Die großen Dürren der Jahre 1137 und 1540
Die Trockenheit war 1137 so groß, dass Flüsse austrockneten – man konnte sogar durch den Rhein gehen. Insgesamt sind 14 Berichte von Chronisten aus dem Raum zwischen Südwestfrankreich und dem Niederrhein überliefert (Labbé 2018). Fünf davon werden hier im lateinischen Original und in deutscher Übersetzung vorgestellt – von zwei Zeitzeugen bis zu einem Bonner Gelehrten des 18. Jahrhunderts.
Die Dürre und Hitze des Jahres 1540 war ein klimatisches Extremereignis mit vielfältigen Folgen für Natur und Menschen. Elf Monate lang regnete es in großen Teilen Europas kaum oder gar nicht. Ausgelöst wurde das Ereignis von einem ungewöhnlich stabilen Hochdruckgebiet (Omegalage), das die atlantischen Luftströmungen blockierte und besonders Mitteleuropa beeinflusste. Mehr als 300 zeitgenössische Chroniken aus weiten Teilen Europas beschreiben übereinstimmend die Folgen: ein ausgeprägtes Niederschlagsdefizit, extrem niedrige Pegel großer Flüsse, weiträumige Waldbrände, sinkendes Grundwasser und versiegende Brunnen sowie schwere Schäden für Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischbestände (nach Wikipedia).
1137
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Der älteste Bericht stammt von Robert von Torigni (Robertus de Monte, um 1110–1186), seit 1154 Abt des Klosters Mont-Saint-Michel in der Normandie. In seiner Cronica schreibt er zum Jahr 1137:
Ipso anno tanta siccitas fuit, ut etiam stagna et flumina multa siccarentur, terra in multis locis diutissime arderet, arbores plurimae in silvis et virgultis arescentes morerentur, et arderent nullo incendente.
Im selben Jahr herrschte eine so große Trockenheit, dass sogar Teiche und viele Flüsse austrockneten, die Erde an vielen Orten sehr lange brannte und sehr viele Bäume in Wäldern und Gebüschen verdorrten, abstarben und in Brand gerieten, ohne dass jemand sie angezündet hätte.
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Ein Zeitgenosse Roberts war der Mönch Richard von Poitiers (Richardus Pictaviensis, gest. nach 1174). Auch er verfasste ein Chronicon:
Anno primo regni ejus, qui fuit de Incarnatione Verbi MCXXXVII, fuit tanta siccitas in Gallia, quanta retroactis saeculis in eadem regione unquam visa est aut audita, ita ut fontes et flumina, lacus, putei etiam siccarentur. Visus est etiam ignis biennio cremare sub terram, qui casu aut sponte missus per rimas arentis terrae in imis inciderat, nec frigore vel gelu seu imbribus extingui poterat.
Im ersten Jahr seiner Herrschaft [Ludwigs VII.], dem Jahr 1137 nach der Menschwerdung des Wortes, herrschte in Gallien eine Trockenheit, wie man sie in vergangenen Jahrhunderten in dieser Gegend nie gesehen oder von ihr gehört hatte, sodass Quellen und Flüsse, Seen und sogar Brunnen austrockneten. Man sah auch zwei Jahre lang ein Feuer unter der Erde brennen, das – zufällig oder von selbst entstanden – durch die Risse des ausgedörrten Bodens in die Tiefe gedrungen war und weder durch Kälte noch durch Frost oder Regen gelöscht werden konnte.
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Im späten 15. Jahrhundert schreibt ein unbekannter Geistlicher vom Niederrhein im Chronicon Belgicum magnum – hier taucht erstmals der Rhein auf:
Anno Domini MCXXXVII siccitas tanta fuit in Francia, ut flumina, lacus, fontes et putei siccarentur; et Rhenus siccis pedibus transiretur; ignis quoque, qui per rimas terram subintraverat, nec imbribus, nec frigore, nec alia arte biennio extingui poterat.
Im Jahr des Herrn 1137 herrschte in Frankreich eine so große Trockenheit, dass Flüsse, Seen, Quellen und Brunnen austrockneten und man den Rhein trockenen Fußes durchqueren konnte. Auch ein Feuer, das durch Risse in die Erde eingedrungen war, konnte zwei Jahre lang weder durch Regen noch durch Frost noch durch irgendein anderes Mittel gelöscht werden.
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Andreas von Regensburg (um 1380–1442) widmet dem Ereignis um 1420 drei Verse – allerdings unter dem Jahr 1130:
Annis nongentis ter denis atque ducentis
Christi carnati Renus ardore coactus
Renus siccatur, sicco pede transpeditatur.
Im Jahr neunhundert, dreimal zehn und zweihundert [= 1130]
nach Christi Menschwerdung wird der Rhein, von der Glut bezwungen,
trockengelegt und trockenen Fußes durchquert.
Die Jahreszahl ist im Vers verschlüsselt: 900 + 3 × 10 + 200 = 1130. -
Der kurkölnische Hofrat Johann Philipp Neri Maria Vogel schreibt in den 1760er-Jahren in seiner Chorographia Bonnensis:
A[nno] 1137 ward wegen unerhörter Trockne der Rheinstrohm bey Bonn so klein, daß man durch selbigen zu Fuße übergehen konnte.
1540
Auf wetter.de hieß es am 22. Juli 2022:
Chronisten dokumentierten Katastrophe
Obwohl der Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland erst im Jahr 1881 startete, ist es Wissenschaftlern der Universität Bern trotzdem gelungen, die Wettereignisse des Katastrophenjahres 1540 nachzuvollziehen. Denn auch damals gab es bereits Menschen, die Wetterphänomene und deren Folgen dokumentierten, zum Beispiel Wissenschaftler, aber auch Geistliche. Für das Jahr 1540 liegen über 300 Quellen von Chronisten aus ganz Europa vor. Schon Ende 1539 war es in Italien und Spanien ungewöhnlich warm und trocken, ab Januar regnete es dann auch nördlich der Alpen so gut wie gar nicht mehr – und das für ganze elf Monate!
Mehr Rinnsal als Fluss: Rhein, Seine und Elbe
In Mittel- und Südeuropa nahm die Katastrophe ihren Lauf: Es blieb nicht nur trocken, die Temperaturen lagen auch 5 bis 7 Grad über dem Durchschnitt – ein Teufelskreis. Die Böden trockneten aus, ein weiterer Brandbeschleuniger für Hitze, denn die Verdunstung von Bodenwasser drückt die Temperaturen normalerweise deutlich. Wasser wurde zur absoluten Mangelware, der Grundwasserpegel sank, Brunnen lagen brach, die Ernte blieb aus. Ganze Wälder gingen in Flammen auf. Flüsse wie der Rhein, Seine und Elbe konnten zu Fuß durchquert werden. Bodenrisse waren so groß, dass man die Beine einfach runterbaumeln lassen konnte.
Wein billiger als Wasser
Die Situation nahm im Sommer des Jahres an Dramatik zu: Wegen des Wassermangels musste das Vieh notgeschlachtet werden, Wasser wurde nur rationiert ausgegeben. Wein war billiger als Wasser. Stichwort Wein: Das einzig Gute an der Mega-Dürre war wohl der besonders gute Tropfen, der aus diesem Jahr hervorging (im Bürgerspital in Würzburg lagert noch eine einzige Flasche dieses ältesten Weins der Welt).
Quellen und Literatur
- Andreas von Regensburg: Chronica pontificum et imperatorum Romanorum, in: Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte, Neue Folge, Bd. 1, hrsg. von Georg Leidinger, München 1903.
- Chronicon Belgicum magnum, in: Rerum Germanicarum veteres scriptores VI, hrsg. von Johannes Pistorius, Frankfurt am Main 1607.
- Labbé, Thomas: Europe, 1137 AD: Drought, fires and thirst, in: The Dantean Anomaly Project, 9. August 2018, https://doi.org/10.58079/ngqv (abgerufen am 15. August 2026).
- Richardus Pictaviensis: Chronicon, in: Recueil des historiens des Gaules et de la France, Bd. 12, hrsg. von Léopold Delisle, Paris 1877.
- Robertus de Monte: Cronica, in: MGH Scriptores VI, hrsg. von Georg Heinrich Pertz, Hannover 1844.
- Vogel, Johann Philipp Neri Maria: Chorographia Bonnensis, hrsg. von Norbert Flörken, Bonn 2020.