Der 30. Januar 1933 in Bonn

Machtübernahme in der Provinz

General-Anzeiger Bonn,

„Renoisstraße“ steht es schwarz auf weiß auf einem Straßenschild an der Reuterstraße, kurz hinter der Argelanderstraße. Sie ist benannt nach dem Bonner KPD-Stadtverordneten Otto Renois, den die SA am 4. April 1933 nachts aus der Wohnung holte und auf einen Plateauwagen verfrachtete. Während der Fahrt – angeblich auf der Flucht – schoss ein SA-Mann Renois in den Kopf. Der Wagen brachte ihn in die Universitätsklinik, wo ihn ein heute bekannter Chirurg operierte. Doch noch in der Nacht starb Otto Renois: eines der ersten Mordopfer in Bonn nach der Machtübernahme der Nazis. Anlässlich der 40. Wiederkehr des 30. Januar 1933, jenes „merk-würdigen“ Tages in der Geschichte der Deutschen, haben wir versucht, die Vorgänge und Stimmungen im damaligen Bonn zu rekonstruieren, bevor dies alles dem Vergessen anheimfällt. Damals gingen Freiheit und Rechtsstaat verloren, endgültig verloren; denn „die fehlende Resistenz der Menschen aller Gruppen und Schichten gegen antidemokratische Formen“ (Dahrendorf) ließ sich schon seit einigen Jahren feststellen. Dieser Artikel soll an die erinnern, die damals nicht – laut oder still – mit den neuen Machthabern paktierten, sich nicht von ihnen blenden ließen, sondern – wie ein Gewerkschafter heute sagt – „Rückgrat besaßen“, die der jungen Generation durch ihr Schicksal zeigen können, was es heißt, für eine Demokratie – auch wenn sie von vielen schon beiseitegeschoben worden war – einzustehen. Sie, die von den „tausendjährigen“ Herrschern und ihren vielfältigen Stützen Besiegten, gerieten nach 1945 angesichts prominenter und spektakulärer Widerständler in Vergessenheit. Den Streit um die memoria, das Angedenken der Nachwelt, gewannen die moralischen, nicht die politischen Gegner des Nationalsozialismus.

Grabstein von Otto und Grete Renois auf dem Poppelsdorfer Friedhof in Bonn
Grabstein von Otto und Grete Renois
auf dem Poppelsdorfer Friedhof, 2023

Am späten Vormittag des 30. Januar 1933, kurz vor 11 Uhr, schreiten ungefähr ein Dutzend dunkel gekleideter Herren, Franz von Papen voran, durch die Ministergärten auf das Reichspräsidentenpalais zu: Sie werden vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg erwartet. Im Büro seines Staatssekretärs Otto Meissner gibt es noch eine peinliche Szene: Eine Ernennungsurkunde wird zerrissen, eine andere neu geschrieben, weil der vorgesehene Amtsinhaber sich verschlafen hat, dann aber doch noch gerade rechtzeitig erscheint. Endlich ist es so weit: Hindenburg ernennt die Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler, Wilhelm Frick zum Reichsinnenminister und Hermann Göring zum Minister ohne Geschäftsbereich, stellvertretenden Reichskommissar für Preußen und preußischen Innenminister. Alfred Hugenberg, Ufa-Chef, wird Reichswirtschaftsminister, der verschlafene Seldte vom Stahlhelm Reichsarbeitsminister, Generalleutnant Werner von Blomberg Reichswehrminister. Franz von Papen („Wir haben uns ihn [= Hitler] engagiert.“) wird Vizekanzler und Reichskommissar für Preußen; er meint noch am selben Tag über die Zukunft Hitlers: „Was wollen Sie denn. Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“

Der Rundfunk brachte bereits in den Mittagsnachrichten die lang erwartete Meldung. In der ersten Kabinettssitzung der neuen Regierung um 17 Uhr setzte Hitler den Beschluss durch, den Reichstag aufzulösen. Am Abend, von 19 Uhr bis 1 Uhr nachts, paradierten die NS-Kampfverbände und der Stahlhelm in einem grandiosen Fackelzug vor dem „Führer“, dem ehemaligen „böhmischen Gefreiten“, der vom Balkon der neuen Reichskanzlei auf sie niederschaute. Ein damaliger Bonner SA-Sturmbannführer erinnert sich: „Der Kampf war zu Ende. Es war erreicht, wofür wir jahrelang geschuftet hatten. Unsere Arbeit war belohnt worden.“

Was geschah in jenen Stunden, in diesen Tagen in Bonn? Wie reagierte die Provinz auf die Ereignisse in der fernen Reichshauptstadt? Stimmt es, dass die Machtübernahme das katholische, antipreußische Rheinland kalt ließ, ja von ihm abgelehnt wurde? Oder war auch hier der Jubel groß, als Hitler sich und sein „Kabinett der nationalen Erhebung“ der deutschen Öffentlichkeit vorstellte?

Auskunft darüber geben im Allgemeinen die Akten der Verwaltung, besonders der Polizei, damalige Berichte der Lokalzeitungen und Personen, die irgendwie beteiligt waren. Die Akten der Verwaltung und der Polizei sind jedoch wahrscheinlich nicht mehr vorhanden. Der Kölner Regierungspräsident, an den derlei Akten zur Archivierung abzuliefern waren, hat diese Bestände vor 1945 zum letzten Mal Anfang der 1930er Jahre an das Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf weitergeleitet; was danach von den untergeordneten Behörden bei ihm eintraf, hat er pflichtwidrig zurückbehalten. Im Krieg sind diese Aktenbestände mit dem Gebäude des Regierungspräsidenten wahrscheinlich vollständig vernichtet worden. Die beiden damaligen Bonner Lokalzeitungen, der nationalkonservative „General-Anzeiger“ (GA) und die zentrumsnahe „Deutsche Reichs-Zeitung“ (DRZ), geben ein, wenn auch nicht umfassendes, so doch brauchbares Bild dieser Tage.

„Auch als die geschickte Ausnutzung der unglückseligen Berufung Hitlers durch den altersschwachen Hindenburg einen Teil Deutschlands in Taumel versetzte, weil der nationale Mantel, den die Bewegung sich umgehängt hatte, die Massen täuschte, war man im katholischen Deutschland, vor allem hier im Westen, ganz überwiegend ablehnend.“

Das schrieb 1947 Wilhelm Neuss, damals Professor für katholische Theologie an der Universität Bonn.

Als Erste reagierten die Kommunisten auf die Machtübernahme in Berlin. Der GA berichtet am 31. Januar lapidar in der „Tageschronik“ neben einem vereitelten Schaufensterdiebstahl über einen Umzug der Kommunisten:

„Die Kommunisten veranstalteten gestern Nachmittag einen Umzug durch die Straßen Bonns. Der Zug, an dem sich viele Anhänger der Partei beteiligten, konnte ohne Störungen durchgeführt werden. Gegen 19 Uhr löste sich der Zug wieder auf.“

Genauer ist die DRZ:

„Die Kommunisten veranstalteten gestern Abend eine Straßenkundgebung gegen die neue Regierung. Etwa 300 Mann, auch eine Anzahl Frauen, zogen mit Musik und Fahnen durch die Stadt, abwechselnd ihre Lieder singend und rufend: Nieder mit Hitler! oder Nieder der Faschismus! Auf dem Stiftsplatz und auf dem Münsterplatz wurden kurze Ansprachen gegen die neue Regierung gehalten. Zusammenstöße mit anderen Parteien oder auch mit der Polizei, die natürlich, wenn auch möglichst unsichtbar, dabei war, gab es nicht.“

Wesentlich breiteren Raum nimmt im GA vom 1. Februar die Schilderung der – verspäteten – Kundgebung der Regierungsseite ein. „Die Harzburger marschieren in Bonn auf“, lautet die naive Überschrift: Hinter den „Harzburgern“ verstecken sich für jedermann sichtbar die Nationalsozialisten, die in Bonn ebenso wie im „Kabinett der Harzburger Front“ die Stahlhelmer und Hugenbergler vor sich her trotten ließen.

„Nachmittags hatte die Polizei davon erfahren, dass die Kommunisten sich auf dem Stiftsplatz versammeln wollten, von wo ein Umzug durch die Stadt geplant war. Die Vertreter der Kommunisten sicherten allerdings zu, nur in der Altstadt zu demonstrieren und sich am Schluss des Zuges auf dem Stiftsplatz aufzulösen. […] Die Polizei konnte und durfte natürlich einen derartigen Umzug nicht genehmigen. Sie verlangte von den kommunistischen Vertretern, dass sie ihre Anhänger beruhigten und von Übergriffen gegen die Kundgeber am Abend zurückhielten. Die Polizei werde jedenfalls den Zug schützen müssen und energisch durchgreifen. […] Seit dem Nachmittag zog die Polizei in Doppelstreifen, den Sturmriemen um das Kinn, durch die Stadt.“

Der Berichterstatter beginnt die Schilderung der Demonstration ironisch-distanziert:

„Die Wehrverbände der Parteien, die die neue Regierung bilden, hatten zu einer Kundgebung geblasen, die – so sagen sie ja – den endlichen Sieg des nationalen Deutschland feierlich begehen sollte.“

Vor Beginn des Fackelzuges habe man vom Münsterplatz her die „Internationale“ gehört. Prügeleien am Rande werden müde kommentiert: „Man ist ja heute schließlich bei jedem politischen Umzug kleinere Reibereien gewohnt.“ Die ironische Distanz des Anfangs hält jedoch nicht lange:

„Die Kundgebung selbst und der Abschluss auf dem Münsterplatz insbesondere waren recht eindrucksvoll. Da schoben sich die braunen Kolonnen mit ihren Fahnen in Reih’ und Glied durch die von der Volksmenge dicht bestandenen Straßen[,] und hinter der Stahlhelmkapelle wogte das schöne Feldgrau im gleichen Schritt und Tritt.“

Jetzt zittern die morschen Knochen: Der Soldat des Ersten Weltkrieges – und mit ihm viele andere – wird von dem militärisch eindrucksvollen Schauspiel überwältigt:

„Im Abendwind flatterte die alte Kriegsflagge und das Schwarz-Weiß-Rot. Militärmärsche brausten durch die Straßen[,] und aus tausend Kehlen strömten die Kampflieder in den Abend hinein. Dazu der Schein der tausend flackernden Fackeln. […] Dann schließlich auf dem Kaiserplatz der Vorbeimarsch der Truppe vor den Führern des Stahlhelms und der Nationalsozialisten und der Aufmarsch der Kolonnen auf dem Münsterplatz. Hier wies der Führer der Nationalsozialisten auf die Bedeutung des Tages hin. Endlich habe der Mann die Führung des Reiches übernommen, den Millionen schon lange erwartet hätten. Nun werde sich zeigen, dass das nationale Deutschland Arbeit und Brot bringen könne. Aber der Erfolg liege darin, dass die Massen und besonders die Kampfverbände dem Führer Gefolgschaft leisteten. Man habe das Vertrauen in den Führer; er werde es nicht enttäuschen.

Der Bonner Führer des Stahlhelms dankte dem Reichspräsidenten, dass er nun die Männer mit der Führung des Volkes beauftragt habe, die endlich mit dem System der letzten 14 Jahre brechen würden. Die Kundgebung wolle nur zum Ausdruck bringen, dass jeder Einzelne nichts für sich selbst und alles für Deutschland tun wolle. Am Schluss der beiden Ansprachen tauschten die Führer der Nationalsozialisten und des Stahlhelms einen Händedruck aus: ein Siegel auf das Bündnis, das soeben geschlossen. Die vieltausendköpfige Menge stimmte begeistert das Deutschlandlied an.“

In der Monatsversammlung des Stahlhelms, dem auch zahlreiche Studenten des Corps Borussia angehörten, bekräftigte Kamerad Gauda am 8. Februar im Drei-Kaiser-Saal an der Kölnstraße noch einmal das Bündnis:

„Der Fackelzug zusammen mit den Nationalsozialisten sei eine Freudenkundgebung über den Zusammenschluss aller nationalen Kräfte in einer Regierung gewesen. […] Sie habe das restlose Vertrauen des Stahlhelms.“

Wenn man den damaligen NS-Größen Glauben schenkt, war ganz Bonn in jenen Tagen begeistert. Fröhliche Menschen, vor Glück weinend, hätten am Straßenrand gestanden und den Nationalsozialisten zugejubelt. Manche seien allerdings skeptisch gewesen, ob Hitler auch erreiche, was er versprochen habe: Brot und Arbeit. Autobahnen, Arbeitsbeschaffung und wirtschaftliche Blüte hätten dann auch diese überzeugt.

Wohl als Antwort auf den Fackelzug vom 31. Januar traten am 1. Februar noch einmal die Kommunisten auf den Plan, diesmal verstärkt:

„Die Bonner Kommunisten veranstalteten gestern Nachmittag wieder eine Straßenkundgebung gegen den neuen Regierungskurs. Etwa 500 Mann und eine Anzahl Frauen marschierten durch die Stadt. Auf dem Münsterplatz wurde eine kurze Ansprache gehalten.“

An dieser (oder der vorherigen) Demonstration hatte auch die Tochter von Prof. Alfred Kantorowicz (SPD) teilgenommen. Ein SPD-Mann erinnert sich noch heute, wie [Thea Kantorowicz] zwischen einer Gruppe Kommunisten und einem Block Sozialdemokraten allein ging, mit einer roten Fahne, an die ein Trauerflor geheftet war. Tags darauf wurden auch die Beueler Nazis aktiv; am Abend veranstalteten auch sie einen Fackelzug: Am Rheinufer vor dem Kriegerdenkmal wurden die Fackeln zusammengeworfen, die Menge sang das Deutschlandlied, dann löste sich der Zug auf. Die Nazis waren sicher noch nicht alle auf Vordermann gebracht: Einige Tage später, am 8. Februar, erscholl dann in der Beethovenhalle aus starken Männerkehlen das „richtige“ Lied, das Horst-Wessel-Lied.

Sogar in dem kleinen Ort Ollheim im Swisttal gab es eine Ortsgruppe der NSDAP. Die Männer von NSDAP und Stahlhelm, die sich dort am 29. Januar im Saal Hansen zu einem „Deutschen Abend“ eingefunden hatten, lauschten einem prominenten Gast:

„Der Festredner, Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe, schilderte die Zustände, die zur Gründung der Bewegung Anlass gaben, und zeigte die Richtlinien, wie das Deutschland der Nachkriegszeit aus dem Chaos hervorgebracht werden könne.“

Tags zuvor hatte Friedrich Christian anlässlich der bevorstehenden Gemeinderatswahlen in Mehlem gesprochen. NSDAP-Kreisleiter Ludwig Rickert lehnte für seine Partei eine Eingemeindung nach Bad Godesberg ab; die Selbstständigkeit der Gemeinden müsse erhalten bleiben. Friedrich Christian „geißelte in scharfen Worten den unseligen Einfluss des internationalen Judentums auf die geistige und wirtschaftliche Entwicklung Europas. […] In Deutschland dürfe es nur noch einen Kampf geben: den Kampf gegen den hinter dem Bolschewismus stehenden internationalen Juden.“

Während die Bonner schliefen, fielen die ersten Schüsse: In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar schossen mehrere Männer auf die Fenster des Hauses Talweg 106; dort sollen, wie sich ehemalige Freunde heute dunkel erinnern, die KPD-Mitglieder Thiel und Kisselbach gewohnt haben. Auch die Bewohner der Baracken am Anfang des Dransdorfer Wegs soll die SA in dieser Zeit mehrmals nachts überfallen haben. Am 2. Februar wurden die Wohnungen von KPD-Funktionären und die Geschäftsstelle in der Brückenstraße von der Polizei durchsucht, jedoch wurde nichts beschlagnahmt. In der Nacht vom 6. auf den 7. Februar wurden in der Friedrichstraße mehrere SA-Männer beschossen, die von einer Veranstaltung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) in der Beethovenhalle nach Hause gingen. Die Polizei nahm kurz darauf drei Männer fest; einer von ihnen hatte eine „Mehrladepistole“, aus der kurz zuvor Schüsse abgefeuert worden seien.

Die Universität, die in dem Altgermanisten Hans Naumann – er hielt im Wintersemester 1932/33 eine zweistündige Vorlesung über das Nibelungenlied – und in den Professoren Lüthgen und Antropoff schon vor dem 30. Januar 1933 fanatische Nazis besaß, blieb vorerst ruhig. Im Rektoratsbericht des Juristen Adolf Zycha für das WS 1932/33 heißt es nur:

„An den feierlichen Veranstaltungen der Stadt Bonn aus Anlass des Sieges der nationalen Bewegung haben sich Abordnungen der Universität unter Führung des Rektors und Prorektors beteiligt.“

Prof. Leut aus Erlangen schloss auf Einladung der „deutschnationalen Studentenschaft an den Bonner Hochschulen“ am 2. Februar eine Informationslücke; er hielt einen Vortrag zum Thema „Was erwartet der junge Akademiker vom Hitlerkabinett?“. Wohl nichts Gutes, denn bei den Wahlen zur „Allgemeinen Studenten-Arbeitsgemeinschaft“ (Astag) am 7. Februar verloren die NS-Studenten fünf Mandate; mit 14 Mandaten waren sie nur noch zweitstärkste Fraktion hinter den katholischen Korporationen mit 15 Mandaten. Im siebenköpfigen Vorstand der Astag waren sie jetzt nur noch durch den stud. agr. Böving vertreten. Astag-Vorsitzender wurde am 16. Februar stud. phil. Foegen vom Bonner Waffenring – allerdings nur für gut zwei Monate, dann wurde er durch cand. phil. Walter Schlevogt, den „Führer der Studentenschaft“, abgelöst.

In dieser Zeit wurden auch schon die ersten Professoren entlassen: Alfred Philippson (Geographie), Wilhelm Levison (Geschichte), Felix Hausdorff und Otto Toeplitz (beide Mathematik). Der Orientalist Paul E. Kahle, der immerhin bis zum WS 1934/35 „Übungen zur wissenschaftlichen Grammatik des Hebräischen“ abhielt, hat in einem wohl 1945 in London erschienenen Privatdruck, Bonn University in Pre-Nazi and Nazi Times (1923–1939), die einzelnen Stadien der Gleichschaltung beschrieben. In seinem Aufsatz Die Gleichschaltung der deutschen Universitäten charakterisiert Karl Dietrich Bracher diesen Moment so:

„Der brutale Zugriff der neuen Machthaber [auf die Universitäten] begegnete der inneren Schwäche, dem Wunschdenken und der Verfügbarkeit der sie tragenden Kräfte, einer weitreichenden Anfälligkeit für die Manipulationskünste und Zwangsdrohungen der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik. Sie ist das Ergebnis eines vielschichtigen Vorganges: Im Verhältnis der äußeren Gleichschaltung, der Selbstgleichschaltung und der Formen von Nicht-Gleichschaltung liegt das eigentliche Problem der ›deutschen Katastrophe‹ von 1933. So muss von Gleichschaltung und Versagen zugleich gesprochen werden.“

Wo waren die Gegner der Nationalsozialisten? Von der KPD war bereits oben die Rede; ihre Anhänger gingen am 30. und 31. Januar auf die Straße. Otto Rose, damals Gewerkschaftssekretär in Bonn, erinnert sich heute, dass in jenen Monaten das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das sich aus Sozialdemokraten und Gewerkschaftern rekrutierte, in der Phoenix-Halle, dem Verkehrslokal der Gewerkschafter in der Kölnstraße, von Offizieren der Bonner Polizeischule trainiert wurde, um im Ernstfall die Republik gegen die Nazis zu schützen. Der Ernstfall war am 30. Januar da – in der Rückschau betrachtet. Aber Hans Böckler, damals Bezirksleiter des Freien Metallarbeiterverbandes, der in dieser Zeit in der Phoenix-Halle sprach und einen Überblick über die Lage gab, meinte auf dem Weg zum Bahnhof zu Paul Niedermair noch, es werde schon nicht so schlimm. Niedermair, damals im Ortsvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), ahnte allerdings schon, was kommen würde. Nach der Machtübernahme tauchte er vorsorglich für 14 Tage unter. Am 1. März wurde auch er verhaftet.

Hans Höfs, ein Geschäftsmann mit einem Betrieb in der Altstadt, wusste – wie mancher mit ihm – schon 1929: „Wenn der Faschismus kommt – siehe Mussolini –, dann ist alles aus, dann gibt es eine schwere Verfolgung.“ Er hat dann bereits vor der Machtübernahme gefährdete Personen, d. h. Antifaschisten, über einen Mittelsmann in der Nähe von Kornelimünster ins Ausland gebracht. Otto Renois, der geistige Kopf des Widerstandes, weigerte sich zu fliehen. Um ihn zu schützen, verbreiteten seine Freunde schon vor dem 30. Januar das Gerücht, er habe sich abgesetzt. In Wirklichkeit saß er bis zu seiner Verhaftung im Hinterzimmer von Hans Höfs. Nur ab und zu traute er sich abends – immer wechselnd verkleidet – kurz nach Hause oder zu seinen Freunden. Bei einer solchen Gelegenheit ist er dann am 4. April gefasst und erschossen worden.

Zu der Behauptung, die Arbeitslosen hätten die Nazis an die Macht gebracht, sagt Paul Niedermair heute:

„Es sind sicher welche zur SA ’rübergegangen; ich meine, ich habe ja selbst welche mit eigenen Augen gesehen. Was die ganzen Umstände waren, das ist den Nazis sicherlich zum Vorteil gewesen: Die Leute waren eben so apathisch. Mit ihrer Erbsensuppe, die auf der Kaiserhalle ausgegeben wurde, hat die SA manchen Arbeitslosen ›gekauft‹. Aber die, die politisches Rückgrat hatten, die gewerkschaftliches Bewusstsein hatten, die haben bestimmt nicht Nazis gewählt. […] Die Nazis spielten im Grunde genommen in den Betrieben gar keine Rolle.“

Von der anderen Seite wird das indirekt bestätigt: Ein SA-Mann, 1933 Sturmbannführer in Bonn, weiß von Arbeitslosen unter seinen Leuten nicht viel, erwähnt jedoch stolz Studenten („auch Theologen“), Ärzte und Professoren, die zum Teil allerdings erst später, „im Boom“, eingetreten seien. Einer von ihnen, der heute noch lebt, Professor F., hat es bis zum Sturmbannführer gebracht: „Alles wirkliche Idealisten.“

Den Idealismus der Nazis bekamen die Antifaschisten bald zu spüren: Am 28. Februar, einige Stunden nach dem Reichstagsbrand, wurden von dem übereifrigen Gestapo-Mann Heinen mehrere NS-Gegner verhaftet und in die Keller unter dem Rathaus, das Frauengefängnis und das Gefängnis des Landgerichts gebracht. Am 1. März folgte die zweite Welle: Frühmorgens wurden weitere, unter ihnen Willi Parsch, aus den Betten geholt und in Bonn ein erstes Mal verhört, bevor es in die Gestapo-Hölle in der Krebsgasse in Köln ging. Aus Angst, unter der Folter die illegale Druckerei in der Firma Mönkemöller zu verraten, erhängte sich der Gärtner dieser Firma, Beck, noch in Bonn in seiner Zelle.

Die politisch Verfolgten berichten nur ungern von dieser Zeit. Wenn Ferdi Kolb, der die zwölf Jahre in Schutzhaft, Arbeitslager und im KZ Sachsenhausen verbrachte, mit seinen Leidensgefährten zusammenkommt, erwähnt keiner diese Jahre: „Nicht wieder in die alten Wunden greifen!“ Viele der wohl vergessenen 84 Bonner, die im Sommer 1936 abgeurteilt wurden, sind – wie Willi Parsch – gesundheitlich ruiniert. Sie wollen vergessen und verbrennen alle Unterlagen und Erinnerungen.

Viele, die man heute fragt, was vor 40 Jahren passiert ist, schütteln den Kopf: „Nein, am 30. Januar war hier nichts los. Das fing erst viel später an.“ Für sie änderte sich auch nicht viel, wenn sie hinter den Gardinen standen und auf die Straße schauten, auf der die Nazis laut singend vorbeizogen; wenn sie nicht hinter der Ladentheke hervorkamen oder von ihren Bürostühlen aufstanden, um mit der KPD, dem Reichsbanner oder der SPD gegen den NS-Terror zu protestieren – solange das noch möglich war. Für die, die abseits standen, änderte sich tatsächlich vorerst nicht viel. Aber wer sich für die Republik engagierte, und nur der, spürte schnell die Gewalt der neuen Machthaber. Unbemerkt von der Mehrheit der Bevölkerung wurden die Antifaschisten verhaftet, erschossen, in den Tod getrieben. Einige Bonner, auch Stahlhelm-Leute, wurden durch die Fotos aufgerüttelt, die [Hans Höfs] heimlich im Keller des Gerichtsmedizinischen Instituts von der Leiche Otto Renois’ machte und illegal verbreitete. Aber es war eben nicht mehr möglich, jeden aufmerksam zu machen: Die Wende war mit dem 30. Januar bereits gekommen.

Nur die Erbsensuppe gab es noch eine Weile.


Der Artikel wurde – leicht gekürzt – am vom General-Anzeiger Bonn (Journal) nachgedruckt.