das Hochmeisterthum des deutschen Ordens bekleidete, und darin an den Wänden die Reihenfolge der Portraite dieser seiner Vorgänger in Lebensgröße und ganzer Figur gemalt, ein Ehrfurcht gebietender Anblick, umher hingen. Der untere Theil der Katz (oder hienach besser Casa episcopalis), worin mitten ein Rest von dem Erdwall des früher an diesem Ort befindlichen Bollwerks übrig blieb, welches jetzt oberhalb zu dem bemerkten Garten der Kliniken dient, enthielt insbesondere Gemächer für die Kanzley zu den persönlichen und Regierungs-Geschäften des Fürsten. Dieser Bau konnte im Ganzen, wegen der in ihm begriffenen Erdmasse nicht für so gesund und zum längern Aufenthalt dienlich gelten, und es ward deshalb wohl später die [120] Wohnung des Erzbischofs nach dem entgegengesetzten Flügel, der Maus, verlegt, welches Gebäude auf dem gänzlich rasirten kleinern Bollwerk angelegt worden war, und die Gastgemächer des kurfürstlichen Palastes begriff. DieKatz, in dem Brande vom Jahre 1777 gerettet, mit ihren zwar sehr reichen aber im alten Geschmack meublirten Zimmern, erhielt nun diese Bestimmung, und das prächtige und so zu sagen mit Gold fast überladene Bette, das Könige und Fürsten zum Gebrauche ausschlugen, weil die reiche Verschwendung nur zu auffallend daran angebracht war, fand sich hier aufgestellt; auch war an diesem Bau zur Seite gegen die Poppelsdorfer Allee eine Freitreppe von Marmor angelegt, welche mit dem übrigen nun auch verschwunden ist. Der andere Flügel oder Vorbau, die Maus, ist jetzt als Wohnung des zeitigen Regierungsbevollmächtigten bei der Universität neu eingerichtet worden. Der große, vierhundert und vierzig Fuß lang und einhundert und zwanzig Fuß breite Raum, zwischen der Katz und der Maus, welcher mit einer Mauer und Staketten von dem Hofgarten gesondert ist, diente zur französischen Zeit, als in dem Schloß das Lyceum bestand, zum Spiel und militairischen Exercitienplatz, später in der Befreiungszeit zum Turnplatz; früher war hier die kurfürstliche Orangerie aufgestellt. Der fast quadratisch ein tausend Fuß weit vorgehende sich hieran schließende und gegen den Thorbau ausbreitende Hofgarten selbst, welcher einen mehr als zwölf tausend Quadratfuß großen, noch zum Theil mit Fortifika-tionsmauern und Graben rings umgebenen auch etwas erhöhten Raum in sich faßt, und ursprünglich ein weit vor die Fronte des Schloßgebäudes zum Schutz desselben in der Mitte des 17ten Jahrhunderts erbautes großesVorwerk der Festung war, ist ein herrliches zum Durchgehen, [121] Reiten und Fahren geöffnetes, aber in seinem übrigen Zustande ziemlich beim alten gelassenes und bis jetzt fast vernachläßigtes Terrain, dem, da es hier nicht zur Anlage des botanischen Gartens der Universität kam, schon einmal die Bestimmung drohte in Haus und Hofraithen und Gärtchen für Professorswohnungen umgewandelt zu werden. Er bildet eine große Wiese, von der erst jüngst, nach anderweitiger Verwendung eines Wasserablaufes, die Tuchbleiche, welche sie bedeckte, entfernt worden und enthält noch schattige Alleen, und schöne Baumgruppen, auch ein langes schmales Wasserbassin, den Mühlenteich der Godesberger Bachleitung zum Ausfluß derselben durch die Stadt in den Rhein. Es ist im Plan dieses Terrain in eine neue Gartenanlage umzugestalten, wozu die an der Koblenzer Straße liegende Ringmauer schon entfernt ist, und die schiefe und gebogene Straße von dem Thore aus senkrecht, und bis zu Anfang der Godesberger Chaussée gerade angelegt werden wird. Das im Vordergrunde der Ansicht sich darstellende und mit den vorerwähnten medizinischen und chirurgischen Lehranstalten und Universitäts Instituten in nächster Verbindung stehende, auch dieselbe vervollständigende, dazu neuerdings aufgeführte und schon erweiterte anatomische Theater, liegt am Ende des Gartens auf der mittlern Perpendikularlinie der Fronte des Schloßgebäudes, diesem entgegen, und auf dem Platze wo 1771 durch den Kurfürst Maximilian Friedrich am Ende des Fortifikationswerkes ein Rondel angeleget ward, worin die Hauptwasserkunst des Hofgartens sprang, zur französischen Revolutionszeit aber der Altar der Freiheitsgöttin errichtet war und die sich so nennende cisrhenanische Volksversammlung aufnahm, von welchem allem jüngst nur ein [122] Weg, welcher die untern Enden dieser Hauptalleen des Gartens verband und zum Rundgang durch dieselben diente, und ungern vermißt wird, übrig blieb. Das neue Gebäude oder anatomische Theater, so über 25,000 Thaler kostet, und wobei der vorhandene Plan zu einem auf und an den Abhang des alten Zolls aufzuführenden astronomischen Observatorium scheint nachgeahmt worden zu sein, besteht aus einem in der übriggebliebenen Tiefe der rasirten Umwallung aufgeführten niedrigen quadratischen Unterbau oder Sokelbau, und aus einem sich mitten hierauf erhebenden Rundbau, dem zwei längere Flügelbaue zur Seite stehen, welche durch schmale Gallerien unter sich verbunden sind. An der dem Universitätsgebäude entgegenliegenden Fronte des Gebäudes führt eine doppelte Freitreppe von Außen auf das eigentlich nur einstöckigte, durch viele Arkaden und Fenster geöffnete Gebäude, welches nicht wenig an den neusten Stil ähnlicher Prachtgebäude erinnert, und dessen für die innere Bestimmung etwas räthselhaftes Aeußere, die projektirten Sphynxe, welche den Zugang desselben verzieren sollten, leicht vermissen läßt. In dem Rundbau insbesondere, der durch die hoch oben ringsum befindliche Fensterreihe jederzeit den einfallenden Sonnenstrahlen geöffnet ist, befindet sich in der umschlossenen Tiefe, die auch wohl deshalb später um fünf Fuß über das niedrige Planum erhöht ward, der Lehr- und Demonstrationssaal für Zuhörer und Zuschauer amphitheatralisch, den Docenten in der Mitte, eingerichtet. Von den beiden unmittelbar dem Auditorium angebauten größern Nebensälen, die beide ursprünglich zur Aufbewahrung der Präparate für die Vorlesungen und die anatomisch-pathologischen Sammlungen bestimmt waren, und zu denen durch obige Erhöhung die Communikationsthüren mit dem Auditorium [123] wegfielen, erfüllt nur der südwestlich gelegene Saal und die südlich gelegene Gallerie obige Bestimmung; der nordöstlich gelegene Flügel hat die Arbeitszimmer für die Professoren und sezirenden Mediziner erhalten, da die hiezu im Unterbau vorgerichteten Lokalitäten weder die nöthige Bequemlichkeit noch einen hinreichenden Raum darboten. Es ist deshalb auch gleich nach Aufführung des Baues, zu der noch dazu ein kostspieliges Modell vorangefertigt wurde, ein Zusatz für die Küche (Behälter der Leichname) mit einer weitern Ausführung beliebt, und so neuerdings das An und Vor-Gebäude an der südlichen Seite später als die vorliegende Zeichnung aufgenommen ward, ins Werk gesetzt worden. Die Sammlung dieser Anstalt ist für die zehn Jahre, seitdem sie besteht, durch Ankäufe und Arbeiten äußerst bedeutend, insbesondere für die vergleichende Anatomie, und in osteologischer Hinsicht; sie enthält schon sechs und zwanzig hundert Exemplare, worunter die sehenswürdigsten Präparate aus der normalen, aus der pathologischen und komparativen Anatomie und aus der Experimental-Physiologie, welche, da sie sich auf eigenthümliche Beobachtungen und Entdeckungen stützen, zu den seltensten gehören. Auch der zeitige Castellan, ein Hermaphrodit, dessen Leichnam der Anstalt verfallen wird, bietet an sich selbst schon eine besondere Merkwürdigkeit dar.

Von der Stadt aus führt ein besonderer Eingang in den östlichen Thurmbau des Schloßgebäudes, dessen vormaliger kleiner Thurmsaal, oder der ehemalige kurfürstliche Speisesaal, zur zeitigen Aula, bis etwa in der Mitte des Hauptbaues vom Schloße ein größeres Lokal eingerichtet wäre, erwählt worden war. Seit dem Jahr 1824 ist jedoch dieses sieben und vierzig Fuß lange, und zwei [124] und vierzig Fuß breite durch zwei Etagen gehende Hauptgemach geschlossen, und die öffentlichen Akte der Universität in ein Nebenzimmer, und dessen größere feierliche Handlungen in die evangelische Kirche verlegt, nachdem es beliebt worden, diesen hohen Raum, dem ein gutes Deckengemälde trefflich angestanden hätte, auf seinen Wänden mit vier, die Facultäten vorstellenden großen Gemälden al Fresco zu verzieren. Ein großer Theil der Fenster wurden deshalb zugemauert, um an fehlender Wandfläche zu gewinnen, auf der bis jetzt zwei Gemälde, die Theologie und die Jurisprudenz vorstellend, fertig geworden sind. Beide besitzen eine Länge und Höhe von 18 zu 10 Fuß, so daß die Figuren beinahe in Lebensgröße gezeichnet, und das Ganze mit einem außerordentlichen Reichthum derselben, zu dem noch viele kleine Randverzierungen kommen, und mit aller Farbenpracht, ausgeführt werden konnte. Sie stellen eine Art von Geschichte dieser beiden Wissenschaften, auf einen Blick, in ihrer ganzen Erscheinung wie in ihren Verzweigungen dar, und ist das erstere, die Theologie, unter Leitung des Meisters Kornelius von drei seiner Schüler, und das zweite, die Jurisprudenz von einem jener Schüler allein, wie es heißt ebenso meisterhaft vollführt worden. Von den beiden andern Gemälden, welche die Philosophie und Medizin darstellen werden, ist das erstere angefangen, wann sie fertig sein sollen und dieß unentbehrliche Lokal seine Bestimmung wieder erfüllen kann, ist zur Zeit noch unbekannt.

Mit der akademischen Aula, zu der man auf der Haupttreppe des Flügels, die Maus genannt, emporsteigt, steht durch den beiderseitigen Vorsaal das große Lokal der Universitätsbibliothek in unmittelbarer Verbindung. Dasselbe begreift zuerst die obere Etage der sogenannten langen [125] Gallerie, welche das Hauptschloßgebäude mit dem Michaels-Thorgebäude verbindet, ist dreihundert und sechszig Fuß lang und fünf und dreißig Fuß breit, hat gegen die Stadt hin sechs und zwanzig, und gegen den Garten hin, wo es zur Hälfte von der vorgebauten Maus verdeckt wird, vierzehn Fenster in der Fronte, zum andern begreift dasselbe auch die untere Etage, von da an, wo dieselbe längst dem Garten liegt. Es zählt dieß zweistöckigte Gebäude für sich also im Ganzen achtzig Fenster, Thüren und Thoröffnungen, und setzt sich über der Stelle des ehemaligen Schloß-Marschallbaues und Stockenthores, wobei eine Durchfahrt aus der Stadt nach dem Schloßbasin zur Feuerlöschung bestehen blieb, fort, und diente nach dem Brande vom Jahr 1777 auch in Verbindung der in der Maus überbliebenen Lokale zur Hofhaltung des letzten Fürsten. Derselbe wohnte in einem Hause am Rheine, dem jetzigen Oberbergamtslokale und kam nur zu Präsentationen ins Schloßgebäude, woselbst jedoch täglich das dienende und bedienstete Personal gegenwärtig sein mußte; sonst war diese Gallerie mit der gegenüber liegenden zur Schloßkapelle erhobenen Franziskanerkirche, wovon vorn noch lange ein über die Straße gewölbter Bogen, oder dessen Reste und Spuren fortbestanden, in Verbindung. Aus dem oben bezeichneten Vorsaale kommt man in das Vorzimmer der Bibliothek, worin die Bücher zum Einsehen im Lokale verabreicht werden, dann in das Bibliotheks-Arbeitszimmer, und endlich in den Büchersaal, der über zweihundert und fünfzig Fuß lang, und an dreißig Fuß im Lichten breit, und mit sechs und dreißig Fenstern zu beiden Seiten versehen ist. In demselben sind in den einfachen Repositoren längs den Wänden und der zweifachen doppelten Reihe derselben mitten durch denselben, [126] an siebenzig tausend Bände aufgestellt, wozu noch einige Doubletten kommen, welche im untern Lokale verwahrt und von Zeit zu Zeit verkauft werden. Die Bibliothek besitzt auch mehrere Manuscripte, und besonders reich ist dieselbe an archäologischen und zahlreich an theologischen und philologischen Werken.

Die ehemalige Verzierung dieser von dem Kurfürsten Clemens August um das Jahr 1730 angelegten Gallerie, vollführte dessen Nachfolger Maximilian Friedrich im Jahr 1766, und es war hier bis zu den letzten Zeiten eine Hermenbüste des Kaisers Vespasian von weißem Marmor aufgestellt, welche zu Ende des 17ten Jahrhunderts nächst der Hauptlandstraße außerhalb dem Hofgarten ausgegraben und entdeckt worden. Die unteren Räume dieses langen Baues, welche früher zur einen Hälfte als Oekonomie-Lokal der fürstlichen Wohnung auf der Maus, und jetzt ebenfalls dahin verwendet sind, dienten zur andern Hälfte theils zu einer kleinen Wohnung und dem großen Magazin für die Theater-Dekorationen, der nächst daran angebrachten Bühne. Im Jahr 1820 wurde der letztere einhundert und dreißig Fuß lange und acht und zwanzig Fuß breite, von beiden Seiten mit Fenstern versehene Raum, zu einem Museum für die Sammlung vaterländischer Alterthümer in Bonn, mit einem Nebenzimmer und Vorzimmer eingerichtet, und nachdem diese Sammlung wieder entfernt worden, daselbst das mit der Bibliothek verbundene akademische Kunst-Museum aufgestellt. Dasselbe enthält eine große Anzahl der besten Abgüsse von den Statuen und sonstigen plastischen Bildwerken aus dem classischen Alterthum, die Stoschische Pastensammlung, eine Sammlung römischer und griechischer Münzen, welche zum Theil in und um Bonn aufgefunden worden, ebenso wie auch einige [127] von daher und andern Orten rührende Lokalalterthümer und Anticaglien. Auch diese Vorräthe werden zum Theil aus schon dazu vorbestimmten etatsmäßigen Summen jährlich vermehrt.

Das zweite Hauptgebäude der Universität oder des vormaligen Residenzschlosses in Bonn, das Michaelsthor mit seinen beiden Flügeln, wozu die vorbeschriebene lange Gallerie als Verbindung wieder mitzurechnen war, liegt längst dem jetzigen vierten Stadtviertel, und steht an dem frühern Rande des ältesten Stadtgrabens von Bonn an dieser Seite, wie die zum Theil noch hinterwärts demselben ziehende Reste der alten Ringmauer deutlich zu erkennen geben, und auf der Stelle des ehemaligen langen Hauptwalles der von dem Stockenheimer Thor senkrecht auf den Rhein zog, wovon auch noch die Reste der alten Zollbastion zum Zeugniß dienen. Vor letzteren Fortifikations-Anlagen hatte auf dieser Linie bis zum Rhein auch ein besonderer vom Erzbischof Salentin um die Mitte des 16ten Jahrhunderts mit dem Zollhaus am Ende desselben aufgeführtes neues Schloßgebäude gestanden, welcher letzterer Bau wegen der Entweihung durch seinen beweibten Nachfolger Truchseß, der andere aber nach der Zerstörung durch die Angriffe auf die Festung Bonns, mit den Festungswerken selbst an dieser Gegend, zu Anfange des vorigen Jahrhunderts gänzlich ist abgetragen worden. An ihrer Stelle wurde, nachdem Joseph Clemens das oben geschilderte Hauptschloßgebäude aufgeführt, und zu dem gegenwärtigen alle Zubereitungen getroffen waren, durch dessen Nachfolger den glorwürdigen Kurfürst Clemens August, von dem fast jeder Ort des Kurfürstenthums seine Denkmäler aufzuweisen hat, seit dem Jahre 1730 auch dieses Gebäude in einem der Zeit angemessenen Geschmacke in die Höhe [128] geführt. Dasselbe besteht aus einem dreistöckigten Hauptbau in der Mitte an den zu beiden Seiten ein großer zweistöckigter Flügelbau anstößt, und mißt ohne die lange Gallerie einerseits, und die weiteren Anhänge nach dem Rhein hin anderseits, an vierhundert Fuß in die Länge und fünfzig Fuß in die Breite. Der Mittelbau dieser vom Schloßeck bis zum Rheine im Ganzen siebenhundert und achtzig Fuß haltenden Linie, setzt über die von Koblenz herkommende Landstraße, und wendet dieser seine mit Säulen und Bogenstellungen auch vielen Statuen und plastischen Auszierungen geschmückte äußere Hauptfronte einerseits zu, während die Innere Fronte der alten, die Stadt Bonn in ihrer ganzen Länge parallel mit dem Rhein durchziehenden Straße, an deren Seite allernächst das vormalige Marstallsgebäude steht, zugekehrt ist. In diesem wie zu Manheim mitten durch das Schloßgebäude gehenden Stadtthore, wird unterhalb von allem dem den Rhein zu Land herabkommenden Vieh jetzt die Schlachtsteuer gehoben, oberhalb aber befinden sich die herrlich gelegenen Zimmer theils für den akademischen Unterricht in der Vokalmusik, theils den nebenanwohnenden Conviktoristen eingeräumt. In diesen Lokalitäten versammelten sich unter Clemens August das hohe Kapitel des St. Michaelsordens, auf dessen Attribute auch die äußeren Verzierungen des Gebäudes hindeuten; und später wurde hier zum Theil die Sammlung von natürlichen Seltenheiten und Kunstsachen aufgestellt, wobei die ältere Münzsammlung äußerst reich durch die zu Bonn bei den Erdarbeiten zur Festung aufgefundenen Stücke war, und noch erhalten einen schätzbaren Theil der Sammlungen zu München ausmacht. Das dritte oder oberste Stockwerk dient jetzt zum Carcer und Wohnung des [129] Bibliothekdieners; worüber auf einer Höhe von sechszig Fuß eine geräumige Plattform und der Altan mit herrlicher Aussicht über die Stadt Bonn und umliegende Gegend, leider jetzt nicht so wohl genießbar, befindlich ist.

In dem Flügelbau zur Rechten, welcher mit den Mauern einhundert und sechszig Fuß lang, fünf und fünfzig Fuß breit ist, und von der Stadtseite wie von der Gartenseite jedesmal durch zwölf Fenster in einer Reihe erleuchtet wird, befindet sich unterhalb seit mehreren Jahren die Universitäts-Reitbahn mit einem Nebengemache eingerichtet, über dessen Eingang noch jüngst eine Inschrift den Namen desjenigen verkündete, welcher sie zuerst beritten gemacht hatte. Dieses Lokal war sonst viel tiefer und in kurfürstlicher Zeit und bis zum Aufkommen der jetzigen Universität das Theater zu Bonn, welches im Jahr 1789 in seinem Innern gänzlich erneuert, nach einem bequemern und schönern Plan angelegt worden, und worin selbst Mozart's Meisterstück Don Juan eine ausgezeichnete Aufnahme und herrliche Ausführung fand. Auf dem oberen Geschosse dieses Baues findet sich der gleich große, in das Mansardendach mit dessen Ochsenaugen (oeil de boeuf) verhältnißmäßig erhöhte ehemalige Akademiesaal, in welchem zur Zeit der Kurfürsten die größten Versammlungen statt fanden, und jene herrliche Musikconzerte mit Virtuosen aufgeführt wurden, welche zu den vorzüglichsten Europa's gehörten. Dieses große schöne Lokal, welches mit der oben beschriebenen langen Gallerie und den Gemächern des Michaelsthores in unmittelbarer Verbindung steht, und noch in den Rheingegenden wenig seines Gleichen haben dürfte, ist jetzt zur Vergrößerung und Erweiterung der Bibliothek bestimmt und auch schon benutzt. [130] Diesem großen stattlichen Flügelbau im Aeußern bis auf das neuerdings angefertigte Dachgeschoß mit Fenstern vollkommen gleich, ist der andere rheinwärts gelegene und linke Flügel des Michael-Thorbaues, welcher zum Conviktorium für die Studierenden der katholisch theologischen Facultät mit größtem Kostenaufwand eingerichtet worden. Daselbst befindet sich im untern Geschoß die Kapelle und der Speisesaal, nebst den Oekonomielokalen, im Hauptgeschoß die Studierzimmer nebst Wohnung der Professoren und Repetenten, im Dachgeschosse die Schlafzellen der Studenten. Vordem war das untere Geschoß zur Reitbahn des hier garnisonirenden Uhlanenregiments und für die Universität gebraucht; zur kurfürstlichen Zeit ward die Orangerie in der kältern Jahreszeit daselbst eingestellt. Auf dem oberen Geschoß aber, welches eine Zeitlang der neuen Anatomie zugewiesen gewesen, war vordem in passenden Lokalen die mit allen Gemächlichkeiten für die Lesenden eingerichtete, und nach dem Leitfaden des Denis bestens geordnete, kostbare, mit der Naturaliensammlung und einem physikalischen Kabinet nächst verbundene kurfürstliche Bibliothek, aufgestellt. Sie bestand ursprünglich als ein Erbstück aus der Verlassenschaft des Kurfürsten Max Heinrich, welcher in seinem Testament vom Jahr 1688, wodurch dessen in dem alten Schloß zu Bonn gesammelte Kunstschätze und Münzsammlung an sein Haus nach Baiern fielen, dieselbe dem kurfürstlichen Hofrath in Bonn vermachte. Während der französischen Revolutionszeit flüchtete man dieselbe nach Hamburg, wo sie endlich mit übrigem verkauft ward; die schönen mit vergoldeten Leisten versehenen Büchergestelle aber schleppte der Feind nach Frankreich.

Endlich setzen sich immer mehr rheinwärts an dem Michaels-Thorgebäude, längs der schönen Gartenanlage [131] des durch den Präfekten Lezay-Marnésia damit versehenen alten Zolles und an dem Ende des ehemaligen Orangerielokales, die Reste eines einhundert dreißig Fuß langen und sechs und dreißig Fuß breiten Baues, das ehemalige warme Gewächshaus, fort, dessen Raum nunmehr mit einer Mauer geschlossen und einestheils zum Conviktorium anderntheils als Hof zu der daranstoßenden ehemaligen Wohnung des Hofgärtners, neuerdings gezogen worden ist. Letzteres wohl erhaltene und eingerichtete Gebäude wird jetzt von dem zeitigen Professor der Astronomie, der seine Sternwarte vor demselben erbaut haben wollte, bewohnt, und beschließt mit dem dabei befindlichen auch provisorisch dazu verwendeten Gartenhäuschen, auf dem schönsten Erdenplätzchen am Rhein, dieserseits den langen Zug der nun zum Universitätsgebrauch bestimmten Lokalitäten von der ehemaligen kurfürstlichen und erzbischöflichen Residenz an dem Orte, wo vor Alters auch ein Reichssaal, als Haupt der königlichen Villa Bonn, weit und breit hin geglänzt hatte.

VII. Das Schloß zu Poppelsdorf mit dem botanischen Garten.

[134] Gleich einer Arena von dem sanft erhöhten Stadtareal gerade durch die zum Theil unebene Feldbahn des Bonner Thales bis zu dem Schlosse Poppelsdorf oder Clemensruhe beim Fuße des Kreuzberges, der hoch darüber herausragt, hinziehend, schließt die unter dem erstern Namen begriffene Doppelallee von Roßkastanien, deren Blüthenpracht selbst von Köln aus die Freunde der Natur im Genusse des Frühlings häufig herbeilockt, in ihrer Mitte den sonst für Ritterspiele des Hofadels bestimmten Rasenteppich in sich, zu dem von der kurfürstlichen Residenz herab einst die schöne Marmortreppe stieg, und welcher unter Clemens August, der in dem jenseitigen Schlosse größtentheils seine Nächte zubrachte, »die herrliche Idee verwirklichen sollte in einen Kanal umgeschaffen zu werden, »um an kühlen Sommerabenden im vertraulichen Lichte des silbernen Mondes, und zwischen den auf und abwandelnden Reihen seiner beglückten Unterthanen, sanft (dahin) zu schiffen.« Noch immer ist dieser an beiden Enden rund zusammen gehende Weg, den ein rascher Schritt in zehn Minuten durcheilt, der belebteste zu allen Tageszeiten, durch die Verbindung der Poppelsdorfer Schloßgebäude und seiner Zubehörungen mit dem Residenzschlosse als jetzigen Universitätsgebäude, indem [135] verbunden wird. Ueber dem toskanischen Hauptgesimse der Arkaden und Halbsäulen-Verzierung, steigen in dem Mittel von dreien der Fronten Hochgeschosse mit Ritterdächern empor, denen sich in den vier Ecken niedrigere Obergeschosse mit Mansardendächern entgegensetzen. Nach Süden hin, wie es sich auch hier im Bilde darstellt, und nach Westen, ist der Raum dazwischen durchgehend zu einem stattlichen Obergeschoß verbunden, die vormalige Wohnung des Kurfürsten Clemens August selbst, und damit die Aussicht dieser Apartements nirgends beschränkt sei, erhielt die Fronte nach der untern Rheinebene obenhin nur den großen Altan, worauf der Herr mit seinen guten Gästen von der Augustusburg oder Brühl kommend, wofür von hier schon ein Stück zu einer neuen drei Stunden langen geraden wegs durch das Gefilde intendirten Pappelallee steht, mit Trompetenklang und Paukenschall empfangen wurde.

Das alleinige Thor zum Einfahren in das Schloß liegt an der Seite nach Bonn hin, und man kömmt durch dasselbe gerade in einen über einhundert Fuß weiten Hof, der mit einer offenen Arkade von sechs und dreißig Abtheilungen im Kreise umgeben ist, welche sich an die vier Seiten des Grundquadrats und unmittelbar an die inneren Portalsäle als Rundgang anschließt, und hinter sich in den Winkelabschnitten die weniger bedeutenden Treppen nach oben, die Degagements und einige kleine Höfe in sich faßt und begreift. Diese Grund und Bau-Gestalt dürfte noch immer an den Palastbau des durch die Ausdehnung seines Reiches in allen vier Welttheilen nicht minder berühmten Monarchen, Kaiser Karl V erinnern, der einen solchen auf der königlichen Alhambra, mitten in den unvergleichlich schönen Gegenden von Granada seiner Zeit [136] aufrichtete. Auch unser herrlicher Platz mit seinem Gebäude, vielleicht zuerst eine stolze römische Villa, ist schon frühe in den Resten schriftlicher Urkunden aus dem Mittelalter namentlich verzeichnet, und geschichtlich neben der zu Bonn als Sala und Casa entsprungenen Residenz, und bei dem Palaste und Schlosse Godesberg und der Schatzkammer Brühl, als ein sonders beliebter Aufenthaltsort der Erzbischöfe und Kurfürsten benannt, so früher und später als priesterliches Burghaus unter den Schlössern des heiligen Petrus auch von unterschiedlicher Gestalt war. Im Mittelalter, nach Auflösung des gemeinschaftlichen Lebens beim Münster, dem Abte desselben als entfernterer Wohnsitz geworden, blieb es auch nach Erhalt des probsteilichen Hauses im Isidorshofe der Stadt Bonn, gegen Ende des zwölften Jahrhunderts im Besitz des Stifts, bis Probst Heinrich von Virnenburg, Neffe des Erzbischofs dieses Namens, in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, wegen welchem die Bürger Bonns aufgestanden und so lange excommunicirt waren, und der seinem Oheim alle Rechte überließ, die er als Probst in der Stadt hatte, dasselbe endlich auch dem Grafen Wilhelm von Jülich verkief. Dessen Bruder Erzbischof und Kurfürst Walram, Schöpfer des herrlichen hohen Kreuzes, kaufte es wieder für drei tausend fünf hundert Mark an das Erzstift zurück, und ließ dasselbe größtentheils, wie Godesberg, neu bauen und besser befestigen, wonach hier fortwährend Kirchliche und Staatsverhandlungen vorgenommen und Urkunden darüber ertheilt wurden. In dem wohlverwahrten Thurme von Poppelsdorf suchte neben Bonn sich Ruprecht von der Pfalz, der ihm wegen Verletzung der Verfassung drohenden Verfolgung und Gefahr, jedoch endlich vergeblich gegen seinen Nachfolger Hermann [137] von Hessen und dessen Bruder zu erwehren; auch erlebte es der Platz noch im Jahr 1550, daß die ein Jahrhundert früher auf der Godesburg gestiftete kölnische Erblandsvereinigung oder ständische Versammlung von dem Kurfürsten Adolf III., Grafen von Schauenburg, hier bestätigt ward, so wie auch im Jahre 1515 Kurfürst Philipp II. Graf von Oberstein, triumphirend über die List des Adels, an diesem Orte sein Leben beschloß.

Eine neue glänzende Periode für das Schloß Poppelsdorf trat im Jahre 1567 ein, als Salentin, Graf von Sayn, gleich nach seiner Erhebung auf den erzbischöflichen Stuhl und kurfürstlichen Hochsitz seine Residenz hieher verlegte, und bald (im Jahre 1580), eine große Summe verwendete, dasselbe, dem er aus Interesse für die Stadt Bonn, wo er den neuen Saal mit der Hofkanzlei aufführte, den Vorzug vor vielen andern gab, auch neu baute und besserte. Es war in diesem erneuten Palaste, wo Salentin den Bürgern von Bonn, in deren Mitte er zehn Jahre später seine Vermählung feierte, durch einen nach ihm benannten Vertrag die städtischen Freiheiten und Rechte, welche sie lange geübt und gemehrt, mäßig jedoch förmlichst zusicherte, und seinen dem Stadtrathe entgegengesetzten Vogt auf die Execution der Urtheile unter 12 Thaler verwies, und ihm nur auf Anhalten des Raths den Transport von Verbrechern aus der Stadt in die Strafgefängnisse dieses Schlosses und deren fernere Bestrafung gestattete. Das Gebäude am Orte hatte dazumalen, wie es sich uns in einer Abbildung bei Isselt de bello Coloniensi darstellt, die Beschaffenheit, wonach mitten auf dem Platze des jetzigen großen Gartens, das zu einem obern Stockwerk auswärts hochgemauerte Hauptviereck unterhalb dicht verschlossen [138] ohne alle Oeffnungen war, und ihm nur ein Thor nach Norden zustand, zu dem eine steinerne und eine Zugbrücke über den breiten und tiefen Wassergraben führte, welcher den südwestlich mit einem starken Hauptthurme, und nördlich mit einem hohen Portale ausgezeichneten Schloßbau allernächst umgab. Dieser eng und fest geschlossene Bering hatte an der Portalseite und dem anderen Ende der Brücke, auf derselben Stelle, wo das jetzige Schloßgebäude steht, und ebenfalls unmittelbar an der Meckenheimer Straße durch den Kottenforst nach Bonn, einen starken Thurm und Art von Vorburg, welche den Zugang von Norden noch außerdem durch zwei kleine Rondele und eine lange Doppelmauer verwahrte, wozu noch ein zweiter Wassergraben um das Ganze, und drittens ein Thorhaus am jenseitigen Ufer vor der Brücke kam. Diese Vorburg zerschnitt einen inselartigen Gartenbering, der durch letzteren Graben an dem eine Mühle lag, sich bildete, und das Schloß in zwei Hälften, von denen die westliche mit einem schönen Lusthaus und Springbrunnen dabei versehen war, umzog. Fortwährend blieb diese treffliche Feste, so zugleich wegen unvorhergesehener Anfälle auf der aus dem ungeheuren Kottenforste hier am Kreuzberge herab debouchirenden Landstraße, der Umgegend und der Stadt Bonn den ersten Schutz und Gegenwehr verlieh, bei den Kriegen, welche letztere in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts verwüsteten, und wobei sie öfter genommen und wieder genommen ward, als Zubehör des Stadtamtes und der Residenz Bonn, ziemlich glücklich erhalten, und als im Jahr 1592 ein Aufruhr unter der spanischen Besatzung von Bonn drohte, trug Kurfürst Ernst nicht wenig zu dessen Besänftigung bei, um dem ihm mit angedrohten Ueberfall auf demselben [139] Schlosse zu entgehen. In der Mitte des darauf folgenden 17ten Jahrhunderts erreichte, als von der Stadt und Festung Bonn das benachbarte Poppelsdorf seit dem Aufstand in den Zeiten der Virnenburger fortdaurend misgünstig angesehen worden, dieses Gebäude das traurige Loos gänzlich abgebrochen und das beträchtliche Steinmaterial desselben zu dem Bau des Mühlheimer Walles, so der Stadt von dieser ihrer schwächsten Seite besondern Schutz verleihen sollte, verwendet zu werden.

Als im Jahre 1689 die Heerschaaren Friedrich Wilhelms von Preußen am Fuße des Kreuzberges zum Angriffe der Festung Bonn vorrückten, fanden sie auf dem ohngefähr fünfzehnhundert Schritte dem Glacis der Werke zuliegenden Platz des frühern Schlosses eine kurfürstliche Garten-Anlage, die mit einer Mauer umfaßt war, und mit den umzäumten Hainen des Dorfes dabei als ein bequemer Feldposten der französischen Garnison diente, von welchem sie nicht leicht abgeschnitten werden konnte. Der Kurfürst jagte jedoch die Feinde alsbald heraus, und ließ hier die erste Schanze zur Berennung von Bonn aufwerfen, welche sofort tapfer und siegreich gegen die Franzosen vertheidigt ward, die wiederholt bis dahin in dem Moraste, den Gebüschen und Baumpflanzungen vom Glacis bis heran reichend, vorzudringen und sich zu wehren versuchten. Erst nach dem Anfange des vorigen Jahrhunderts wurden zu dem neuen Sommer- und Lustschlosse vom Erzbischofe und Kurfürsten Joseph Clemens, dem es verdrießlich war in seiner eigenen Residenz zu Bonn sich von fremden Kriegsvölkern, der eingedrungenen französischen Besatzung bewacht und bewahrt zu sehen, alle Anstalten und der Anfang zum Bauen gemacht, und am 21ten August des Jahres 1715 von ihm selbst der Grundstein [140] zu der Kapelle des Schlosses gelegt; es ward damals der Clemenshof benannt, und hatte nach den noch im Kupferstich vorkommenden Abbildungen schon die Hauptfronte mit dem Garten nach Godesberg, welcher letzterer zu beiden Seiten mit Mauern versehen war, deren Enden kleine Lusthäuser zierten. Sein Nachfolger Clemens August hatte im Jahre 1746 die Schloßkapelle ausgebaut, weihete sie selbst am 3ten Juli ein; und schuf nach und nach das Lustschloß bei seinem herannahenden Alter in die noch behaltene großartige und bequeme Gestalt um, welche er mit dem Namen Clemensruhe taufte. So fuhr es auch nach seinem Todte als eines der prächtigsten und geschmackvollsten Gebäude am Rheinstrome, zu bestehen fort, während das zu gleicher Zeit, eine Stunde davon mitten in dem Kottenforste von ihm erbaute Jagdschloß Herzogsfreude, schon längst bis auf die letzte Spur verschwunden ist. Beide Schlösser wurden nach dem Tode des Baierfürsten und bis zu Ende der kurfürstlichen Zeit nicht mehr bewohnt, sondern neben der Bonner Residenz und dem Brühler Schlosse nur noch zu Hoffesten und Jagdvergnügungen von seinen Nachfolgern aus dem Oestereichischen Hause gebraucht. Unter der französischen Herrschaft benutzte man es erst sechs Jahre lang zum Militairhospital und wüstete es, dann sollte es zur Aufnahme des Lyzeums eingerichtet werden, und endlich ward es eine der Senatorien des Kaiserreiches, und als solche wieder besser erhalten. Im Jahr 1814, bei der Restauration der deutschen Regierung auf dem linken Rheinufer, mußte es wieder zum Militairhospital dienen und brannte zum Theil ab, dann ward es für die klinischen Anstalten der neuen Rheinischen Universität bestimmt, und ist endlich nun wieder gebaut und gebessert, nicht allein für die naturhistorischen [141] Sammlungen, sondern auch zur Wohnung der Lehrer und Angestellten dabei, königlich eingerichtet.

Man wird beim Besuche dieses höchst erfreulich gedeihenden und für Jedermann durch seine auffallenden Schönheiten und merkwürdigen Seltenheiten so sehr anziehenden naturhistorischen Museums, gewöhnlich zuerst nordwärts in die bei weitem das Aeußere des Gebäudes übertreffende innere Gemächer desselben, und zwar zuerst in den noch so benannten Grotten- oder Muschelsaal eingeführt. An dessen Verzierung mit Coquillage soll seiner Zeit der erste Künstler La Potterie sieben Jahre lang gearbeitet haben, und anstatt der Heizungen sprangen in dessen beiden Nischen kühlende Wasser, die in weite Bassins zurückfielen; es ward als Sommerspeisesaal auch durch die Gerichte versehen, welche vermittelst eines unterirdischen Ganges unter der Brücke hinweg von der jenseits der Straße liegenden Küche beigebracht wurden. Dieser Saal liegt zugleich beinahe im Mittel der Reihe von zwölf Gemächern, worin nacheinander über fünfzig Tausend aus der unendlichen Reichhaltigkeit des Erdkörpers entnommene Exemplare zusammengebracht und nach einer natürlich wissenschaftlichen Anordnung vertheilt sind, die von dem geringsten Atome der Mineralien, durch das Gewächsreich und zu allen Stufen der Thierwelt hinauf bis zu dem Herrn der Schöpfung, dem Menschen, und seinem nach den intellektuellen Fähigkeiten der Seele bezeichneten Schädelbaue emporsteigt. Durch den natürlichen Schmuck und die kunstmäßige Anordnung der verschiedensten und schönsten Muscheln bis zu dem beweglichen Gebilde des Geflügels, ist der Eingangssaal selbst eine naturhistorische Merkwürdigkeit geblieben, auch außerdem in soweit als solche belassen worden, und es sind darin [142] neben einigen Modellen zur Lehre vom Bergbau nur einige naturhistorische Prachtstücke aufgestellt, worunter eine Säule vom Linzer Basaltberge an achtzehn Fuß lang und kaum einen halben Fuß dick, und eine dergleichen von mehreren Fuß Länge, welche aus dem Synter einer römischen Wasserleitung aus der Eifel bis Bonn und Köln hin, gearbeitet ist, so vordem eine Zierde und Zeichen der Palatinenburg und der älteren abteilichen Kirche auf dem Siegberge gewesen, sich befinden.

Von hier tritt man rechts in die eine der beiden Gallerien dieser Seite, zu der mineralogischen Sammlung von mehr als dreißig tausend Exemplaren, und findet in Glasschränken längs den Wänden herum die geognostische Abtheilung bewahrt und bereichert mit den zehn tausend Stücken der ausgezeichnesten Petrefakten, welche uns heute noch einen belebenden Rückblick in die vegetabilischen und animalischen Gestaltungen der Vor oder Urwelt erlauben. Diesem cyclischen Anfange und Ende der Mineralienbildungen folgt in dem großen nordöstlichen Ecksaale, vordem der gewöhnliche Speisesaal, an seiner Decke noch mit Resten schöner Fresken von Schöpf gemalt, die in Wandschränken und auf den Tischen aufgelegte oryktognostische Abtheilung, wobei die reiche und ausgewählte Einbringung der Gebirgs-Arten und der vulkanischen und neptunischen Produkte des Niederrheins, die sich in großen Suiten, und vor allen durch Schönheit und Mannigfaltigkeit der Crystallformen auszeichnen, noch besonders sehenswerth bleibt. Hierauf folgt in einem Zimmer ostwärts die treffliche und äußerst zahlreiche Abtheilung der einzelnen Mineralien, welche mit der vorhergehenden zwanzig tausend Exemplare zählt, und wobei sich eine besondere Auswahl für die Vorlesungen befindet, so in dem [143] daran stoßenden Zimmer an die Zuhörer von der Universität gehalten werden. Wieder in den Eingangssaal zurückkehrend, kommt man links nach der Nordseite des Schlosses in die anderweitige Gallerie, und nach Nebenbeseitigung des Botanischen, zu dem Anfange der zoologischen Abtheilung des Museums, von mehr als zwanzig tausend Exemplaren, und zuerst an die vorwaltend Erdmassen produzirende Muschelthiere mit ihrem Reichthum an wunderbaren Formen, die Schaal- und Korallenthiere, zum Theil auch nackt und mit den Gewürmer-Arten der Erde in Spiritus aufbewahrt. Den darauf folgenden nordwestlichen Ecksaal, füllt, so darf man sagen, die mit unbeschreiblicher Eleganz und Zierlichkeit aufgelegte mikrokosmische Abtheilung von neun tausend Arten der Insekten, Krebse und Spinnen, wozu nun auch ein Herbarium von mehreren tausend Specien mit vielen in Wachs nachgebildeten Schwämmen und ausländischen Sämereien und Früchten gekommen ist. Zu diesem Saale, so zugleich den Anfang von den fünf großen Gemächern an der Westseite des Schlosses bildet, führten sonst, wie auch an dem ihm gegenüberstehenden südwestlichen Ecksaale, breite steinerne Freitreppen von dem tieferliegenden Garten herauf, weil sie nebst dem Gartenplatz als Atrium für die Geistlichkeit und Weltlichkeit, die Vestibüle der Hofkapelle waren, deren Lokal in der Mitte dieser Seite liegt, und durch sie die feierlichen Prozessionen in das Heiligthum hinein und heraus, zu dem unten liegenden natürlichen Kreuzgang und Garten, den die christliche Gemeinde Poppelsdorf, das andächtige Volk einnehmen durfte, geleitet wurden. Das nächste Zimmer war jedesmal das Vorzimmer für die Kapelle und dient jetzt zur Aufstellung der zoologischen Abtheilung von ohngefähr eintausend Specien der Reptilien, [144] Amphibien und Fische. Durch die je doppelten Seitenthüren, die in allen diesen Gemächern wegen der Kamine in der Mitte der Seitenwände durchaus so angebracht sind, tritt man nun in das Lokal der vormaligen Hofkapelle selbst ein, welches seiner Länge von sechs und siebenzig Fuß nach in drei Abtheilungen zerfällt, von denen die mittlere bei weitem größere welche mit dem Portal gegen Westen nach dem Kreuzgarten für das Hofgesinde und mehrere Andächtige ganz geöffnet werden konnte, als Dom emporsteigt, und auf der Höhe des Daches noch ein Glockenhaus trägt, die beiden kleinern an den Seiten aber als Kapitolien dem Kurfürsten, auch den obersten Staats und Hofchargen, der Geistlichkeit und dem hohen Adel, zur Beiwohnung des Gottesdienstes dienten. Noch steht das Innere dieses Gotteshauses voll Harmonie der Formen und Verhältnisse in seiner Art überraschend da, und die blendende Auszierung von Stuck im antiken Stile unterhalb mit Arkaden und oberhalb mit Lesinen römischer Ordnung, auch der große Spiegel des Gewölbes und vier kleinere desselben mit vortrefflichen Fresko-Gemälden, machen noch immer einen unbeschreiblichen großen und hehren Eindruck auf jeden der diese heilige Halle besucht. Als diese Kapelle noch ganz in ihrem schönen Wesen war, das sie durch die Verwüstungen des Schlosses bis in die gegenwärtige Zeitperiode unversehrt erhalten hatte, ward darin besonders der Hauptaltar bemerkt, an welchem nach Art des Bema in den griechischen Kirchen die Messe an jeder Seite gelesen werden konnte, und welches im Ganzen ein so hehrer Platz in jener Art der Tempel war, daß ihn außer dem Kaiser kein Laie betreten durfte.

Die zoologische Sammlung setzt sich in der vormaligen Hofkapelle mit der reichen und schönen Abtheilung der [145] Vögel zu vierzehnhundert Exemplaren fort, wovon so wie von den Fischen und nachfolgenden Thieren ein großer Theil am Orte selbst für die Anstalt ausgestopft und zugerichtet worden ist, wozu und für die übrigen Arbeiten des Museums am Ende der Abtheilungen mehrere Gemächer bestimmt sind, welche die Hälfte der südlichen Seite des Schloßgebäudes einnehmen. Die nahe an dreihundert Exemplare betragende Abtheilung der den meisten Raum bedürfenden Säugethiere, ist in dem Hochhause der Hofkapelle und eine bunte Gruppe von den größten Bestien, noch immer heraldische Embleme von irdisch Höchstem, nicht ohne Wirkung im Kontrast an dem Platze aufgestellt, wo sonst der oben beschriebene Altar stand. Den Beschluß der mehr als die Hälfte des untern Gelasses vom Schlosse zur naturhistorischen Sammlung verwendeten Gemächer, und einer Arche Noä mit Egyptischer Katakombe nicht unähnlich, macht das zwölfte mit beinahe anderthalbtausend zootomischen Präparaten, und setzt in dem Osteologischen die Grenze und wieder den diesseitigen Uebergangspunkt zu der Sammlung des im vorigen Kapitel geschilderten anatomischen Theaters. Die Hauptthüre der vormaligen Hofkapelle führt aus dem Museum durch einen Quadrant der Arkaden, die den bei einem Fahrthore zum Wenden der sechsspännigen Equipagen schön gerundeten Schloßhof umgeben, südwärts in den Marmorsaal, der mitten in der Fronte gegen den Garten liegt, und worin ehedem der Fürst seine Audienzen ertheilte. Vor den die ganze Weite des Saales einnehmenden drei großen Fensterthüren, dehnt sich im Freien ein breiter Standplatz aus, worauf man die entzückendste Aussicht über den großen und frei mit dem bewegten Wassergraben umgebenen Garten nach dem Godesberg und dem Siebengebirge, dem lebhaftesten Grün des [146] Vorgrundes zwischen hohen Baumgruppen hin zu dem sanften Blau der Ferne, wie in einer italienischen Villa genießt. Ebenfalls auf Marmortreppen steigt man in den botanischen Garten zu Orange-Blüthen und Früchten herab, die schönsten Blumenbouquette blicken zu dem Auge auf, und laden süß duftend in immer neuer Abwechslung zuerst nach den Beeten der perennirenden krautartigen Pflanzen ein, deren Arten gegen dritthalb tausend an der Zahl, in geraden und concentrischen Reihen, nach natürlichen Familien geordnet, um das Bassin mitten im Garten emporsprießen. Zu beiden Seiten des großen Platzes selbst, für die Pflanzung von vier tausend Spezies räumlich genug, stehen die Monokotyledonen und die Farrenkräuter, welche sich hier im Freien ziehen lassen, das größere Mittelfeld aber enthält die Dikotyledonen, und an der dritten Seite oder südlich ist ein Teich den Wasserpflanzen bestimmt, an dessen Ufern auch Beete für die Sumpfpflanzen angelegt sind. Der den auf der Stelle des ältern Schloßbaues aufgefüllten Grund der Beete umgrenzende Rasenteppich, nimmt in seiner Mitte die Staudengewächse in malerischen Klumps zusammengesetzt auf, und von schön geschwungenen Zierwegen durchschnitten, führen diese mit den immer mehr steigenden Gesträuchen zu den majestätischen Gruppen hoher Waldbäume mit in die an beiden Enden des Gartens befindlichen Alleen hinein. Im feuchten Dunkel der kühlen Schatten des Gehölzes und darunter künstlich gebildeten Felsenparthien, gedeihen ferner die aus der freien Natur von solchen Orten hieher gesetzten Gewächs-Arten, Moose und Alpenpflanzen und vermehren den Reichthum der in diesem Gartenraume kultivirten Gewächse, deren Arten insgesammt nun schon die Zahl von sechs tausend Pflanzenspecies [147] beinahe erreichen. Auch die warmen Gewächshäuser, davon mehr als die Hälfte enthaltend, sind reich an seltenen Pflanzen aus den tropischen Ländern, und stellen sich im Bilde mit der südlichen Fronte des Schlosses dar; sie ziehen mit einer Länge von beinahe dreihundert Fuß in fünf Abtheilungen dahin, welche durch Wärmeleitungen zu jeder Jahreszeit den Pflanzen die verschiedenen Temperaturgrade gewähren, deren sie nach dem Klima ihrer Heimath bedürfen. Die zu einem gleichförmigen Ganzen wohl zusammengebauten Gewächshäuser sondern den Hauptgarten von dem hinterliegenden Nebengarten ab, so ehedem der Kreuzgang und Garten der Hofkapelle, und früher der Lustgarten des alten Schlosses war, und worin sich jetzt die einjährigen Pflanzen und am Ende die Mistbeete und Treibhäuser befinden.

Zu der schließlichen Betrachtung des Poppelsdorfer Schlosses nach seinem jetzigen Zustande, wobei es gewiß eine der interessantesten Parthien in der nächsten Umgebung von Bonn geblieben und noch mehr geworden ist, leitet die Marmortreppe wieder in den vormaligen Audienzsaal, der jetzt zu den Vorlesungen und Demonstrationen des Unterrichts in der Botanik im Sommerhalbjahre benutzt wird, und aus diesem ostwärts in die vierte Abtheilung der hiesigen Universitäts-Institute, die der Natur sich allernächst anschließende wissenschaftliche Werkstätte. Nach dem Verbleiben des physikalischen Kabinets in dem Schloßgebäude zu Bonn, folgt in der großen Gallerie nun neben dem Marmorsaale der chemische Apparat und eine polytechnisch-technologische Sammlung, die zu betreffenden Lehren mit der Professur in der Chemie verbunden ist, und darauf die schönen und ebenfalls sehr geräumigen Lokale, die technologische Werkstätte, das Auditorium [148] und zuletzt das chemische Laboratorium, mit besonderem Eingange von Außen. Die fürstlichen Gemächer auf der Höhe des Gebäudes sind zu Wohnungen der Lehrer, der Vorsteher und Conservatoren mit ihren Familien, und für die an älteren Werken zahlreiche Bibliothek der Leopoldinisch-Karolinischen Akademie verwendet, welche zugleich mit der Universitäts-Bibliothek zu Bonn eine solche besondere Abtheilung des naturhistorischen Museums vertritt, und entbehrlich macht. Die übrigen Zubehörungen des Schlosses Poppelsdorf liegen jenseits des Landweges um einen freien Platz im Halbkreise, von dem die Pappelallee gegen Brühl ausgeht, und bestehen rechts aus der Wohnung des botanischen Gärtners in dem vormaligen Küchenbau mit hinterliegenden großen Garten und Obstbäumen, welche die ausgetrockneten Fischweiher der ehemaligen Hofhaltung beschatten, links aber aus der vormaligen Wohnung des Oekonomen, mit dem Gemüsgarten und hinterliegenden Resten einer Schweizerei, so auch neuerdings zum Behufe eines mit dem Tode des Lehrers heimgegangenen landwirthschaftlichen Instituts der Universität, eingerichtet und benutzt waren.

Der dicht an dem Lustschlosse belegene Flecken Poppelsdorf, zu dem bei Einweihung der Hofkapelle Clemens August auch einen prächtigen Jahrmarkt stiftete, dessen Verkündigung unzählbare Fremde vom hohen und niedern Stande herbeizog, wobei es jedoch aus Mangel an hinreichendem Absatze, dem edlen Fürsten bald übrig blieb, die Verkäufer an den Reise- und Frachtkosten schadlos zu halten, und die für sich zur Aufmunterung des Landesverkehrs erstandenen Sachen wieder großmüthig an seine Untergebenen zu verschenken, zieht mit demselben Landwege, nunmehr in so weit eine breite gepflasterte Straße, [149] nach dem Kreuzberge hinan, und bildet jetzt von vielen Studirenden bewohnt, nicht uneigentlich eine Art Vorstadt von Bonn. Die bestehende lange ansehnliche und doppelte Häuserzeile mit der Straße zugleich die Bach und vordem auch die Röhrenleitung zu dem Springbrunnen des Schlosses in sich aufnehmend, wird in der Mitte durch den Vicinalweg von Kessenich nach Endenich kreuzweise zerschnitten, und hat auf der rechten Ecke des so gebildeten Platzes die aus den Resten der alten St. Martinskirche zu Bonn erbaute Kapelle, links aber die große Gartenanlage und das anmuthige Schlößchen, die Sternenburg, sein ehemaliges Burghaus, und vielleicht noch aus der römischen Zeit, ein dem Namen nach nicht unkenntliches uraltes Tempel und Orakel-Lokal, oder Boccadium. Dieses liegt etwas zurückgezogen an dem noch so benannten Venusberge, und dürfte allerdings über das höchst sonderbare Prädikat des Dorfes, Poppel, einigen antiquarischen Aufschluß geben, welches, wenn man zugleich seinen Ursprung nach alter Sage von der römischen Villa eines Publius, und bis in die jüngste Zeit seinen herrlichen Besitz als Tafelgut des Oberpriesters vom Münster, und dessen Anbehör zu jener Stadt zusammen betrachtet, wohl als herzoglicher oder Satrapensitz einen diesseitigen Wohnort des Volkes (populi) charakterisirt, dessen Zufriedenheit selbst noch dem Kaiser Otto unumgänglich noth that, um den Kottenforst, ein stattliches Gemeingut, an dessen Ausgang und öffentlicher Straße das Dorf liegt, seinem Bruder dem Erzbischofe Bruno im Jahre 970 von Reichswegen zu verleihen. Auf den Venusberg selbst, auch Sonnenberg genannt, einem Hain am Vorgebirge des kleinen Kottenforstes, wird der schönen Aussicht wegen, noch oft besonders von Bonn und Poppelsdorf [150] gewandert, und er hat dem Kreuzberge südöstlich vorgelegen, den reizenderen Anblick beider Orte, die sich hier näher und besser zur Ansicht darstellen. Dicht an der Sternenburg vorüber führt jetzt ein steiler Fußpfad nach der mit frischem Grün und hoher Bewaldung ausgezeichneten Höhe, auf welcher man im kühlen Schatten und im Lichten der anderseits bis in das Bonner Thal herabziehenden Bäume, den angenehmsten Standort und Ruheplatz findet, vor welchem vom blauen Himmelsbogen umzogen dem hierher geeilten Naturfreunde wie dem aus der Oede des Kottenforstes gedrungenen Weidmanne, das Panorama von Poppelsdorf und Bonn, glänzend sich ausbreitet. Man sieht auf dieser Vennenhöhe allernächst deutlicher als auf dem Kreuzberge die Hauptfronten des Lustschlosses und den ihnen nordwestlich vorgezogenen Garten der Hesperiden, gleichmäßig die Stadt Bonn sowohl mit ihrer dem Rhein aufwärts gewendeten Hauptfronte oder Schloßgebäude und vorstehenden hohen Baumgruppen, wie ihre Westseite mit dem stattlichen Münstergebäude, dessen vier Nebenthürme je zwei und zwei sich decken, und wäre die Stelle um weniges mehr ausgelichtet, so würde man schon hier am Gehänge wie mehr oben auf dem kahlen Gipfel, den Kreuzberg und den Drachenfels sehen können. Dennoch lassen sich in der Abendbeleuchtung noch schöner als auf dem ersteren Berge, der Weg nach demselben ersehen, die Dörfer Poppelsdorf, Endenich, Rosdorf und Alfter, der Hennesenberg oder Johannesberg bei Bornheim, die Stadt Köln, die hohe Allee von Bonn dahinwärts und Buschdorf, die hohe Baumgruppe bei Beul, Schwarz-Rheindorf und Villich mit ihren Stiftsthürmen, Siegburg, Pützchen mit seinem Klosterbau, und der Kasseler Grund mit seinen [151] Ortschaften und das Hartgebirg oder den Rückersberg dahinter, der nächst hoch und breit mit dem Etnich in das Siegthal, mit dem Finkenberg aber zu dem Rheine hinabzieht, von dessen Wasserspiegel die Holzungen am Ausfluße der Sieg sich noch über Bonn hervorheben. Von unserem Platze aus ersteigt man auch den Weg längs dem ohngefähr vierhundert Fuß hohen Saalbande und steil abstürzenden Gehänge des Vorgebirges bis nach dem Godesberge hin, einen Fußpfad, sonst auch Knotenweg, vom Verknüpfen der Baumzweige zu dessen Bezeichnung benannt, der bald sich durch das Dickigt der Eichen und Buchen windet, bald wieder auf lichten Stellen jedesmal eine neue und schönere Aussicht bietet, von denen die auf der Höhe von Kessenich, die auf der Dottendorfer Klippe, die bei dem Alaunwerk zu Friesdorf, und die auf der Schweinheimer Heide bei Godesberg, als die vorzüglichsten gepriesen sind. Es zieht sich der Venusberg anderseits mit seinem üppigen Holzwachsthum und Vorwald bis zu der Rebenneige nächst dem eine kleine halbe Stunde entlegenen Dorfe Kessenich, das zu den größern Ortschaften in der Umgebung von Bonn gehört, und nicht allein häufig von der gebildeten Klasse der Städter besucht, sondern auch von mehreren solchen Familien bewohnt wird. Man kann den kürzeren Weg dahin ebenfalls durch das Dickigt und auf einem Knotenabwege einschlagen, oder besser und bequemer wieder im Grunde der Landschaft durch den sich dahin erstreckenden Hain, an dem Wald oder Vennhause vorüber nehmen. Das Dorf zeichnet sich zwischen Baumgärten und Rebenhügeln mit seiner hochstehenden Kapelle aus, und ist an dem Landwege längs dem seeuferförmigen Fuße des Vorgebirges hin gelegen, da wo vom Godesberg heran, starke zum Theil sumpfige und nasse [152] Aushöhlungen in dem Sand und leicht aufgeschwemmten Erdboden nach dem Fall des Stromes hinziehen, und so fort bis gegen Köln hinab für ein uraltes Rheinbette ausgegeben werden. Kessenich (Castinacha) ist ebenfalls ein sehr alter Ort, war auch in St. Martin zu Bonn eingepfarrt, und gehörte in politischer Hinsicht ehedem mit Friesdorf an den Dingstuhl zu Dottendorf in dem Amte Bonn; auch hat die Fürsorge der Klöster uns eine sehr alte merkwürdige Nachricht von diesem Dorfe hinterlassen, welche zugleich Urkunde von der Größe und Bedeutsamkeit solcher Orte schon im frühen Mittelalter abgiebt. In der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts nämlich, belehnte Kaiser Lothar den sächsischen Grafen Egbert, auch wohl Essich benannt, welcher bei den Einfällen der Normannen zum Heerführer der Sachsen ernannt worden war, und dem alle sächsischen Grafen zuziehen mußten so lange er bei dem fortwährenden Kriege das Kommando führte, mit acht Höfen in unserer Villa Kessenich, gelegen in der Grafschaft Bonn des Ripuarischen Gaues, zur Belohnung seiner Verdienste weiter fort. Diese ansehnlichen Güter schenkte der Graf später, im Jahre 844, nach Bekriegung der Slaven, an das erste von Karl dem Großen in Sachsen gestiftete Kloster Corvey, was Kaiser Lothar das Jahr darauf bestätigte. So kam das nachherige Stift und dessen Fürstabt zu den ansehnlichen Weinbergen in Kessenich, welches nach Bonn noch die meiste Traubencrescenz im Kreise hat, und wohin von Corvey oder von Eresburg, woselbst wie zu Siegburg Karl der Große die erste Kirche gebaut, jährlich bis in das 12te Jahrhundert die Weinreise geschah, bis später über diese Güter der Probst des Münsterstiftes als Vogtsherr bestellt ward.

VIII. Der Kreuzberg bei Bonn mit seinen Merkwürdigkeiten.

[153] Nächst bei der Stadt Bonn bilden die von der rauhen Gebirgsgegend der Eifel nach Abend hin dem Unterrhein zu streichenden Anhöhen, welche noch den äußersten Ausdehnungen des berühmten Ardennischen Waldes beigezählt werden, das sogenannte Vorgebirge, so einerseits mit bewaldeter Höhenfläche und felsigten Abhängen dem Rheinstrome immer näher streift und mit dem Godesberg und Rolandseck zusammen fällt, anderseits vom Ufer des jetzigen Strombettes immer mehr landeinwärts zieht, und sich mit seinem fruchtbaren Gehänge allmählig breiter gegen Köln hin in die weite Ebene ausdehnt. Ueber dem Orte Poppelsdorf, eine viertel Stunde Wegs von der Stadt Bonn, hebt sich das Gebirg gegen Endenich empor und bildet eine steile und stirnförmige Anhöhe, welche der Mund des Volks mit dem Namen: Critzberg, die allgemeine Sprache mit der Benennung Kreuzberg bezeichnet. Weit und breit ist die Stelle seines Gipfels sichtbar und bemerklich, der in ausgezeichneter Form ein kirchliches und klösterliches Gebäude trägt, zu dem die dahin aufsteigende Pflanzung hoher Fichten den Blick schon von ferne dem Himmel näher führt.

Oben auf dem Berge selbst, dessen Plattform vierthalbhundert Fuß über dem Rheinspiegel bei Bonn liegt, [154] und seiner Aussicht wegen von dort her selten unbesucht bleibt, stellen sich über der einerseits vorliegenden Waldfläche des Venusberges noch die Spitzen der Siebenberge dar, andernseits und rheinabwärts erhebt sich am Horizonte die Stadt Köln mit ihren hohen Thürmen und großen Gebäuden, die aus ihrer Ferne dennoch Unterscheidung und Erkenntniß im Einzeln gewähren lassen. Ganz besonders überraschend, schön und herrlich ist die Aussicht an der Seite der Fichtenallee hinab, gerade über die Stadt Bonn, und weiter über den Rhein weg das Siegthal hinauf. Aber wahrhaft einzig und wie hingezaubert erscheint diese Landschaft, die kein Gemälde hinreichend schildern kann, am Abend, wann das Sonnenlicht im Rücken des Beschauers strahlend dessen Blicke vorwärts beflügelt. Zuerst erhebt sich aus der Ebene, Ort und Schloß Poppelsdorf, das mit majestätischen Baumgruppen und lang hinziehenden Alleen umgeben ist, worunter die schöne Doppel-Allee, gerade auf den Hauptflügel des ehemaligen kurfürstlichen Residenzschlosses zu Bonn, des jetzigen königlichen Universitätsgebäudes führt; anderseits der Stadt stellt sich dieser Gegend zugewendet das erhabene Gebäude des Münsters dar, um dessen fünf Thürme die übrigen Kirchen sich majestätisch gruppiren. Ferner fällt das Auge über die hochliegenden Stadtgebäude, welche den Rheinwasserspiegel decken, zu den jenseitigen Orten, Schwarzrheindorf, Villich und Pützchen, mit ihren Thürmen, Stiftsgebäuden und Kirchen. Endlich erinnert die ausgezeichnete Lage der Stadt Siegburg an dem kleinen seichten Flusse und großen Felsen mit dem vormaligen Klosterbau des heiligen Anno an die höchst ähnliche Lage Athens mit seiner Burg, der Akropolis, von dem Hafen Munichium aus gesehen, und es ist hier [155] die tief liegende Landschaft im Thale der Sieg nicht minder lieblich umkreiset von der zusammenhängenden Reihe von Wohnorten und einem Bogen von Anhöhen.

Auf unserm oberhalb griesigten zum Theil dennoch bewaldeten Berge, der seine mit Wein beflanzte Neige nach dem Dorfe Endenich, bei dem der Standpunkt für die Abbildung desselben ausgewählt worden, weil er da der Wahrheit gemäß, am natürlichsten sich darstellt, weit hinabdehnt, führen mehrere Wege, und zwar der älteste Hauptweg, eine tiefe Hohle, eben von letzterm Dorfe aus an der auch im Bilde sich auszeichnenden Mordkapelle vorüber. Dieses ist ein neueres Kapellgebäude mit besonderer Küsterwohnung, welches im Jahre 1721 zu Ehren der Thebaier, Cassius, Florentius und Malusius, die als Christen auf dem Kreuzberge den Martirertod erlitten, und auf diesem Platze sind beerdigt worden, errichtet und eingeweiht, nachdem hier deren Gebeine schon im Jahre 1167 von dem Erzbischof Reinold wohl erhalten erhoben und dem Probst Gerhard von Bonn für seine Münsterkirche, worin sie sich zum Theil noch bis auf den heutigen Tag aufbewahrt befinden, sind übergeben gewesen. Alle Jahre, den Sontag nach dem Todesfeste obiger Märtirer, zieht die große Prozession der umliegenden Kirchengemeinden aus der Endenicher Kirche, und feiert das Seelen-Amt obiger Heiligen in dieser Kapelle. Ein zweiter höchst anmuthig ausgedehnter Weg führt unter herrlichen Bäumen am Rande des rauschenden Baches zu dem hinterm Kreuzberge gelegenen Waldorte Lenxdorf, das eine merkwürdige alterthümliche Kirche besitzt, und in dessen Gemarkung der Gipfel des Kreuzberges liegt, auf denselben zuletzt am steilsten aber auch am überraschendsten hinan. Er trifft auf der Scheitelfläche des Gebirges [156] beinahe mit der Landstraße über Poppelsdorf und den Kottenforst nach der Eifel wieder zusammen, einem neu gebauten bequemen Fahrweg, bei der kleinen Höhe, dem Aschenberge, woselbst, ehe man zu einem Hofgebäude vor Ippendorf am Walde kommt, der Seitenweg gerade nach dem Kirchengebäude des Kreuzberges rechts auslenkt.

Es war dieser Ort sonst ein Hain, immer einer besonderen Verehrung der Gottheit gewidmet, und mit seiner Vorhöhe seit uralten Zeiten ein mit dem Kreuze bezeichneter Dingplatz, oder Versammlungsort des Volkes, wo es zu Zeiten häufig zusammen kam. So meldet die Kölner Chronik im fünfzehnten Jahrhundert bei dem Jahre 1429: »auf St. Antonius-Tag sei viel Volk bei dem Kreuz bei Bonn oberhalb Lenxdorf gewesen, an fünfzig tausend Menschen, und man hätte gesagt, es sollte auf diesen Tag eine Messe daselbst gehalten werden, so aber nicht geschehen.« Sonst, noch im 16ten Jahrhundert wurden am grünen Donnerstag aus der Marienkirche zum Kapitol in Köln, die Betenden theils in Prozession nach dem heiligen Kreuzberge bei Bonn, auf Charfreitag aber zur Compassion der seligen Jungfrau hingeführt, theils diese Ceremonie zugleich unter demselben Titel in obiger Hauptkirche Kölns, wie jetzt die Bornhofer Andacht im Münster zu Bonn abgehalten. Ebenso zog auf den 20ten Januar jedesmal die Bonner Freischützengesellschaft hieher, um wie aus einem Munde durch die Fürbitte des heiligen Martirers Sebastian, Gott um seinen Jahres-Segen anzuflehen. Endlich bildete der Kreuzberg mit den Municipien, Poppelsdorf, Kessenich, Lenxdorf und Ippendorf das weltliche Dominium des Probstes vom Münster in Bonn, wegen welchem derselbe ein Herr hieß.

Im Winkel den Straße und Weg mit einander machen, [157] auf einem bewaldeten Grundstück, dem gegenüber ein Bildstein mit der Passion vom Jahr 1616 und vortrefflicher Arbeit sich zum Theil erhalten hat, stand vordem eine alte kleine Kapelle, von andächtigen Bonnern zu Ehren des heiligen Kreuzes erbaut und insbesondere der schmerzenreichen Mutter Gottes geweiht. Als aber jene alte Kapelle mit der Zeit zerfiel, und am Anfange des 17ten Jahrhunderts bei neu auflebender Gottesverehrung an diesem Orte, von obigem Baue fast nur die Hälfte noch da stand, beschloß der Kurfürst Ferdinand das Heiligthum neu zu bauen, die Kapelle in eine Kirche umzuwandeln, auf einen freier gelegenen und nähern Platz. Diesen zu bestimmen gab sich der Bischof selbst an den Ort, zu der besuchteren Vorhöhe des Berges, wo schon länger zwei Eremiten sich niedergelassen hatten. Wunderbar genug, so sagt der Bericht, stand das weiße Roß welches den Herrn trug, unbeweglich auf dem Platze still, wo das jetzige Kirchengebäude sich erhebt. Daselbst wurde dann im Jahre 1627 am dritten Mai der Grundstein zum Bau gelegt, und derselbe schon im folgenden Jahre zu Ehren des heiligen Kreuzes eingeweiht. Größer und anhaltender ward nun das Zuströmen der Andächtigen zu dem neuen Gotteshause, welches den Fürsten bewog, seine Stiftung Gott geweihten Männern vom Orden der Serviten aus Böhmen, die anfänglich ihre langen Bärte, ein Zeichen der Eremiten, noch forttrugen, zu übergeben. So entstand bei der Kirche ein Servitenkloster, und dauerte mit den Mönchen fort bis in unsere Zeiten, wo sie mit manchem Uebrigen wieder im Leben verloren giengen, aus dem sie sich am geheiligten Orte gerettet glaubten. Fast aller der früher verstorbenen Klosterbrüder Leichname sind jedoch noch hier durch die Natur des Erdbodens, am [158] Orte erhalten, als wenn sie ohnlängst zur Gruft getragen wären; sie befinden sich in dem Todtengewölbe des Gotteshauses, da wo das edle Roß mit seinem Hufe den Platz für ewig bezeichnete. Hier liegen die Leichname der frommen Mönche in ihren Ordenskleidern, auf offnen Todtenladen und wie auf ihrem zeitlichen Ruhelager, in langen Reihen hingestreckt, entgegenharrend dem Machtworte des Weltrichters, das einst in die Nacht der Gräber schallen und die Todten hervorrufen wird zum allgemeinen Gerichte.

In den stillen hehren Tagen der Fasten, insbesondere am Charfreitage, ist fortwährend der Berg und die Kirche vorzüglich von den Bewohnern Bonns und der Umgegend zahlreich besucht, und Jeder folgt gern dem allgemeinen Zug dorthin mit frommen Wünschen nach. Von Poppelsdorf her führen mit der obengenannten Landstraße noch drei andere Wege auf den Berg und zur geheiligten Stätte hinan; der eine ist ein vielgekrümmter, und ebenfalls in das sandige Erdreich eingefurchter alter enger Hohlweg, mit Monumenten der Leidensgeschichte Christi besetzt, der andere diesem zur Seite, ist eine breite gepflasterte Steige von künstlicher Anlage unter den erwähnten zwei Reihen hoher immer grünender Fichten. Beide führen zu dem Kirchengebäude, und sind gewöhnlich die besuchtesten zum Auf und Absteigen der Frommen und Betenden. Der dritte Weg geht von der Landstraße auf der halben Höhe des Berges rechtwinklicht ab, und führt zu dem östlichen Ende der Kirche gerade auf das Portal eines dieser ostwärts angebauten Hauses zu, welches in neuerer Zeit, um das Jahr 1746 durch den Kurfürsten Clemens August von dem ihm zugekommenen hundertjährigen Schatze des Deutschmeisterthums, aufgeführt ward. In demselben befindet sich die hohe prächtige Marmorstiege, eine Nachahmung [159] der heiligen Treppe zu Rom, und mit dieser der Jerusalemitanischen, von der jede Stufe durch eine besondere Reliquie von Heiligen, und das Ganze vom Pabst Benedickt XIV, mit ausnehmenden Ablässen auf das Freigebigste versehen worden ist; in dem Gewölbe unterhalb derselben aber befindet sich das heilige Grab. Zu dieser doppelarmigen Stiege, welche in der Charwoche Allen geöffnet ist, bewegen sich die römisch-katholischen Christgläubigen auf der Mitte nur kniend hinauf, und nähern sich, und beten an, in tiefer Demuth und Rührung aufschauend zu Dem, der am Kreuze sich hingegeben hat, um Alles zu versöhnen.

Das Portal dieses Hauses, reich an Bildwerk und architektonischer Verzierung, soll die Façade von dem Palaste des römischen Landpflegers in Palästina, des Pontius Pilatus zu Jerusalem vorstellen, worin Jesus Christus verurtheilt worden, auch dreimal eine solche Treppe auf und abgestiegen war; so sind auch auf unserm Exemplar an dreien Orten durch das aufgelegte Deutschmeisterkreuz die Stellen bezeichnet, wo das Original die natürlichen Flecken von Christi Blute hat. In der Mitte des Balkons an diesem Portale steht die Statue des leidenden Erlösers in Lebensgröße mit dem Purpurmantel und der Dornenkrone angethan, hinter ihm die Diener der heidnisch römischen Gerichtspflege in Judäa mit spottender Miene, und links dieser Hauptgruppe der führende Kriegsknecht. Rechts dem duldenden Gottmenschen steht Pilatus selbst, wie er so eben das unten stehende Volk auf den mishandelten Gerechten hingewiesen: Sehet da den Menschen! und nun mit der Hand auf der Brust betheuert: Ich finde keine Schuld an ihm. Hinterwärts zu beiden Seiten in den Arkaden drängen [160] sich je zwei und zwei hervor, einige der Pharisäer und Schriftgelehrten. Links hebt einer eifernd die heilige Schrift des alten Bundes in die Höhe, und scheint mit seinem Begleiter auszurufen: wir haben ein Gesetz, und nach diesem muß er sterben, weil er sich selbst zum Sohne Gottes gemacht hat. Mit beiden einstimmend weiset rechts ein dritter in dem schon aufgeschlagenen und hoch emporgehaltenen Gesetzbuche triumphirend auf die Stelle hin, wo der Unschuld das Verdammungsurtheil unwiderruflich gesprochen sei; während ein vierter im tiefsten Schmerz die Hände ringend, seine innigste Theilnahme zwar an dem Leidenden enthüllt, und dadurch das Widerliche in dieser Scene mildert, aber auch auszusagen scheint: Er ist nicht mehr zu retten.

Die Thüren der heiligen Halle stehen fortwährend geöffnet, und es zeigt sich immer die geheiligte Stiege bis oben hinauf mit Gläubigen und Betenden an einem fort bedeckt. Oben an steht der Altar, darauf eine große Passion, und über demselben der Versöhnung hochheiliges Zeichen; von ihm wird an beiden, bei den mit acht Fenstern versehenen Wandseiten die Stiege obrückgegangen. Hier verblieb auch noch durch die alles störenden Zeiten Clemens August's eigenhändig unterzogenes Edikt vom Jahre 1751, in Latein und Deutsch angeheftet und bewahrt, welches die Heiligkeit dieser Stiege mit dem den Herrn in sich bergenden brennenden Dornbusch auf dem Berge Horeb vergleichet, und verordnet sie nur mit gelösten Schuhen, nicht mit Stiefel und Degen zu begehen, die Ritter hoher Orden ausgenommen. Neben dem vortrefflichen italienischen Marmor der Treppe von acht und zwanzig Stufen, wovon jede zehn Fuß lang, ist die [161] Halle auch noch durch schöne Stukaturarbeiten und emblematische Malereien an den Bogenflächen der Decke verziert, und hat so von Außen und Innen einen doppelt anziehenden Reiz.

Ebenso ist es auch mit der durch die Munificenz des unvergeßlichen Clemens August mit Kunstwerken und manchen andern Zierden begabten vormaligen Klosterkirche der Fall, in welche an diesem Tage zuerst die Gläubigen wallen um zum Theil nach Beichte und Gebet die heilige Stiege, ferner das heilige Grab zu besuchen. Beim Eingange in die Kirche vom Klostergebäude her, zeichnet sich von den, unterm Gewölbe der Decke angebrachten großen und schönen Frescomalereien, besonders das Bild der Auffindung und Erhebung des wahren Kreuzes aus, wie dasselbe durch die Heilung eines Lahmen erprobt durch Genien auferhoben und ihm vom ersten Bischof von Jerusalem Rauchwerk geopfert wird, während die Kaiserin Helena gratiös, mit dem auf die linke Schulter zurückgelehnten Scepter, vor demselben anbetend auf den Knien liegt. Das Gebäude höchst einfach von Außen, als Klosterkirche, ist übrigens von keiner bedeutenden Größe, aber von guten Verhältnissen im Innern. Es besteht hier zuerst aus drei aneinander gesetzten Quadraten, von denen das am westlichen Ende die Orgel, und den Eingang in die Kirche vom Kloster und von Außen enthält; im zweiten Quadrat befindet sich an der nördlichen Wand der schön verzierte Predigtstuhl, mitten auf dem Boden desselben aber die Thüre in das Todtengewölbe, welche jetzt bequemer, statt des vormaligen schwer abzuwälzenden Steines, wozu erst Mannschaft auswärts beschieden werden mußte, leicht durch eine hölzerne Thür, und nur gegen Vergütung von fünf Silbergroschen für das Licht, [162] von dem Küster geöffnet und vorgezeigt wird, welcher kürzlich auch gestorben ist, und der letzte am Orte lebende Bruder-Gärtner des Klosters war, so hiebei nicht verfehlte auf einen seiner Vorfahren, der mit einem Kranz ums Haupt und ebenfalls ins Kreuz gelegten Händen bei den ersten in der Reihe liegt, stolz hinzuweisen. Auch sind in dieser das Schiff bildenden Abtheilung der Kirche noch die sieben Morgensterne zu bemerken, deren sich sonst die Meister von den sieben Brüderschaften der schmerzenreichen Maria bedienten, welche aus eben so vielen benachbarten Ortschaften als Lenxdorf und so weiter jährlich am vierten September, dem Tage der heiligen Rosalia, auf den Berg zogen.

Das dritte Quadrat bildet den Hochort, woselbst bei feierlichen Gelegenheiten ein großes, prächtig gekleidetes Bild der schmerzenreichen Mutter aufgestellt ist, und davor ein Opferstock mit der Inschrift: O du, der du Erhebung im Gebet gefunden, und so weiter. Dieser Hochort verlängert sich nördlich und südlich jedesmal um ein halbes Quadrat, zur Form des lateinischen Kreuzes, dessen nördlicher Arm mit seinem Altare in die Ehre des heiligen Sebastian, des Donnerer, wie ihn der kölnische Dichter Stevich nennt, geweiht ist, und welchem auch, wie der kölnische Geschichtsschreiber Gelen bemerkt, in der Kölner Diocöse so viele Altäre gesetzt wären, daß man ihn füglich für den Patron derselben halten könnte. In dem südlichen Arm, befindet sich gleicherseits ein Altar der heiligen Jungfrau Maria Magdalena, und eine alte Kopie des englischen Grußes nach dem Originalgemälde vom Apostel Lucas. Ostwärts obigem Hauptquadrat ist ebenfalls zuerst ein Halbquadrat und dann weiter noch ein Halbkreis angesetzt, der Chor, in dessen Mitte der Hochaltar, eine Ara von größter [163] Ausdehnung mit dem Tabernakel in der Mitte steht, worin jetzt an der Stelle der Monstranz ein dunkelbraunes aus Birnbaumholz geschnitztes Bild der schmerzenreichen Mutter mit dem Leichnam des Erlösers auf dem Schooße sich befindet, welches Rundbild noch aus der alten Waldkapelle herrühren soll. Ueber diesem Tabernakel erhebt sich auf einem Postamente von schwarzem Marmor, an dessen Platte die Namen der Künstler mit der Jahrzahl in großer Schrift: W. en H. ROTTERMONDT. A. 1775. gezeichnet sind, die Bildsäule der heiligen Helena, wie sie das wahre Kreuz an dem der Heiland der Welt gelitten mit eignen Händen von neuem erhob, der Welt vorzuleuchten. Das mattvergoldete Kunstwerk ist von Blei gegossen, und wenn es schon eine Nachahmung derselben Statue ist, welche im Münster zu Bonn aufgestellt worden, doch von noch größerer Gestalt, verbesserter Stellung, höherem Schwung, schönerem Ausdruck, und mehr fleißiger Ausarbeitung, besonders der freien, schwebenden und hohl anliegenden Gewänder, ein Triumpf der niederländischen Kunst über die Neurömische. Frohlockend gleitet hier der Blick Helenens und fromm und sinnig von dem Kreuze ab gen Himmel, von dem Kreuze, das sie, ebenfalls massiv geformt und vergoldet, in die Höhe hält, und nicht wie jetzt im Münster auf ein Todtenkreuz, ein schwarzes dünnes Brett, gesenkt. Auch erhebt sich über der Königin auf Doppelpfeilern und Säulen ein hohes Baldachin, und sondert mit Portalen zu beiden Seiten des Altars, auf denen die Bildsäulen, einerseits des heiligen Philipp Bonitius, Stifters und ersten Vorstand der Servitenbrüder, und anderseits der ersten Schwester dieses Ordens, Juliana von Falkoneriis, in ihren schneeweisen Ordenskleidern, dargestellt sind, das äußere von dem innern [164] Heiligthume ab. Zwischen dieser Abgrenzung sehen in der Rundung oberhalb ein großes Fenster nach der heiligen Stiegenhalle und zu beiden Seiten desselben die Fenster von dem Oratorium hervor, welches Clemens August, welcher unserm Kloster ganz besonders hold und gnädig war, und öfter hier verweilte, ebenfalls angelegt hat, herühren.

Von hier führen ebenfalls zwei Eingänge hinter denen am Hochaltar und den zwei Armen der heiligen Stiege hinab unter die Marmortreppe in ein langes Gewölbe zu dem heiligen Grabe. Man sieht hier am Charfreitage die tief einwärts gezogene Felsengrotte von Lichtern hinter Gläser von allen Farben bunt erleuchtet, und bewacht von natürlich gebildeten und grimmig drohenden Wächtern, die jedoch zum Theil schon entschlafen sind; zwischen denselben schweben Engel hervor, deutend nach dem Hintergrund, wo der Leichnam Jesu Christi schwarz eingehüllt auf dem Todtenlager ruht.

Es war ein schöner Frühlingstag als dieser Besuch dem Heiligthum zuerst gemacht wurde, und heiter lächelten Erde und Himmel, und hauchten in jedes Gemüth Ruhe und Frieden, darum war diese Erscheinung des Todtenschlafs erfreulicher als je, und ihn theilte unbewußt das stille Gedränge der im düstern Gewölbe gläubig anstehenden Menge. Es erwartete die, der anderseitigen Ausgangsthüre vom heiligen Grabe in die Kirche zurückschreitenden Gläubigen, am Hochaltar der Priester mit der kostbar eingefaßten Reliquie des heiligen Kreuzes, woran der Heiland der Welt gelitten hatte, und reichte einem nach dem andern, dem Kleinsten wie dem Größten, auch ohne die Gabe, welche von manchem geopfert ward, das Heiligthum zum Kusse dar, womit nebst kniebeugendem Danke jederzeit die Wallfahrt beendigt ist. [165] Von den ehemaligen Klostergebäuden blieb nur noch der Hauptbau an der Kirche, der vormalige Probstbau mit dem Refectorium und Hospitium übrig, worin jetzt die Wohnung eines Geistlichen, und des Küsters der zugleich Oekonomie und Wirthschaft betreibt, eingerichtet ist; das Korps de Logis und der andere Flügelbau aber sind weggebrochen worden. Merkwürdig bleibt noch der über einhundert Fuß tiefe Brunnen, welcher noch einmal so tief als der Thurm der Kirche bis zu der Gallerie hoch ist, und nach der Natur des Erdreichs bei nassem Wetter wenig, bei trocknem Wetter, welches die obere Erdkruste schließt, viel Wasser haben, dann zu jeder Zeit fast unerschöpflich sein soll, und dem der uralte, auch in seinem Bildwerk nicht uninteressante Taufstein aus der Lenxdorfer Kirche jetzt nebenbei zum Troge dient.

In dem durch die Befreiung von dem französischen Regiment, aber auch durch die Zerstörung Bonns so merkwürdigen Jahre 1689, wo Pandora die umgekehrte Büchse leerte, hatte der die erste Armee am Unterrhein höchst kommandirende Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg sein Hauptquartier auf unserm Berge in dem Kloster. Friedrich, nachheriger König Friedrich I von Preußen, war nach der Schilderung seiner Zeitgenossen an seinem Hofe prächtig; aber im Lager vor Bonn war er entfernt von aller Pracht und Weichlichkeit, und befand sich nur in Gesellschaft seiner Generale, welche ihm Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, gezogen hatte. Die Geschäfte des Krieges hielt er für zu ernsthaft als sie in einem Gefolge von Hofleuten und unter Damen, wie sein Gegner und Urheber des verderblichen Krieges, König Ludwig XIV. von Frankreich, zu betreiben. Er entriß sich vielmehr den Armen seiner höchst liebenswürdigen jüngst vermählten [166] Gattin, die er bei seiner Reise zur Armee in Köln gelassen hatte, um sich ganz den Waffen als äußersten Friedens-Mitteln zu widmen. Als nun, wie früher gemeldet, der am Rhein gelegene Theil der Stadt Bonn durch das jenseits dem Rhein postirte Geschütz niedergeworfen und verbrannt war, ohne eine Kapitulation des französischen Kommandanten der Festung erzwingen zu können, wurden von dem Kurfürsten wegen der nach dem Rathe sämmtlicher Generale unvermeidlichen weitern Belagerung die dazu erforderlichen Armeekorps um dieselbe enger zusammen gezogen. Ihre Linien gingen von der Anhöhe des Kreuzberges unterhalb und endlich auch oberhalb gegen die Stadt und Festung in einem Halbkreise herab und umschlossen dieselbe beiderseitig bis auf das Rheinufer, woselbst zwei Schiffbrücken über den Strom, die diesseitige Armee mit den jenseitigen Linien in eine stete Verbindung setzten. Unmittelbar unter ihrem geliebten Fürsten und dem General Schöning standen im Centro auf den Anhöhen vor dem Kreuzberge, insbesondere wieder nach Endenich hin, die berühmten, mit den Burgunden Karl des Kühnen früherer Zeit wohl vergleichbaren Brandenburger, die preußischen und niederrheinischen Regimenter, gerade und allernächst gegen die feindlichen Hauptfestungswerke zu, in zwei Treffen vorgeschoben; linker Hand gegen die nördliche Fronte der Stadt standen die holländischen und münsterschen Truppen, rechts aber gegen die Südfronte, dem schwächsten Theil der Fortifikationswerke, war der Herzog von Lothringen mit vierzehn tausend Oestreichern, welche mit den Reichstruppen in der zweiten am Oberrhein unter dem Kurfürsten von Baiern agirenden Armee erst Mainz den Franzosen wieder abgenommen hatten, endlich auch aufgestellt. [167] Schon zu Anfange des Monats September war zu der folgenden weitern schrecklichen Katastrophe der Stadt Bonn, in deren Vorahndung der menschenfreundliche und theilnehmende Fürst lange angestanden hatte, und nachdem sein General schon mit der Ausführung des zu wiederholenden gewaltsamen Angriffs auf die Festung, durch eine eigenhändig vollzogene Ordre seines Kurfürsten, mit der schließlichen Bemerkung autorisirt und beauftragt worden war, wegen des Ausschlags, so von Gott dependire, nicht responsabel zu sein, sondern deshalb außer Verantwortung und Blame bleiben zu sollen, wurde die Einleitung zu dieser an sich gewiß glorreichen Waffenthat, durch eine in der Nacht, auf erhaltene Nachricht der geschehenen Eroberung von Mainz durch die verbündete Armee, mit scharf geladenen und auf die Stadt Bonn gerichteten Stücken abgeschossenen Viktoria getroffen. Darauf wollte die zur Hälfte mit fünfzehnhundert Kranken zusammengeschmolzene französische Besatzung, den durch Brand doppelt verwüsteten Ort mit Bewilligung des Königs Ludwig gerne verlassen, denn die Desertion, der Hunger und der gänzliche Mangel an Fourage ward bei ihr immer stärker und fühlbarer, selbst einige Maulesel, welche die Belagerten schon früher mit Eis beladen den brandenburgischen Offizieren für einiges Wildpret in das Lager schickten, waren in den elendesten Umständen. Allein da sie die Erlaubniß zum Abzuge von ihrem hartherzigen rein politischen Könige nicht erhielt, und der Herzog von Lothringen mit seiner Mannschaft auf dem Marsche war, um die Armee des Kurfürsten von Brandenburg vor Bonn zu verstärken, und die Festung von der Südseite anzugreifen, ließ letzterer schon am 6/16ten September in der Nacht die Laufgräben gegen die West und Nordfronte der [168] Fortifikationen eröffnen. Hiebei dienten die vor den Linien des Lagers zur Blokade aufgeführten, geschlossenen und viereckigten Redouten, welche jetzt die Laufgräben gegen die Ausfälle der Belagerten defendirten, vortrefflich, und hielten die Feinde von den immer näher und bis auf einen Flintenschuß von den Wällen zu den bedeckten Wegen um die Gräben heranrückenden Erdarbeiten zurück, so das sich die Brandenburger und Wallonen bald mit den Holländern und Westphälingern durch eine Kommunikationslinie, die bei der Mergelscheuer vorbeistrich, verbanden. Hienach konnten die ersteren ihre Attaken gegen die Bastionen Sankt Heinrich, Sankt Maximilian und de la Chasse und der des heiligen Cassius und Florentius, die andern aber gegen die des Kamus oder Sankt Maria, St. Wilhelm oder Sankt Joseph und das Sternbollwerk oder den Halbmond St. Anton nachdrücklicher wenden.

Die hohen Wälle der Stadt jedoch machten erst die noch größere Erhöhung der Demontirbatterien der Belagerer nach dem damaligen Begriff nothwendig, welches dem Vorrücken der Gräberarbeiten viele Zeit wegnahm. Der Kurfürst, keine Gefahr scheuend, ging täglich selbst in die Laufgräben und Approchen, besah die Arbeiten, ermuthigte die Soldaten, ließ viel Geld unter dieselben austheilen, und munterte sie dadurch sehr zu fortdaurender Thätigkeit auf. Er befahl den Ingenieuren ausdrücklichst, die Brustwehren in den Transcheen von gehöriger Stärke und Höhe zu machen, damit die Truppen sicher darin stehen könnten, und schonte durch diese sehr gute Maxime, die man in neueren Zeit oft sehr vernachlässigt, das Leben seiner Soldaten. Nun richtete auch der rechte Flügel der Belagerer unter dem Herzog von Lothringen seinen Angriff nach der Südseite der Stadt, [169] und entwickelte denselben auf die Bastion vor dem Stockenthore oder den dem heiligen Kajetan geweihten halben Mond, und das daselbst an dem Rhein auf der Herrenmauer gelegene Hornwerk; er rückte, unerachtet die Franzosen ein heftiges Feuer auf die Arbeiter machten, mit einer Batterie von vierzehn Kanonen sehr nahe an das Glacis, setzte sich alsbald fest, und war nach drei Tagen schon im Stande die Bresche in den Hauptwall zu schießen. Friedrich Wilhelm aber brauchte nach seiner Belagerungsmarime noch drei Tage mehr, bis die Batterien in allen seinen Attaken, die zu den schwersten gehörten, fertig waren, und machte dann erst den Anfang mit einer der Coehorn'schen Belagerungsmanier eigenen Heftigkeit des Kanonenfeuers, welches zehn Tage und so lange continuirte, bis die Defensionslinie und das Geschütz der Belagerten demontirt war. Unterdessen waren auch sämmtliche Laufgräben allenthalben an den Fuß des Glacis vorgerückt, und es ward beschlossen nun ungesäumt den bedeckten Weg der Festung wegzunehmen; ihn sollten die Kaiserlichen am Hornwerk, die Brandenburger an der ihrerseits vorliegenden Contreesscarpe, und die Niederländer und Münsterschen an dem Sternthor bestürmen; alle drei Attaken aber zugleich von dem Brandenburgischen General Feldzeugmeister en Chef kommandirt werden.

Nach der Disposition des Kurfürsten fing nun der Sturm am Sonntage Nachmittags fünf Uhr, statt wie ausgesprengt Montags Morgens zwischen vier und fünf Uhr, mit drei halben Kartaunschüssen als Signal an, worauf allenthalben die zum Sturm kommandirten Truppen aus den Laufgräben sprangen, und zugleich alle Batterien auf die Festungswerke, welche die Attaken bestreichen konnten, ein heftiges Feuer machten. Da die Brandenburger [170] unter den Augen ihres Herrn fochten, rannten sie mit gewohnter Unerschrockenheit gegen den Feind, hieben die doppelten Pallisaden im bedeckten Wege nieder, und drangen durch die Oeffnungen mit der Gewalt eines reisenden Stromes. Die Kolonnen derselben stürzten den Feind in einem Nu in den Graben, und in kurzer Zeit hatten sie sich des ganzen bedeckten Weges bemächtigt, wo sie nach Befehl am Ziel ihrer Arbeit waren, und halt machen und sich logiren sollten. Allein ihre Tapferkeit hatte keine Grenzen; noch sahen sie Wälle zu übersteigen und Gegner zu überwinden, sie stürzten sich dem fliehenden Feinde nach in den Graben und erstiegen das Ravelin St. Philibert und die Contregarde; ja Obristlieutenant Cornow an der Spitze seiner Cadets und reformirten Offiziere erstürmte mit großem Verlust an Todten und Verwundeten das St. Annen Ravelin, und Graf Dohna, der sein schweres Sturmwappen in den Graben fallen ließ, erstieg mit entblößter Brust fortkämpfend nebst dem Prinzen von Zerbst, als Freiwilliger an seiner Seite, die Contregarde der Bastion de la Chasse auch Contregarde de Ste. Amour genannt, (der jetzige Knabengarten) und nahm vier Offiziere mit eigener Hand gefangen. Alles was sich ihnen widersetzte wurde niedergemacht oder gefangen genommen. Das Kampffeuer entbrannte immer höher; Cornow sprang von dem Ravelin in den Hauptgraben, und an dem Fuße des Hauptwalles stehend rief er, man sollte ihm noch zweihundert Mann schicken, so werde er den Hauptwall und die Mauer ersteigen. Es ward solches auch dem Kurfürsten gemeldet; dieser aber wollte es jedoch nicht zugeben, und befahl, daß sich die Detachements in den eroberten Posten logiren sollten.

Der Sturm der Holländer und Westphälinger zur [171] linken Hand der Brandenburger geschah ebenfalls mit ungemein vieler Bravour, aber auch mit vielem Verluste; sie sahen sich genöthigt eine Zeitlang auf der Grete des Glacis halt zu machen und unbedeckt auf die Franzosen zu chargiren, wonach es ihnen endlich doch gelang den Feind zu deplaciren und sich statt seiner in den halben Mond St. Elisabeth zu logiren. Der Herzog von Lothringen, welcher den Brandenburgern rechter Hand mit den kaiserlichen Truppen das Hornwerk bestürmte, fand nicht so viel Widerstand. Die Belagerten hatten zwar vor diesem schwächern Werke einige Flatterminen angelegt, zündeten dieselben aber zu früh an; die Kaiserlichen jagten sie hernach bald aus dem Vorwerke und über das dahinter liegende Glacis des Hauptwalles, und nahmen in kurzer Zeit Besitz von dem bedeckten Wege der Festung; weil aber der Abstand von demselben bis zum Hauptwall zu weit war, faßte der Herzog im Hornwerk Posto, und ließ ebenfalls ein Logement darin aufwerfen.

Nach so großen Vortheilen über den Feind würde es vielleicht gelungen sein weiter vorzudringen, allein Friedrich Wilhelm suchte vielmehr die eroberten Posten vorerst auf eine gewisse und dem Zufalle weniger unterworfene Art während der Nacht zu behaupten, und befahl sie daher mit den Sappen zu verbinden. Es mußte seinerseits sogleich ein Detaschement von Eintausend Mann vorrücken, um die Truppen welche im bedeckten Weg und auf den eroberten Außenwerken Posto gefaßt hatten, zu unterstützen, und die gewonnenen Vortheile mit aller Macht zu behaupten. Er ließ auch sogleich mit einer Sappe durch das Glacis brechen, um die Logimenter mit den Laufgräben zu verbinden, und so den halben Mond und die Contreesscarpe gegen jeden Angriff der Belagerten zu [172] sichern, welche Posten, ehe die Kommunikationen vor Anbruch des Tages fertig sein konnten, noch sehr aventurirt waren. Deshalb befahl er noch, daß während der Nacht in einem fort auf die Festungswerke, welche die Logimenter bestreichen könnten, gefeuert werden, und Morgens früh vier Uhr sämmtliche brandenburgische Infanterie bei Poppelsdorf sich in Schlachtordnung stellen sollte, sowohl um die eroberten Posten mit aller Macht zu unterstützen, als auch die ermüdeten Arbeiter abzulösen. Der Kurfürst selbst stand am Morgen, nachdem er Gott für das Glück des verflossenen Tages gedankt und nur wenige Stunden geruht hatte, an der Spitze seiner Schlachtordnung. Der Fürst berief die Ingenieure und Artilleristen zu sich, und befahl ihnen die Arbeit mit aller Anstrengung zu beschleunigen, und die Breschenbatterien auf die Contreesscarpe anzulegen; falls aber die Contregarde verhindern sollte den Fuß des Walles nicht tief genug zu beschießen, solle man nicht anstehen die Batterien auf dem halben Mond oder die Contregarde selbst anzulegen; vorzüglich aber gieng seine Fürsorge dahin, daß die Kommunikationen mit den Logimentern vollends in den Stand gesetzt würden. Die Belagerten, welche schon gestern bei dem Sturm die Brandenburger an dem Fuße ihres Hauptwalles gesehen hatten, befürchteten sich nun bald innerhalb desselben angegriffen zu erblicken; sie mußten also bei einer fortdaurenden hartnäckigen Gegenwehr eines Schicksals gewärtig sein, welchem sich eine Besatzung, so das Aeußerste abwartet, unausbleiblich aussetzt. Der Kommandant der Festung Bonn, Marquis von Asfeld hingegen, hatte zwar Herz, Muth und Einsicht genug um die Passage des Hauptgrabens, den Sturm auf den mit hohen, starken Futtermauern versehenen Hauptwall, die Eroberung der Abschnitte [173] und der alten Ringmauern der Stadt, den Belagerern noch schwer zu machen, und schmeichelte sich auch nach dem Verluste der Außenwerke noch eine anständige Kapitulation zu erhalten. Indessen selbst schwer verwundet, ließ er auf einmal an demselben Morgen um sieben Uhr Schamade schlagen, und schickte Akkordspunkte hinaus, wonach denn endlich, jedoch nicht ohne besondere Schwierigkeiten, die Uebergabe statt fand. Als der Akkord von zweien Oberoffizieren vor den Kurfürsten gebracht, und dagegen ebenfalls zwei Geiseln in die Festung geschickt worden, ließ er dem Kanonenfeuer gegen die Festung zwar Einhalt thun, befahl aber zugleich dennoch ununterbrochen in den Kommunikations- und Contrebefestigungs-Arbeiten fortzufahren. Als aber die Punkte der Kapitulation, worin der Kommandant aus einem seinen Landsleuten angebornen Leichtsinn ganz übertriebene Bedingungen vorgeschlagen hatte, näher betrachtet wurden, brachten solche den Fürsten so sehr auf, daß er davon ganz abbrach, und verlangte, die Franzosen sollten mit Stäben in der Hand aus der Festung ziehen; zugleich befahl er die Attake von allen Seiten und mit verdoppelten Kräften wieder anzufangen. Asfeld schickte noch vor Abend den Platzmajor mit raisonablern Akkordspunkten in das Lager heraus; man behielt denselben die Nacht über in dem Hauptquartier, ließ jedoch das Feuer von den Batterien, welche nunmehr auch von dem westlichen Theile der Stadt wenig mehr ganz gelassen, das Münster und die dabei stehenden Martinskirche und Gangolpfskirche ihre Dächer und alles Verbrennbaren dieser Gotteshäuser beraubt hatten, zu feuern aufhören, die Arbeiten in den Laufgräben aber unverdrossen fortsetzen.

Einen so braven Militair wie der Marquis von [174] Asfeld war, mußte es empfindlich schmerzen unter schimpflichen Bedingungen den Platz, welchen er mit seinem Leben und Blute vertheidigt hatte, zu übergeben. Er war entschlossen lieber mit der Garnison zu sterben, als mit Stäben in der Hand auszuziehen. Friedrich Wilhelm hatte aber damit nur die ersten Vorschläge der Franzosen parallelisiren wollen; er schätzte Edelmuth und Tapferkeit auch bei seinen Feinden, und gestattete nun den noch gesunden Soldaten einen freien Abzug mit allen militairischen Ehrenzeichen; und alsbald wurde, den 2/12 Oktober noch vor Mitternacht das Sternthor den Brandenburgern eingeräumt, welche dasselbe mit dreihundert Mann besetzten.

Nach einigen Tagen, während dem für den Auszug sechszig Wagen, jeder zu vier Pferden um billige Bezahlung vom Sieger beigeschafft waren, zog die Garnison nur noch 2400 Gesunde und 1500 Kranke, früher acht tausend Combattanten stark, zu diesem Thore nach Diedenhofen aus; voran kam der tapfere Kommandant, Marquis von Asfeld, welcher schwer verwundet in einer Sänfte getragen ward, und bald darauf im Bade zu Aachen starb. Darauf folgten die französischen Truppen mit ihrem Gewehr und Bagage, Kugeln im Munde, Schalmeyen und Trompeten, fliegenden Fahnen und Estandarten, mit Feldgeschütz und an beiden Enden brennenden Lunten, mit Blei und Pulver versehen, die Bandeliere, Musketen und Picken auf den Schultern, die Reuterei zu Pferde mit dem Degen in der Hand, und die Dragoner gleichfalls beritten, die Flinten in die Höhe haltend, und aller Bagage zum Thore hinaus. Nun kam der Troß, die Proviant und Artillerie-Bedienten, die Postmeister, Ingenieure und Werkmeister, alle andere französischen [175] Offiziere und königlich französischen Unterthanen, welche sich in der Stadt befunden hatten, sämmtlich mit ihrem Gepäck. Nur die in der Festung dienenden gebornen preußischen Unterthanen durften noch die Ehre und Freiheit des Auszugs mitgenießen, alles übrige mußte in Bonn zurückbleiben, und ward den Siegern zu Theil, oder ihrem Herrn zurückgegeben.

So endigte gegen den Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts die formidabelste, aber noch nicht die letzte Belagerung und Eroberung von Stadt und Festung Bonn, welche eine höchst bedeutende Scene in der neueren Geschichte der Kriege bildet. Noch einmal zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, im spanischen Successionskriege (1703), mußte sie ein ähnliches Loos erleiden. [176]

IX. Die Kirche zu Schwarz-Rheindorf und deren Merkwürdigkeiten.

Für den Freund der Natur und Liebhaber der Denkmale deutscher Vorzeit giebt es keine anmuthigere und belohnendere Wanderung als die nach der Stiftskirche zu Schwarz-Rheindorf, man mache den Weg dahin in den Morgenstunden, welche die beste Beleuchtung zu einem Rückblick auf Bonn geben, oder am Nachmittage und Abend, wo die Aussicht in den Sieggrund klarer wird, auch die Sonne den Blick nach dem Siebengebirge freier läßt, immer wird man sich zugleich eines Ganges erfreuen können, der von dem Landungsplatze der fliegenden Brücke, entweder am Rheine durch dichte grüne Schatten leitet, oder mehr landwärts über einen sonnigen Hügel auf das angenehmste und reizendste durch Weingärten und ländliche Wohnungen dahin führt. Wir schlagen den erstern zum Hinwege, den andern zum Herwege ein, und betreten alsbald den Pfad in der engen und dichten Baumpflanzung auf dem Ufer und längs einem breitern Fahrwege landeinwärts, welche beide zu der eine halbe Stunde unterhalb entlegenen Mündung des Siegflusses führen, und ein dem Strombette abgewonnenes und durch seinen üppigen Holzwuchs äußerst einträgliches Terrain von mehr als hundert Morgen in sich schließen, welches jährlich von dem Rheine überschwemmt, und dem Erdreich [177] so derselbe jenseits bei dem Lekboard oberhalb Bonn immer wegnimmt erhöht, auch durch stets fortgesetzte Bepflanzung bleibend vergrößert wird. Wo dieser Waldweg von den zum Rheine gehenden Querwegen zum drittenmale durchschnitten wird, wendet man sich rechts, und aus dem Dickicht tretend erblickt man den Hauptgegenstand unserer Wanderung, die Stiftskirche mit ihrem an tausend Fuß vom Rheine jetzt entfernten und vierzig Fuß über demselben liegenden Bering, auf dem Ende einer sanften Neige wie eine Burg herangebaut, zu deren Seite sich eine Reihe ländlicher Wohnungen, das Oertchen Schwarz-Rheindorf fast unmittelbar anschließt. Dieser dominirende Platz bindet sich an den bis Compahn mit seinem Burghause ausgedehnten Ort Villich-Rheindorf, so bei den Kämpfen der Jahre 1689 und 1703 die erste Angriffsstellung der siegreichen Belagerer auf sich genommen hatte, und bildet die größte Erhebung des alten Ufers, auch mit der äußersten Ecke desselben worauf das Stift liegt, die Verbindung des Basins des Rheinstromes mit dem des Siegflusses, in denen noch öfter Kriegesheere gelandet und auf Bonn hervorgekommen waren. Bei Verfolgung des Hohlweges oder Giesen, worin die Ueberschwemmungsfluthen der Hochgewässer ihren Lauf nördlich strömend fortsetzen, erblickt man bald die Dächer mehrerer kleiner Häuser in üppigem Gartenfelde und Obstwald, nordöstlich bei unserer Stiftskirche gelegen, welche an der kleinen Neige mit Weinreben in den tiefen Grund herabziehen; dieß ist der Ort mit Namen Geusen, und ohne Zweifel das Gesonia des römischen Epitomator Florus, welcher meldet, daß Drusus denselben mit Bonn durch eine fliegende Brücke (pontibus) verbunden, und beide Orte mit Alarmposten (classibus) versehen habe. [178] Dicht an dem ersten Hause dieses Dörfchens vorüber wendet sich der Weg rechtwinklicht und geht rücklings gerade in der Richtung auf den Strom und jenseitigen Isidorshof, und ebenso vorwärts auf die Mitte des Berings der kirchlichen und ökonomischen Gebäude des Stiftes, welche bei ihrer Ausbreitung und geschlossenem Bezirke nun von einer Biegung des Weges umgangen werden müssen. Die dem Hauptbrückenwege wieder gerade zugewandte westliche Seite der Ringmauer des Stifts zeigt größtentheils noch ein hohes Alter, und es sind in derselben viele römische Ziegelstücke ersichtlich; dabei fand ich, den Figuren über den Tropfen der Tryplyphen nach, ein Stück vom innern Friese eines peripterischen Gebäudes, wie das Parthenon zu Athen, von Monumentmarmor oder Muschelkalkstein und im griechisch-römischen oder ältesten byzantinischen Stile bearbeitet. Ferner zeichnet sich ein Stück der Ringmauer von Basaltsteinen, Tuff, und großen Kieselgeschieben, sechszig Fuß lang aus, wovon die zwanzig letztern Fuße der Breite einer Heerstraße entsprechend, gegen die Richtung des Brückenweges stehend, oben beiderseitig abgedacht sind; dazu geht inmitten derselben eine in Quadersteinen ausgesetzte Oeffnung hindurch, welche an den beiden Gewandseiten einen tiefen Falz hat, um wie bei einer Mühlstauche ein Fallbrett auf und niederzulassen, was in der Hydraulik der Franzosen eine Abtei (abbée) heißt, wobei sich hier zugleich ein schmales Fenster oder Schießscharte angebracht befindet, und noch die Sperrung des Weges bei Aufführung des Stifts (als Abtei, ἄβατον: cui nullus est accessus) anzudeuten scheint. Unmittelbar an diese Wehrmauer stoßen weiter die Reste eines alten Thurmes an, mit Gewölben übereinander, den man den Hexenkeller [179] nennt, und welcher älter als der Kirchenbau ist, dessen nordwestliches Ende daran gebaut, mit seiner westlichen Fronte dreißig Fuß breit und sechszig Fuß bis zur Giebelspitze hoch, ebenfalls einen Theil der Beringsmauer bildet, und in der wahren oder cölestischen Richtung von Süd nach Nord steht, die Westseite des Hexenkellers hingegen davon, wie hierorts die tellurische Magnetnadel um 20 Grad abweicht. Hienach setzt sich der Klosterbering noch sechszig Fuß weiter südwärts fort, und erhob sich noch bis zu Anfange des vorigen Dezennii mit der verfallenen jetzt zur freiern Ansicht der Kirche gänzlich abgetragenen Abtissin und Fremdenbau, den weiland die Erzbischöfe von ihrer so nahen Residenz Bonn aus öfter besuchten, und hier in Zurückgezogenheit der angenehmen Gegend und reizenden Aussicht in frommer Ruhe sich freuten. Die alte Westfronte der Kirche selbst, ist jetzt dem spätern Schiffe derselben vorgesetzt, und zeigt unterhalb nur ein rundes herabverlängertes Chorfenster, oberhalb aber noch ganz die durchlaufende alte Gallerie mit einem Portik von vielen Säulen, und über vier Lesinen mit Zinnen und einem Kirchenfenster in der Mitte, endlich auf der Höhe einen Giebel mit reichverziertem Kranzleisten, in dessen rechtwinklichtem Felde vier Säulen stehen, welche drei Nischen, die mittlere höher als Titel der Dreieinigkeit, in sich schließen, letzteren ohne weiteres Bild, wie dieß den alten gottesdienstlichen Gebäuden angemessen war, obgleich jedes der Säulenkapitäle verschieden verziert ist. Das Eigne und Besondere dieser hohen Fronte erklärt sich zum Theil schon dadurch, daß es zu den höchst seltenen Gebäuden dieser Art gehört, worin zwei fast gleiche Kirchen oder Kapellen in zwei Etagen übereinander gebaut sind, und wie dieß bei der Hofkapelle des Schlosses [180] zu Bonn der Fall war, und bei der alten Bischofskapelle am Dom zu Mainz noch der Fall ist.

Den Zutritt zum Kirchenbau selbst nimmt man durch den Oekonomiehof mit der Wohnung des Pächters, welcher die annoch dieser Domaine angehörigen zum Theil auf dem Alluviongrunde belegenen hundert Morgen Land verwaltet, und bei welchem man die Schlüssel zu dem Innern des Baues erhält, welches bis heran zur Kelter, zum Stroh- und Früchtenmagazin diente. Der Oekonomie-Hof, nimmt ohngefähr die Hälfte des noch mit einer Mauer ringsumschlossenen Gehöftes ein, das seitdem die Domaine zur Erhaltung des alten ehrwürdigen Kirchenbaues nach meiner Aufnahme und Zeichnung vom Jahre 1820, mit demselben wieder zurückerkauft und großentheils neu aufgeführt worden; auch an der Kirche selbst, ist seitdem einiges Reparaturwesen betrieben worden, welches ihr aber wenig frommen wird, da das alte Gebäude dem Zahn der Zeit und seinem Ruin schon zu lange unterliegt. Nach dem Eintritt aus dem Oekonomiehofe in die Clausur des Stifthofes, steht man auf dem grünen unbebauten und wieder mit Bäumen besetzten Platze, welcher längs der Nordseite des Kirchengebäudes hinzieht und ostwärts durch ein Thor in der Ringmauer mit der geraden Straße nach dem Stifte Villich, westlich aber mit der Richtung der vorbeschriebenen Straße von dem Rheinufer, welche durch die Mauer beim Hexenkeller seitdem gesperrt worden, sich verbindet, und vordem auf diesem alten Heer oder Brückenwege, den Bungarten oder Baumgarten bildete, wo alljährlich auf Pfingsten auch hier das Gerichtspersonal aus der Nordthüre des Gotteshauses vortrat, um die öffentlichen auch verjährbaren Befugnisse desselben zu hegen und zu pflegen. [181] Es stellt sich an der nördlichen Façade die Länge des Gebäudes am freiesten mit einhundert und dreizehn rheinischen Fuß, und dessen Totalhöhe, die Wetterfahne mit einbegriffen zu einhundert acht und siebenzig Fuß dar, von welcher letzteren Zahl sechs und achtzig auf die senkrechte Höhe des Thurmes, und acht und sechszig auf das jetzige hölzerne Pyramidaldach desselben an sich kommen, hinwiederum aber zwei und fünfzig Fuß die Höhe der Dachfirst des Schiffes, welche der größten Breite des Baues gleich ist, betragen, wobei jedesmal sieben Abtheilungen des Gebäudes, durch vorspringende oder sich einziehende, neben und übereinander stehende Eintheilungen, sich unterscheiden lassen. Das am westlichen Ende dem Hexenkeller angeschlossene Mauerwerk, weicht in seinem Aussehen auf vierzig Fuß Länge von dem übrigen der Nordseite des Gebäudes in seiner Steinart, größern und höhern Fenstern und einer die Doppeletage fortandeutenden einfachen Zinnenreihe merklich ab, und zeigt wie es der östlichen übrigen Abtheilung des Gebäudes, mit Voransetzung von dessen westlicher Fronte, nach Westen hin als Anhang fortgebaut ist. Auch die Zoke oder Basis dieser Fronte, von jonischer Form, ward hier um eine Auftrittshöhe oder drei Zoll tiefer angelegt, während das obere Dach mit übrigem Gesimse dieselbe Höhe mit dem frühern hinterliegenden Gebäude behielten, und durch die einfache mit dem Gallerie-Hauptgesimse in derselben Richtung, so wie die Zinnenreihe gleich dem Portik, fortziehen. In dem Winkel, welcher unten durch die Zurücksetzung der nördlichen Wand des Anbaues hinter die des Hauptbaues entstanden ist, und welcher unterhalb durch einen sechs und dreiviertel Fuß breiten, schräg auf die Ecke vorspringenden Pfeiler gedeckt wird, ging ehedem über [182] einen gemauerten Bogen, der diesseits auf dem Pfeiler ruhte fast der alleinige Zugang zu dem ganzen Obertheil der Kirche, und es war so die Chorkirche, worin man die canonischen Stunden betete und sang und zu Zeiten die Messe hörte und die Todtenfeier beging, mit dem Dormitorium oder Wohngebäude des Stiftpersonals, welches den vorliegenden nordwestlichen Theil des freien Platzes eingenommen, so verbunden gewesen, daß zwischen der Kirche und letzterem Gebäude der uralte Brückenweg am Orte unter dem Bogen wie einem Thore fortwährend durchging.

Der vortretende Untertheil des Hauptbaues der Kirche contrastirt in der clausurartigen Einförmigkeit seiner Außenwände, auf das Höchste mit der Offenheit und mannichfaltigen Zierlichkeit des Portiks oben darauf, von welchem das Gebäude, bis auf das Stück des Anbaues nördlich, noch rings umzogen ist, und mit der immer mehr steigenden architektonischen Ausbildung eines Gebäudes, welches stets ein Muster in der seltsamen Verbindung des antiken Stiles mit dem modernen bleiben wird. Es hat das frühere Gebäude oberhalb wie unterhalb, ohne den vorhin betrachteten Anbau, die Grundform eines Kreuzes, und endigt nach jeder der vier Weltgegenden mit einem Giebel, wobei jedoch auch ursprünglich die Giebel nach Westen und Osten etwas weiter auseinander standen als die nach Norden und Süden, und deshalb erstere auch hier das Langhaus und letztere das Querhaus zwischen sich fassen. Der Ostfronte ist ein halbrunder Bau, dem die etwas niedrigere Chorkapelle vorgesetzt ist, und wo das Langhaus und Querhaus auseinander treten, erhebt sich auf dem quadratischen Unterbau von fünf Etagen ein Thurm von weitern drei Etagen, von denen jedoch die oberste ebenso wie der [183] Anbau nach Westen später und mit diesem hinzugekommen ist. Das hölzerne Pyramidaldach mit dem äußerst verzierten Aufsatze von Eisen ist im Jahr 1752, wie die in dem Geräms des letztern befindliche Jahrzahl zeigt, bei der sechsten Sekularfeier und Renovation des gesammten Gebäudes neu aufgeführt worden. Die nordwärts vortretende Giebelfronte hat die Hauptthür der untern Kirche, welche wie die längere Oeffnung der jonischen Basis zeigt, vordem größer und auch anders geformt war, und wovon sich auch noch Consolen an der Wand nebst Spuren von dem Bogen eines Vorschoppens zur Gerichtssitzung erhalten haben. Der aus dem Mittel des Tempelgebäudes etwas mehr östlich aufsteigende quadratische Thurmbau, ist auf seinem Stockwerck von zwölf Säulen umstellt, von denen die auf den vier Ecken aufgestellte gleichsam die Abstumpfung der sonst, wie beim Münster im Achteck aufsteigenden Form sind, oder wie bei dem in mancher Hinsicht dem vorstehenden Bau höchst ähnlichen Kirche Groß St. Martin in Köln, auf solche Abrundungen hinzielen, worin auf letzterem Gebäude und auch bei dem Münster in Straßburg, Wendelstiegen zu der Pyramide führen. Das oberste kleinere Geschoß des ältern Thurmes ist auf der Nord und Südseite durch sechs Wandnischen bezeichnet, worunter die zwei zu beiden Seiten eines durch beide Geschosse gehenden Mittelpfeilers sich da befinden, wo der Glockenstuhl aufgestellt war, und als Schalllöcher dienten; nun ist der Glockenstuhl auf der obersten Etage, welche später nach dem Anbau des Schiffes als neues Glockenhaus zur Erhöhung des Thurmes aufgebaut ward, und durch je zwei gekuppelte Bogenfenster auf Säulen nach den vier Weltgegenden, ebenso wie bei dem Kirchthurm zu Siegburg eröffnet worden. [184] Die der östlichen Giebelwand des Langhauses angefügte Chorkapelle leitet zur nähern Betrachtung der Ostseite des Gebäudes hin, welche sich hauptsächlich und so schön neben der nördlichen in vorliegendem Bilde darstellt, und bildet mit ihrem Rundbau auch hier die Hauptfronte der Stifts-Kirche, vor welcher der Begräbnißplatz war, wovon sich noch ein großer Inschriftsstein auf einer solchen Ruhestätte erhalten hat. Ueber dem Unterbau der Chorabseite erhebt sich mit ausgezeichneter Zierlichkeit und besonderer Schönheit der runde Ausbau der Chorkapelle, die sich mit ihrem pyramidalförmigen Dache an das Giebelfeld des Langhauses hoch anschließt und dasselbe fast durchaus füllt; eine seltene Verbindungsart von solchen Hauptformen, welche gut läßt und nachahmungswürdig bleibt. Die östlich gewendete Seite des Thurmbaues unterscheidet sich von der nördlichen und südlichen noch dadurch, daß die kleinere Glockenetage nur tiefere Nischen, keine Luken hat, weil die aus Kragsteinen construirte Treppe im Innern des Thurmes an diesem Platze vorübergeht; allein tiefer, oberhalb dem verzahnten Hauptgesimse des Grundbaues vom Thurme, gehen zwei runde Oeffnungen in das Gemach über dem obersten Gewölbe und unter dem niedrigsten Gebälke im Thurme durch, um dieses Gemach, wohin die in der Mauer aufgestiegene Thurmtreppe mündet und sich mit einer Freitreppe längs den Wänden hinauf fortsetzt, zu erleuchten.

Durch die ältere alleinige Thüre an der Nordseite tritt man in das jetzo öde Innere des Kirchen-Gebäudes, das um die vier Seiten seines Mittels östlich das Chorgemach, nördlich und südlich aber zwei ausgerundete nischenförmige Nebenseiten, und westlich eine solche Abseite hat, worin später nach dem Anbaue zu durch die [185] sieben Fuß im Mittel haltende Mauerdicke eine weite Oeffnung gebrochen wurde, um das Chorgebäude mit dem angebauten Schiffe zu verbinden. Das Mittelgemach hat oberhalb ein achtgrädiges Gewölbe, ist hier aber statt des gewöhnlichen runden und hohlen Schlußsteines mit einer acht Fuß weiten und achteckigten Oeffnung durchbrochen und begränzt, wodurch man aus der unteren Kirche den Hochaltar in der oberen Kirche wohl erblikken konnte. An dem östlichen Ende der Chornische befindet sich gegen Westen gewendet noch das äußerst merkwürdige Tabular der Kirche vor, in einer acht Zoll dicken Sandsteinplatte von sechs Fuß drei Zoll Breite und drei Fuß sieben und einen halben Zoll Höhe, mit sechszehn Uncial-Schriftreihen bestehend, noch ziemlich erhalten, auch die gleichzeitige Nachricht oder Urkunde von der Einweihung und Dotation der Kapelle und nachmaligen Stiftskirche bewahrend, und welche hier nach Auflösung der Abbreviaturen und Bezeichnung der Zeilentrennung im Contexte folgt:

In Nomine Dei, Filii et sancti Spiritus: Anno dominicae incarnationis Millesimo centesimo quinquagesimo primo, Calendarum Februarii, priori Festi Luminum vigilia, dedicata est haec — Capella a venerabili Missinensium episcopo Alberto cappa item venerabili Leodiensium episcopo Heinrico, in honore beatorum (primo) protomartyris Clementis Magistris et Papae, — beati Petri principis Apostolorum successoris; (secundo) Altare versus sinistrum in honore beati — Laurentii martyris et omnium confessorum, altare vero dextrum in honore beati Stephani — conprotomartyris et omnium martyrum, altare vero medium in honore Apostolorum Petri et Pauli; superioris autem — Capellae altare in honore beatis [186] simae matris Domini sanctissimae et pietissimae virginis Mariae et Iohannis — evangelistae, a venerabili Frisingensium episcopo Ottone, domini Conradi Romanorum re — gis augustissimi fratre, ipso eodem rege praesente, nec non Arnoldo piae recordationi funda — tore tunc Coloniensis ecclesiae electo; praesente quoque venerabili Corbeigensium domino — Wibaldo abbate et Stabulensi, Waltero majoris ecclesiae in Colonia decano, Bunnen — si praeposito et archidiacono Gerhardo, venerabili quoque Sigebergensium abbate Nicolao, multis — praeterea personis et plurimis autem nobilibus quam ministerialibus, dotataque est ab eodem fun — datore et a fratre suo Burcardo de Withe et sorore sua Hathewiga, Asni — densi, Gergisheimensi, abbatissa, et sorore sua Hicecha abbatissa de Wile — ra, praedio in Reniviistore cum omnibus suis appendiciis, agris, vineis, domibus: feliciter, amen.

In dem Namen Gottes, des Sohnes und des heiligen Geistes: Im Jahr der Menschwerdung des Herrn Eintausend Einhundert Fünfzig und Eins, an den Kalenden des Februars, am Vorabend des Festes Maria Lichtmeß, ist diese Kapelle geweihet worden von dem sehr würdigen Bischof von Meisen, Albert mit der Cappe, desgleichen von dem sehr würdigen Bischof von Lüttich, Heinrich, zu Ehren der Heiligen, (und zuerst) des ersten Martirers Clemens, Lehrer und Pabstes, Nachfolger des heiligen Petrus, Fürsten der Apostel, (zum andern) der Altar links gewendet zu Ehren des heiligen Lorenz des Martirers und aller Beichtiger, der Altar rechts aber zu Ehren des heiligen Stephan des mitersten Martirers und aller Martirer, der mittlere Altar aber zu Ehren der Apostel Peter und Paul, der oberen Kapelle Altar [187] jedoch zu Ehren der heiligsten Mutter des Herrn, der hochheiligen und gebenedeiten Jungfrau Maria und Johannes des Evangelisten, von dem sehr ehrwürdigen Bischof von Freisingen, Otto, Herrn Conrads des erlauchten römischen Königs Bruder, in desselben Königs Gegenwart; ebenso Arnolds, frommen Andenkens, als Stifter, damals der Kölner Kirche Erwählter; wie auch in Gegenwart des würdigen Herrn Wibald von Corvey Abt und von Stablo, des Walter, Dekans der Dom-Stiftskirche in Köln, des Bonner Probstes und Archidiakons Gerhard, wie auch des würdigen Abts von Siegburg Nikolaus, außerdem vieler Personen und mehrerer Edlen aber als Ministerialen ist sie dotirt worden von demselben Stifter und von seinem Bruder Burkard von Withe (Wied) und seiner Schwester Hedwig Abtissin zu Essen und Geresheim, und seiner Schwester Hizech, Abtissin von Weiler (Villich), durch das Landgut Rhein-Wegethor (Rheindorf) mit allen seinen Zubehörungen, Aeckern, Weinbergen, Häusern: glücklich, Amen.

Es war aber Arnold der zweite dieses Namens auf dem erzbischöflichen Stuhle zu Köln, den er ungern bestieg, ein geborner Graf von Wied, mütterlicher Seits mit Heinrich dem Löwen verwandt, und einer der erlauchtesten Fürsten dieses großen Jahrhunderts; schon als Domprobst zugleich Kanzler des Guelfisch-Gibellinischen Königs Conrad der bei seinem Reichs-Befriedigungszuge am Rheine jetzt hier ihm zur Einweihung unserer Kirche gegenwärtig war, hatte Arnold früher mit demselben Könige das Kreuz zu Speier genommen und war ihm auf dem zweiten Zuge nach dem gelobten Lande durch Griechenland gefolgt, hatte mit demselben zu Constantinopel überwintert, und einige Zeit in Jerusalem zugebracht. [188] Als er im Jahr 1148 zum andernmal über Griechenland mit dem Könige glücklich wieder in sein Vaterland zurückgekommen, faßte er den Entschluß zur Aufführung dieses Gotteshauses, welches in seiner Form und baulichen Einrichtung so vieles fremdartige mit dem heimischen Verbundenes enthält, und mit einem ungeheuren Aufwand von Mitteln und Kunst an einem davon entblößten Orte, kein geringes und eine lange Zeit erforderndes Unternehmen war. Arnold bestimmte in diesem Bau, den er wie sein Nachfolger Philipp ihm bezeugt, mit größtem Eifer (ardenti studio) betrieb, auf seinem Familien-Erbgute in mütterlicher Erde, bei einem vielbewegten Leben, nach diesem sich hier seine Ruhestätte, bei welcher ein gottgeweihtes Frauenchor, von seiner Schwester Hedwig in das mit Kleinoden und Zierrathen geschmückte Heiligthum eingeführt, bis zum Tage der Weltposaune, in lebendiger und beständiger Lobpreisung das Allerhöchste feiern sollte. Arnold ward als sein Freund und Gönner König Konrad, in demselben Jahre der Einweihung ihn zu Köln mit den Regalien bekleidet und er darauf selbst zu Rom das Pallium vom Pabst Eugen eingeholet hatte, und ferner des obigen Königs Nachfolger im Reiche, den großen Kaiser Friedrich I von Hohenstaufen und dessen Sohn Heinrich VI gekrönet hatte, auch nachdem er fünf Jahre auf dem Stuhle zu Mainz die Kirche regiert, derselben unendliche Vortheile verliehen und den Landfrieden kräftig befördert hatte, im Jahre 1156 am 14ten Mai, seinem Willen gemäß auch dahin begraben, wo bis zur Aufhebung des Stifts in jüngster Zeit, sechshundert ein und fünfzig Jahre lang, die regelmäßigen Opfer und Gebete für seine und seines Vaters, seiner Mutter und Geschwisters Seelen-Heil zum Himmel gestiegen waren. Das [189] Stiftspersonal, dessen Klosterkirche nach ihrem Patron Clemens, der zugleich auch nach Sage der erste christliche Kirchenerbauer und allgemeine Patron und Meister der Kunst und der Schiffer, und wonach die Seele unsterblich ist, die Clemenskirche genannt wird, stand erstlich unter der strengen Regel des heiligen Benedikts, woher demselben von der schwarzen Kleidung dieses Ordens mit der beiwohnenden Familie der Name Schwarz-Rheindorf, zum Gegensatz des am jenseitigen Ufer liegenden Ortes und Rheingrafensitzes, Grau-Rheindorf, mit dem Grauen Augustiner-Ordenskloster, beigelegt ward. Es gehörte zu den Reichsunmittelbaren mit der hohen Gerichtsbarkeit über seine Angehörigen bekleideten Imunitäten, die mit der Landeshoheit an die Erzbischöfe als weltliche Regenten der in ihren Diocösen belegenen ehemaligen königlichen Herzogthümer kamen, und ward mit drei andern solchen kölnischen Stiftern, in Villich, Dietkirchen bei Bonn und zu Neuß endlich in neuern Zeiten ebenfalls zu einem freiadlichen weltlichen Damenstifte verwandelt. Die vorbemeldete Hedwig, Schwester des Erzbischofs Arnold, war die erste Abtissin, und die Schwestern Sophia und Seeburg, ebenfalls Gräfinnen von Wied, die ersten gottgeweihten Frauen des Stiftes, das der römisch-deutsche Kaiser Friedrich I, im Jahre 1156 und der Erzbischof Philipp von Köln im Jahre 1173 bestätigten, und wonach die zwölf Damen (Domicellen) in ihrer mit einem Capellan und Provisor versehenen Stiftung bis in die jüngsten Zeiten, sich einer besondern Vorliebe von Seiten ihrer Väter, der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln zu erfreuen hatten.

Vor dem obengemeldeten Denkmale stand wohl drei Stufen erhöhet, der in der Inschrift erwähnte Altar [190] des Petrus und Paulus, an welchem insbesondere die jährlichen Seelenmessen für Arnold, dessen Vater, den Grafen Mefried und dessen Mutter die Matrone Osterlint, vom wittekindischen Stamme der Herzoge von Sachsen, dessen Brüder Burkard und früher verstorbenen Sifried und Ludwig, und Schwestern Hedwig, Hizech, Sophia und Seeburg, auch deren Bruders Söhne, abgehalten wurden. Ihm westlich gegenüber findet sich das Grabmal und der Sarg des Stifters, ersteres über den Boden erhöht und mit einer sechs Fuß langen und zwei Fuß drei Zoll breiten Marmorplatte bedeckt, worauf die Damen gleichfalls in Latein beurkundeten, daß ihr Patron Clemens August dem Erzbischof und Kurfürsten Arnold, dem gnädigen Stifter ihres Kapitels, so hierselbst begraben sei, diesen neuen Stein gesetzt (1747) und aus hoher Gnade geschenkt habe (1748). Wieder eine Gabe dieses herrlichen Fürsten, ihm selbst und seinem daurenden Namensgedächtnisse zum Denkmale am sechsten Jubelfest der Stiftung dem Andenken des Stifters feierlich dargebracht. Es hatte nämlich Kurfürst Clemens August um diese Zeit sich selbst am Orte bei eröffneter Gruft von der wohlerhaltenen sterblichen Hülle seines großen Vorfahren überzeugt und geglaubt dieselbe hienach für immer auf das festeste zu verschließen und zu bezeichnen. Man kommt von hier zuerst in den Anbau, dessen Inneres sich um sechs und dreißig Fuß weiter westlich als das ältere erstreckt, und die Länge des Innern im Ganzen auf einhundert Fuß bringt, welches an dem westlichen Ende gleichfalls wieder abgerundet ist, in das Schiff so vordem zur Winterkirche des Oertchens Schwarz-Rheindorf, den Landbauern oder Colonen des Stifts, wozu südlich eine Thüre führte, so wie das ober ihr entsprechende ebenso große Gemach [191] zur Sommerkirche bestimmt war. Zum andern betritt man in obigem Gemache zurückkehrend nun schon sechshundert und sieben und siebenzig Jahre lang die enge ausgefurchte zwei Fuß drei Zoll weite Wendelstiege, welche zu der obern Kirche bringt, die in ihrer Grundform ziemlich der untern gleicht, nur daß die beiden Arme und der Fuß des Kirchenkreuzes anstatt rund geschweift, sich quadratisch oder eckigt endigen, und fast aller Unterschied zwischen der ursprünglichen Klosterkirche und dem Anbau in diesem Innern entfernt ist. Beim Eintreten gegen das Suggest oder Hochhaus erblickt man östlich an dem nach Abend gewandten Extrados seines Haupt-Gurtbogens über dem Portale der Chorkapelle zwischen Verzierungen hervorgehoben die Inschrift: — Reno-vadum — (Rheinpfad) 1752, — eine Umschreibung, welche in ihrer Ausdehnung an die ihr ähnliche Zusammenziehung von Reniviistore für Rheindorf in der alten Inschrift erinnert, und wie diese auf die ältern Grundlokalitäts-Verhältnisse unsers Gebäudes anzuspielen scheint. Die Jahrzahl ist dieselbe mit derjenigen, welche außerhalb in dem eisernen Gerähms der Thurmspitze betrachtet wurde, und beide mit dem Chronostichon auf der Marmorplatte über dem Grabe Arnolds (1747, 1748) verglichen, geben Kunde, daß zugleich das Aeußere und Innere des Kirchengebäudes, ohne Zweifel durch die Munificenz von Clemens August, um diese Zeit renovirt und verschönert ward, nachdem diese Kirche und Kloster und deren Nachbarin Villich in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts durch das Truchsessische Militair, des Silbers und der Sachen von Werth beraubt und ausgeplündert, und nicht minder in den nachfolgenden Kriegszeiten alles verloren und sich schwerlich bis dahin wieder ganz erholt hatte. [192] Das Hochhaus selbst wird durch acht auf eine Weite von sechszehn Fuß von einander stehende Wandpfeiler gebildet, welche über einem besondern Gesimse ein achtwinklichtes Gewölbe bei zwei und dreißig Fuß Erhebung und mit einem hohlen Schlußstein tragen, dessen ohngefähr vier Fuß weites Lichte noch die ursprünglich bestimmte Größe der Glocken ermessen läßt, die hiedurch auf das oberhalb befindliche Thurmgemach gebracht sonst von dort ertönten. Unterhalb dieser Mitte befindet sich im Fußboden von einem breiten Schwellensaume umgeben, die schon unten bemerkte Oeffnung des Gewölbes, welche hier oben sonsten mit einer eisernen Balustrade umgeben war, um welche herum die Stiftsfrauen bei den in der untern Kirche für den Stifter Arnold und die Seinigen abgehaltenen Exequien andächtig knieten. In den Nebenseiten dieses Mittels vom Tempel, über welchem sich der hohe Thurmbau fortsetzt, befinden sich jedesmal eine gemauerte Sitzbank für fünf der Schwestern oder nachherigen Stiftsdamen, und nach Osten in dem dritten Raume ebenfalls zwei solche Bänke jederseits von vier Sitzbreiten, links bestimmt die Abtissin und die ältesten Chorschwestern, andernseits etwa den im Gottesdienst beiwohnenden Erzbischof als kirchliches und den gekrönten König als weltliches Oberhaupt der Stiftung entstehenden Falles einen angemessenen Platz zu bieten, während der Meßpriester des Altars selbst alleinig zur Seite desselben auf dem Stuhle saß, dessen dreieckigter Grundbau, vorn mit einer reichen Verzierung im Stein versehen, sich noch in der nächstfolgenden Abtheilung, in der Chorkapelle erhalten hat. Dieses ist der Ort, wo, nach Meldung der Inschrift im Jahre 1151 der Altar in die Ehre der heiligen Maria und Johannes des Evangelisten, nach der Legende [193] der heiligen Jungfrau steter Kapellan und Gefährte auf Erden bis zu ihrer Himmelfahrt, geweihet worden war. Auch dieser geheiligte Raum des Gotteshauses ist jetzt gänzlich verödet, und was nicht eingemauert, nieth- und nagelfest mit dem Ganzen verbunden war, daraus entfernt und entnommen worden. Das obere Schiff hat an seinem Ende in der südlichen Wandseite eine Thüre auf den derseits verlängerten alten Umgang, den der oben berührte neuere Westbau des Klosters begränzte, in welchem zugleich eine geräumige Treppe lag, auf der man auf die obere Etage dieses Baues und der Kirche stieg.

Zu den besondern Sehenswürdigkeiten der Stiftskirche zu Schwarz-Rheindorf gehört insbesondere der schon ursprünglich zur herrlichen Aussicht angelegte weite Umgang auf der Höhe des Gebäudes, welcher gewissermaßen auf eine unbeschreiblich schöne und außerordentliche Weise die sonst vorkommenden sobenannten Kreuzgänge an der Südseite der Stifts- und Klosterkirchen, so hier fehlte, mit dem Unterschiede zu ersetzen scheint, daß er mit der ganzen Kirche concentrirt sich selbst in das Mittel seiner paradisischen Umgebungen stellt, und anstatt den Schritt in die innerste Einsamkeit eines beschränkten Ortes, wie bei dem Münster zu versenken, vielmehr den Sinn und Geist aus dem engen Heiligthume und über die Grabeskirche in die weite freie, unendliche Natur einer wirklichen himmlisch schönen Landschaft hinaus zieht, von deren Reizen umgeben man sich jederzeit gerne gesondert auf dieser Erde und allein mit seinen Emfindungen fühlt. Den Zutritt zu diesem Portik, dessen Säulenverzierungen mit außerordentlichen Werken der ältern Kunst befreunden, nimmt man am besten aus dem Innern der oberen Kirche durch die Thüre nächst der [194] Wendelstiege, und tritt an der Nordseite des Gebäudes nicht weit von der Stelle in denselben, wo, wie oben gemeldet, über einen gemauerten Bogen ehedem die Stiftsfrauen aus ihrem Hause auf demselben den Zugang zur Kirche nahmen, oder aus deren Thür schreitend mit Cruzifix und Monstranz, mit Rauchfaß, Kerzen, Wimpeln und Fahnen die hehre Gottestracht, auch unter diesem Baldachin um das heilige Gebäude vollführten, welchem wir nun auch in Gedanken folgen. Die nächst fünf Fuß breite Grundfläche dieses Umgangs oder Gadens läuft unter dem Gesimse der dicken Untergeschoß-Mauer mit einer starken Brüstungsmauer besetzt, längs den Außenmanern der obern oder Tempelkirche hin, und behält vierthalb Fuß Breite und eilf Fuß Höhe im Lichten, wovon vierthalb Fuß auf die Erhebung der Brüstung, beinahe drei Fuß auf die Höhe der Säulchen die auf derselben stehen mit Basis und Kapitäl, noch zwei Fuß auf den Halbkreisbogen der Arkaden mit ihren Polstern, und endlich beinahe vier Fuß auf die Stärke des Bogens, die Höhe und das Gesimse des als Decke im Innern fortlaufenden Tonnengewölbes kommen. In das Detail der mehr als hundert meist äußerst verschiedenen Verzierungsformen und Bildungen an den Gesimsen, Kapitälern und Basen der Säulen näher einzugehen, und deren spezielle Erläuterung und Erklärung nach ihrer großen Mannichfaltigkeit und verwickelten Anspielung in den Formen des Gewächs und den Gestaltungen des Thierreichs zu versuchen, dürfte hier zu weit führen, und es genug scheinen zu bemerken, daß es wenige oder kein anderes Gebäude der Art geben mag, welches einen solchen Reichthum und eine solche Fülle und Abwechslung von derlei Bilderschrift, welche vielleicht heut zu Tage noch unerforschter und vergessener [195] ist als die Egyptische, auch an sich und bei dem übrigen Umfang von Materialien, aufzuweisen hat, als vorstehender Kirchenbau.

Wir wenden uns im Gegentheil mit den meisten Besuchern alsbald zu der nähern Betrachtung der Aussicht in die freie Landschaft und zu der lebendigen Natur, welche auf diesem Platze sich so heiter und ersichtlich umher verbreitet, und zwar nach dem genommenen Standpunkte, zuerst nach Norden hin, dem Laufe des Rheinstromes zu Thal folgend. Hier fällt der Blick zuvorderst auf das obenerwähnte niederwendig dem Klosterberinge von Schwarz-Rheindorf liegende, einen Pfeilschuß entfernte Oertchen Geusen, dessen älterer Theil dem hohen Ufer und vormaligen Stiftsbezirke näher steht, und seinen Ursprung oder Bedeutsamkeit vielleicht der einst in der Mündung der Sieg stationirten römischen Rheinflotille verdankt. An dem angenehmen besonders für Jagdliebhaber auf Wassergeflügel beliebten Wege nach den mehrfachen mit dickicht und hoher Baumpflanzung besetzten Mündungen des klaren Siegflusses, könnte auch der Schriftgelehrte mitten in der Einsamkeit der Feld und Waldflur sich bald durch den Bonner Juden-Kirchhof überrascht finden, welcher dieser im kölnischen Lande vordem besonders verfolgten Nation, hier am anderseitigen östlichen Rheinufer seit undenklichen Zeiten gestattet worden, und mit manchen alten hebräischen Steinschriften ausgezeichnet ist. Die Mündungen des Siegflusses selbst mit ihren Krümmungen, in neueren Zeiten, wiewohl vergeblich, in einen geraden Auslauf gezwängt, sind zudem ein beliebter Aufenthalt der Lachsforellen, welche zur Herbstzeit auf den Flußgewässern herabsteigen, vor ihrem Abgang in die See in unzähliger Menge sich hier auf dem sonnigen niedern Grunde [196] des Strombettes versammeln, und den Menschen und Vögeln zur willkommenen Beute werden.

Ueber dem in hiesigen Gegenden seltenen gewaltigen hohen Baumwuchs an dem Fluße der Sieg hinweg, geht der Blick weiter auf den eine kleine Stunde von Bonn entlegenen aber noch in dessen Communalbezirk gehörenden Ort Rheindorf, ein beliebter Spaziergang von Bonn aus am jenseitigen Ufer, dann ferner über Hersel, Wittich, Wesling, Godorf, Rodenkirchen gerade auf Köln hin, welches den fernsten Horizont mit seinen Kirchengebäuden feierlich bekrönt; dann rechts an den Vorhöhen des bergischen Landes wieder herauf, wo mitten aus dem Walde und Marmorgebirge das vormalige herzogliche Jagdschloß Bensberg, jetzt ein Militairdepot, noch majestätisch thront, wieder über die Orte mit Kirchen und Thürmen als Niedercassel, Mondorf, Bergheim in den jenseitigen Sieggrund hinein, wo die dort dominirende Gebirgsart, der Uebergangskalkstein, oft in senkrechten Felsen die kleinsten Thäler, welche in ihm liegen begrenzt, und einzelne Spizzen sich aus den flächern Gegenden, die er einnimmt, erheben. Es erstrecken sich von da mit dem wilden Aggerfluß nach der Sieg die fruchtbaren Gefilde, der Flurbering mehrerer Ortschaften, als Eschmar, Siglar, Geislar, Menden, Hangelar, welche mit den vorigen ihrer zum Theil niedrigen Lage halber, jährlichen Ueberschwemmungen und darauf folgenden verderblichen Wechselfiebern ausgesetzt sind. Sie nähern sich in diesem Längenthale westlich immer weiter und breiter diesseits der Sieg und nach der Rheinebene hin, dem zwei Stunden von hier liegenden Städtchen Siegburg, welches noch aus solcher Ferne her mit seinem stattlichen Kirchthurme, mehr aber noch durch das imposante vormalige Burg- und Abteigebäude [197] auf einem isolirten Felsenberge dem Siegufer und dem hinterliegenden Gebirgssaume vortretend, majestätisch sich aus der tiefen und zum Theil morastigen Ebene und um so höher erhebt.

Dieser hehre Ort soll einst der beliebte Aufenthalt und Palast des baierisch-deutschen Königs Heinrich und Ahnherrn Heinrich des Löwen gewesen sein, dessen Besitzthümer sich von der Elbe bis zur Oberdonau und dem Niederrhein ausgebreitet haben, und zu dessen Familie die Matrone Osterlint, Mutter unseres Arnolds gehörte. Auch rühmt sich diese Burg unfehlbar das Haupt auf der altsächsischen Uferseite des Rheines, zugleich als Thor und Schlüssel des ehemaligen Sigambrischen Gaues, mit Paderborn, Eresburg, von Karl dem Großen, dessen Söhne ihre Theilung und Bund in der sigambrischen Sprache beschwuren, nach völliger Unterwerfung ihren ersten Kirchenbau erhalten zu haben. Ja es ist selbst nicht unglaublich, daß diese Burg und Stadt einstmalen ein festes Haus und der Stammsitz des germanischen Fürsten und Cherusker Herzogs oder Königs Segest gewesen, dessen Sohn Segimund (Siegmund) Priester am Altar der Ubier und dessen Tochter Thusnelda die Gemahlin Hermanns, des Befreiers der Deutschen unter August war. Es wäre selbst möglich, daß unser Monument an dem Ort der Ara Ubiorum steht, wo der auf das gallische Ufer gebrachte und als Priester des Heiligthums angestellte Siegmund nach dem Siege des Hermanns über den Varus, die Opferbinden zerbrochen und entflohen; wenigstens könnte aus manchen Andeutungen des Werkes erhellen, daß die Erbauer desselben dieser Meinung huldigten, für welche sie der Zeit um 677 Jahre, also mehr als ein Drittheil der Aera näher als wir [198] standen, und vielleicht in Kenntniß von besondern historischen schriftlichen oder mündlichen Urkunden waren, die vor unsern Sinnen bis auf ein oder das andere Bruchstück längst verloschen sind. So viel ist heut zu Tage noch historisch gewiß, daß Siegburg im Jahre 1002 aus dem Besitz der Palatine des Rheines in die Hände der kölner Cathedrale kam, deren zwei und vierzigster Bischof und Erzbischof Anno, dieses Namens der zweite, der später selig gesprochen ward, und auf welchen ein Lobgesang zu den ältesten Gedichten in deutscher Sprache gehört, die zwischen den Jahren 1060 bis 64 nachher so berühmte Kirche mit der Abtei daselbst zuerst erbaute und einweihen ließ, worin er selbst sein Begräbniß bestimmte und erhielt, wie es nach ihm Arnold ebenfalls in der unsrigen erhalten hat.

Viel näher als Siegburg, ja kaum sechshundert Schritte von unserm Standpunkte entfernt, stellt sich nunmehr östlich auf dem etwas höher liegenden Siegraine die vormalige Stiftskirche von Villich mit ihren stattlichen Gebäuden dar, eine kirchliche Einrichtung, die ihr Daseyn noch früheren Zeiten als Schwarz-Rheindorf, nämlich dem Jahre 985 verdankt, worin unter Kaiser Otto II. der edle Megengoz, Graf von Geldern und Zütpfen und dessen Gemahlin Gerberga, eine Tochter Gottfried II., Herzog von Ardennen und der Mosellaner, diese Stiftung, worin sie auch ihr Begräbniß bestimmten und erhielten, adelichen Chorjungfrauen unter der Regel des heiligen Benedikts mit ihrer Tochter Adelheid als Abtissin übergaben. Noch ruhet daselbst in Frieden, auch nie darin gestört, der edle und reichbegabende Bauherr Megengoz mit seinem Steinbilde auf dem Sarkophage, den alte Sitte ihm dankbar mit der gebührenden Inschrift über [199] seiner Aschenurne aufgerichtet und geweiht, auch von der Sonne so freundlich beschienen ist, und bleibt in der heitern Kirche das von keinen frevelnden Händen berührte auch im Marmor schon ergraute Denkmal.

Bei dem Rundgange auf welchem sich diese Betrachtungen ergeben, fällt der Blick von dem weiten Sieggrunde südlich über die anmuthige Häuserreihe des zugleich mit dem Dörfchen Villich-Rheindorf, zu dem die daselbst aufgepflanzte Windmühle gehört, anderseits der Straße nahe verbundenen Oertchen Schwarz-Rheindorf, mit einem hohen Rüsterbaume, der hier zu Land so leicht wie anderswo die Birke wächst, und in isolirter Stellung bei seiner außerordentlichen Rindeproduktion, durch das steigende Abhauen der untern Aeste leicht, wie auch die schöne Allee auf dem westlichen Rheinufer zeigt, so hoch und stark bewaldet im Wachsthum getrieben wird. Nach dieser Gegend hin erhebt sich in der Ferne, eine kleine halbe Stunde Weges entfernt, abermals ein Kirchen und vormaliges Klostergebäude, am Pützchen genannt, in der Heidenfläche am nördlichen Abhange des fast öden Gebirgsrückens, und dabei der Weiler Bechlinghofen. Es ist hier eine wunderthätige Quelle, der Adelborn, mit einer uralten Kapelle, welche die oben gedachte Abtissin Adelheid erbaut, und auch die beiliegende Kirche und Kloster gestiftet haben soll. Die Mönche desselben, Kapuziner Ordens, welche bis in die jüngste Zeit dem Stift Villich afiliirt waren, versahen vordem die Seelsorge in den vielen umliegenden kleinen Ortschaften bis über den Casseler Grund hinaus, und unterstützten die wenigen Pfarrgeistlichen in diesem Bezirke auf eine thätige und löbliche Weise. Gegenwärtig ist das Klostergebäude nebst Garten gegen einen Erbzins von vierhundert Thaler und [200] der dem Erbpächter zur Last fallenden Unterhaltung des Kirchenbaues und Abgabe einer Wohnung für den Vikariatsgeistlichen am Orte, von der Regierung begeben. Auf Maria Geburt, den 8ten September unsers Kalenders, ist seit undenklichen Zeiten auf dem Platze bei diesem Heiligthume mehrere Tage eine Zusammenkunft vom Volke unserer Gegenden, und ein Markt und Andacht, welche noch zu den besuchtesten der Rheingegend gehören.

Weiter südwärts zeichnet sich auch von diesem Standort die herrliche Scenerie des Siebengebirges, welche wiederholt zu betrachten man nicht müde wird, ganz vorzüglich aus, mit ihrem mannichfaltigen und reizenden Formenspiel aus bläulichter Ferne und mit grünem Lichte das Auge immer von neuem vergnügend. Links oder östlich erhebt sich zuerst hinter dem isolirten Finkenberg und dem vom Hartberg bis zum Etnich fortlaufenden breiten Rückersberg, der höchste Gipfel dieses Gebirges, der Auelberg, im Munde des Volkes der Oelberg, mit der hinterwärts aufsteigenden Hochwaldung, dem bemähnten Schopf eines Löwenhaupts nicht unähnlich, und deshalb auch wohl manchmal der Löwenkopf genannt, in seiner ganzen Ausdehnung. Daneben ragt, an Höhe dem ersteren noch ziemlich gleich, stolz wie ein hoher Dom, der Löwenberg mit seiner Schloßruine, dem Thurme und Resten einer Mauerkrone auf dem Haupte, worin einst die Gräfin Mathildis von Sayn, wie die päbstliche so eine andere Mathildis für den erzbischöflichen Stuhl von Köln, herrschte. Ferner zieht sich vor dem Fuß des Lohrbergs oder des Tränkbergs, der so straff und kahl mit seiner Pyramidalspitze aufsteigt, von dem Oelberg näher gegen den Rhein der Nonnenstromberg, ein Anhang des abgerundeten Strom oder Petersberges mit seiner Kirche [201] oben auf, zwischen welchen beiden der Löwenberg noch hoch herab sieht. Südwestlich dem Stromberge erblickt man dann die breite oben abgestumpfte Höhenwand der Wolkenburg, von welcher schon längst das Burggemäuer von den Steinbrechern abgestürzt ist, und den Anfang des Gebirgriffes, so hinter den Strombergen nach dem Lohrberge hinziehend, nordwärts ein tiefes eingeschnittenes Längethal bildet, welches das Löwengebirg von dem übrigen scheidet. Endlich stellt sich der Drachenfels dar, das Vorhaupt der Siebenberge, seiner Spitze nach der niedrigste aber nächst dem Stromberg, wenn man von seinem im Rheine sich badenden Fuße aufblickt, der höchste und der steilste. Er zeigt sich auf unserm Standpunkte in seiner vollen Breite und im schärfsten Profile, die Kegelspitze mit der Burgruine, die Plattform des Felsens mit dem Monument, und der Absturz zu dem Rheine mit seiner aufgestülpten Lintwurmsnase.

Von da zieht sich langgedehnt der Felsenfuß des Gebirges gegen die Westseite des Finkenberges hin, wieder stromabwärts an uns heran, und zeigt hier nächst die Gukfelsen und Lurplätze dieser Steinwand, bis zu denen ein köstlicher Weinwachs die vorzüglichsten Stellen bezeichnet, und durch unaufhaltsamen Fleiß und unermüdete Arbeit den Felsenboden da, wo sonst kaum ein Thierlein oder Vogel sparsame Atzung fand, zu den reichlichsten Ernten des das menschliche Herz so erfreuenden Getränkes treibt. Anderseits zwischen dem Drachenfelsen und dem ihm gegenüber vorstehenden Rolandseck ziehen sich im fernsten Hintergrunde des Südens die noch auf der östlichen Rhein-Uferseite belegenen Gebirgshöhen, horizontal abgeglichen, grünblau oder seefarbig, und wie ein Saum des lichten Himmelgewölbes die Erdfläche oder den Rhein [202] spiegel berührend, gerade auf die Höhe der Ruinen des Schlosses Rolandseck hin. Von diesem stromabwärts geben die abgerundetern Höhen des Vorgebirges, und davor der hehre Godesberg mit seinem hohen Thurme und Mauerkrone, auch der hinter ihm sich noch hervorwölbende Lühnberg, immer mehr von dem Rheinufer westwärts sich entfernend, der Thalebene nach Bonn Raum, setzen sich mit felsigten Abstürzen als ein düsterer Saumrand oben mit struppigter Waldung bedeckt fort, und erreichen endlich mit dem geformteren Venusberge und Kreuzberge ihre größte Erhebung.

Unterhalb letzterm Berge stellt sich das vom westlichen Rheinufer fast amphitheatralisch emporsteigende Bonn, mit seinem Schloßgebäude, seinen Kirchen und Häusermassen in seiner längsten Ausdehnung mit der Rüsterallee bis zu der Lazaruskapelle, am besten dem Ueberblicke dar, wovon auch der größte Theil noch in den Rahmen des vorliegenden Bildes fällt. Wir sehen auf dem breiten Wasserspiegel die beide Uferseiten mit Ruhe und Rast verbindende fliegende Brücke, hoch oben bei der Stadt, in deren Bering und bürgerliches Eigenthum sie schon vor langen Zeiten gezogen ward. Einstmalen, so glauben wir, vollführte dieses wichtige Landes-Verbindungsmittel seinen Hin- und Herlauf, wie mehr oberhalb so auch mehr unterhalb, zwischen unserm Standpunkte und dem ihm jetzt gegenüberliegenden Jesuiten oder Isidorshofe, und es dürfte so auf dasselbe an letzterem Orte und zu dem Dörfchen Geusen, die merkwürdige Nachricht des Florus passen, welcher, wie Eingangs gemeldet, sagt, daß Drusus Bonn und Gesonien (Bonnam et Gesoniam) mit Brücken (pontibus), der wahre Ausdruck für dieses im Kreise sich hin und her bewegende und aus zwei Schiffen als Brücke zusammengesetzte [203] Ding, neben der örtlichen Kreuz und Querfahrt über den Strom, verbunden (iunxit), und mit Wachtposten (classibus) befestigt habe (firmavit). Es ist nicht weniger glaublich daß Drusus hiebei zum Schutze dieser Brücke das römische Standquartier als Stationsort gleich oberhalb am Wichelshofe, gegründet habe, und daß der Ort, wo unsere Stiftskirche steht, diesseits nicht weniger zu einem Schutz- und Trutzpunkte auf dem Ufer und als Rheinwegthor diente. Wir schließen ferner, daß es auf diesem Platze war, wo unter Agrippa das Volk der Ubier von der östlichen auf die westliche Rheinseite überging, und daß endlich unser Kirchengebäude auf der Stelle errichtet ward, von der es sich nicht mit Unrecht annehmen läßt, die Ubier hätten zur Erinnerung an diese merkwürdige Epoche und ihr früheres Vaterland hier die berühmte Ara Ubiorum, welche endlich selbst nach Köln gekommen sein mag, noch auf heimischen Boden als ihren ersten Standort aufgestellt.

X. Das Godesberger Kreuz nebst seinen Umgebungen.

[204] Dieses schöne Werk des neugothischen oder deutschen Kunststiles der mittleren Zeiten und ausgezeichnete Denkmal der erzstiftlichen Landeshoheit in diesen Gegenden, welches hier im Bilde getreu nach seinen Resten wieder ganz dargestellt ist, befindet sich dicht an der königlichen Landstraße von Köln nach Koblenz, eine Stundewegs von der Stadt Bonn, und eine viertel Stunde von der Burg Godesberg, dem ehemaligen kurfürstlichen Residenzschlosse, entfernt. Hinter demselben zieht sich in vorliegender Ansicht der Godes-Berg selbst von dem tief herab bewaldeten Saalbande des Vorgebirges mitten in das Gefilde der Landschaft, als Vorhaupt des Reichsbannes Kottenforst, und erhebt sich stolz mit seiner doppelten obgleich jetzt gebrochenen Mauerkrone und seinem hohen wohl erhaltenen Thurme, dicht unter welchem auf einer Vorhöhe die neuere Michaelskapelle, jetzt Kirche des am Fuße des Berges liegenden Dorfes, sichtbar ist. Ueber dem schmalen Riffe womit der Godesberg und der Kottenforst zusammenhängen, steigt ebenfalls lang hinziehend der höhere Marienforster Rücken und an dessen östlichem Ende der Lühnsberg in die Höhe; in dem tiefen Thale zwischen beiden hingegen fließt die Godesberger Bach von der Godenau herab, und es entsteigen darin, beim südlichen [205] Rande des Ausganges und Baches, am Fuße eines Hügels, die schon von den Römern belobten Heilquellen des Orts. Endlich zeigt sich auf unserm Standpunkte in der äußersten Ferne der ausgedehnte mit einem Tannenwäldchen besetzte Gipfel des Roderberges, so nach dem Rheinufer heranziehend sich zu dem Felsen des Roland-Eckes hinabsenkt.

Der Rasenplatz auf welchem sich das obeliskartige Monument erhebt, liegt neben der mühltreibenden, gerade nach Bonn hingeleiteten Godesberger Bach, wovon diesseits im Bilde der Werff mit den Weidenpflanzungen noch sichtbar sind, und nächst dem Felde der Domzehnte benannt, in der jetzigen Gemarkung von Friesdorf insbesondere, als Theil der alten Hofmark, die hier zugleich mit der längs dem Rheinstrome hingedehnten Gronau an die Stadtmark von Bonn grenzte. Am Orte wird dieses erhabene Merkzeichen, das hohe Kreuz, verschiedentlich benannt, und wie bei allen an und für sich selbst höchst anziehenden Denkmälern der Vorzeit, wann keine oder doch nur wenige schriftliche Nachrichten davon vorhanden sind, gedeutet, vorzüglich aber das Godesberger Kreuz von den Bonnern und die Pyramide von den Godesbergern geheißen, auch kömmt es wohl unter dem Namen des hochkircher Kreuzes vor; letzteres dürfte sonach dem Dome in Köln zusprechen, womit dessen Form und Kunstart ausnehmend, und seine Fertigung mit der Zeit der Vollendung des Haupttheiles an diesem Gebäude, dem Chore, vollkommen übereintrifft. Die kölner Chronik heißt unser Kunstwerk schlechtweg das steinerne Kreuz (steyne Cruitz) und bemerkt dabei zu dem Jahre 1333, daß der Erzbischof Walram dasselbe, wie es dann noch stehe, zwischen Godesberg und Bonn habe setzen lassen; [206] dieser Chronist des fünfzehnten Jahrhunderts fährt hiebei fort zu melden, daß ein Theil schreibe, Bischof Wilhelm von Geneppe, Walrams Nachfolger, habe dasselbe aufführen machen, jedoch höre er sagen, Walram habe das an der obern Buttengassen Straßenecke hoch aufgestellte Marienbild gesetzt, welches das erste von solchen Bildern in Köln gewesen sei, die auf den Ecken der Straßen stehen, und derselbe habe, schließt er, dazu demjenigen Ablaß gegeben, welche vor dem Bild ein Ave Maria spreche. Es mögten sonach auch die hier vorstehenden, an den Kanten der Ecken auf Gaffeln angebrachten Figuren, ebenfalls ihrer Zeit eine besondere neue Auszeichnung unseres Monuments gewesen sein, und also auch zugleich an andere solche Werke Walrams selbst, und seines Nachfolgers Wilhelm erinnern, der ersterem, dem Friedensengel der Kölner, in dem Engelchor des Doms ein schönes Grabmal von schwarzem Marmor mit Figuren von Alabaster an der Seite, in dem hohen Chore der Domkirche selbst aber, das in seiner Art nicht minder merkwürdige Sakramentshäuslein und den Hochaltar, von dem allein das Untertheil sich noch erhalten hat, aufrichten ließ.

Andere Nachrichten über den Grund und die Ursache unseres alten Denkmals wollen, daß zu den Zeiten des Erzbischofs Theodorich I ein Edler von Hochkirchen und Besitzer des Rittergutes zu Friesdorf, einen andern Ritter (die Sage fügt hinzu: seinen Bruder) an diesem Orte im Zweikampfe erlegt und getödtet, und von Theodorich verdammt worden wäre, zur Buße ein Kreuz hier aufzuführen; diese Nachricht soll ehedem in einem alten Missal der Kirche zu Friesdorf, so später abhanden gekommen, mit deutlichen Worten haben können gelesen [207] werden. Auch sagt man, von zwei Brüdern die Junker Huy genannt, so auf dem Klochter Hofe bei Friesdorf gelebt, habe einer den andern auf der Jagd unglücklicher Weise getödtet, und sei aus Betrübniß darüber Mönch zu Heisterbach geworden, welcher Abtei er den Hof, dem Erzbischof und Kurfürst aber viele ihm zugestandene Rechte eingeräumt, wofür letzterer aus Dankbarkeit auf der Stelle wo sein Bruder gestorben, dieses Denkmal errichtet. Es könnte hienach die Stätte des Monuments, bis zu welcher der Markt von Bonn gegangen sein soll, vielleicht auch ein alter Kampfplatz zwischen der Godesberger Hofmark und der Bonner Stadtmark, ein Landgerichtsplatz gewesen sein, das erhaltene Denkmal von Stein hätte einen solchen Gerichtsplatz bezeichnet, und die Stelle eines frühern vielleicht hölzernen Todtenkreuzes an diesem Orte eingenommen. So viel hieher Gehöriges ist noch in letzterer und ersterer Beziehung gewiß, was auch die Kölner Chronik ferner bemerkt, daß Theodorich oder Dietrich um das Jahr 1209 das Schloß zu Godesberg habe bauen lassen, an dem Platze, wo vordem die Sankt Michaels-Kapelle gestanden, und als auch dieß Schloß verfallen und durch Kriegesläufte zerstört, habe Walram es erneuert und wieder aufgebaut, auch mit dem Thurme und Zinnen verstärkt.

Das eben so von Walram und vielleicht nach dessen Idee durch seinen Geheimrath Wilhelm im Verlauf einer längeren Regierungszeit (1333 bis 1349) mittelbar technisch ausgeführte öffentliche, nun wieder ganz in seiner alterthümlichen Form und Ausbildung erscheinende Denkmal, besteht als architektonisches Kunstwerk unterhalb aus einer noch wohl erhaltenen abgestumpften Pyramide von vier Stufen und vier Sitzen, jetzt noch ein Ruheplatz [208] der Wegemüden, oberhalb aber aus dem obeliskartigen und mit vielen Spitzen in der Höhe sich endigenden vierseitigen Pfeiler, an dessen Kanten kleine Nebenpfeiler vorspringen, und welcher ringsum mit Figuren bekleidet und verziert ist, die wenn auch nur theilweise ganz wie in den Giebeln erhalten, oder in immer minderen Resten noch den Betrachter in ihrer Nähe doppelt zum Werke heranziehen. Dasselbe nimmt mit seiner untersten Trittstufe, welche gerade zwölf Fuß rheinisch zur Länge hat, auf dem Erdboden den Flächenraum einer Quadratruthe oder von vier Quadratklaftern ein, und hat dreimal obige Länge bis zum obersten Ende des Kreuzes, das hier im Bilde statt des neuern von Eisen durch die alte Form von Stein ergänzt ist, zu seiner Höhe von sechs und dreißig Fuß, von welcher Höhe wieder dreißig Fuß auf die obere Abtheilung, den Pfeiler, und sechs auf den Untertheil, das Postament kommen. Dieses eine freiliegende Treppe, und dem Ganzen zugleich den Charakter des Stufenkreuzes (graduale) verleihend, ein Beiname (ad gradus), welchen so viele Marienkirchen allernächst den hohen Domstiftern führen, besteht aus der die Schwelle bildenden untersten Stufe von neun Zoll Höhe und Einem Fuß Auftrittsbreite, und den drei nächst darauf folgenden Stufen, zu zehn, acht und sechs Fuß Länge, mit gleicher Höhe und Auftritt wie unten. Diese Trittstufen, welche im Ganzen die abgestumpfte Pyramide ausmachen, erinnern auch deutlich an den so hoch aufgestellten Altarstein unserer Kirchen, welchem hier ein oben aufgesetzter großer Quaderstein (Petra) von vier Fuß im Quadrat entspricht, dem vier bis zu den Ecken des obersten Trittes vorgehende Winkelpfosten vorgesetzt sind, die wie jener dem Hauptpfeiler so diese den Nebenpfeilern desselben zum Sokel dienen. Endlich [209] lassen dieselben als Eckposten wieder eben so viele Zugänge in der Mitte jeder der vier Seiten, die gegen die vier Weltgegenden mit einer Abweichung von vier Grad gerichtet sind, offen, und vergleichen so dieß Ganze den erzbischöflichen Hochaltären, an welchen von allen Seiten her das Meßamt und der Gottesdienst gehalten werden konnte, wie auch ein solcher Altar in der Kapelle des Schlosses zu Poppelsdorf noch bis in die jüngsten Zeiten gestanden hat.

Die also zum Tisch des Herrn erhobenen Marksteine, auf welche bei feierlichen religiösen Umgängen die verehrte Monstranz hingestellt ward, bilden ferner die Unterlage zu dem ihnen tabernakelförmig aufgestellten Pfeiler oder Oberbau, der auch an die alte ähnliche Monstranz im neugothischen Stile erinnert, welche noch heut zu Tage in öffentlichen Prozessionen aus den Schätzen der Bonner Münsterkirche durch die Stadt Bonn umhergetragen wird. Unser mehr verziertes Pfeilergebilde aber, so ebenfalls zeitlich vergoldet auch in Farbe angemalt war, stieg mit drei Absätzen in die Höhe, welche ferner nicht uneigentlich wieder zu unterst mit dem Chore der Kirche und dessen Schiffe, zu oberst aber mit dem Thurmbau, Spitze und Kreuz derselben verglichen werden können, und somit zugleich die höhere Bedeutung des Kunstwerkes als ein göttliches Denkmal, aussprechen. Die unterste Abtheilung des Pfeilers ist auch der Abseite insbesondere vergleichbar kurzweg abgedacht und an sich sechs Fuß hoch; er hat als Körper drei Fuß Breite zur Seite, welches ihm eine Grundfläche von neun Quadratfuß giebt, mit deren Stärke, von den vorspringenden Nebenpfeilern abgesehen, die Masse des Stiels gleichmäßig und bis fünfzehn Fuß hoch zu der zweiten Verdachung emporsteigt, so mit den [210] Giebeln die mittlere und vorzügliche Abtheilung des Pfeilers, dem Hauptschiff der Kirche ähnlich, fortbildet. Der niedrige Untertheil des Pfeilers ist, was dessen architektonische Formen anbetrifft, ebenfalls noch ganz erhalten, allein von seinen ehemaligen hier wieder vorgebrachten freien Figurationen, sind von den Consolen, worauf sie befindlich und befestigt gewesen, nur noch die Eisen oder die Löcher von denselben vorhanden. Auf dem höhern Mitteltheil hingegen finden sich zu der Figuration nicht allein die durch Gabeln oder Zinken auf den Flächen der Nebenpfeiler vorgestreckte Consolen, sondern auch an den vier Seitenflächen des Hauptpfeilers die Säulen noch größtentheils vor, auf denen die Figuren standen. Von den noch vorhandenen Bruchstücken der den Säulen aufgestellten Hauptfiguren aber, welche ebenfalls an solche Architektur- und Sculpturformen im Dom zu Köln, und insbesondere in dessen hohen Chore erinnern, konnte auf der nördlichen, der Stadt Bonn zugewendeten und auf unserm Bilde sich darstellenden Seite, nur so viel noch ersehen werden, daß diese Hauptfigur, wie dargestellt, eine Maria als Himmelskönigin (Regina Coeli) in der Gestalt vorstellte, wie man sie, freilich etwas moderner gebildet, an der entgegenstehenden Façade des Bonner Schlosses oder nach dem Eintritt in die Stadt durch das Michaelsthor auf dem Belderberg in schönster Ausbildung erblickt.

Der obere Theil des Pfeilers, einem Haupt-Stiftsthurm entsprechend, zerfällt wie der untere in zwei Theile, nämlich den senkrechten mit besondern Giebeln und Nebenpfeilern, und den pyramidal und achtseitig aufgespitzten mit dem Kreuz, von je vier Nebenpfeiler-Spitzen umstanden, und somit nicht unähnlich der Constellation des [211] Hauptthurmes vom Archidiaconatsstifte des Münsters zu Bonn. Es steht auch unser Pfeilerbau mit diesem erhabenen Kirchengebäude vom Rolandseck am Godesberg vorbei gesehen, in einer und derselben Richtung, und diese Cardinallinie auf der Stelle des Monuments durch eine andere gerade Linie, mit der die Arme des Kreuzes ziehen, rechtwinklicht durchschnitten, weist östlich auf den Auerhof der Gronau, und westlich auf den Kluchterhof bei Friesdorf, als Endpunkte dieser Normallinie. Obige zweite Pfeilerhälfte ist um einen Fuß schmäler als die untere, jedoch von gleicher Höhe zu fünfzehn Fuß, von denen wieder sechs Fuß auf den untern senkrechten Theil desselben, die andern neun Fuß auf den obersten Theil der Pyramide oder Keule, und das geflügelte oder Kampfgerichtskreuz kommen, von welcher Form sich auch auf dem Rolandswert ein altes Muster erhalten hat. Am Untertheile des Oberpfeilers ist der Raum auf den Seitenflächen ohne Figuren, und, da das Kunstwerk sich selber ausspricht und leicht Erinnerungen weckt, so sind wohl diese zu Inschriften passenden Blenden ohne solche belassen worden. Nur die Giebelfelder sind hier, wie unterhalb, mit Figuren in Hautrelief und die den Sattelbogen aufsitzen, ausgefüllt, welche zwar ziemlich erhalten blieben, aber wegen ihrer geringern Größe und der Höhe ihres Standortes schwer zu erkennen sind. Sie bringen die Zahl sämmtlicher zum Monument angebrachten Figuren auf vier und zwanzig, wenn man mit dem Christuskind auf dem Arme der Maria anfangend, nicht auf fünf und zwanzig zählen wollte, wovon die eine Hälfte sitzend, die andere stehend ist; diese Personenzahl stimmt mit der einfachen und doppelten Besetzung eines höchsten Gerichtes geistlicher und weltlicher Art zusammen, [212] wie auch ein solches von einem Erzbischofe und Kurfürsten von Köln seit der Bulle Kaiser Karl IV (1356) den Walram zu Bonn gekrönt hatte, auf des Kurlandes Reichsboden als Zeichen und Folge der Landeshoheit sofort unbedingt gehegt und gepflegt werden konnte.

Das Material, woraus dieses Denkmal besteht, ist bis auf das Bildwerk der Figuren, der größern Säulenknäufe und Consolen, welche dem Bendorfer feinern Tufstein oder Weiberstein angehören, vom Gestein des Drachenfelsens, derselben Steinart, welche beim Gebäude des Kölner Domes verbraucht ward, und leider haben auch hier die Pfeilerspitzen und damit verknüpften Zierrathen sich merklich und größtentheils abgewittert, und sind daher auch in vorliegender Zeichnung wieder ergänzt worden. Im Vergleich mit jenem Gebäude, dessen Künstler sich vielleicht an unserm Werke übertreffen wollten, erscheint auch hier die Steinart ausgesuchter, die Arbeit schärfer und meisterhafter, die Formen und Verzierungen freier, zierlicher und gewandter als an dem berühmten Dome. Die Steine in den einzelnen Abtheilungen des Haupt-Pfeilers, welche zugleich der Form und Verzierung nach ein Unteres und Oberes begreifen oder ausschließen, sind aus einem Block gehauen; die Sätze dazwischen bestehen aus Hälften, und sind in kreuzweise sich durchschneidenden Perpendikularfugen aufeinandergesetzt. Die Horizontalfugen der Quadern passen gut und sind mit feinem Sandmörtel gebunden und ausgeglichen, und lassen an den äußersten Enden nur einen niedrigen Spielraum bemerken. Die perpendikularen Schnittfugen des Gesteins hingegen stehen weit, bis auf ein drittel Zoll auseinander, sind innerhalb und bis zu den Außenflächen mit Bley gänzlich ausgegossen, und man könnte denken als ob hier [213] mit der Menge des Metalls, wozu noch das der Verdöppelungen kommt, zugleich eine Ableitung der elektrischen Materie nach dem Erdboden, oder sonst dadurch eine besondere Beseitigung derselben beabsichtigt oder erwirkt worden sei. Wenigstens ist an der dem Wetter so ausgesetzten und auf dem flachen Felde doppelt anziehenden Form, keine gewaltsame Wirkung des Blitzstrahles, welcher ihr leicht äußerst gefährlich werden konnte, bemerkbar oder bemerkt worden.

In seiner Stellung unter freiem Himmel, unmittelbar den Winden des Blachfeldes ausgesetzt, unbehütet an der offenen Landstraße, hat dieses Denkmal allerdings das halbe Jahrtausend seines Alters hindurch, viel durch Verwitterung, besonders in den weichern Steinarten seiner Bildwerke, durch Störungen aller Art, vornehmlich bei der Belagerung Bonns in den protestantischen Kriegen, erlitten, ja es schien der Kölner Chronikschreiber seiner Zeit sich schon zu wundern, wie es hätte das erste Jahrhundert über können bestehen bleiben. Es ist demnach begreiflich wie diesem interessanten Denkmal, welches neuerdings zu dem Monument auf dem Tempelberge bei Berlin die Idee angegeben, bis auf wenige Bruchstücke alle seine frei und lose stehenden Bildwerke entkommen sind, und nur sein altes steinernes Kreuz auf der Spitze später durch ein anderes von Eisen wieder ersetzt, geblieben. Die architektonischen Glieder und deren Verzierungen in härterem Steine, litten jedoch bis auf die feinern Theile und Spitzen weniger, und ließen sich im Fehlenden leichter vermöge der Symmetrie und Benutzung ähnlicher Gestalten in gegenwärtiger Zeichnung ergänzen und herstellen. Jüngere Restaurationen zeigen sich nur unterhalb, wo einige an den Ecken der Nebenpfeiler ausgesprungene [214] Stücke vordem sind neu eingesetzt worden, und noch immer bleibt es ein schöner Gedanke unser Denkmal, wenn auch nicht wie man jüngst es vornehmen wollte, wirklich wieder ganz hergestellt, doch in einem Modell auch förmlich erneuert zu sehen.

Der Ort Godesberg mit seiner Hochburg, die erste und letzte und die herrlichste aller solcher Landeskronen auf den Ufern des Rheinstromes, inmitten der prächtigsten Gegend gelegen, bietet mit dem vorbeschriebenen Denkmal zugleich das größte Interesse in den Umgebungen der Stadt Bonn dar, und wird daher auch am häufigsten besucht. Am Fuße des Berges zieht einestheils mit der Landstraße rheinaufwärts eine doppelte lange Häuserreihe über die Brücke des Baches fort, anderntheils biegt sich vor derselben südöstlich um den Berg herum der Weg landeinwärts in das Dorf nach dem Gesundbrunnen, und von dort weiter zu dem Kottenforst und der Goudenau hinauf. Der Ortsbezirk hat jetzt nur noch das Wesen und den Namen einer Burgermeisterei, obgleich er vordem wie Bonn ein Amt benannte und begriff, und die Bewohner dieses Beringes ebenso die Ehre und Zierde eines besondern Schöffengerichtes genossen, mit einem eigenen Siegel, welches den heiligen Petrus, Patron des Erzstifts Köln, stehend mit einem dreieckigten Schild zu Füßen, darstellte. Noch blieb ein Denkmal der höhern Gerichtsbefugniß, ein interessantes Werk alter Baukunst, ein festes Haus nebst Kapelle im templarischen Stile und in Eins zusammen aufgeführt, mitten im Dorfe übrig, welches mit seinem Hof und Gut von dem Domstift in Köln zu jüngst besessen ward, und jetzt Privateigenthum ist. Die Benutzung der kleinen Kapelle, so dem heiligen Markus geweihet ist, behielt jedoch die christliche [215] Gemeinde des Orts, die übrigens vordem zu der Kirche in Rüngsdorf eingepfarrt war, und gebraucht dieselbe zur Frühmesse, die besonders von alten Leuten, welche den Schloßberg zu der Michaelskirche nicht steigen können besucht wird, und zu Kindtaufen und Kopulationen.

Es führt nächst dieser Stelle und an dem Pfarrhause vorüber der Fahrweg, so das Dorf in das Ober- und Niederdorf theilt, auf den durch seine Formbildung und Gestalt so ausgezeichneten Berg des Gaues (Godesberg), dessen südlicher Abhang, der licht und mit Weinstöcken bepflanzt, wieder der Sonnenberg, der nördliche im Bilde uns zugewendete Absturz, der dunkel mit Eichen und Buchen bewaldet ist, der Wodansberg geheißen wird. Der Berg erhebt sich zweihundert Fuß über den mittlern Rheinwasserstand bei Bonn, und dessen Kuppe von dem alten Schloßgemäuer gänzlich eingenommen, steigt mit dem Thurmbaue noch über hundert Fuß weiter, und erreicht so auch die Höhe des Münsterstiftes daselbst. Er bildet im Ganzen einen Gebirgskegel von Flotztrapp-Gestein, wie der Drachenfels, und hängt mit dem hinterliegenden Gebirge, das um hundert Fuß höher steigt, durch eine lang hingedehnte First zusammen; vor, auf und um ihn lagert zugleich, tief und hoch, ein dichtes Basaltgestein, das in irregulairen Pfeilern bereits am untern Gehänge, wie bei dem eine halbe Stunde davon entfernten Lühnsberge und auch an dem Rolandseck sichtbar zu Tage aussteht. Auf der westlichen Höhe, dem Schreiberg, von welcher der Berg sich immer breiter und mit der Schweinheimer Heide zu dem Vorgebirg hinauf zieht, tritt man am Rande der Kuppe, neben einem halbzertrümmerten Thurme in die Vorburg, deren noch ziemlich erhaltener Bering an seinem nördlichen Ende die vom Erzbischof Joseph Clemens [216] vor einem Jahrhundert prachtvoll im Innern erneuete Michaelskapelle und jetzige Pfarrkirche von Godesberg umfaßt, deren Glocken, vom vormaligen Kloster Engelthal herrührend und auf einem nothdürftig beigebauten hölzernen Thurme schwankend, dumpf über den westlich angrenzenden Todesacker schallen. An diesem Glockenhause vorbei führt nun weiter ein steiler Fußpfad in den Zwinger und zu dem besser erhaltenen Thore hinein auf den Schloßhof der Burg, in dessen Mitte, auf dem obersten Stein der Veste, das schöne noch so wohl erhaltene Thurmgebäude steht, Walrams Werk, und wie das Godesberger Kreuz, von eben so seltner Form, Größe und Herrlichkeit. Den innern Hofraum um dasselbe von ungefähr hundert und siebenzig Fuß in die Länge und hundert und zwanzig Fuß in die Breite im Mittelmaaß, umstanden die übrigen Schloßgebäude an allen Seiten, von welchen zum Theil mehr oder weniger im Mauerwerk erhalten blieb, und zwar nördlich der stattliche Saalbau gegen Bonn hin, westlich der hohe Marschallsbau, und südlich der lange Küchenbau; nur östlicher Seits, wo die Aussicht auf den Rhein und gegen das Siebengebirge geht, sind von dem kurfürstlichen Kammerbau, der ehemaligen Wohnung des Erzbischofs selbst, und welcher nördlich durch einen Söller mit dem Saal und südlich mit einer Schloßkapelle in Verbindung stand, und in welchem zuletzt Gebhard mit seiner Agnes haußte, nur noch die Spuren der Zerstörung von Grund aus übrig.

Höchst contrastirend mit den Ruinen und Trümmern ringsum, stellt sich in hellgelblicher Farbe und heiterm Aeußern das cylinderförmige und konisch nach oben verjüngte Thurmgebäude dar, dessen Durchmesser nicht nur mit dem Höhenmaaß des Godesberger Kreuzes von sechs [217] und dreißig Fuß übereinkömmt, sondern auch wie dieses seine größte Seite, so auch jenes den größten Durchmesser dreimal zur Höhe hat, wann der jetzt seiner Zinnenspitzen und Bedachung beraubte Thurm auch wieder ergänzt wäre. Derselbe zu hundert Fuß Höhe angenommen, obgleich er hier in der Nähe betrachtet, seiner nach oben verjüngten Form wegen noch viel höher erscheint, theilt sich seiner äußern Gestalt und Ausführung nach wie der Pfeiler des Kreuzes in zwei Absätze von gleicher Höhe, wovon der untere wie der obere mit einer vorspringenden Zinnenreihe und besonderem Wehrgange versehen ist und war, auch dem Profil der Säulenform des Ganzen, wie am Kreuz die vorstehenden Figuren der Pfeilerform, in der Mitte eine dem Auge angenehme Schwellung und oben eine zweckmäßige Verdachung verliehen hat. Das ganze Werk ist, den Sokel von Basalt, und die Trag- und Kragsteine, die Thür- und Fenstergewände und die Stiegentritte von Trachytporphyr ausgenommen, in den Ringmauern und Gewölben im Innern mit Tuff- und Basaltsteinen aufgeführt; erstere sind zu unterst neun Fuß dick, verjüngen sich bis zur Höhe wo die erste Gallerie oder der Wehrgang umhergeht auf acht Fuß, setzen oberhalb diesem jedesmal einen Fuß Außen und einen Fuß Innen ab, oder sind nur noch sechs Fuß dick, und verdünnen sich endlich bis zur obersten Gallerie auf vier Fuß Stärke. Das Innere dieses nur wenig mit Oeffnungen nach Außen durchbrochenen Thurmgebäudes, zu dem man von auswärts her sonst nördlich an der Seite und Höhe des Saalbaues, zwanzig Fuß hoch über dem Schloßhofe über eine hölzerne Zugbrücke auf das Gewölbe des Verließes ging, besteht aus acht Gemächerabtheilungen über einander, von welchen drei im Unterbau des Thurmes [218] oberhalb überwölbt, die übrigen im Oberbau aber durch eingelegte Balkendecken von einander geschieden, und größtentheils mit einander durch eine massive doch sehr enge Stiege in der Ringmauerdicke wieder verbunden waren. In das zu unterst auf der Felsenfläche des Berggipfels fußende Verlies von sechszehn und einem halben Fuß Weite und zwanzig Fuß Höhe, mit einem starken Kreisgewölbe bedeckt, ist jüngst eine Thüre durch die neun Fuß dicke Ringmauer desselben gebrochen worden, wodurch man nun den Thurm, zu dessen Eröffnung man den Schlüssel am Brunnenhause abverlangen muß, auf größtentheils neu angelegten und bequemen hölzernen Treppen besteigt. Zu oberst des Thurmes ist auch der ganze Boden wieder neu hergestellt, und man genießt auf diesem Altane die entzückendste Aussicht in die unübertrefflich schöne Umgegend.

Auf dem Platze dieses hehren Monuments von so fester und schöner Bauart, die sich allerdings den classischen Werken der Vorzeit gleichstellt, und an die Werke der Römer erinnert, und welches gleichsam wieder das Kastell dieses Schlosses bildete, stand vordem ein älterer Thurm oder Gebäude, worin nach einer Urkunde der Erzbischof Wikbold von Köln (1300—6) die Söhne eines Revenger von Wied wegen Felonie, dem Dienstrecht St. Peters gemäß, gefangen setzen ließ, und welche denselben mit Gewalt einnehmend auch in demselben untergiengen. Wahrscheinlich rührte dieses Thurmgebäude noch aus den Zeiten Theodorich I her, welcher das Schloß auf der Stelle gründete, wo eine ältere Kapelle des Erzengels Michaels war, die der Fürst nicht ohne die Verwunderung seiner Zeit abbrechen und das uralte Heiligthum in die Vorburg versetzen hieß. Es ist nämlich geschichtlich gewiß, daß dieser Erzbischof [219] und Kurfürst von Köln in dem Jahr 1210 das Schloß Godesberg, an dessen Stätte früher unter den sächsischen Kaisern gegen das Ende des ersten Jahrtausends nach Christi Geburt noch ein königliches Palatium bestanden, von dessen Landgut und Vasallen schon gegen das Jahr 710 der fränkische Majordom, Pipin von Heristal, dem Marienstift zum Kapitol in Köln geschenkt hatte, fünf hundert Jahre hienach neu erbaute. Sonst soll auf diesem Berge, wo man im 16ten Jahrhundert einen römischen den Heilgöttern durch einen Legaten der zu Bonn stationirenden 1sten Legion geweihten Votivstein ausgrub, ein Heiligthum des Jupiter und des Merkurs, und noch früher des germanischen Wodans, dem viele menschliche Schlachtopfer gefallen wären, gestanden, auch späterhin, wie sich aus einer Ortssage ergeben dürfte, Apostat Julian, Feldherr und Stadthalter des römisch-griechischen Kaisers Constantin hier seine Residenz aufgeschlagen und gehalten haben, wovon der Namen Godesberg abgeleitet worden. Immer war seiner Vorzüglichkeit und einladenden und romantischen Lage wegen das Schloß Godesberg seit dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts ein besonders beliebter Aufenthaltsort der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln, welche daselbst ihren Hof hielten, insbesondere seines Vergrößerers und Verschönerers Walram gewesen, und es diente zugleich länger als Aufbewahrungsort des Kurkölnischen Staats und Landesarchives, und selbst bis in die jüngste Zeit war der Erhaltung dieses Schlosses ein besonderer Punkt in der Wahlkapitulation der Fürsten gewidmet. Das wie Bonn in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zu einem Amt vergrößerte Godesberg wurde zu derselben Zeit von dem Erzbischof Theodorich, des Namens dem Zweiten, [220] der sich oft und lange in dem Schlosse daselbst aufhielt, ebenfalls wie das Amt Bonn und für 17000 Goldgulden auf längere Zeit verpfändet; doch war hundert Jahr nachher das Schloßgebäude noch in gutem Zustande, und Erzbischof Anton von Schauenburg starb im Jahre 1558 auf demselben. Es blieb der letzte feste Ort den Kurfürst Gebhard von Truchseß, so gegen das Cölibat und andere Formen der römisch-katholischen Kirche protestirte und die Gräfin Agnes von Mansfeld geheurathet hatte, in seinen Staaten behaupten wollte, und deshalb eine starke Garnison von Niederländern, die sich tapfer vertheidigten, in das Schloß legte. Allein Herzog Ferdinand von Baiern, der Bruder des an Gebhards Stelle neuerwählten Erzbischofes Ernst, erstürmte im Jahre 1583 diese Feste, nachdem er durch eine an dem östlichen Abhang des Berges unter dem Kammerbau aufgesprengte Mine, eine große Bresche eröffnet hatte, wonach die Besatzung größtentheils umkam und die Gebäulichkeiten eingeäschert wurden. Von dieser Katastrophe an blieb dieses schöne Schloß für immer eine öde Ruine, welche jedoch während des dreißigjährigen Krieges und den Belagerungen des nunmehr immer stärker befestigten Bonns noch oft herumstreifenden Banden als Zufluchtsort und militairischen Kommandos zur Position diente. Es zerfiel so immer mehr bis auf seinen Thurm, und nur bei der neu erstandenen Kapelle erhielt bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ein Einsiedler, der den Dienst derselben versah, seine stille Wohnung an dem Orte, der jetzt als Pfarrkirchplatz und höher hinauf inmitten der Ruinen seiner romantischen Schönheit wegen, von allen Gebildeten Europa's um so häufiger besucht wird.

XI. Ansicht des Siebengebirges vom Altenzoll zu Bonn aus.

[221] Die reizendste der Aussichten von Bonn, gewiß eine der schönsten Scenerien an dem auch deshalb so berühmten Rheinstrome, ist die auf dem sogenannten Altenzoll, welche fast bei jedem Spaziergange um die Stadt von Einheimischen länger oder kürzer besucht, und den Fremden oft vor allem übrigen angepriesen wird. Stromabwärts fällt der Blick zuerst auf den regsamen Hafen mit der alten Eisbrech, zu welcher die schöne Villa, der Sitz des Oberbergamts dicht heranzieht, wobei einestheils aus den zusammengedrängten Gebäuden hauptsächlich noch das Glockenthürmchen der Minoritenkirche am Markt und der Giebel der Welschnonnenkirche am nördlichen Ende der Stadt emporragen, anderntheils die Rheinseite derselben im Skurz, die Spitze und der Hahn der Gertrudenkapelle, das Rheinthor, die Hotels von Belderbusch und Metternich, das Belvedere und der rheinische Wall mit der Windmühle, die sonst nächst dem alten Zolle wie noch zu Köln beim Baienthurme stand, sichtbar bleiben. Dann gleitet das Auge schnell auf dem glänzenden Spiegel des breiten Stromes, zu dessen Belebung sich unermüdlich die fliegende Brücke mit ihrem Gefolge von Schiffen hin und her bewegt, und das Dampfschiff täglich seinen majestätischen Aufschwung zur Anlandung nimmt, hinabwärts bis [222] wo das vortretende jenseitige Ufer mit dichter Bewaldung den Silberblick des Wasserspiegels mit dunkelgrüner Fassung begränzt. Ueber noch höherem und dunklerem Baumwuchs, der die Mündungen und den Lauf des Siegflusses bezeichnet, zieht die bläulichte First der Berge mit dem fernschimmernden Schlosse Bensberg herauf, und bildet die jenseitige Neige zum untern Rhein und Sieggrunde, aus dem sich die Spitzen mehrerer Kirchthürme, zuvorderst von dem Dorfe Bergheim, das die Siegfahr hat, erheben. Näher heran auf dem diesseitigen hohen Siegraine stehen die Stiftsgebäude von Schwarz-Rheindorf und Villich, dazwischen zeigt sich durch eine Baumlücke die Kirche von Sieglar, davor auf dem rechten Ufer die erste von dessen Windmühlen, und von diesem sonnigen Hügel gegen unsern Standort heran der jenseitige höchst anmuthige Umkreis von Bonn, im bunten Gedränge der Ortschaften Schwarz-Rheindorf, Villich-Rheindorf mit seinem Burghause, Beul in mehreren Abtheilungen, als der entferntere Heckelsberg, Weiden mit seinen Bleichen, und Compahn. Die starke Baumgruppe vor letzterem Orte am Wasserspiegel des Stromes, schützt jenen fortan gegen die Gewalt des Eisganges, der ihn vor vierzig Jahren zerstörte, und erhebt noch mehr den kräftigen Mittelgrund des landschaftlichen Bildes, in dessen von sanften Gebirgshöhen umzogener Ferne, und am Fuße der Siegburg sich ein stattlicher Pfarrkirchthurm auszeichnet, der in Größe seines gleichen in hiesigen Gegenden nicht wieder findet. Die Aussicht den Rheinstrom hinauf wird noch mehr von dem grünlicht blauen oft im Wellenschlage licht schillernden Wasserspiegel desselben emporgehoben, welcher nach starker diesseitiger Ausbiegung in seiner vollen Breite, durch die hinüber und herüber [223] zusammentreffenden grünen Uferflächen als ein großer See erscheint, über dem das Auge nicht müde wird wiederholt das rege Leben auf demselben und noch mehr die große, schöne Natur ringsum, stets mit neuer Bewunderung zu beschauen.

Nächst springt um den schroffen Finkenberg links der Blick von dem vorbeschriebenen Sieggrunde rechts nach dem Casselergrunde, mit der Bonner Warte und weißen Kirche, so die Landschaft vor dem Hartgebirge bildet, das nächst von den Siebenbergen heranzieht, und zu welchem nach einander die Orte Limperich, Eudenhofen mit der Streffe, Ramersdorf mit der vormaligen Kommende, Ober-Cassel, Niederdollendorf am Rheine, und Oberdollendorf in der Schlucht zwischen der Hart und dem Petersberg, im Kreise hinanstehen. Das weite wellenförmige Gefilde bis dahin, ein vom Rheinstrome aufgeschwemmter höchst fruchtbarer Boden, trägt dazu einen Reichthum von Obstbäumen, deren Aroma zur Zeit der Apfelblüthe noch mehr zu Wanderungen dahin im Genusse der schönsten Natur einladet, unter welchen sich die näheren auf den Ennert, und die weiteren nach Ober-Cassel und Oberdollendorf vorzüglich auszeichnen. Man gelangt dorthin am besten zuerst durch das romantische Dorf Limperich mit seinem alten Thurme, malerisch an dem Riffe des Finkenbergs und den Felsen desselben von unregelmäßigem Basalte, herangebaut, ferner auf dem alten Rheinufer zu dem vorliegenden Gerichtsorte, der Streffe, von da durch das Dorf Eudenhoven und an dessen Kirche vorbei, wo man zuerst den einer Todtenlade ähnlichen Berg besteigt. Der Fahrweg auf den Ennert, der auch wegen seinem andern etwas geneigteren Ende der Etnich heißt, führt an einer frischen Quelle vorüber ziemlich bequem durch die dichte Buschwaldung zu den [224] Basaltbrüchen für Pflastersteine hinauf, wo ein Ruheplatz einen schönen Rückblick über Bonn und die herrliche Aussicht in das Siegthal bietet; dann geht der Weg steiler das obere Gehänge des kahlen Sandberges hinauf, dessen Gipfel eine weit vorliegende mit Heide bewachsene Ebene bildet, deren westliches Ende eine junge Nadelholzpflanzung trägt. An diesem Orte, dreihundert und fünfzig Fuß über dem mittleren Wasserstande des Rheines bei Bonn erhöhet, bietet jetzt ein weit und breit sichtbarer hinterwärts Nischenförmig geschlossener Portalbau, Foveau's Häuschen, Schutz gegen Wind und Regen, und Ruheplätze zu der herrlichen Aussicht nach dem Siebengebirge, und über den Rheinstrom auch nach der Gegend von Godesberg und Rolandseck hin. Leichter führt dann der Weg nach dem verlassenen Schlößchen Ramersdorf herab, und von da ein schöner Buchenhochwald zu den stark ausgebeuteten Steinbrüchen am Abhange des basaltischen Rückersberges, dem Bruchberg und Rauchloch, welche das tafelförmige Gestein minder oder mehr als Schale eines ungeheueren Elipsoids zeigen. Von beiden tritt fast senkrecht die beinahe vierhundert und fünfzig Fuß hohe Casseler-Leye, ein Basalt-Porphyrfels, hervor, dessen Gestein oberwärts in großen Massen nackt zu Tag aussteht, und auf dem man ebenfalls eine unvergleichliche Aussicht in die Gegend haben kann. Die bedeutende Ortschaft Ober-Cassel liegt am Fuße des Leyberges in drei Abtheilungen, das obere Dorf, Hosterbach und Bühel nämlich auf der Höhe nächst den Weinbergen und den Resten des steinernen Häuschens oder vormaligen Herrnhauses, der Haupttheil mit einem stattlichen Landhause und der evangelischen Kirche aber längs der diesseitigen Landstraße, und ein kleiner Theil, Weißkirchen, [225] dem Rheine näher bei der uralten Kirche auf dem Ufer des Stromes. Diese sonst auch die weiße Kirche genannt, zeichnet sich durch ihren bis zur Dachspitze aufgemauerten Thurmbau, durch ihre isolirte, castellartige Lage aus, entspricht darin dem gleichweit unterhalb Bonn rheinabwärts liegenden Orte Nieder-Cassel, und behörte mit ihrem ansehnlichen Gute dem auf den Resten eines Tempels des Mars gegründeten vormaligen Engelthaler Kloster daselbst. Von Ober-Cassel wendet man sich am Gebirge allernächst zu dem Hartberge, dessen schön gerundete Kuppe, der Vorstand des nach dem Basin der Sieg herabziehenden Flötzgebirges, links als die erste im vorliegenden Bilde sich zeigt, und an dessen Fuß das zwei Stündchen entfernte Oberdollendorf, die diesseitige Pforte des Siebengebirges liegt, wonächst man merkwürdig genug im Basalt stein den edlen Saphir findet.

Majestätisch erhebt sich nun weiter über dem Spiegel des Rheinsees das zusammengethürmte Siebengebirge mit seinen Basaltkuppen und Domitkegeln auf tausend bis fünfzehnhundert Fuß über das Meer, bleibt sich so weit dasselbe gesehen werden kann in seiner auffallenden Gestaltung immer gleich oder höchst ähnlich, und bezeugt dadurch immerfort seine Benennung jedem der Standorte um dasselbe herum. Es begreift in seinem engsten Revier nur den Raum einer Quadratstunde geraden Weges, ein ohngefähres Oblong, dessen kürzere Seiten der breit und mächtig vorliegende Strom oder Petersberg mit dem Drachenfels, und der Löwenberg mit dem Oelberg bilden, von denen aber auf gegenwärtigem Standpunkte überecks verschoben, der Petersberg und Löwenberg nächst bei einander, links denselben gegen den Oelberg hin der Lorberg oder die Tränke und der Nonnenstromberg, rechts [226] aber gegen den Drachenfels aus weiter Ferne der in der Zahl sieben oft für den Nonnenstromberg eintretende Hemerich des Lintzergebirges, und der Wolkenberg sichtbar sind. Wie eine Crystallisation auf der Unterlagsmasse zusammengedrängt mit ihren Spitzen sich erhebend, stellen diese von Natur gelblichtgrauen Erd und Stein-Formen unter dem Ueberwuchs des Gehölzes sich fast durchaus dunkelgrün oder bräunlichroth dar, wobei jedoch die Mannichfaltigkeit der Beleuchtung zu jeder Tages- und Jahreszeit, und die Schlagschatten der Wolken, welche bald diese bald jene Reihe der Gipfel verdunkeln und gegen die andern hervorheben, diese erhabene Gebirgsgruppe, immer von neuem mit einem unendlichen Reize bekleidet.

Von Oberdollendorf aus, kann man sogleich den Petersberg an dessen Außenseite hinauf besteigen, allein besser schlägt man vorerst den allmählig steigenden Weg nach dem Heisterbacher Thale an der Nordseite des Gebirges ein, durch die wilde romantische Schlucht so an Salvator Rosa's Landschaften erinnert, neben der rauschenden Kallenbach, zu den Resten der vormaligen Abtei, die sonst in dieser von hohen Bergwänden rings umgebenen Einöde, der Heisterbacher Mantel genannt, bestand. Bald erreicht man die Wasserspiegel großer Fischweiher, in denen sich Gruppen hoher Waldbäume spiegeln, und den noch mit Mauern umschlossenen Klosterbezirk, in dem die früheren Oekonomiegebäude zu gleichem Zwecke benutzt, neben wenigen aber noch höchst interessanten kirchlichen Ueberresten sich erhalten haben, und neuerdings mit schönen Gartenanlagen, durch den Aufwand des jetzigen Besitzers umgeben worden sind. Die Abtei stand in frühsten Zeiten unter dem Schirme der Herren von Rosenau, [227] die in der Kirche derselben ihr Erbbegräbniß erhielten, und es ward solche hier im Jahre 1188 unter dem Erzbischofe Philipp von Heinsberg von den Mönchen aus dem Kloster Himmerode in der Eifel gegründet, welche es auf der rauhen Höhe des Petersberges, wo sie sich zuerst angesiedelt, nicht lange auszudauren vermogten. Wie herrlich gar bald diese Stiftung hier gedieh, zeigen noch die Reste der im Jahre 1806 auf den Abbruch verkauften und zu den Kanalarbeiten zu Deutz, und vollends im Jahre 1815 zu den Festungsbauten am Rheine verwendeten Kloster und Kirchengebäude, von welchem letztern es besonders merkwürdig bleibt, daß es viele der prächtigsten Gemälde enthielt, welche jetzt die herrliche, der Münchner Gallerie einverleibte Sammlung der Herrn Gebrüder Boiseree zieren. Auch berühmte Männer waren in früheren Zeiten die Zierde des hiesigen Gotteshauses, ein Mönch Christian, mit dem selbst Christus und Maria die canonischen Zeiten gesungen haben sollen, und ein anderer Conrad von Thüringen, vormals Landgraf Ludwig IV, des eisernen und bösen, und seiner beiden Söhne, Ludwig des milden, und Hermanns, Schwiegervater der heiligen Elisabeth, Ministerial, erreichte hier nicht ohne den Geruch der Heiligkeit ein Alter von hundert Jahren. Hieher hatte sich auch der frühere Abt von Prüm, Cäsar, ein geborner von Milendunk, der geistlichen Herrschaft müde, zurückgezogen, jedoch in gewohnter Thätigkeit und Geistesübung nicht feiernd, im Jahre 1222 seinem Nachfolger das weitläuftige Güterverzeichniß der alten, von Pipin herrührenden Stiftung Prüm überschrieben und erläutert, eine der schätzbarsten Sach- und Sprachurkunden, welche seit Leibnitz schon mehrere neue Auflagen erlebt hat; minder wichtig sind desselben Cäsarius [228] Memorabilien, oder Sammlung religiöser Märchen, wovon noch manche unter dem Volke erzählt werden. Während später der Herr Abt von Heisterbach bald die schöne Jahreszeit in seinem Hause zu Königswinter auf dem anmuthigen Rheinufer zubrachte, bald seinen stattlichen Hof in der Residenz zu Bonn hielt, legten sich die nicht sehr zahlreichen Stiftsherren und Mönche im St. Petersthale zu Heisterbach bis zu ihrer Auflösung neben dem Kirchendienste vorzüglich auf die Kultur des Landes, und betrieben die des Weines und vorzüglich des Obstes in ihrem Clausurbezirke, der noch die von ihnen gepflanzten besten und feinsten Aepfelsorten in Menge trägt. Höhere Wissenschaften und Künste scheinen auch ihnen zu jüngst gleichgültig und fremd gewesen zu sein, und so erzählt ein gebildeter Reisender, so anfangs der 1790ger Jahre in die Abtei kam und nach den Alterthümern fragte, von dem Herrn Abt an den Pater Kellermeister gewiesen worden zu sein.

Das erste Glückauf zum Siebengebirge sei nun dem Stenzelberge, welcher den Heisterbacher Thalmantel vorzüglich mit bilden hilft, muthig gebracht; kein Freund der Geognosie, des Materials der Baukunst, und einer schönen Aussicht in die freie Natur wird es bereuen, diese nahe Höhe wenigstens bis zur Sohle des schon von Bonn aus sichtbaren Steinbruches, welche sich sechshundert fünf und siebenzig Fuß über den Rheinspiegel daselbst erhebt, zu besteigen. Dahin führt der Weg auf dem sonst allein die Steine zu Thal gebracht worden, durch hie und da schroffe, theils nackte theils bemooßte Klippen in einer halben Stunde zu Berg, an den regsten Ort der Gegend, wo hundert Männer auf einem abgeräumten und angebrochenen Platze von einhundert Fuß [229] Länge und siebenzig Fuß Tiefe, mit ihren Werkzeugen und Schmieden, Fuhrwerken und Geschirren eifrigst bemüht sind, das diesseitige, nördliche Vorhaupt des Graustein oder Trachytgebirges anzugreifen, weiter umzustürzen, in Stücken dem Schooße der Natur zu entreißen, und schon auf dem Platze zu dem Gebrauche weiter vorzubearbeiten. Dieser hinsichtlich des trefflichsten Haugesteins vorzüglichste Bruchort des Gebirges ist erst seit einiger Zeit wieder in so lebhaftem Betriebe, nachdem er Jahrhunderte vielleicht seit Aufführung der stattlichen Gebäude der Abtei Heisterbach, in derem vormaligen Eigenthume derselbe lag, wegen des weiten und beschwerlichen Weges für den Transport auf das Rheinufer, beinahe ganz stille gelegen hatte. Als aber in dem Jahre 1815 bei den großen Fortifikationen und vielen andern Bauten in den Rheingegenden, die Nachfrage und Forderung um harte Steine bedeutend stiegen, der Vorrath von Heisterbach zu Ende ging, die Brüche bei der Drachenfelsburg unterbleiben mußten, und die Wolkenburger Steine immer schlechter ausfielen, entschloß sich die zur Zeit entstandene Königswinterer Stein-Werkgesellschaft den Stenzelberger Bruch wieder mit aller ihrer Macht und Kraft aufzunehmen. Den frühern allzu beschwerlichen und weiten Weg durch das heisterbacher Thal aufgebend, führen sie jetzt die im Bruche schon rauh vorbearbeiteten Steine auf einem bei weitem kürzeren und besseren Wege rückwärts, zwischen dem Minderstromberg und der Rosenau vorüber und allmählig in das Königswinterer Thal hinab, zu den Werkstätten ihrer Heimath auf das Rheinufer, woher dann auch für andere ein bequemer Weg mitten durch das Siebengebirge gewonnen worden ist.

Der hierorts vorkommende hornartige Trachytporphyr, [230] auch Trachyt schlechtweg oder Trapp-Porphyrstein benannt, so neben dem Basalt die Hauptmasse und höchste Spitzen vom Siebengebirge bildet, ist im allgemeinen und hauptsächlich wo er zu Tage steht, oft auch von außen gelbbraun angelaufen, auf den frischen Bruchflächen von bläulich grauer, bald hellerer bald dunklerer Farbe, undurchsichtig, und im Durchschnitt halb hart. Das Korpus dieser Felsenart ist noch immer problematisch, indem wohl noch ungewiß blieb, ob es hier dem Basalt oder dieser ihm ursprünglich auflagert, oder ob eines oder das andere dieses Gesteins das Aeltere sei, oder ob endlich beide nicht die gleichzeitigen Modificationen einer und derselben Thon- und Kieselmasse sind. In demselben finden sich häufig kleine, gleichförmig und ziemlich fein beigemengte, grauweiße, durchscheinende Feldspatflecken, auch dergleichen sechsseitige, tombackbraune, glänzende Glimmerblättchen, und einzelne säulenförmige schwarze, auch dunkelgrüne Hornblende-Crystalle, zuweilen in großen körnigten Parthien eingefügt; wird die Oberfläche befeuchtet, so verschluckt sie viel Wasser und riecht dann stark thonig. Die Stenzelberger Werksteine sind die dunkelsten und härtesten des Siebengebirges, und werden wegen ihrer Festigkeit für die dauerhaftesten gehalten, lassen sich hingegen aber auch schwieriger bearbeiten, und springen dabei, besonders wenn sie die Glashärte haben, leicht muschelförmig aus. Sie stehen hier senkrecht zu berg, in rhomboidalischer, geschwungener Säulenform, sind bis zu einem Zwischenraume nebeneinander von mehreren Zollen geklüftet, und steigen meist bei sechs bis zehn Fuß Dicke zu zehn bis fünfzehn Fuß Höhe abgegliedert in die Höhe; diese Stücke oder sogenannte Stollen lassen sich durch Hebestangen oder Pulverminen gut von der Felsenwand des [231] Bruches abheben und davon wegschaffen, wo sie alsbald für den Gebrauch und weitere Bearbeitung in der Hütte zugerichtet und getheilt werden.

Bei dem Verweilen auf dem Stenzelberger Steinbruche, der den ersten Ruhepunkt für den Wanderer auf das Siebengebirge bildet, genießt man zugleich auf seiner Plattform, deren Rand sich mit dem Bruchgestein einige hundert Fuß tief auf eine frische Matte des heisterbacher Mantels hinabstürzt, einer herrlichen Uebersicht in dieses Thal und auf die Klosterreste und Kirchenruine, und viele Zeichnungen dieser romantischen Gegend sind schon von hier aus, wo sich ein schön geformter dunkler Vordergrund, reiche und farbige Mittelgründe, und eine sanfte, lichte Ferne nacheinander absetzen, und wieder verbinden, von Freunden der Natur und Kunst gemacht worden. Von hier kehrt man auf dem Rande des Gebirges und an dem nördlichen Gehänge des Minderstromberges zu der Kuppe des großen Stromberges oder Petersberges, und kommt bald bei einer kleinen Erhebung auf der Neige desselben, dem Aliterküppchen oder Falkenberge, zu dem von Oberdollendorf hinaufsteigenden Weg, und mit demselben auf den mit Basaltsteinen überstreuten Gipfel dieses ausgezeichneten Berges. Hier, ein tausend und fünfzig Fuß über dem Meere, wird man durch eine von Waldbäumen umgränzte Fläche, ohngefähr zwanzig Morgen groß, und als Fruchtfeld bebaut, überrascht, inmitten welcher das ansehnliche Gebäude einer dem heiligen Petrus geweiheten Kirche oder Kapelle, ohnfern davon im Hintergrunde ein kleines ländliches Wohngebäude, jenseits aber ein nur zwanzig Fuß tiefer Brunnen, der dennoch reichlich Wasser giebt, sich befinden. Glaubwürdigen Nachrichten zufolge soll im Jahre der Erlösung 1134 [232] ein religiöser Bruder und geistlicher Ordensritter, Namens Walter, dem Schiffbruch dieser Welt, wie die Sage spricht, nackt entgangen, eine freiwillige Armuth erwählt, und mit Bewilligung des Erzbischofs Bruno sammt einigen Brüdern von der Regel des heiligen Augustin, des Eremiten, dem strengen Dienste Christi in derselben Ordenskleidung sich geweiht, und angefangen haben die Wildniß dieses Berggipfels zu bewohnen. Die modische Legende ersetzt diese Geschichte durch die Erzählung, es sei einmal in dieser Gegend ein Ritter, Diether von Schwarzeneck gewesen, der bei seiner Abreise in das gelobte Land sich auf dem Rheinschloß Argenfels in die jüngere der beiden Töchter des Burgherrn mit Namen Bertha verliebt habe, und als er sein Gelübde lösend in Palästina zur Befreiung aus der Gefangenschaft abermals gelobt der Mutter Gottes nach seiner Rückkehr in sein Vaterland eine Kapelle zu erbauen und deshalb auf unserm Stromberg gekommen, habe er daselbst auf der niederen Höhe, dem Nonnenstromberg, seine Bertha und deren Schwester, die er nach Ermordung ihres Vaters auf der indessen zerstörten Veste Argenfels bisher vergeblich gesucht, als Einsiedlerinnen glücklich wieder aufgefunden, und da die ältere Schwester den Ort nicht mehr verlassen und der jüngern als Hausfrau des Ritters auf dessen Burg mit folgen wollen, so wäre von letzterem auf dem Hauptberge eine Clause und Kapelle, worin der frommen Schwester Gebeine ruhten, erbaut worden. Erzbischof Philipp, Herr von Heinsberg und von Löwenberg, versetzte wie oben gemeldet, aber schon vier Jahre nach Walters Ankunft Cisterzienser Mönche auf diesen Platz, deren Andenken die Kölner Kirche in zwei daselbst zum Orden aufgenommenen Brüdern mit Namen [233] Arnold jährlich feierte, und von welchen der Andere von Ersterem bekehrte früher Canonicus am St. Apostelstift zu Köln, ein reicher und gebildeter Mann war, weshalb Philipp es den geistlichen Herrn erlaubte den rauhen Stromberg zu verlassen, und sich in dem mildern Thale Heisterbach anzubauen; doch blieb die Geistlichkeit dieser Abtei immerfort ihrem ersten Aufenthaltsorte treu und gewärtig, und einer ihrer Priester las bis in die jüngsten Zeiten jeden Freitag morgens eine Messe in des Berges Kirche, der wohl auch mitunter der Kirchenberg hieß.

Von dem Petersberge, dessen Gipfel von dem des Drachenfelsens sechshundert Ruthen, von dem des Auelberges aber achthundert Ruthen abliegt, folgt man in der Tour des Siebengebirges zuerst dem ostwärts ziehenden Fahrwege, und ferner gerade nach letzterem Berge hin schreitend der südlichen Seite des von ihm herabstreichenden Längenthales, in dem die den Fuß der Berggipfel fast überall bekleidende und die Binnenthäler mit Mächtigkeit erfüllende eigenthümliche Konglomeratbreccie oder Tufsteinbildung emporsteigt, welche aus der Zerstörung der Trachytfelsen oder Trappporphyre, die den Kern der Berge gestalten, hervorgegangen ist. Nach dem Nonnenstromberge, der noch ganz aus solcher Breccie besteht, und den man links liegen läßt, kommt man bald bei dem rothen Kreuze an den neuen anmuthigen Weg vom Stenzelberg nach Königswinter, und auf die Schiblersheide, ein gekrümmtes und wie hier überall dickbebuschtes Thal, steigt weiter den rechts umbiegenden blinden, das heißt ungebahnten Waldweg bei einem steinernen Kreuz vorüber, und erreicht allmählig die schöne Rosenau. Diese Höhe hat einige Aehnlichkeit mit dem Auelberge, zu dessen [234] Vorgebirg sie gehört, soll vordem eine Burg der Herrn von Rosenau getragen haben, von der man Thurmreste und eine Pferdetränke zeigt, und bietet eine sehr freie und ganz vorzügliche Aussicht dar, weshalb auch diese ausgezeichnete Höhe manchmal in die Zahl der Siebenberge aufgenommen wird, und ihrer Gebirgsart nach als ein fester Trachytporphyr, der dem Stenzelberger in Form und Gemenge sehr nahe kömmt, noch bauwürdig bleibt.

Nach dem Auelberg geht der bequemste Weg auch von der Rosenau aus, an der nördlichen Seite desselben zum Gipfel hinauf, der hier bis zur Spitze mit Buchenhochwald bewachsen ist. Die südlich vorstehende Kuppe des altväterlichen Berges ist auf ihrem Scheitel zwölf hundert acht und vierzig Fuß über den Rhein-Wasserspiegel bei Bonn erhoben, und bildet den höchsten Punkt der Umgegend, bis zum Westerwald, dem Taunus, der Eifel und der hohen Vehn hin. Seine Masse zeigt am Fuße westlich noch den verwitterten Porphyr, in der Mitte dasselbe Gestein fest anstehend; auf der nördlichen Seite hingegen finden sich unten Geschiebe von Porphyr und Basalt, in der Höhe blos Porphyrfelsen, und der höchste südliche Theil dieses Berges, zeichnet sich durch einige nackte oder doch nur bemooste mächtige Basaltfelsen, eine Art Dolorit, in Tafeln aus, die senkrecht und genau im Mittage stehen, von sechs bis zu sieben und zwanzig Zoll mächtig sind, nach und nach sich spalten, eine feine schwarze Dammerde zwischen sich aufnehmen, und mit der Zeit herabstürzen: daher die große Menge von Basaltstücken, die man übersteigen muß, ehe man von dieser Seite auf den Gipfel oder von demselben herab gelangt. Nordöstlich, wo ebenfalls einige kleine entblößte Basaltkuppen sich befinden, fällt er steil ab; auch diesen Abhang bekleidet dichtes [235] ziemlich hohes Gebüsch und Schlagholz. Die Aussicht auf diesem Berge ist eine der freiesten die man haben kann, wirklich schön, übertrifft alle Erwartung, und abgesehen von dem Blick auf das Siebengebirge selbst und über die umliegenden flächern Landschaften, kann das Auge ungehindert nordöstlich zu dem westphälisch-sauerländischen Ganggebirge, an welches sich die niedrigern Höhenzüge der Grafschaft Mark und des bergischen Landes anlegen, gegen Ost zu dem nassauischen Lande und dem Taunus, gegen Süden bis zu dem Hundsrücken und dem Mosellaner-Gebirge, und endlich südwestlich zu der Eifel, und westlich sogar bis zu einem Theile des jülicher Landes schweifen. Ueber die Herleitung und Bedeutung des Namens Auelberg, der vordem der diesseitigen Landschaft, längs dem Rheine, von dem Engersgaue bis Neuwied und über Siegburg herab, den Namen des Auelgaues gab, dürfte in etwa nach seiner wassereinsaugenden Erdbeschaffenheit, was hier zu Land ein Auel heißt, und seiner Form und Gestalt, welche das Volk auch die Pfaffenkutte heißt, erklärbar, und mit der altgermanischen Gottheit, die hier unter dem Namen Oelwald verehrt wurde, wohl in Uebereinstimmung zu bringen sein.

Vom Auelberge übersieht man auch am besten die vielen kleinern höchst zusammengedrängten Bergspitzen, welche zwischen ihm und dem dreihundert und fünfzig Ruthen entfernten Löwenberg und nach dem Wolkenberg hin sich erheben, und unter dem Namen, Taubenitz, Wasserfall, Lohrberg, Lagerberg, Scherköpfe, Tränke und Kottenebel bekannt sind, und wieder eine Art Siebengebirg für sich bilden. Bei dem Absteigen von dem jähen nordwestlichen Abhang des Auelberges durch dieses gedrängte Gebirg kommt man in der Tiefe zuerst über die eingesenkte Taubenitz, deren Gestein etwas schwer [236] vom Feldspat zu unterscheiden ist, läßt auf diesem ungebahnten, dem Freunde der Gebirgskunde jedoch nicht unangenehmen Wege links den Lagerberg und rechts die Scherköpfe, und kommt zu dem Haupt des die Wasserscheide zwischen dem Auelberg und dem Löwenberge mit bezeichnenden Lor oder Lar-Berges, dessen nackter, facettirter Gipfel, ein dem in Auflösung begriffenen Trachytporphyr gleiches Gestein zeigt, worin der tafligt-kristallisirte, ein bis dreiviertelzöllige Feldspat, oft ganz gelb oder bräunlicht ist. Auf dem Wasserfall ist das Gestein oft mit einer eisenschüssigen Flüssigkeit in wellenförmigen Streifen durchzogen, etwa schon eine leise Andeutung auf Metallgehalt und entfernte Annäherung an Erzgänge, welche jedoch im Siebengebirge selbst zu den größten Seltenheiten gehören. Endlich ersteigt man auf einem gebahnten Wege das nördliche Gehänge der das lange Thal zwischen dem Löwenberg und dem Wolkenberg eröffnenden Geisberge, wohin aus dem Thale der Mirbach die Konglomeratbreccien wieder mächtig und unter den mannichfaltigsten Formen emporsteigen. Den Wolkenberg für diesmal beseitigend folgt man zu der Mirbach, welche zwischen dem Auelberg und Lohrberg entsprungen, ihre Richtung gegen Abend fortsetzt, und in dem recht eigentlichen Binnenthale des Siebengebirges hinabzieht, ein Gewässer an sich unbedeutend, welches im Sommer und Winter fast vertrocknend, im Frühjahr und bei starken Gewittern aber oft fluthet, endlich unterhalb Königswinter, nachdem es zwei Mühlen betrieben, in den Rheinstrom fällt.

Bald erblickt man den Rücken des Ofenkuler Berges und die hellen Steinhaufen von dem aus seinem Innern geförderten Gesteine, dabei die Mundlöcher der [237] Stollen, die tief und weit in den Berg getrieben sind, um die im Ofen oder Feuer äußerst beständige Steinart auszubeuten. Diese Masse besteht gleichfalls aus dem verwitterten Trachytporphyr, allein das hiesige Konglomerat oder aufgelöste Gestein, wohinein seit undenklichen Zeiten der Steinbruch getrieben wird, hat durch den Verlust seines alkalischen Gehaltes einen sehr hohen Grad von Festigkeit und besonderer technischen Brauchbarkeit erlangt, wodurch dasselbe weit und breit berühmt ist. Die Steinmassen kommen lagerweise aufeinander als verschiedene Flötzschichten von vier bis acht Fuß Mächtigkeit vor, und bilden das reinere, ziemlich gleichförmig gemengte Konglomerat, welches nicht allein zur Konstruktion der Backofen und Heerde gebraucht und Back-Ofenstein benannt, sondern auch zu großen Trögen oder Särgen behufs der Stallfütterung des Rindviehes benutzt wird. Frisch von dem Lager, worauf er von seiner Feuchtigkeit stark durchdrungen und weich ist, genommen, läßt sich der Stein leicht bearbeiten, während derselbe durch das Austrocknen im Freien, oder in der Sonne oder beim Feuer, immer mehr erhärtet, und endlich so hart wird, daß wenn man darauf schlägt, er selbst einen Klang von sich giebt. Diese äußerst nützliche Gebirgsart, die Krone des Siebenberger Gesteines, ist nicht so porös als Tufstein, und deren aus verschiedenen Steinstückchen bestehendes Gemenge enthält wenig Bimstein, wohl aber die gelbe, zarte und leichte Substanz, den verwitterten Feldspat, den man die gelbe Blume nennt, und fast mit dem Eisenocher Aehnlichkeit hat. Der Bau auf diese Steine, die größtentheils auch ihre letzte Bearbeitung in den Hütten auf dem Rheinufer zu Königswinter erhalten, hat schon längst eine große Höhle, welche beim [238] Fortarbeiten immer durch die stehen bleibende Steinmassen als Pfeiler erhalten wird, in dem Innern des Berges gemacht, wohin man bequem auf einem Fahrwege kommt. Dieser weite und hohe, mit natürlichen massiven Gewölben überdeckte, einer unterirdischen Kirche nicht unähnliche Raum, bietet bei dem Scheine vieler Lichter einen überraschenden Anblick dar, und mit Interesse schaut man dem Gewerbe der zahlreichen Arbeiter zu, welche die leicht losgehenden, länglicht viereckigten Steinmassen oft von zwanzig bis dreißig Fuß Länge und vier bis fünf Fuß Höhe, auf die einfachste Art von ihrem natürlichen Lager abheben und zerklüftet mit dem Abfall durch Pferdekarren aus dem Berg schaffen.

Immer näher kommt man nun dem Ausgange des wilden Mirbachthales in der Schlucht zwischen dem Petersberge und den mit dem Hirschberge weithin ausgedehnten Anhöhen des Wolkenberges und Drachenfelsens, zu der auch in vorliegendem Bilde sich so ansehnlich darstellenden Fronte des Siebengebirges gegen Westen hin, und verweilt bei beschränkterem Raume und dringlicher Zeit dennoch an dem Wintermühlenhof zur Besichtigung des Quegsteines, wo ein aufgelöstes Bol und selbst specksteinartiges Gestein, unverkennbare Uebergänge des Porphyrs aus einem daneben liegenden Basalte zu erblikken giebt, der höchst merkwürdig das edle Gegenstück zu dem bei der vorigen Pforte des Gebirges angereichten Saphire, den edlen Schmaragd, zu dem glänzensten Sinnbilde des Glaubens das gleiche der Hoffnung, zugleich darbietet.

XII. Königswinter mit dem Drachenfelsen nebst dem Wolkenberg und Löwenberg.

[239] In den Umgebungen Bonns hat die Aussicht von dem Drachenfelsen des Siebengebirges nur ein preiswürdiges Gegenbild an der vom Altenzoll, und die herrlichen Touren von dort auf den andern Theil der Berge, und die erhabenen Gegenstände an dem Standorte der rubrizirten Abbildung, können der Schilderung vielleicht noch ein größeres Interesse gewähren. Um vorerst den Drachenfels zu besuchen, begiebt man sich nach dem eine gute Meile von Bonn entfernten Städtchen Königswinter, wohin von Bonn ein schöner Weg durch die anmuthige Gronau über Plittersdorf geht, an letzterem Orte über den Rhein setzt, nach Niederdollendorf und vollends der Rest desselben durch eine schattige Weidenpflanzung führt; ein anderer Weg ist der auf der Landstraße am Godesberge vorüber bis gegen Mehlem, bei welchem Dorfe die große Ueberfahrt für Wagen über den Strom statt findet. Die mittlere Höhe des Rheinwasserspiegels bei Königswinter, wird auf zehn Fuß über die bei Bonn und einhundert siebenzig Fuß über die Nordsee geschätzt, und er gewährt bei seiner Breite von mehr als zwei tausend Fuß, in der die hohen Berge wiederglänzen, einen herrlichen Anblick. Die längs dem jenseitigen Ufer hingereihten, mitunter sehr ansehnlichen Gebäude, sonsten mehreren [240] ritterbürtigen Geschlechtern des Landes und des Abtes von Heisterbach gehörig, bieten einen schönen Ersatz für die längst schon mit ihrem Thorthurm verschwundenen Wehrmauern, welche an andern Orten der Rheinküste noch zum Theil so sehr befremden. Bald läßt sich das Geschläge der Steinmetzarbeiter von den auf dem Ufer weit verbreiteten Hütten vernehmen, welche dasselbe zugleich mit dem Abfallgestein vergrößern und verstärken, und man gewinnt schnell einen Ueberblick von der Bedeutendheit des Gewerbes, dem Königswinter neben dem Weinbau, mit dem die Berge stolziren, seine Vermöglichkeit und seinen Flor hauptsächlich verdankt. Die Stadt hat auch in ihrem Innern ein freundliches, man könnte sagen, ein modernes, elegantes Ansehen, und die vielen massiven, steinernen Häuser, mit Giebeln von behauenen Quadern, deuten an, daß man wirklich am Orte steinreicher Leute ist. Eine breite Straße, die Landstraße, zieht gerade und mit dem Rheinufer parallel, durch die Stadt, welche außer der ebenso breiten Querstraße bei der mitten in liegenden Kirche, im übrigen durch viele engere Gassen, jedoch immer senkrecht auf die Hauptstraße durchschnitten wird, und allerdings an die Regelmäßigkeit einer Lagerstätte erinnern dürfte. Von den vier Hauptausgängen einer solchen haben sich auch hier noch an den drei Landseiten die gleichen Thorthürme erhalten, und der vierte gegen den Rhein scheint erst seit der Zeit verschwunden zu sein, als der stolze Thurm der Felsensburg oben, seine stattliche Fronte gegen den Strom ebenfalls gezwungen hergeben mußte. Man leitet den Namen Königswinter von dem lateinischen Hiberna Regis (Königliches Winterlager) her, und erzählt, im fünften Jahrhundert habe ein König der rheinischen Franken, oder der Frankenherzog Hilderich, vor seinem [241] Rheinübergange gegen die Einfälle der Hunnen unter Attila und vor der Schlacht auf den katalaunischen Gefilden, länger hier gelagert und dem Städtchen seinen Ursprung gegeben.

Natürlich merkwürdig am Orte ist das Echo, so oft besonders zur Abendzeit gerufen wird, und an die Zwergensprache erinnert, von welcher die Faroer Lieder in tiefpoetischem Ausdruck sprechen, daß »sie sang, bei den Schwertschlägen in jedem Berge«, oder an die Berggeister, welche wie die Querfahrer den Leuten auf ihr Rufen antworten, und nach altem Glauben allerlei Waffen schmieden sollen. Andere, an die Göttin Echo denkend, wollen, man solle hier seine verliebten Seufzer auf den Wucher auslegen, denn für einen jeden, welcher der Schönen zugesendet werde, kämen acht wieder zurück. Die Kirche seit dem Jahre 1827 als eine besondere Landdechanei bezeichnet, ist ein neues Gebäude an der Stelle der alten, von welcher nichts mehr übrig, als das schöne Meßbuch aus der Kapelle des Drachenfelsens, ein sehenswerthes Manuscript des dreizehnten Jahrhunderts, so in jüngern Zeiten in der Sakristei der Königswinterer Kirche bewahrt, und sonst jährlich am Tage des Kirchweihfestes bei dem Desert im Pfarrhause den Gästen als eine unvergeßliche Urkunde (Bellaria parenthesis) vorgelegt worden. In demselben sind zugleich mehrere Geburts, Vermählungs und Sterbefälle des Drachenfelser Burggrafen Geschlechtes verzeichnet, mit welchem Königswinter bis es zu einer Kurkölnischen Landstadt gefreit worden, in einem besondern Hörigkeitsverhältnisse stand, und auch deshalb im Jahre 1421 dem Kurfürsten Theodorich II. nichts bei der allgemeinen Landbeede zum Heerzug nach Böhmen gab. Selbst unter den Erben der Burggräflichen Hoheit [242] kommen im siebenzehnten Jahrhundert noch die Goudenauischen Verwalter zu Drachenfels und Schultheisen zu Königswinter in einer Person, und im Jahre 1676 als Scheffen daselbst der Croyische Verwalter und ein Goudenauischer Bedienter vor. Um diese Zeit hatte wohl das langjährige Drachenfelser Regiment dem sanfteren Krumstabe, dem es bis zu jüngst treu geblieben, Platz gemacht, als im Wechsel der politischen Dinge zu Anfange unseres Jahrhunderts, binnen zwölf Jahren Königswinter mit seiner Uferseite unter Herzoglich Bergische, Herzoglich Nassauische, Großherzoglich Bergische, hohe Alliirte und endlich unter Königlich Preußische Oberherrschaft gekommen und wieder gerne geblieben ist.

Noch mehr wie die obere ist auch die untere Umgegend dieser Stadt äußerst lieblich und zum Naturgenusse, der zur französischen Zeit wegen der wohlfeilern Getränke von den Ueberrheinern noch häufiger auf dem rechten Rheinufer gesucht ward, einladend; er führt ferner an dem Saalbande des Petersberges hinauf nach dem Pfaffenrödchen, einer kleinen Meierei, vormals der Herren zu Heisterbach Besitzthum, mit schönen Gartenanlagen und herrlicher Aussicht, oder näher der Stadt rechts gegen die Anhöhe durch Weinberge, zu einer Cascade von Nachtigallen umflötet, weiter oben unter dichtem Baumschatten zu einem Brunnen und kleinem Weiher mit Fischen, wozu noch andere Erfrischungen gereicht werden. Auch ward um das Jahr 1814 am Ausgange dieses Thales eine Mineralquelle, die erste und alleinige des sonst so wunderbaren Siebengebirges entdeckt, welche eine bedeutende Menge in Kohlensäure aufgelößten Eisen enthält. Nach dem Drachenfelsen aber führt aus dem Städtchen Königswinter weiter ein breiter Weg allmählig an der vordern [243] Wurzel des Gebirges, die sich durch ihre geradlinigte Steigung oberhalb und ihren seitwärts gleichmäßigen Abfallsflächen in Folge des uralten Weinbaues auszeichnet, hinauf, und man macht auf dem Platteau des Berges den ersten Halt bei einer neuern freundlichen, ländlichen Wohnung mitten in einem großen Gartenlande, und von vielen Obstbäumen umringt. Hier lohnt es sich doppelt den Blick rückwärts zu wenden und auf einmal wieder der reizenden Aussicht zu genießen, über den unten liegenden Ort Königswinter, über die benachbarten Hügel, Gefilde und Dörfer, den Godesberg mit seiner Ruine, und den Rhein in seinem Laufe durch die große Ebene zu verfolgen, über das langhingedehnte Bonn hinaus bis zu der am fernen Horizonte zusammengedrängten Stadt Köln, ein Vorgeschmack von dem, was großartiger und vielseitiger noch der Naturfreund auf dem Gipfel des Berges zu erwarten hat. Immer steigt man noch über Trachyt-Conglomerate, links den Burghof, eine kleine Meierei, wo mehrere Blöcke von einem Klingstein-Porphyr, liegen lassend, weiter rechts auf der Nordostseite des Kegels vom Drachenfelsen, den im Dickicht der Buchen sich immer mehr engenden Burgweg hinan, und bald tritt man vollends auf die freie Plattform hinaus, die hoch des ausgezeichneten Berges südwestliche Ecke bildet.

Man könnte sie füglich den Drachstein nennen, so gewaltig und groß steht dieser Gebirgstheil von unten bis oben aus da, ist hier noch an hundert Schritte lang und dreißig breit, siebenhundert und sieben Fuß über den mittleren Wasserstand des Rheines bei Königswinter erhaben, und bildet zu oberst einen ganz ebenen mit Rasen und Bäumen überwachsenen Platz. Nur mit dem Rücken [244] an das Gebirg gelehnt, steht es übrigens ganz frei da, ringsum scharf abgebrochen in die schwindelnde Tiefe herab, aus der vom Rheinufer fast senkrechte Felsenwände heraufstehen, und nur weniges Strauchwerk am Rande gegen die Gefahr des Absturzes einigen Schutz bietet. Hier ist in der guten Jahreszeit, besonders am Pfingstfeste, wo fast eine Wallfahrt dahin statt findet, ein vielbesuchter Versammlungsort froher Menschen; hier wo der letzte Kurfürst von Köln wie auf dem Petersberge ein ländliches Fest mit Musik und Tanz gegeben, erwartete im Jahre 1817 den vorbeireisenden Kronprinzen von Preußen ein Gastmahl, von einer edlen Familie der Gegend bereitet; hier ist endlich auch seit dem Jahre 1814 ein Monument aufgestellt, das der Landsturm des Siebengebirges sich selbst und zweien seiner gefallenen Genossen aus Wolkenberger Stein errichten lassen. Am 18ten Oktober desselben Jahres, wo zum Jahrestage der Leipziger Völkerschlacht fast eben so viele Freudenfeuer als Sterne in Deutschlands Gauen flammten, versammelte sich der vormalige Landsturm beseelt von dem was er im großen Kampfe geleistet, auf diesem Platze, und der Anführer so an die Stelle des gefallenen Mitbürgers getreten war, hielt eine Rede bei dem Denkmale vom jubelnden Volke umdrängt, wonach die Mannschaft in guter Ordnung mehrmalen um die mit Inschriften und Sinnbildern des Kriegs verzierte Mark- und Spitzsäule herumzog.

Das Panorama auf dem Drachenstein hat zugleich das Vorzügliche eines höchst interessanten Vorgrundes an der Kuppe des Drachenfelsens selbst, welche in ihrer konischen Form noch hundert und dreißig Fuß höher als der Drachenstein hinauf steigt, und den Gipfel des Berges [245] somit achthundert ein und vierzig Fuß über das Niveau des Rheines am Orte, achthundert ein und fünfzig Fuß über dasselbe zu Bonn, und ein tausend und eilf Fuß über den Spiegel der Nordsee erhebt. Diese überhaupt gänzlich bewaldete Form ist jedoch an der südwestlichen Seite, welche sich im Bilde darstellt, so an und weggebrochen, daß sie nicht allein ihrer Blende, sondern auch eines großen Theils ihrer Felsenstücke beraubt worden, jedoch eben dadurch auch einen überraschend großen Aufschluß in die natürliche Bildung ihres Innern gewährt. Man sieht hier die perpendikulairen Stollen mit einer geringen Neigung gegen den Rhein gesenkt hoch zu Tage stehen, herauf und hinabsteigen, und unterscheidet leicht die aus der verschwundenen Rundform tief abgestollten Massen, deren Blöcke längst verarbeitet worden sind. Der Graustein an diesem Berge, ein recht porphyrartiger fester Trachyt, mit häufig eingewachsenen großen Crystallblättchen von glasigem Feldspat, gehört auch wegen letzteren zu den interessantesten Felsarten des Siebengebirges, obgleich man es für den technischen Zweck und die Bearbeitung nicht liebt, daß die Steine zu viel Glas, das ist Crystalle haben, und auch sonst der Witterung ausgesetzt leicht früher oder später zerbröckeln. Der Name Drachenfels scheint von dem alten Worte Drahen, (extillo, emitto) bei den Mineralquellen mit merklich ausduftender Luftart in hiesiger Gegend zu Draisch geformt, hergeleitet zu sein, welches an die Ausdünstung der aus der wärmern Tiefe des Erdreichs aufsteigenden Felsklüftungen und an die Wirkung des Anhauchs feucht warmer Luft auf das Gestein erinnern dürfte, wozu später Bild und Fabel vom Drachen etwa der Form und Namens Aehnlichkeit wegen aufgebracht worden, obgleich [246] auch manche den Namen aus dem griechischen Trachys, rauh, felsigt, herleiten mögten, und hiebei an den Trachyrgau des Hundrückens, so wie an das palästinische und das arabische Trachonitis erinnern, wozu man noch den Drachenfels der Vogesen, einen dem unsrigen in vielem ähnlichen Berg, zählen könnte.

Von dem Drachenstein führt ein enger und steiler, von Mittag nach Morgen sich zurückkrümmender Pfad zum Gipfel des Felsens, und zu den Ruinen des alten Schlosses, von denen im Bilde noch die Reste des Thurmes, des Saales mit seinem Altan, und weiter hinabwärts die Reste der Giebelmauer von der Burgkapelle sich darstellen, welche letztere jedoch seitdem das drohend anstehende Gestein von neuem in Abbau genommen worden, herabgestürzt ist. An dem untersten Ende der Ringmauer trifft man noch den ziemlich erhaltenen Thurm mit den diesseitigen Gewandsteinen des Burgthores, und steigt im Zwinger immer höher hinauf, bis wo derselbe jetzt durch entblößte Felsenabgründe und herabgestürzte Mauermassen gehemmt, nur mit Mühe und fast nicht ohne Gefahr den höchsten Stein des Felsens, worauf des Schlosses Thurm gestellt, erklimmen läßt. Gegen diesen waren die übrigen Gebäude nicht so bedeutend und groß; sie bestanden um denselben längs der Ringmauer westwärts aus dem Wohnhause, südwärts, wo aber jetzt davon selbst die Felsenbasis verschwunden ist, aus einem höhern, kleinern aber noch festern Kammer und Kanzleibau, westwärts gegen den Rhein aus einem Saalbau von dem der Boden und vorspringende Altan noch sichtbar sind, und endlich nordwärts in Verbindung mit letzterem Bau, aus einem zum Theil erhaltenen Söller, der mit dem Saale verbunden auch mit einem Erker versehen war, und sich an [247] den Thorbau gegen Norden schloß. In dem Schutte finden sich noch viele Asche, Kohlen und angebrannte Holzstücke, und sonstige Anzeigen genug von der Zerstörung des Schlosses durch Gewalt, Feuer und Brand, wobei es besonders der Westseite gegen den Rhein gegolten zu haben scheint; im Jahre 1788 stand noch die östlich gegen das tiefe Thal gewendete lange und hohe Außenmauer des Wohnhauses, und stürzte damals von selbst in die Tiefe hinab. In jüngster Zeit ist nächst dabei und gegen die nordöstliche Ecke der Burg der Schutt aufgeräumt worden, wobei man auf das Lokal der Küche, den Backofen und die Regencisterne traf, einen großen Handmühlenstein und mehrere eiserne Kanonenkugeln fand. Der majestätische Thurmbau, von welchem die Westseite fast ganz, und die Südseite größtentheils, seit undenklicher Zeit abgebrochen worden, ist ganz aus großen Quadern des Felsgesteins aufgeführt, an siebenzig Fuß bis zu den Zinnen hoch, bestand aus mehreren Geschossen, zu denen der Zugang oben von dem Saalbau genommen ward, und verdiente im übrigen seiner höchst merkwürdigen Bauart nach, eine besondere architektonische Bearbeitung und Erläuterung.

Die älteste namentliche Nachricht von dem edlen Geschlechte welches hier wohnte und haußte, hat uns das oben erwähnte Kirchenbuch erhalten, welches besagt, im Jahre des Herrn ein tausend zwölfhundert und fünfzig, den 15ten Oktober um die erste Stunde vor Mittag, sei in dem Schlosse Drachenfels die erstgeborne Tochter Elisabeth gestorben, und von dieser Zeit an erscheinen auch die Burggrafen in oder von Drachenfels in öffentlichen Urkunden als Ritter, Lehnsleute und Räthe der Erzbischöfe von Köln aufgezeichnet. Sie folgten dahier als [248] Schatzmeister der Bonner Kirche dem Geschlechte der Vögte des Münsters, und gehörten wahrscheinlichst ursprünglich zur Familie der Grafen von Hochstäden, die im Hauptstamme mit Erzbischof Conrad von Köln, im Jahre zwölfhundert sechszig eins ausstarben. Der Burggraf Heinrich gab zu Anfange des dreizehnten Jahrhunderts die vier Morgen seiner Weinberge unter dem Drachenloche zum Steinbruche für den Dombau zu Köln her, und erbaute wahrscheinlich die dicht am Rande der Burg gelegene Kirche, deren letzter jüngst zum Felsen hinabgestürzter Mauerrest, der Münch genannt, wohl mit an die Ansicht erinnerte, als sähe die Gestalt des Berges von hier einem betenden Mönch ähnlich. Zu Ende desselben Jahrhunderts zeichnete sich unter den Aebten und Herrn von Siegburg, Pelegrin, ein Edler von Drachenfels, durch den neuen Chorbau, wie früher die Palatine durch den Thurmbau der dasigen karolingischen Pfarrkirche aus, und setzte sich dadurch, so wie durch die Ringmauern, womit er dieselbe Stadt umgab, ein unvergangenes Denkmal. Auch von mehreren hiesigen Damen findet sich noch Kunde, deren zwei ihre geweihte Ruhestätte hier fanden, die Frauen Mechtild und Adelheid, Burggräfinnen in Drachenfels, und die dritte Katharina von Hohenfels geborne von Drachenfels, deren Gemahl im Jahre 1340 in einem Streit mit dem Erzbischofe Walram von Köln sich auf seinen Schwager als Schiedsrichter bezog, als eine Wohlthäterin der dem heiligen Urbanus gewidmeten Burgkirche, ebendaselbst. In der auf dem Schlosse Godesberg im Jahre 1463 zuerst stattgefundenen Landesvereinigung des Rheinischen Erzstiftes, kommt unter den vornehmsten Mitgliedern, Goddart Burggraf zu Drachenfels, Herr zu Milendunk und Rulandt [249] (Rolandseck) vor; er war der Burggräfin Elisabeth Sohn, durch welche ein Theil der Herrschaft Olbrük und die Vogtei zu Waldorf an die Drachenfelser Herren gekommen, auch der Vater dreier Söhne, Godhard III., Nikolas und Otto, mit welchen allen und einer Tochter Apollonia das edle Geschlecht der Drachenfelser dennoch zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ausgestorben, und Haus und Schloß Drachenfels an die Erben der letzteren gekommen, auch bis in die neuste Zeit, wo dieselben den Drachenfels mit der Ruine an die Steinmetzgewerkschaft zu Königswinter verkauft, den Edlen von Goudenau als solchen geblieben war.

Der Drachenberg ist mit dem Wolkenberg durch den alten Garten und das hufenförmig zu dem Burghofe sich herabbreitende Röpenkämmchen verbunden, auf welchem man einen herrlichen Blick stromaufwärts auch abwärts, nach Siegburg und wieder zu den beiden Berghöhen hinauf hat, da wo jetzt ein kleines Zechenhaus steht, ehedem aber oft die Hütte des Freigerichtstuhls auf der Rhön des Siebengebirges, welche hiemit beginnt, placirt geworden. Der Wolkenberg von gleicher Erhebung mit dem Drachenfels, steigt länglicht wie eine Wand empor, deren ganze Südseite oben bis zur Spitze an und aufgebrochen, und die Nordseite mit der oberhalb abgeräumten Erdmasse überschüttet ist, und bietet so diesseits und jenseits jetzt einen höchst auffallenden Anblick dar. Das Felsgestein ist dem des Drachenfelsens am ähnlichsten, jedoch hat dasselbe weniger Glas, ist aber sandartiger oder weicherer Natur, und wechselt auch in seiner Farbe wolkenartig in Placken aus dem helleren Blaugrau in das dunklere, und wieder in das gelblichtweiße ab. Auf der Spitze des Berges, wo man die beste Einsicht in das [250] Siebengebirge nimmt, stand vordem auch eine Burg, die mit der Löwenburg und dem Drachenfels als ein Kleeblatt, am Abhange des Westerwaldes von dem hohen Astenberg vor alters gar wohl in die Augen fielen, und von dorten eine Urkunde veranlaßten, welche uns noch besagt, daß da auch der rechten Dinge Stätten innen gewesen seien, nach den freien Stuhlsatzungen auf dem Joch des Rhetifon zu richten. Es saß auch hier bei der Wolkenburg im Anfange des zwölften Jahrhunderts Erzbischof Friedrich I, von Köln, Stifter der Celle auf dem Apollinarisberg und des Klosters auf dem Rolandswert, von Nation ein Schwabe, selbst zu Gericht, und entschied für das Kloster Laach den beständigen Besitz der Reliquien, die der Abt Giselbert von dem Ritter Ulrich, gleichfalls einem Schwaben, so in demselben Kloster gestorben, empfangen, gegen die Geistlichkeit der Stadt Köln, woselbst der Schatz sich früher befunden hatte. Friedrich soll im Kriege mit dem fränkischen Kaiser Heinrich V, nachdem er die von letzterm zerstörten Vesten Rolandseck und Drachenfels wieder hergestellt, die Wolkenburg neu gebaut und in diesem wie sein Nachfolger es bezeichnet, äußerst festen Schlosse, im Jahre 1137 sein Leben beschlossen haben, ward aber nicht zu Köln, sondern auf der Abtei Siegburg zur Erde bestattet.

Auch dieses Schloß bildete eine eigene Herrschaft seines Namens in dem Erzbisthum Köln oberhalb Bonn, von welcher ebenfalls eine edle Familie seit dem zwölften Jahrhundert sich herschrieb, aber wie so manche andere und namentlich die Drachenfelser, mit dem Mittelalter am Ende des fünfzehnten Säculi ausstarb. Im Jahre eilfhundert siebenzig eins, wo Erzbischof Philipp von Heinsberg den Schöppenstuhl in Andernach reformirte, kommt [251] der Ministerial Gottfried, Burggraf von Wolkenburg, mit seinem Sohne Johann, als Zeuge, auch einige Jahre später als Gutthäter des Klosters Rolandswert vor, wo seine Tochter Richmund geistlich war, und vollführte zugleich wackre Kämpfe gegen die freibeuterischen Ritter des Siebengebirges. Der berühmte und um Bonn hochverdiente Fürst, Erzbischof Conrad, Edler von Hochstäden, und Beschützer der Gegenkaiser, des Königs Wilhelm von Holland und des Königs Richard von Kornwall, wider das schwäbische Kaiserhaus, befestigte um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts die Wolkenburg, das St. Peters Schloß noch mehr, und es kommen nun die Burggrafen desselben mit denen in Drachenfels, unter den Namen Godfried oft vereint vor. Endlich ward im ersten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts diese Burg den letzten Drachenfelsern mit dem Städtchen Königswinter von dem Kurfürst Dietrich sogar verpfändet, jedoch durch den Gubernator des Erzstifts Köln, Landgraf Hermann von Hessen im Jahre 1475, beide von dem letzten der Drachenfelser, Herrn Nikolas, für sechs tausend Goldgulden wiederum eingelöst, und bestand mit einem Burggrafen, der sich zugleich als vom Drachenfels benannte, bis zum Jahr 1508 fort, als derselbe von benachbarten Rittern überlistet und ermordet ward, und mit Einziehung des Lehens vom Erzstift, auch hier die lange Reihe der kleinen Satrapen des Siebengebirges erlosch.

Zu dem Besuche der zweiten oder Nebenabtheilung der Siebenberge, nämlich dem Löwengebirge, dessen dem Auelberg wenig an Höhe nachgebendes Haupt, der Löwenberg, sich nächst der Tränke oder dem zusammengedrängten Kerntheil jener Berge befindet, kann man den Weg schon gleich von letztern Bergen, oder auch von [252] dem Wolkenberg aus nehmen, obgleich es räthlicher scheint, denselben als besonders Zeit erfordernd von Königswinter aus, auf dem schönen Weg den Rhein hinan durch Rhöndorf in dem langen Thal hinauf, und alsdann wieder nach Romersdorf bei Honef ein solches Thal hinab, auch in letzterem Falle umgekehrt, zu verfolgen. Die Natur dieses noch stärker bewaldeten Gebirges weicht in gleicher Ausdehnung mit mehreren Spitzen, als dem Hemerich, den Mittelbergen, Brüder Konsberg, Leiberg, von der vorhergegangenen Abtheilung des Siebengebirges, einerseits was die porphyrische oder sandige Bildung anbelangt durch seine mürbere, breiartige Gesteinmasse der sanfteren Abhänge gegen den Rheinstrom hin ab, andernseits nimmt die thonigte Masse mehr eine schiefrige gangförmige Bildung an, wird in der Tiefe metallhaltig, und steht zu höchst weiter mit dem Linzer Gebirge sich einigend, in regelmäßigen zergliederten Basaltkuppen zu Tage vor. Den anderthalb Stunden langen Mittelweg auf den Löwenberg von Rhöndorf, wo die Hütten der Steinmetzen des Wolkenbruchs das Ufer beleben, einschlagend, kommen wir tief am Fuße des Drachenfelsens und des Wolkenberges vorbei, und steigen das feuchte grüne Thal hinan, erst durch reichliche Weinberge, dann durch pittoreske Felsenparthien, anmuthige Wiesengründe, bewaldete und bebuschte Stellen mit frischen Quellen, und gelangen endlich in der Höhe zu einigem Ackerland. Hier, wo auf einmal ein rascheres Aufsteigen eintritt, trifft man von wilder Einsamkeit umgeben die Bauernwohnung, den vormaligen Löwenburgerhof, sonst eine gastliche Stätte, jetzt als Domaine auf den Abbruch verkauft, und findet sich plötzlich am Rande der hoch bewaldeten Kegelkuppe, in welcher Form der basaltische Löwenberg sich zu vierzehn [253] hundert und vierzehn rheinischen Fuß über die Meeresfläche emporgehoben. Die weit sichtbar ausgezeichnete Belaubung des Berges, oder die Aehnlichkeit seiner Gestalt mit einem Gewölbe, welches in der Mundart des hiesigen Landes Löwe heißt, oder endlich seine älteste Territorialherrn, die Herzogen von Berg, welche den Karolingischen Löwen, den König der Thiere im Schilde führten, mögen dem Landesberg den Namen Löwenberg gegeben, oder später emblematisch ausgebildet haben. Er war mit seiner Burg bis in die jüngste Zeit der Reichslehnsträger eines weit ausgedehnten Gerichts und Administrationbezirkes, welcher zuletzt als bergisches Amt den engeren Kurkölnischen Distrikt des Siebengebirges, ringsum an beiden Enden bis zum Rheinstrome umschloß.

Man eilt nun entweder gerade den steilen Burgpfad zum Gipfel des Berges hinauf oder folgt allmählig um den nördlichen Absturz herum den bequemen doppelt gekrümmten Fahrweg dahin, der unter hohen Eichen und Buchen über schönem Trachytporphyr zu der basaltischen Spitze führt, welche hier ganz besonders wie auf dem Auelberg aus verwitternden Dolorit besteht, einem körnigen Gemenge von Feldspat und Augit, worin diese Theile noch mit bloßem Auge unterscheidbar sind. Die charakteristische Aussicht ist hier minder weit als auf dem vorbenannten Altvater des Gebirges mit seiner entblößten Stirne, aber schöner und offner auf das nähere Rheinthal von diesem Löwen des Gebirges herabgesehen. Der Ruinen des Schlosses, welches sonst seinen Scheitel bekrönt, sind nur noch wenige, und sie bestehen hauptsächlich aus dem runden mürben Thurme, der aber leider in unsern Tagen durch die Landmesser zu oberst umgestürzt ward, wonach der Stumpf über dem hohen Wald [254] kaum noch an einigen fernen Orten sichtbar blieb, an andern in der Nähe aber am Morgen nach dem Unfall den Berg kaum wieder erkennen ließ. Alte Nachrichten aus dem Anfange des zwölften Jahrhunderts melden als Herren der Löwenburg und der benachbarten Burg des Hemerichs oder Himmerichs, welcher vom ersten Strahle der Sonne erleuchtet den Glanzblick den andern zusendet (Ἡμέρα καὶ ἵμερος), das edle Geschlecht von Heinsberg, dessen Stolz und Zierde, den großen Erzbischof von Köln wir auf unsern Wegen noch in seinen Thaten zu verehren schon oft Gelegenheit hatten. Als die eben so berühmte Mechtilde oder Mathilde verwittibte Gräfin von Sayn, dem Geschlechte der deutschen Saladine dieses Namens, und dem Erzbisthum Köln im Jahr zwölfhundert vierzig sieben ihre fürstlichen Besitzungen geschenkt, hatte sie sich jedoch das Schloß Löwenburg zu ihrem Sitz vorbehalten, und beschloß, Liebhaberin der hohen Jagd, der Falkenlust und des edlen Waidwerks, ihr Leben in der Einsamkeit dieses Orts. Bei der Brudertheilung zwischen den Grafen Johann und Engelbert von Sayn zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts, kommt als Zeuge Johann, Herr von Löwenburg vor, und auch dieser Burgherr mit seiner Ritterschaft stand getreulich dem uns nicht minder bekannten Erzbischof Sigfried von Westerburg, mit denen von Drachenfels und dem Probst von Bonn, und andern bei, in seinem Kampfe gegen die Stadt Köln mit den Aachnern, Lüttichern und andern Bürgern. In der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts ward das an Werner von Flatten begebene Schloß Löwenburg durch Vermittelung des Johannes, Burggrafen vom Drachenfels, welcher noch in demselben Jahre vierzehnhundert dreißig acht als gewesener Vikar und auch Altarist des heiligen [255] Urbans daselbst, wie das Todtenbuch klagt, gestorben, zu den Händen seiner Herren, der Grafen von Lohn und Heinsberg zurückgegeben, bei denen es verblieb, bis im Jahre fünfzehnhundert acht Kurfürst Philipp von Köln, nach Einziehung von Drachenfels und Wolkenburg, diese dritte der Freistätten des Siebengebirges besonders lieb gewonnen. Hier nahm auch, bevor er zur evangelischen Confession übertrat, Hermann Graf von Wied, Erzbischof und Kurfürst von Köln, die Reformatoren Melanchton und Bucer insgeheim zu sich auf, ob aber sein Nachfolger Gebhard, Graf von Truchseß-Waldburg, seine schöne Canonissin Agnes, von der es unbekannt ist, daß sie je eines Kindleins genesen sei, ebenfalls hieher gebracht ihr Wochenbett zu halten, dürfte zu Köln und Bonn noch lange fabelhaft bleiben.

Von dem Löwenberg steigt man entweder das anmuthige Waldthal nach Romersdorf, einem Theil von Honeff, worin sonst mehrere Werke auf Blei bestanden hinab, oder man wandert auf das Platteau des Gebirges nach dem eine Stunde entlegenen Hemerich, der sich kegelförmig, dicht bebuscht, mit verwitterten Porphyrgestein bedeckt, auf der Gebirgsfläche erhebt. Immer noch bietet derselbe seine herrliche Aussicht nach der Seite des Siebengebirges mit dem Löwenberge im Vorgrunde, und dem Drachenfels im Mittel, auf einen Blick dar, der hier zugleich links die vorliegenden Tiefen des Rheinstromes mit Nonnenwert und Rolandseck und rechts die hinter dem Auelberg abfallenden Höhen umfaßt, aber bis auf die letzte Spur seiner ehemaligen Mauerkrone beraubt, betrauert er mit entblößtem Haupte das Andenken seiner stolzen Herrn, der Kämmerlinge des Erzstifts Köln und einer der vier Ritter desselben, von welchen zwei, Dietrich und [256] Arnold, Gebrüder, die Landesvereinigung vom Jahre vierzehnhundert sechszig drei unterzeichnend, ihr besonderes Andenken bis heute namentlich bewahrten. Man wird nicht müde die in mineralogischer Hinsicht zu Berg und Thal immer merkwürdigere Gegend zu durchstreichen, die ausgezeichnetsten Erscheinungen von basalt- und wackenartigen gangförmigen Gebilden in der unmittelbaren Nähe von erzführenden Gängen, dieselben sogar durchschneidend, oder sich derem hängenden und liegenden an und aufsetzend, ins Auge zu nehmen, und fühlt sich doppelt belohnt, wenn es gelingt aus den nun versoffenen Werken noch ein Exemplar des schönsten Kupfer-Erzes in der Welt hier aufzutreiben. Wo fände man dann einen freundlicheren Aufenthalt als in dem großen Dorfe Honeff, daß in fünf Hunschaften, Benndorf, Benel, Mülheim, Romersdorf und Selhof, abgetheilt, mit herrlichen Landhäusern sich vor obigem Gebirgsrande als diesseitiger Horizont der Stadt Bonn erhebt, wohin die beste Heimkehr über das gastliche Nonnenwert, das reizende Rolandseck und das schöne Godesberg, gemacht wird.

Abbildungen

Die Swing Brücke
Abb. 1: Die Swing Brücke
An der Baumschule
Abb. 2: An der Baumschule
Der Marktplatz
Abb. 3: Der Marktplatz
Die Münsterkirche
Abb. 4: Die Münsterkirche
Die Münsterkirche, innen
Abb. 5: Die Münsterkirche, innen
Die Anatomie
Abb. 6: Die Anatomie
Das Poppelsdorfer Schloß, Gartenseite
Abb. 7: Das Poppelsdorfer Schloß, Gartenseite
Der Kreuzberg
Abb. 8: Der Kreuzberg
Die Doppelkirche von Schwarzrheindorf
Abb. 9: Die Doppelkirche von Schwarzrheindorf
Das Hochkreuz
Abb. 10: Das Hochkreuz
Das Siebengebirge
Abb. 11: Das Siebengebirge
Der Drachenfels
Abb. 12: Der Drachenfels

Nachwort 2026

Ein Buch und sein Verfasser

Als Die Stadt und Universität Bonn am Rhein 1832 bei Tobias Habicht erschien, war die Universität gerade vierzehn Jahre alt. Bonn stand zwischen zwei Epochen: Die kurfürstliche Residenz war Geschichte, die preußische Universitätsstadt erst im Werden. Hundeshagens Buch hält diesen Übergang in zwölf Ansichten und zwölf Kapiteln fest.

Der Verfasser war kein Bonner und kein zünftiger Historiker. Helfrich Bernhard Hundeshagen kam als Jurist, Architekt, Zeichner und Bibliothekar an den Rhein. Diese Mischung prägt das Buch in seinen Stärken wie in seinen Schwächen. Wer es heute liest, liest zugleich ein Stück Stadtgeschichte und ein Dokument romantischer Geschichtsauffassung.

Leben: Hanau, Wiesbaden, Mainz, Bonn, Endenich

Hundeshagen wurde am 18. September 1784 in Hanau geboren; der Vater war Gymnasialprofessor und Syndikus. 1802–03 studierte er in Marburg die Rechte bei Friedrich Carl von Savigny, gemeinsam mit Jacob Grimm, danach bis 1806 in Göttingen. Als Hofgerichtsadvokat in Hanau wandte er sich der antiken und mittelalterlichen Baukunst zu.

Aus dieser Leidenschaft gingen seine ersten Bücher hervor: über die Liebfrauenkapelle in Frankenberg (1808) und über Kaiser Friedrichs I. Barbarossa Palast in der Burg zu Gelnhausen (1814, 2. Auflage 1819). Pläne und Zeichnungen fertigte er selbst. Die Gelnhausen-Monographie gilt als frühes Zeugnis der romantischen Wiederentdeckung staufischer Architektur.

1813 wurde er Bibliothekar der neuen öffentlichen Bibliothek in Wiesbaden und übernahm bald auch Aufgaben im Bauwesen und in der Topographie. Hier begegnete er 1814/15 Goethe. Am 6. Januar 1816 erwarb er in Mainz eine fast vollständige, mit 37 Federzeichnungen illustrierte Handschrift des Nibelungenliedes, die bis heute als „Hundeshagenscher Kodex“ seinen Namen trägt und in Berlin liegt.

Konflikte mit Kollegen und Kritik an seiner Amtsführung führten im Dezember 1817 zur Entlassung aus nassauischen Diensten. In Mainz zeichnete er danach den Dom auf; diese Aufnahme wurde erst 1943 gedruckt. 1820 verlieh ihm Heidelberg die Ehrendoktorwürde, daher das „Dr.“ auf dem Titelblatt.

Von 1820 bis 1824 lehrte Hundeshagen an der Universität Bonn theoretische und praktische Baukunst. Danach lebte er als freier Baumeister und Schriftsteller, beschäftigte sich mit Musiktheorie und schrieb historisch-topographische Werke: 1832 das vorliegende Buch, 1833 eine Darstellung Godesbergs. Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte er psychisch erkrankt in einer Heilanstalt in Endenich, wo er am 9. Oktober 1858 starb.

Das Buch: ein Spaziergang mit dem Maßstab

Das Buch ist als Folge von Wanderungen angelegt. Es führt von der Rheinseite über Markt, Münster und Schloss nach Poppelsdorf und zum Kreuzberg, dann über den Rhein nach Schwarzrheindorf und schließlich nach Godesberg, ins Siebengebirge und auf Drachenfels und Löwenburg. Jedes Kapitel ist um eine der zwölf Ansichten gebaut, die Hundeshagen beigab.

Auf jeder Seite schreibt der Architekt mit. Er misst das Schloss mit 440 auf 220 Fuß, zählt rund dreihundert Räume und etwa tausend Öffnungen. Er nennt die Baustoffe: Feldbrandziegel, Trierer Kalk, Edeltannenbalken, Trachyt aus dem Siebengebirge statt Marmor. In Schwarzrheindorf liest er römische Ziegel und Spolien aus der Stiftsmauer heraus.

Zugleich arbeitet er als Urkundenleser. Er zitiert die „fratres de lacu“ von 1110, Propst und Dechant von 1131 und die Steininschrift des Propstes Gerhard, den er als zweiten Gründer des Münsters erkennt. Siegel, Totenbücher und Chroniken dienen ihm als Belege; die Titelvignette mit dem alten Stadtsiegel ist ein kleines Lehrstück der Sphragistik.

Am wertvollsten ist heute der Augenzeuge. Hundeshagen hat gesehen, was verschwand: die Gangolfskirche vor dem Münster, die französischen Pläne, auch Kreuzgang und Kapitelhaus niederzulegen, die Vergoldungen und Bohlenböden des Schlosses, die beim Umbau zur Universität verloren gingen. Solche Beobachtungen machen das Buch zu einer wichtigen Quelle für den Zustand Bonns um 1830.

Romantische Deutungen und ihre Grenzen

Neben dem genauen Beobachter steht der romantische Deuter, und beide sind oft nicht leicht zu trennen. Hundeshagen nennt den romanischen Münsterbau „altgothisch“, wie es seine Zeit tat. Er führt die Gründung der Kirche auf die Kaiserin Helena zurück und übernimmt damit die Legende als Geschichte.

Kühn sind vor allem seine Ableitungen. Bonn ist ihm das alte „Verona“, im Stadtsiegel liest er ein Chronogramm, im Dorf Geusen erkennt er das „Gesonia“ des Florus, und die Ara Ubiorum lässt er zuerst in Bonn stehen. Den Namen der Abtei leitet er aus dem griechischen abaton her, den Hemmerich aus hēmera, dem Tag.

Auch Daten verschieben sich bei ihm. Den Beitritt Bonns zum Rheinischen Städtebund von 1254 macht er zu einer Mitgliedschaft in der Hanse. Solche Stellen sind nicht als Befunde zu lesen, sondern als Zeugnis dafür, wie die Romantik eine Stadt mit Altertum ausstattete.

Bedeutung für die Geschichtsschreibung

Hundeshagens Buch ist eine der ersten umfassenden Beschreibungen Bonns aus der frühen preußischen Zeit, verfasst von einem bautechnisch geschulten Zeitzeugen. Daraus ergibt sich seine Bedeutung auf drei Ebenen.

Als Quelle. Es zeigt Bonn vor dem Eisenbahnbau, vor dem Fall der letzten Befestigungsreste und vor den großen Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts. Maße, Materialien, Nutzungen und Verluste, die Hundeshagen notiert, sind für Bauforschung und Denkmalpflege bis heute nutzbar; die zwölf Ansichten ergänzen sie bildlich.

Als Zeugnis der Romantik. Das Buch zeigt, wie Geschichte um 1830 geschrieben wurde: im Gestus der Wanderung, mit Liebe zum Mittelalter und mit dem Wunsch, der eigenen Landschaft eine möglichst tiefe Vergangenheit zu geben. Es steht in der Reihe der Rheinbücher jener Jahre und neben Hundeshagens Gelnhausen- und Godesberg-Schriften.

Als Wegmarke. Hundeshagen verbindet Urkundenarbeit und Bauaufnahme mit spekulativer Deutung, ohne sie sauber zu scheiden. Wenige Jahre später, mit dem 1841 in Bonn gegründeten Verein von Altertumsfreunden im Rheinlande, setzte sich die kritischere, quellengebundene Landes- und Altertumskunde durch. Sein Buch markiert den Punkt, an dem die antiquarische Liebhaberei in die wissenschaftliche Stadtgeschichte überzugehen beginnt.

Für heutige Leser heißt das: Hundeshagen ist ein unentbehrlicher, aber kein unkritisch zu übernehmender Gewährsmann. Wo er sieht, misst und zitiert, ist er verlässlich; wo er deutet und ableitet, spricht der Romantiker. Gerade diese doppelte Stimme macht die Neuausgabe lohnend.

Literatur

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

  1. Fundstelle: ULB Bonn, urn:nbn:de:hbz:5:1-14243.↩
  2. Heute: Acherstrasse.↩